Ostmarksiedlung
Fasangartengasse, Melchartgasse, Stuweckengasse, Opitzgasse, Wattmanngasse, Würzburggasse
Adresse: Fasangartengasse, Melchartgasse, Stuweckengasse, Opitzgasse, Wattmanngasse, Würzburggasse
Bauzeit: 1913-15, 1921/22
Bauträger: Gemeinnützige Familienhäuser-Bau- und Wohnungs-Genossenschaft "Ostmark" in Wien
Planung: Heinrich Schmid, Hermann Aichinger
Geländeform: nach S abfallend
Objektanzahl: 1913-15: 72, 1921/22: 11
Typen: freistehende Einfamilienhäuser, gekuppelte Reihenhäuser
Gartengröße: ca. 200 m2 - 500 m2
Gemeinschaftseinrichtungen: Kulturelles und gesellschaftliches Zentrum war geplant. In Rondeau Milchgeschäft (nicht mehr existent), Lebensmittelgeschäfte und Trafik in der Fasangartengasse (nicht mehr existent)
Baumaterial: Ziegel, Ziegeldächer, zum Teil Holzverschalungen an den Außenwänden
Verkehrserschließung: öffentlich: Straßenbahn, Autobus; in der Anlage: öffentliche Straßen
Typologie: Gartenstadtsiedlung
Erhaltungszustand; teilweise stark verändert; einzelne Objekte in Annäherung an den Originalzustand renoviert
Anmerkungen: Privatbesitz
Baugeschichte
Die kurz vor dem Ersten Weltkrieg begonnene Siedlung auf den sog. "Wambacherschen Gründen" wurde von der Gemeinnützigen Wohnungs-Baugenossenschaft "Ostmark" als ihre erste derartige Anlage errichtet. Weitere "Cottage-Anlagen" waren auf dem Küniglbergplateau und in Pötzleinsdorf geplant, kamen aber nicht zur Ausführung. Die Gesellschaft "bezweckt die Erwerbung billiger, gesunder, zeitgemäß ausgestatteter Eigenhäuser."[1] 10% der voraussichtlichen Gestehungskosten mußten bar erlegt werden, die restlichen 90% beschaffte die Genossenschaft unter Bürgschaft des Staates zum üblichen Sparkassenzinsfuß. Die Baukostenberechnung erfolgte nach Offerten der Baumeister Georg Roth und Rudolf Hauk.
Der Entwurf des Situationsplanes und der einzelnen Haustypen stammt von den Otto Wagner-Schülern Heinrich Schmid und Hermann Aichinger.
Auf dem leicht nach Süden abfallenden Gelände (Höhenunterschied 15 Meter) unterhalb einer Lehmgrube entstand diese Anlage von teilweise oder ganz unterkellerten Einfamilienhäusern (vier Typen), die zum größten Teil zu Reihenhausgruppen zusammengefaßt wurden, wodurch sich ausgedehntere zusammenhängende Grünflächen ergaben. In den Vorgärten pflanzte man u. a. Buchssträucher und Flieder, in den größeren Gärten neben Obstbäumen verschiedene andere Baumarten, darunter auch Eichen. Man verstand den Garten eher als Zierde denn als Nutzobjekt. Die wenigen freistehenden Häuser haben durchaus Villencharakter. Die Größe der Parzellen variiert zwischen 230 m2 und 650 m2.
Auf einem runden Platz im Zentrum der Anlage sollte ein Zierbrunnen stehen; gegen Süden war eine breite, monumentale Treppe als direkter Abgang zur Fasangartengasse geplant. An diesem Platz sollten auch Gemeinschaftseinrichtungen liegen, wie das gesellschaftliche und kulturelle Zentrum und verschiedene Geschäfte. Infolge des Kriegsausbruches wurden diese Pläne nur zum Teil verwirklicht; man errichtete an diesem Platz lediglich ein Milchgeschäft, das heute nicht mehr existiert. 1915 konnten die Bauarbeiten abgeschlossen werden.
Alle Häuser waren von Anfang an mit dem öffentlichen Gas- und Stromnetz verbunden. Die Gasstraßenbeleuchtung bestand noch bis in die Mitte der fünfziger Jahre.
1921/22 erfolgten - ebenfalls durch die Gemeinnützige Wohnungs-Baugenossenschaft "Ostmark" - die Planung und der Baubeginn der Reihenhäuser in der Wattmanngasse. Die Fundamentbesichtigung am 11. 7. 1921 wurde noch unter Leitung der "Ostmark"-Baugesellschaft durchgeführt; das weitere Baugeschehen unterstand allerdings der "Gamhost" Kleinwohnungs-Baugesellschaft m.b.H., welche das Areal 1923 von der "Ostmark"-Baugesellschaft kaufte.
Stadtbaumeister Josef Weidisch, der ursprünglich für die "Ostmark"-Baugesellschaft gearbeitet hatte, plante die ergänzende Reihenhausanlage und war auch später als Geschäftsführer der "Gamhost"-Baugesellschaft tätig. Die Benützungsbewilligung erfolgte am 2. 11. 1926; allerdings dürften einzelne Häuser (z. B. das Haus Wattmanngasse 102[2]) schon 1922 bewohnt worden sein. Man war bemüht, diese Reihenhäuser stilistisch der schon bestehenden Anlage anzugleichen.
Baubeschreibung
Das äußere Erscheinungsbild der Siedlung, vor allem der Teil aus den Jahren 1913-l5 - mit Anklängen an englische Gartenstädte -, vermittelt einen Eindruck von Behaglichkeit und zeugt von einem gewissen romantischen Einfluß. Die ursprüngliche Gestaltung, an einzelnen Beispielen noch relativ gut erkennbar, ist von der Liebe zum immer wieder variierten Detail, und zu einer dekorativen, dem Jugendstil nahestehenden Formensprache geprägt. Dies zeigt sich an den überdachten Eingängen, den durch weiße Sprossen reich gegliederten Fenstern mit Läden, an den Veranden und den Dachformen, aber auch an der Farbgebung der vor allem bei den Dachausbauten verwendeten Wandverkleidungen aus Holz. Die Bezeichnung "Papageiendörfl", die in der Umgangssprache für diese Siedlung aufkam, verweist auf die ursprünglich bunte Bemalung der Holzverkleidungen und Holzgesimse, die zum Weiß der Mauern kontrastierte.
Die vier Haustypen bestehen aus zwei- und dreigeschoßigen Reihen- oder Doppelwohnhäusern mit ca. 70 m2 bzw. 85 m2 verbauter Fläche, aus einem kleinen zweigeschoßigen Reihenhaus mit 67 m2 verbauter Fläche und aus einem freistehenden, ebenfalls zweigeschoßigen Einfamilienhaus mit ca. 110 m2 verbauter Fläche, z. B. in der Wattmanngasse 99. Ansätze für eine städtebauliche Gestaltung zeigen die beiden jeweils gekuppelten, an der platzförmigen Erweiterung der Melchartgasse bzw. Opitzgasse schräg angeordneten Häuser. Sie bilden – von der Fasangartengasse kommend – eine Art Entrée in die Siedlung. Ursprünglich waren vier Häuser dieses Typus als Umgrenzung des Platzes geplant. Von ihm aus sollte die bereits erwähnte Treppenanlage zur Fasangartengasse ausgehen.
Bei allen Typen fällt die relativ großzügig bemessene Treppe in den ersten Stock auf, ein Relikt aus der Villenarchitektur des späten 19. Jahrhunderts. Eine ältere, im Villenbau übliche Einrichtung, nämlich die Küche im Keller und ein Speisenaufzug in das im Parterre gelegene Eßzimmer, war nur im Haus Stuweckengasse 19 vorgesehen. Es mag dies auf einen speziellen Wunsch der ersten Bewohner zurückzuführen sein, zumal die Innenstruktur der Häuser von den Besitzern mitgestaltet werden konnte.
Die Gartenseite weist bei allen Haustypen durch Fenster stärker aufgelöste Wände auf. In manchen Fällen ist eine Loggia oder eine Terrasse das Bindeglied zum Garten. Alle Häuser sind mit Bad und WC ausgestattet.
In den Grundrissen ist der Versuch einer repräsentativen Lösung spürbar, die mit Ausnahme des freistehenden Typus nur ansatzweise realisiert werden konnte, dies schon wegen der relativ begrenzten Flächen der Wohnräume (knapp über 20 m2). In allen Häusern, mit Ausnahme des sog. "kleinen Reihenhauses", war ursprünglich ein Raum für Dienstboten vorgesehen.