Villa Bergauer

Wattmanngasse 47

Josef Mochal & Prokop, 1894/95

Baugeschichte

1894/95 ließ der Realitätenbesitzer Franz Bergauer auf einem ehemals als Weide verwendeten Grundstück nach Plänen der Architektengemeinschaft Josef Mochal & Prokop eine zweigeschoßige Villa errichten. 1906 erwarben Karoline und Eugen Krauspe den Besitz; im selben Jahr baute für sie Baumeister Johann Hanka den Dachboden aus. Ab 1942 war Karoline Krauspe alleinige Besitzerin. Unter dem Namen Lotte Medelsky[1] als Burgschauspielerin weit über die Grenzen Österreichs bekannt, bewohnte sie bis zu ihrem Tod 1960 die Villa.

Das Haus ist ein seltenes Beispiel für eine Baugeschichte ohne gravierende Änderungen, sodaß der h. Zustand immer noch der originalen Struktur entspricht. Der Bau wurde allerdings jahrelang vernachlässigt, und nur seine gute Grundsubstanz verhinderte irreparable Schäden.

1995 ließ der gegenwärtige Besitzer durch Christoph Wurzer eine Sanierung und Renovierung vornehmen, wobei man großen Wert auf die Wahrung des Originalzustandes der Villa legte. Die Verkleidung des Natursteinsockels wurde an der Straßenseite entfernt, sodaß die feinen Farbabstufungen in den verschiedenen Steinen wieder sichtbar werden konnten. Lediglich die Farbe der Holzveranda an der Gartenseite wurde von Schwarzbraun auf Weiß verändert; die Bodenfliesenfarbe im Eingangsbereich war eine Anregung für die blaue Färbung der Metallteile am Außenbau. Das grob wirkende und nicht mehr originale Balkongeländer an der Gartenseite wurde durch ein feingliedriges Metallgitter aus ersetzt.

Baubeschreibung

Für das äußere Erscheinungsbild der Villa ist ihre malerische Silhouette, zu der die weit vorspringenden und in einem Knick gegen die Traufe zu relativ schwach geneigten Dachflächen sowie der Treppenturm wesentlich beitragen, von Bedeutung. Die Unregelmäßigkeit des Grundrisses und die daraus resultierenden Vor- und Rücksprünge der einzelnen Baukörper verstärken diesen Eindruck. Die Grundkonzeption der Außenform wie auch diverse Details (Form der Schornsteine, Laubsägeornamente an der Veranda, Wetterfahne mit Baujahr, Dachgaubengestaltung) entsprechen dem Heimatstil, manche Einzelheiten, wie z. B. die Dachrinnendekoration, verweisen auf den Secessionismus.

Der Natursteinsockel ist etwas abgeschrägt und verleiht dadurch dem auf relativ steilem Hang stehenden Bau Stabilität. Die Fassade des Erdgeschoßes wie auch der Bereich an den Kanten der Baukörper - mit Ausnahme jenes an der oberen Turmfassade - sind gebändert ausgebildet, der erste Stock ist glatt verputzt. Die Turmfenster und auch jene des ersten Stockes sind auf vielfältige Weise umrahmt. Zwischen Parterre und erstem Stock liegt ein mehrfach profiliertes Kordongesims.

Der über einige Stufen erreichbare Eingang an der Straßenseite führt in einen relativ schmalen Vorraum im Parterre (Abb. 125), von dem die gewendelte Treppe, die Küche mit anschließendem Dienerzimmer und der Salon mit Erker zugänglich sind. In einer Ecke des Salons steht ein um 1880 gebauter, figural dekorierter Kachelofen. Vom Salon gelangt man in das mit der Küche durch eine Durchreiche verbundene Speisezimmer, das einen Ausgang in die Holzveranda hat; von ihr führen einige gemauerte Stufen in den Garten.

Der Grundriß des ersten Stockes ist bis auf die Flächenverminderung um das im Erdgeschoß befindliche Dienerzimmer mit dem Erdgeschoß ident. Dies erleichterte auch die lange Zeit existierende Unterteilung des Hauses in mehrere Wohnungen. Über Veranda und Erker befinden sich Balkone. Der Turm weist auf der Ebene des Dachgeschoßes ein Aussichtszimmer auf, das zurecht so bezeichnet werden kann. Die Lage des Hauses am Ende der steilen Wattmanngasse erlaubt einen weiten Blick über das Wiental und die Stadt.

Im Inneren der Villa befinden sich einige Details von hoher handwerklicher Qualität, wie z. B. Glastüren und -fenster mit Malereien allegorischer, figuraler Thematik, eine Sitzbank mit Löwenmotiven, eine Sitzecke aus weiß lackiertem Holz oder die zartgemusterten Bodenfliesen im Eingangsbereich.

Das Gebäude ist keine Repräsentationsvilla, es will nichts vortäuschen, sondern überzeugt innen und außen durch ausgeglichene Maßverhältnisse und durch gute, gediegene Qualität.

[1] Lotte Medelsky (1880-1960) - eigentlich Karoline Krauspe - wurde 1896 an das Wiener Burgtheater berufen und spielte unzählige Rollen der Weltliteratur. Trotz ihrer Berühmtheit und trotz der Wertschätzung - u. a. auch durch Max Reinhardt - blieb sie bescheiden und ohne Starallüren.

Quellen:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Übertragen von hojos
im September 2026