Siedlung Friedensstadt

Hermesstraße (gegen Lainzer Tor), Großer Ring, Kleiner Ring, Pallenbergstraße, Jenbachgasse, Hörndlwaldgasse, Friedensstadtgasse, Kramer-Glöckner-Straße, Kernhausgasse, Friedenszeile

Bauträger: Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsbeschädigten Österreichs Lainzer Tiergarten ("Friedensstadt")
Planung: Adolf Loos, Margarete Schütte-Lihotzky, Hans Kampffmeyer
Bauzeit: 1921 (Beginn)
Geländeform: von N nach S leicht abfallend
Objektanzahl: genaue Objektanzahl nicht eruierbar
Typen: zweigeschoßiges Reihenhaus, zweigeschoßiges freistehendes Haus, Kernhaus
Gartengröße: wegen der Geländeform und der großen Zahl der Siedler möglichst ökonomische Parzellierung der vorhandenen Fläche. Grundstücksgrößen zwischen 200 m2 und 600 m2, Gartenflächen durchschnittlich 300 m2
Gemeinschaftseinrichtungen: Gastwirtschaft (nicht mehr existent), Siedlerheim gegenüber Einmündung der Jenbachgasse in die Hermesstraße (nicht mehr existent)
Baumaterial: Betonhohlsteine, Ziegelmauerwerk, Holz
Verkehrserschließung: öffentlich: Autobus; in der Anlage: öffentliche Straßen, Anschluß an das Wiener Radwegnetz geplant
Typologie: Selbstversorgersiedlung, teilweise Reihenhaussiedlung
Erhaltungszustand: sehr stark verändert, Parzellenzusammenlegungen, nur geringe Initiative zur Erhaltung der alten Bausubstanz
Anmerkungen: Siedlungsvorhaben nicht zur Gänze realisiert, zum Großteil privatisiert

Baugeschichte

Dieses Siedlungsvorhaben am Lainzer Tiergarten, dessen Verwirklichung 1921 begonnen wurde, gehört zu den zahlreichen Planungen der Zwischenkriegszeit, die nicht oder nicht in vollem Umfang realisiert werden konnten. Die Gründe sind dabei keinesfalls im Arbeitsunwillen der Siedler zu suchen, sondern wurzeln neben dem Fehlen ausreichender finanzieller Mittel in der mangelnden Organisations- bzw. Führungsfähigkeit der Obmänner der jeweiligen Genossenschaften. Streit und Unstimmigkeiten waren an der Tagesordnung, was kurzfristig die Abberufung der Obmänner, langfristig das Scheitern des gesamten Bauvorhabens mit sich brachte.

Das langgestreckte Grundstück an der Hermesstraße wurde erst nach langen Verhandlungen und nach der Legalisierung der ungesetzlichen Grundstücksbesetzungen rechtmäßig der Siedlergenossenschaft "Friedensstadt" übertragen. 1919 waren 600 Ein- und Zweifamilienhäuser sowie 200 Kriegerheimstätten geplant; 1920, nach Zuerkennung der Gründe durch den Kriegsgeschädigtenfonds - vorerst überließ man pachtweise nur 13 Hektar Baufläche, ab 1930 konnten Häuser und Baugründe auch erworben werden -, plante man sogar 2000 Häuser mit je 700 m2 Grund sowie einen gemeinsamen 300 ha großen landwirtschaftlichen Betrieb.

1918 hatte Hans Kampffmeyer in Deutschland seine Schrift "Friedensstadt" veröffentlicht, in der er für ca. 80 000 Einwohner, vor allem heimkehrende Soldaten und ihre Familien, Wohnmöglichkeiten entwarf. Möglicherweise wurden durch diese Schrift österreichische Kriegsteilnehmer und Invalide dazu bewogen, ihn 1920/21 als Berater für das Siedlungsvorhaben nach Wien zu berufen. Tatsächlich wurde er nach seiner Übersiedlung von Karlsruhe nach Wien mit der Leitung des Siedlungsamtes betraut. Die Tätigkeit dieses Amtes verlor jedoch ab 1927 an Bedeutung, da die Gemeinde Wien beschloß, sich mehr dem Massenmiethaus zuzuwenden; 1931 wurde das Siedlungsamt aufgelassen.

In der neu eingerichteten Siedlerschule, in der die Bewohner praktische Anleitungen u. a. im Hausbau, in der Gartenpflege und in der Kleintierzucht erhielten, unterrichtete auch Adolf Loos.

Von ihm stammt der allerdings nur ansatzweise realisierte Bebauungsplan: Die bestehende Hermesstraße sollte in die Planung mit einbezogen werden. Bei den Reihenhauszeilen vermied er durch das Zurückversetzen einzelner Häuser Monotonie. Die höchste Stelle des Geländes sollte durch ein hohes Gebäude mit turmartigem Charakter akzentuiert werden; auch den Teich an der tiefsten Stelle versuchte er als gesellschaftlichen Mittelpunkt zu integrieren. Entsprechende Gebäude waren am Ufer geplant.

"Die Wege meines Verbauungsplanes sind so angeordnet, daß sie alle nach dem Eingang des Tiergartens gerichtet sind. Der unbewußt vom Menschen ausgetretene Pfad ist die beste Straßenführung. (...) Die bestehende Hermesstraße ist rechts und links vom Wald eingefaßt. Die nächste Straße hat einen 20 m breiten Waldstreifen in der Mitte, rechts und links die Häuser. Die nächste Straße besitzt die Häuser nur auf der einen Seite, die andere hat Gärten. Erst die übernächste Straße ist beiderseitig verbaut. Durch diese Anordnung bietet jede Straße ein eigenes Bild und kann daher trotz der gleichen Bautypen nicht verfehlt werden, - was durch Kurvenstraßen nicht erreicht werden könnte."[1]

Gegenüber der Kritik an den langen und schmalen, von Norden nach Süden orientierten Gärten wendet Loos ein: "Es wäre natürlich einfach gewesen, an Stelle der Reihenhäuser gekuppelte Häuser mit doppeltem Abstand zu machen und eine zweite solche Häuserreihe am südlichsten bestehenden Fahrweg anzuordnen, wodurch jeder Garten noch einmal so breit und um die Hälfte kürzer würde. Aber die Folge wäre, daß sämtliche Zuleitungen (Gas, Wasser, Elektrizität) an zwei Häuserzeilen verlegt werden müßten, während beim langen Garten sich die Kosten der Zuleitung um die Hälfte verringern. (...) Es wird dem Verbauungsplan als Fehler angerechnet, daß die Gärten von Norden nach Süden orientiert sind. (...) Aber von ganz besonderer Wichtigkeit ist es, daß alle Fachmänner im Gemüsebau erklären: Die richtige Lage des Gartens ist die von Norden nach Süden (...). Es würde zu weit führen, wenn ich die Prinzipien des modernen Gartenbaues hier erörtern würde, um zu zeigen, warum ein Garten von Norden nach Süden liegen soll (Sonnenbestrahlung) und warum er möglichst langgestreckt sein soll (Windschutz)."[2]

Der von A. Loos eingereichte Bebauungsplan wurde vom Bundes-Wohnungs- und Siedlungsfonds abgelehnt.

Dennoch erfolgte die Grundsteinlegung am 3. und 4. 9. 1921. Dr. Deutsch, Staatssekretär für das Heerwesen, stellte Werkzeug und Material zur Verfügung. Im Dezember 1921 waren drei Objekte fertiggestellt, 22 befanden sich im Rohbau.

1922 wurde die Anlage in das Siedlungsprogramm der Gemeinde Wien aufgenommen. Das Engagement von Adolf Loos für die "Friedensstadt" führte von 1922-24 zu weiteren 36 Wohneinheiten nach seinen Plänen.

Vom Zusammengehörigkeitsgefühl der Siedlungsbewohner Anfang der dreißiger Jahre zeugt der Text eines Zeitungsausschnittes: "Weihnachtsbescherung. Diese erst vor dreiviertel Jahren gegründete Ortsgruppe veranstaltete am Goldenen Sonntag unter Mitwirkung des 'Friedensstädter Gesangsvereines' für die Kinder der Ortsgruppenmitglieder eine Weihnachtsfeier, bei welcher acht Kinder von Kriegskameraden mit Kleidern und Schuhen, sowie fünf arbeitslose Kameraden mit einer Geldaushilfe von je 20 Schilling beteilt wurden."[3]

Im Jahr 1955 wurde im Zuge des Wiederaufbaues die Siedlung an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen. Ebenso erfolgte die infrastrukturelle Erschließung. Die Siedlung ist heute nur noch in Ansätzen am Bauteil längs der Hermesstraße als einheitlich geplant erkennbar.

Baubeschreibung

Die Siedlungshäuser wurden teils freistehend, teils in Form von Reihenhäusern gebaut; von einer einheitlichen Gestaltung kann allerdings nach dem neuen Bebauungsplan von Architekt Kalesa nicht gesprochen werden. Der Lageplan auf der Plangrundlage von 1981 kann nur einen ungefähren Eindruck der Siedlungsstruktur vermitteln. Vor allem nördlich der Hermesstraße erfolgte die Siedlungsentwicklung ohne Bezug zu einer ganzheitlichen Lösung.

Neben den Typen des freistehenden und des Reihenhauses baute man auch nach dem Typus des Kernhauses. Das Konzept dieser Bauweise sah eine individuelle Weitergestaltung des "Kernes" durch die Bewohner vor. Der Name der Kernhausgasse erinnert daran.

Einige der Invaliden wohnten noch jahrelang in behelfsmäßigen Hütten. Zu ihrer Versorgung war eine Gemeinschaftsküche nach Plänen von Adolf Loos errichtet worden. Er selbst entwarf vier Reihenhäuser (Hermesstraße 87-93) mit sechs, sieben, acht und neun Metern Breite, wovon eines mit einer Mustereinrichtung aus weißen Weichholzmöbeln ausgestattet wurde. Nur das Haus Nr. 93 (7-Meter-Typus) besitzt heute noch die von Loos geplante Fassade. Sonderecktypen mit vorspringender Fassade und straßenseitigem Giebel schließen die Zeilenverbauung ab. Die Einreichpläne sind mit Ausnahme der für den 6-Meter-Typus vorhanden. Aus ihnen ist ersichtlich, daß bei dem 7-Meter- und 8-Meter-Typus mit ca. 60-70 m2 Wohnfläche an den Haupteingang ein kleiner Vorraum in der Art eines Windfanges sowie ein schmaler Gang, der das Erdgeschoß in zwei Teile teilte, angeschlossen sind. Links von dem Gang befanden sich zwei Räume, ein Hauswirtschaftsraum und ein Arbeitsraum, von denen einer als Badezimmer ausgebaut werden konnte. Auf der rechten Seite lag eine Wohnküche, von der aus über eine Veranda auf Stützen der Ausgang in den infolge der Hanglage tiefer gelegenen Garten führte. Von der Wohnküche gelangte man aber auch über eine Holztreppe in die Mansarde mit drei verschieden großen Schlafräumen. Nach der Beschreibung durch Elsie Altmann-Loos bildete die Stiege mit einem Mauervorsprung eine kleine Wandnische auf der Seite der Wohnküche; in dieser Nische war der Herd untergebracht. Fortschrittlich war auch die Detailplanung: So wurde der Herd mit einer Dunsthaube ausgestattet, die durch ein Rohr direkt ins Freie entlüftete. Die Möbel waren aus weiß gestrichenem Weichholz.

Elsie Altmann-Loos: "Der Raum war so bezaubernd schön, daß einem das Armsein plötzlich wie ein Privilegium vorkam. Wie immer, wenn ich einen neuen Bau von Loos betrat, wollte ich sofort dort wohnen bleiben."[4]

Bei dem 9-Meter-Typus mit ca. 80 m2 Wohnfläche schloß sich an den Windfang ein Vorraum an, von dem aus die in der linken Hälfte des Erdgeschoßes gelegene Küche mit angeschlossener Spüle sowie ein in der rechten Hälfte gelegener Wohnraum mit eingeschnittener Veranda und Ausgang in den Garten zugänglich waren. Vom Wohnraum führte auch die Stiege mit geradem Lauf in den ersten Stock, in welchem sich vier Schlafräume befanden.

Alle vier Haustypen besaßen teilweise Unterkellerung, in der je nach Art verschieden geordnet Ställe, Werkstätten, Lagerräume und Toiletten untergebracht waren. Die Kellerräume waren infolge des abfallenden Terrains vom Garten aus zugänglich.

Adolf Loos versuchte, die Kosten des Siedlungshauses geringer als die eines Miethauses zu halten. Dies sollte unter anderem durch Änderung der herkömmlichen Stiegen- und Deckenkonstruktionen im Einzelhaus gelingen. Die relativ schmale und steile Stiege erspart Platz und Baukosten. Die Steilheit ermöglicht rasches Überwinden des Niveauunterschiedes, die Schmalheit ist zu tolerieren, da größere Möbel für die im ersten Stock gelegenen Schlafräume ohnedies nicht notwendig sind. Der Möbeltransport erfolgt nötigenfalls durch die Fenster. "Die Zinshausstiege hat die Aufgabe, die Wohnungen möglichst voneinander zu trennen. Die Stiege im Einzelhaus hat die entgegengesetzte Aufgabe, sie hat Wohnräume (Parterre) und Schlafräume (erster Stock) möglichst miteinander zu verbinden. Das wird umso leichter sein, je weniger an Steigungshöhe zu überwinden ist. (...) Es ist bekannt, daß in allen Ländern, die das Familienhaus bevorzugen, die Treppe so schmal ist, daß die Möbel durch das Fenster transportiert werden."[5]

Die Deckenkonstruktion im Einzelhaus benötigt keine Schuttlage, da die Schallisolierung in der Vertikalen nicht so notwendig erscheint wie im Miethaus. Außerdem kann mit dieser Bauweise Wärme erspart werden, da es sich - wieder im Vergleich zum Miethaus - um niedrigere Geschoße handelt. "Aber diese drei Bequemlichkeitsfaktoren - steile Treppe, geringere Stockwerkshöhe und schuttloser Fußboden - sind unsere ganze Ersparnis, die wir beim Siedlungshaus machen können."[6]

Aber nicht alle zukünftigen Bewohner dieser Häuser verstanden die Intentionen und Vorstellungen des Architekten: "Am Vorabend der Eröffnung fuhren Loos, Kulka, Fischer und ich nach Lainz und brachten aus unserer Wohnung alles das hinaus, was ein Haus wohnlich macht: Bücher, Bilder, Aschenschalen, Kochgeschirr, Sofapolster und vieles andere. Wir füllten Blumenvasen mit Blumen und Zweigen und legten japanische Strohmatten auf den weiß gescheuerten Holzboden. (...) Als am nächsten Tag die Leute durch das Haus zu strömen begannen, verwelkte der Zauber nach und nach. (...) Nie wieder im Leben habe ich so viele unsympathische Menschen und so viel Dummheit gefunden. Alle diese Leute, die in jämmerlichen Zinskasernen lebten, waren über das Haus wütend und fanden an allem etwas auszusetzen. (...) Als wir abends absperrten, waren wir sehr müde. (...) Dann bemerkten wir, daß man uns alle Aschenschalen, alle Vasen und Bücher gestohlen hatte. So hatten wir wieder etwas dazugelernt. Loos war wirklich unermüdlich in seiner Güte. Er verzieh den Leuten alles und wollte ihnen nur immer wieder helfen. (...) Er kaufte weiße Angorakaninchen und lies abseits von der Siedlung einen Kaninchenstall bauen. Er lehrte mich, die Tiere zu kämmen und die Wolle zu sammeln, und ich sollte dies dann den Siedlerfrauen beibringen. Wir sprachen öfters mit einigen Mieterinnen; sie sagten ja zu allen Vorschlägen, die Loos machte, aber sobald er ihnen den Rücken zudrehte, deuteten sie mit dem Zeigefinger an die Stirn."[7]

Eine bemerkenswerte Lösung einer Bauaufgabe im Zusammenhang mit der Siedlung Friedensstadt ist in der Hermesstraße 77 zu bemerken.

Hermesstraße 77

Baubeschreibung

An der Stelle eines 1936 errichteten Hauses, das später als Fleischhauerei und Selcherei genutzt wurde und sich Anfang der achziger Jahre in einem desolaten, abbruchreifen Zustand befand, kam es 1982 nach Plänen von Martin Treberspurg zu einem Neubau.

Eine wesentliche Voraussetzung für Auftraggeber und Architekt war die harmonische Einfügung des Gebäudes in die in Ansätzen noch originale Zeile der Siedlung. Weitere Vorgaben waren: Wohnen zur Sonne nach Süden, zum Garten gerichtete Hobbyräume und integrierte Garage.

Die äußere Form des Gebäudes an der Straßenseite ergab sich aus dem Maßstab der bestehenden Giebelhäuser, welche ursprünglich auf beiden Seiten jedes Seitenweges der Anlage konzipiert wurden. "Ein 'Giebelhaus mit Loos-Proportionen' und ein verbleibender Rest Reihenhaus, der an das Nachbarhaus (...) mit gleicher Traufenhöhe angepaßt wurde."[8]

Die Südseite – an ihr liegen der ausgedehnte Wohnraum und die Kinderzimmer – ist durch die großen zwei- und dreiteiligen Balkontüren mit Wärmeschutzglas sehr transparent gehalten. Im Winterhalbjahr wird mehr Sonnenwärme gewonnen als in den Winternächten und an trüben Tagen verloren wird. Der Energieverbrauch für Heizen ist gering.

[1] Loos, Adolf: An den Bundes-Wohnungs- und Siedlungsfonds! Privatdruck. Wien: 22. 7. 1921. Aus: Rukschcio/Schachel: Adolf Loos. S. 535.
[2] Ebda. S. 534f.
[3] Reichspost. 15. 2. 1931
[4] Altmann-Loos: Adolf Loos, der Mensch. S. 105.
[5] Loos: An den Bundes-Wohnungs- und Siedlungsfonds! Privatdruck. Wien: 22. 7. 1921. Aus: Rukschcio/Schachel: Adolf Loos. S. 538.
[6] Ebda. S. 539.
[7] Altmann-Loos: Adolf Loos, der Mensch. S. 105f.
[8] Martin Treberspurg in einem Brief an den Verfasser (Juni 1998).

Quellen:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

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im September 2026