Künstlersiedlung
Riedelgasse, Griepenkerlgasse, Rußweg, Benkgasse
Bauzeit: 1922-25
Bauträger: Gemeinnützige Kleingarten- und Siedlungsgenossenschaft "Altmannsdorf-Hetzendorf "
Planung: Emil Krause
Geländeform: von S nach W leicht abfallend
Objektanzahl: 24 Atelierhäuser
Typen:verschiedene Typen von Einfamilienhäusern
Gartengröße: 100 m2-400 m2
Gemeinschaftseinrichtungen: Genossenschaftshaus (Karl Schartelmüller), v. a. für Siedlungen Rosenhügel und Hoffingergasse (nicht mehr erhalten), Waschküche (nicht mehr in Betrieb). Heutiger Versammlungssaal im Wohnhaus Rosenhügelstraße 37
Baumaterial: die ersten vier Häuser (Riedelgasse 16-22) aus selbst hergestellten Hohlpreßziegeln, sog. "Pax-Ziegeln" (Schlacke, Schwemmsand, Zement, Wasser), alle anderen Häuser aus gebrannten Ziegeln
Verkehrserschließung: öffentlich: Straßenbahn, Autobus; innerhalb der Anlage: Fuß- und Wirtschaftswege
Typologie: Selbstversorgersiedlung
Erhaltungszustand: gut
Anmerkungen: vereinzelt individuelle Fassadengestaltung
Baugeschichte
Der Gedanke einer "Künstlerkolonie" lebte in Deutschland u. a. in der Zeit des Jugendstiles wieder auf, verwirklicht durch die 1900 in Darmstadt errichtete Siedlung Mathildenhöhe, die auf Initiative des Großherzogs Ernst-Ludwig von Hessen entstand. Die Gesamtkonzeption stammt von Josef Maria Olbrich.
In Österreich schuf Josef Hoffmann für Künstler 1901/02 vier Häuser auf der Hohen Warte im 19. Bezirk und 1912/13 u. a. für Künstler der Wiener Werkstätte die Villenkolonie Kaasgraben, ebenfalls im 19. Bezirk, bei deren Gestaltung Einflüsse aus der englischen Gartenstadtbewegung mitspielten. Das Äußere der acht jeweils paarweise gekoppelten Einfamilienhäuser zeugt von einem "sehr zurückhaltenden, aber doch eindeutig fühlbaren Klassizismus."[1] Sowohl die Häuser auf der Hohen Warte als auch jene der Villenkolonie Kaasgraben haben repräsentativen Charakter, der soziale Aspekt fehlt.
Die Künstlersiedlung im 13. Bezirk wurde von der Gemeinnützigen Kleingarten- und Siedlungsgenossenschaft "Altmannsdorf-Hetzendorf " (sie errichtete auch u. a. die Siedlungen Rosenhügel und Hoffingergasse im 12. Bezirk und Teil II der Siedlung Hermeswiese im 13. Bezirk) in mehreren Etappen in den Jahren 1922-25 auf einem von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellten Baugrund für einkommensschwache, freiberufliche Künstler gebaut.
Die Planung der 24 Häuser wurde Emil Krause übertragen. Er hatte sich bereits bei der 1921-27 errichteten Siedlung Rosenhügel mit dem Entwurf von Einzeltypen befaßt.
Die Siedler wurden von der "Gesellschaft der Freunde" (Quäker) mit einer beachtlichen Spende unterstützt. Der Baukostenbeitrag mußte durch Siedlermitarbeit von 2000 Stunden pro Familie sowie durch Abzahlung eines Kredites geleistet werden. Vier Künstlern, welche unentgeltlich die Fresken im Genossenschaftshaus schufen, erließ man die Pflichtarbeitsstunden.
Die meisten Häuser mußten im Laufe der Zeit trockengelegt werden. Die Siedlung wurde infolge von Kriegsschäden 1948 renoviert.
Baubeschreibung
Der Gesamtplan zeigt zwei parallele Zeilen mit unterschiedlich langen Baublöcken, die in der zweiten Zeile - zwischen Rußweg und Griepenkerlgasse - gestaffelt sind. Die Erschließung der Anlage erfolgt durch Fuß- und Wirtschaftswege.
Die sieben Baublöcke sind mit Ausnahme von zweien symmetrisch gegliedert: Die durchwegs mit Ausnahme des Ateliers unterkellerten zweigeschoßigen Einfamilienhäuser sind zu zweit, zu viert bzw. zu sechst gespiegelt aneinandergereiht.
Das äußere Erscheinungsbild der Siedlung wirkt eher großzügig. Die Fassaden einiger Häuser wurden von den Erstbesitzern mit plastischem Schmuck ausgestaltet (Abb. 631). Die großen, nach Norden gerichteten Atelierfenster im Erdgeschoß setzen einen deutlichen Akzent. Für den gehobenen Wohnkomfort sprechen auch die südseitig orientierten Terrassen bzw. bei einzelnen Häusern angebaute Balkone. Etliche Dachböden sind ausgebaut. Charakteristisch für diese Siedlung sind auch die individuell gestalteten, meist dicht bepflanzten und dadurch Sichtschutz gewährenden Gartenanlagen.
Das Erdgeschoß ist etwas angehoben, sodaß die Abgänge in Vorgarten und Hauptgarten über einige Stufen erfolgen. Durch diese Erhöhung ist es möglich, den Atelierraum durch Absenken auf Erdniveau zweckentsprechend höher als die übrigen Erdgeschoßräume zu dimensionieren. Zusätzliche Höhe gewinnt dieser Raum, indem er in den ersten Stock hineinragt, sodaß in diesem Geschoß ein Niveauunterschied entsteht, der sich auch im Dachboden abzeichnet.
Durch den Hauseingang gelangt man in eine Diele, von der aus bei allen Typen die Treppe in das erste Geschoß führt. In einigen Häusern besteht vom Vorraum aus ein schmaler Korridor zu Küche und WC bzw. zum Ausgang in den Hauptgarten, der sonst direkt von der Diele aus zugänglich ist. Ebenfalls von der Diele aus ist bei allen Hausvarianten über einige Stufen das tiefer gelegene Atelier zu betreten. Der Vorraum ist entweder großzügig dimensioniert und kann auch als Wohnraum benützt werden oder ist sehr klein ausgebildet und dem Wohnraum vorgelagert, bzw. dient nur als Zugang zu allen Bereichen im Parterre.
Im ersten Stock liegen der Aufgang in das Dachgeschoß, drei verschieden große Zimmer, die als Schlaf- bzw. Wohnräume benützt werden können, sowie das Bad, welches von den Bewohnern selbst installiert werden mußte. Manchen Räumen des ersten Stockes ist ein Balkon angegliedert.
Das von Karl Schartelmüller (er wohnte in der Künstlersiedlung) 1923 vor allem für die Siedlungen Rosenhügel und Hoffingergasse errichtete Genossenschaftshaus in der Rosenhügelstraße 37 wurde 1968 durch Brand zerstört. Der durch die Gemeinde Wien subventionierte, beeindruckende Bau war ein beredtes Zeugnis für die Ideologie der Wiener Siedlerbewegung Anfang der zwanziger Jahre: "Ein Genossenschaftshaus ist das Herz und das Hirn einer Siedlung. Rathaus, Erholungsheim, Klub, Theater, Konzerthaus, Volksuniversität zu gleicher Zeit. Hier wächst der leicht zu verengende Sinn des Kleingärtners und Einfamilienhäuslers ins Soziale, Allgemeine, Bedeutsame. (...) Die Ideologie der Siedlung als soziale Kategorie wird hier geboren und strahlt wieder auf das Ganze und seine Teile aus. Hier ist der Sitz der freigewählten Verwaltung, der politischen Kämpfe, der Verbreitung des Wissens, der künstlerischen Erlebnisse, der Feste."[2]
Max Ermers beschreibt das Genossenschaftshaus: "Ein zweistöckiger Mitteltrakt hebt sich aus dem langgestreckten Flachbau, der - warum es verschweigen? - vielleicht ein wenig allzustark an die vornehmen, ländlichen Herrenhäuser der Empirezeit erinnert. (...) Der Mitteltrakt dreifach gegliedert: zwei pilastrierte Seitenteile mit frontwärts abgewalmten Sonderdächern flankieren den rückspringenden Mittelteil, der die Eingänge in sich birgt. Flache, hochfenstrige Parterrebauten setzen den Mitteltrakt zu beiden Seiten fort. Ein kleines Vestibule mit Garderoben führt unmittelbar in den Hauptraum, einen lichten Saal in schönen Proportionen, den eine weiße, geriefte Korbbogentonne überspannt. Ein versenkter Orchesterraum leitet zur Bühne über. Nach Westen zu schließt ein alkoholfreies Restaurant mit großem Kaffeegarten an. Im niedrigen Osttrakt sind Spielzimmer, Lesezimmer und Bücherstube und Magazinräume für die Bühne untergebracht. Auch ein kleiner, provisorischer Konsumladen fehlt nicht. Der Saal selbst, der mehr als 500 Personen faßt, dient sowohl für Versammlungs- und Vortragszwecke, wie auch für Theater- und Konzertaufführungen. Der Oberstock, heute für Wohnzwecke benutzt, wird einst Lehr- und Vereinszwecken kleineren Umfangs dienen."[3]
Der große Saal, in dem auch Ausstellungen stattfanden, war mit einem Freskenzyklus von Franz Lex, Georg Samwald, Franz Riehs und Alexander Nemec geschmückt. Die vier Künstler, die selbst in der Künstlersiedlung wohnten, schufen die reliefierten Fresken im Einklang mit der auch von Max Ermers vertretenen hochgesteckten Auffassung, daß die Kunst "eine Mit-Wegbereiterin (...) der neuen Menschheit sein muß", sie eine "große soziale Kraft ist, die zersplitterten Atome der menschlichen Gesellschaft wieder zur seelischen Einheit zusammenzufügen."[4]
Ecke Riedelgasse/Benkgasse befindet sich ein 1953 von dem ehemals in der Siedlung wohnenden Bildhauer Anton Sinn geschaffenes Relief (Abb. 639). Es stellt verschiedene Künstlerberufe dar.