Villa Blaimschein
Lainzer Straße 28 / Wenzgasse 2
Wilhelm Stiassny, 1875
Baugeschichte
Der Grund, auf dem die Villa errichtet wurde, gehörte Ende des 18. Jahrhunderts zum sog. "Großen Herrschaftshaus", das im Zusammenhang mit der Faistenmühle (-> Faistenmühle, Bd. I, S. 130ff) zu sehen ist; er grenzte an das zwischen 1867 und 1882 bestehende Areal des Vergnügungsetablissements "Neue Welt" (-> "Neue Welt", Bd. I, S. 178f). Es ist erstaunlich, daß in unmittelbarer Nähe dieses regen gesellschaftlichen Lebens und Treibens der Bau der Villa geplant und ausgeführt wurde. Stadtbaumeister Josef Wenz errichtete sie nach Plänen von Wilhelm Stiassny für den Kaufmann Leon Mandl (Mandel). 1900 erwarb das Gebäude der Margarinefabrikant Carl Blaimschein, der im selben Jahr einen Wintergarten errichten ließ. 1927 wurde das Dachgeschoß ausgebaut, ein Jahr später fügte man an der Ostseite eine Terrasse an. 1938 mußte Blaimschein Österreich verlassen. In der Folge kam es zu weiteren Adaptierungen, die jedoch nur geringfügige Eingriffe in die Bausubstanz darstellten. Die Nachkommen Blaimscheins besaßen die Villa bis 1958; seit dieser Zeit ist sie Eigentum der Republik Iran.
Für die jüngere österreichische Geschichte ist das Gebäude von Bedeutung, da hier Karl Renner vom 21. bis 27. 4. 1945 mit Vertretern der Sozialistischen Partei (Adolf Schärf, Theodor Körner, Josef Mentasti), der Österreichischen Volkspartei (Leopold Kunschak, Josef Kollmann) und der Kommunistischen Partei (Johann Koplenig, Ernst Fischer) Verhandlungen zur Bildung einer provisorischen österreichischen Staatsregierung führte. Am 27. 4. 1945 trat die provisorische Regierung mit einer Proklamation, einer Unabhängigkeitserklärung und einer Regierungserklärung vor die Öffentlichkeit. Am selben Tag stellte Karl Renner als Staatskanzler dem russischen Oberkommandierenden die Mitglieder des Kabinetts vor.
Baubeschreibung
Der zweigeschoßige, streng symmetrische Bau wird durch die Durchdringung des in West-Ost-Richtung gelegenen Traktes von einem mittig gesetzten, vorspringenden Quertrakt bestimmt. Dies verleiht der Villa den Charakter eines Zentralbaues und läßt an Motive Palladios denken. Die Formensprache der Fassaden zeigt im Sinne des Historismus vor allem Elemente der griechischen Antike.
Der an der Lainzer Straße gelegene, die Fassade bestimmende, zweiarmige Treppenaufgang in das Hochparterre ist von einem Balkon überdacht, der von sechs jonischen Säulen getragen wird (Abb. 54). Die Durchformung der Balustraden ist am Treppenaufgang und am Balkon in gleicher Weise ausgeführt. Im Hochparterre sind die Gebäudeecken gebändert ausgebildet; zwischen den Fenstern liegen kannelierte, korinthische Pilaster. Der erste Stock ist glatt verputzt, die Fenster mit gerader Verdachung sind hier ebenfalls von korinthischen Pilastern flankiert. Das Konsolgesims des Daches ist durch eine Zahnschnittleiste geschmückt.
Die Fassade an der Wenzgasse (Abb. 53) ist im Tiefparterre glatt, im Hochparterre gebändert und im ersten Stock wieder glatt ausgebildet. Zwischen Hochparterre und erstem Stock läuft ein Gesims mit Zahnschnittleiste. Der im ersten Stock dreiachsige, vorspringende Mittelteil wird im Parterre durch den Eingang akzentuiert; über dem Portal befindet sich eine, von einem Rechteck umrahmte, halbkreisförmige Lünette. Die Glasüberdachung wird von einem Rankenwerk aus Schmiedeeisen gestützt. Im Hochparterre sind die Fenster in der Art einer frühbarocken Ohrenrahmung gerade überdacht, im ersten Stock ist diese Umrahmung aufwendiger gestaltet. Am Gebäudevorsprung befinden sich in diesem Geschoß zwischen den Fenstern wiederum kannelierte Pilaster mit korinthischen Kapitellen. Drei Fenster sind mit ornamentierten Glasscheiben ausgestattet.
Das vom Außenbau dominierte Gebäudeinnere wird an der Westseite durch den aufwendig gestalteten Stiegenaufgang mit gerader, gegenläufiger Treppe bestimmt. Die in der Villenarchitektur dieser Zeit häufige Verbindung des Aufganges mit einer ausgedehnten Halle fehlt bei dieser Konzeption - an die Treppe schließen in beiden Wohngeschoßen lediglich Vorzimmer.
Im Hochparterre lagen ursprünglich die repräsentativen Räume mit über Terrassen geführten Ausgängen in den Garten, im ersten Stock waren neben einer zweiten Küche und einem Dienstbotenraum das Bad, ein großer Wohnraum sowie Schlafräume untergebracht.
Ein separater Aufgang führte vom natürlich belichteten Tiefparterre, in dem eine ausgedehnte Küche lag, in den ersten Stock. Im Souterrain waren auch der Stall für die vier Pferde und die Wagenremise eingerichtet.
Im Garten befand sich ehemals eine Kegelbahn.