Villa Hügel
Auhofstraße 15, Hietzinger Hauptstraße 40
Johann Julius Romano von Ringe um 1840, abgetragen 1912
Baugeschichte
1824 ließ sich der Naturforscher und Reiseschriftsteller Karl Alexander Anselm Freiherr von Hügel[1] (geb. in Regensburg 1796, gest. in Brüssel 1870) in Wien nieder. Hier erwarb er als kaiserlicher Offizier ein Grundstück zwischen der h. Braunschweiggasse und der h. Fleschgasse. Seine Forschungsreisen führten ihn u. a. nach Vorderindien, in den Himalaya, nach Kaschmir und nach Australien. Seine mitgebrachten Pflanzen, die er in dem Hietzinger Garten setzte, wurden zur Attraktion. Hügel war erster Präsident der k. k. Gartenbaugesellschaft.
Ein ausgedehntes, parkartiges Gelände ist bereits in dem Katasterplan von 1819 eingezeichnet - es wurde damals von dem zur Faistenmühle (-> Faistenmühle, Bd. I, S. 130ff) führenden Mühlbach im Westen, von der Auhofstraße im Norden und von der h. Hietzinger Hauptstraße im Süden begrenzt. In dem Areal befand sich zu dieser Zeit bereits eine aus zwei Teilen bestehende bauliche Anlage an der Stelle der späteren Villa Hügel. Die beiden Gebäude, die um 1800 errichtet wurden, hatten L-förmige Grundrisse und bildeten gegen die Auhofstraße einen offenen Hof. Es ist möglich, daß Hügel diesen bereits bestehenden Bau zumindest teilweise in seinen um 1840 erfolgten Neubau integrierte - die Grundrißform dieses von Johann Julius Romano geplanten Neubaues zeigt jedenfalls in Ansätzen die alte Form.
1854 erwarb August Ludwig Wilhelm Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel die Villa. Während seines Besitzes wurde sie 1866 dem entthronten König Georg V. von Hannover (1819-78) als Wohnsitz überlassen. Nach dem Tod des Herzogs ging der Besitz 1885 an Ernst August Herzog von Cumberland und Braunschweig-Lüneburg (bis 1866 Kronprinz von Hannover). Dieser verkaufte im selben Jahr an Dr. Adolf Ehrenfeld und übersiedelte in das von Nicolas Jadot gebaute Penzinger Palais Cumberland, das ursprünglich für Karl von Lothringen errichtet worden war.
1872 erfolgte der Abbruch von hölzernen und gemauerten Schuppen, die gegen die Auhofstraße an eines der zur Villa gehörenden Glashäuser angebaut waren. An ihrer Stelle hat Baumeister Josef Kopf einen Trakt mit sieben Zimmern, einer Waschküche, einem Holzlager und drei Heizungsanlagen für die Glashäuser angebaut. An Stelle dieses Bauteiles steht heute das Nebengebäude der Villa Wustl.
Dr. Adolf Ehrenfeld ließ 1893 in dem von der Auhofstraße gesehen links gelegenen Seitentrakt das eingebaute Wasserreservoir anheben. Diesen 13 m hohen Turmbau errichtete ebenfalls Stadtbaumeister Josef Kopf; er plante und baute auch das noch erhaltene Haus Auhofstraße 18, welches heute als ''Braunschweigschlössl" (-> Villa Braunschweig) bezeichnet wird und das man als Dependance der Villa Hügel zur Zeit des Besitzes durch den Herzog von Braunschweig benötigte.
Die Villa Hügel wurde 1912 abgetragen. An ihrer Stelle errichtete Robert Oerley 1912-14 für den Industriellen Richard Wustl ein repräsentatives Einfamilienhaus (-> Villa Wustl).
Baubeschreibung
Die eingeschoßige Villa war großzügig zum Garten hin geöffnet. Der langgezogene Haupttrakt lag etwas von der Auhofstraße abgesetzt und war mit dieser durch zwei senkrecht angesetzte Seitentrakte verbunden. Beide Seitentrakte hatten direkt an der Straße liegende Fortsätze, die später zu einem Baukörper verbunden wurden. Dadurch entstand ein geschlossener Innenhof (Abb. 24).
Der Haupttrakt wies neun Fensterachsen auf und war mit einem hochgezogenen Walmdach gedeckt (Abb. 25). An ihn schlossen später links und bereits 1846 rechts zurückversetzte Seitentrakte an. Dem linken war eine dreiachsige, großzügig verglaste Veranda vorgesetzt, sodaß er mit dem Mitteltrakt plan abschloß. An der rechten Seite wurde diese zweite Haut noch offener gestaltet: Sie bestand aus einer Holzarkade, hinter der die Fenster des Seitentraktes sichtbar waren. Die Bögen der Arkade waren bis auf einen, der als Zugang diente, im unteren Bereich durch ein Holzgitter geschlossen.
Im Mitteltrakt reichten die großformatigen Fenster bis zum Fußboden. Der Ausgang in den Garten erhielt von Beginn an durch eine vorgesetzte, dreiachsige, offene Veranda eine entsprechende Betonung. Ihr Dach war durch an der Traufe angebrachte Palmblätter in Anlehnung an antike Tempeldetails geschmückt. Diese Veranda und die Wände zwischen den Fenstern waren mit Efeu bewachsen. Auch die Nordseite dieses Traktes war durch eine vorgesetzte, zur Gänze verglaste Veranda in der Art eines Wintergartens sehr transparent gehalten.
Der mehrmals erweiterte Bau hatte ab 1859 in großen Zügen jene Gestalt, die bis zu seinem Abbruch 1912 erhalten blieb.
Die detaillierte Grundrißsituation ist nicht mehr nachvollziehbar. Es bestand jedenfalls eine Reihe von Salons, deren aufwendige und handwerklich auf hohem Niveau stehende Ausstattung im Stile verschiedener nah- und fernöstlicher Länder gehalten war. Beispiele hiefür sind der japanische und türkische Salon (Abb. 26). Zwei der kostbaren, zum Teil mit in Gold gehaltener Glasmalerei versehenen Türen (Abb. 27) des japanischen Raumes sind erhalten und im Souterrain der Villa Wustl eingebaut. Auch eine bemalte Tafel, die im japanischen Salon an der Schräge zwischen Wand und Decke angebracht war, ist noch vorhanden. Diese Ausstattung wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst von August Ludwig Wilhelm Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel in Auftrag gegeben. Der Architekt war wiederum Johann Julius Romano. In einem l859 erschienenen Bericht wird der Bau erwähnt: "(...) Villa des Herzogs von Braunschweig bemerkenswert[er], früher dem berühmten Reisenden und Hortologen Baron Hügel gehörig, in der jetzigen prachtvollen Einrichtung und Gestaltung durch den Architekten Romano neu hergestellt."[2]
Um die Villa Hügel, die durch ihre Öffnung zu der sie umgebenden Natur charakterisiert war, wurden zeitgleich mit ihrer Errichtung mehrere Glashäuser aufgestellt. Ein um 1855 in einer Eisen-Glaskonstruktion gebautes ersetzte ein an dieser Stelle befindliches älteres, ebenfalls dreiteiliges Glashaus und wurde 1912-14 in die Villa Wustl integriert. Heute besteht nur mehr der direkt an diese Villa grenzende linke Seitentrakt; die beiden anderen Trakte wurden 1956 abgebrochen. Das Glashaus entstand mit großer Wahrscheinlichkeit erst während des Besitzes durch den Herzog von Braunschweig. Der in klassizistischem Stil gehaltene, gerade abgeschlossene, erhöhte Mittelteil wies einen unter dem Dachgesims verlaufenden Fries, stehende Figuren darstellend, auf. In einem zeitgenössischen Bericht wird der Bau beschrieben: "Die ganze Länge desselben beträgt sechzig Meter und ist in drei Abteilungen geteilt, von denen die mittlere aus einem Blumensalon mit aufrechten Fenstern und flachgedecktem Dache, und die zu beiden Seiten befindlichen aus halbbogenförmigen Glasgewölben für Kalt- und Warmhauspflanzen bestehen, welche sämtlich rückwärts an eine starke Mauer sich anlehnen. Der innere Raum ist 75 cm in den Boden vertieft. Die Mitte dieses Salons nimmt ein Marmorbassin ein, welches die herabfallenden Strahlen einer Fontaine aufnimmt. Die Glasgewölbe bestehen aus 5 mm dicken Scheiben, um dem Hagel besser Widerstand zu leisten. Zum Lüften sind sowohl in der Vorderfront, als auch in der Rückwand Fenster angebracht, mittelst welchen die Temperatur in beliebigem Grade reguliert werden kann. Die Mauer, welche die Rückwand bildet, ist so eingerichtet, um bequem darauf gehen und von dort aus die nötigen Verrichtungen, Beschatten, Verdecken vornehmen zu können. Die Heizung besteht aus Kanälen, welche so in den Boden vertieft sind, daß ihre mit Eisenplatten bedeckte Oberfläche mit dem Fußboden eben liegt. Gefeuert wird mit Koks, welcher bei dem sehr gut ziehenden Feuerherd jedwede beliebige Temperatur gewährt."[3]
[1] Das Denkmal des Freiherrn von Hügel in dem nach ihm benannten Park schuf Johannes Bentz.
[2] Album der Westbahn von Wien bis Linz. S. 10.
[3] Johannsen, Otto: Geschichte des Eisens. S. 130ff.