Villa "XAIPE"
Schönbrunner Straße 309
1793
Baugeschichte
In unmittelbarer Nähe der 1793 gebauten Villa befand sich bis 1756 die dorthin versetzte "Kattermühle" (später "Steyrermühle" -> Bd. I, S. 135ff.). Sie war ursprünglich Teil eines Kleinadelssitzes und wurde, als Kaiser Maximilian II. diesen zu einem Jagdschloß ausbauen ließ, abgetragen und knapp außerhalb des kaiserlichen Tiergartens in verkleinerter Form wiedererrichtet. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts floß der vom Wienfluß abgeleitete Mühlbach nur mehr spärlich, da sein Wasser diverse Bassins des Schloßgartens speiste.
Nach dem Abbruch der Mühle 1756 errichtete man an ihrer Stelle die Wassermaschine des Schlosses, die von Pferden oder Ochsen betrieben wurde. (Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei diesem Wasserwerk um ein von Jean Brequin bereits um 1750 entwickeltes Modell, dessen Plan sich in der Albertina befindet. Die Maschine sollte in 24 Stunden ca. 540 m3 Wasser über 40 m hoch heben.) Sie ist im 1819 erstellten Franziszeischen Kataster unmittelbar neben der Villa eingezeichnet. Das heute hier liegende Gebäude Grünbergstraße 2, das rechts hinter der Villa befindliche sog. "Schubertstöckl", weist im Keller einen nach wenigen Metern abgemauerten, in Richtung Schloß führenden "Gang" auf, bei dem es sich um den Wasserabfluß aus der Wassermaschine handeln könnte.
1793 ließ Raimund Wetzlar von Plankenstern die Villa erbauen. Sein Vater, der kaiserliche Hofagent Karl Abraham Wetzlar, war 1777 für seine dem Staat erwiesenen Dienste von Kaiser Joseph II. geadelt worden.
Das schon 1789 errichtete, langgestreckte Nebengebäude gehörte ursprünglich Franz und Magdalena Kramser. Erst ab 1810 ist dieser Trakt mit dem Hauptbau in einer Hand vereint.
Das sog. "Schubertstöckl" war einst Gartenhaus der Villa und ist, da Pläne und Grundbucheintragungen fehlen, nicht genau zu datieren. Nach den alten Ortsplänen zu schließen, wurde es zwischen 1820 und 1869 erbaut. (1819 ist im Franziszeischen Kataster noch das alte Wasserwerk eingezeichnet; im Artaria-Plan aus dem Jahr 1869 ist das neue Gebäude bereits erkennbar.)
Um 1800 fand im runden Salon des ersten Stockes der Villa, der sich durch gute Akustik auszeichnet, ein "Wettkampf" im Klavierspiel zwischen Ludwig van Beethoven und dem damals berühmten Pianisten Josef Wölfl statt. "Dort verschaffte der höchst interessante Wettstreit der beiden Athleten nicht selten der zahlreichen, durchaus gewählten Versammlung einen unbeschreiblichen Kunstgenuß; jeder trug seine jüngsten Geistesprodukte vor; bald ließ der eine oder der andere den momentanen Eingebungen seiner glühenden Phantasie freien ungehemmten Lauf; bald setzten sich beide an zwei Pianoforte, improvisierten wechselweise über gegenseitig sich angegebene Themas und schufen also gar manches vierhändige Capriccio, welches, hätte es im Augenblick der Geburt zu Papier gebracht werden können, sicherlich der Vergänglichkeit getrotzt haben würde." (Kobald, Carl: Alt-Wiener Musikstätten. S. 42.)
1848 - zu dieser Zeit waren der ungarische Adelige Emerich Marhsó de Verebely und seine Frau Besitzer der Villa wohnte hier der vermögende Privatier Ignaz Mayer von Alssó Ruszbach, der wöchentlich einen Jour fixe veranstaltete, an dem hervorragende Gelehrte und Künstler teilnahmen. Die Villa galt zu dieser Zeit als Treffpunkt für Anhänger liberalen Gedankengutes, besonders auch von ungarischen Landsleuten Alssó-Ruszbachs, die sich durch eine Revolution die Loslösung Ungarns von der Monarchie erhofften.
Unter dem Eigentümer Raimund Wolfgang Reichsritter von Manner, der aus mährischem Adel stammte und 1861 die Villa erwarb, kam es 1906 zum Einbau einer eisernen Wendeltreppe vom ersten Stock in den Dachboden, 1907 wurde an der Gartenseite im ersten Stock eine auf Holzsäulen ruhende Terrasse angebaut, sodaß eine Vorfahrt zum Eingang entstand; 1908 erfolgte in dem zur Villa gehörenden Nebentrakt der Einbau einer Automobilgarage, nachdem bereits vier Jahre vorher in diesem Trakt ein Teil des Pferdestalles für eine Waschküche abgetrennt worden war.
1916 erwarb das Mitglied des ehemaligen Herrenhauses des österreichischen Reichsrates, Erwin Graf Nostitz-Rienek, die Villa. Er ließ durch Stadtbaumeister Hugo Schuster im Souterrain durch Isolierungen eine Trockenlegung vornehmen. Im Erdgeschoß wurde eine Scheidemauer abgerissen sowie eine Dienertreppe eingebaut; im ersten Stock entfernte man die eiserne Wendeltreppe und schuf gegen Westen neue Fensteröffnungen.
1920 errichtete man im Nebengebäude an Stelle der Waschküche eine weitere Garage. Damals befanden sich in diesem Trakt noch vier Dienerzimmer und eine große Küche.
1927/28 wurde in den Erdgeschoßräumen der Villa ein Kaffeehaus, das "Café Schlössl" (Abb. 9), eingerichtet; dies geschah nach den Richtlinien des Denkmalschutzes, dem das Gebäude 1927 unterstellt worden war. 1932 adaptierte man auch das Nebengebäude für den Kaffeehausbetrieb. Die gesamte Liegenschaft war seit 1927 an das Ehepaar Julius und Maria Bokor verpachtet. Die geschmackvolle Ausstattung und der prächtige Garten zogen bedeutende Persönlichkeiten aus Kultur und Kunst an, wie Richard Strauss, Josef Hoffmann, Arthur Schnitzler, Richard Eybner oder Wilma Degischer. 1939 wurden nach der ein Jahr vorher erfolgten gewaltsamen Vertreibung der Pächter sowohl die Villa als auch das Nebengebäude unter den neuen Besitzern, einem deutschen Ehepaar, wieder Wohnzwecken zugeführt. Im Erdgeschoß des Hauptgebäudes kam es hiebei zu verschiedenen Änderungen und zur Schaffung einer großen Wohnung. Im ersten Stock bestand bereits vorher eine Wohnung, in der Mansarde waren ebenfalls vor 1939 drei kleinere Wohnungen eingerichtet worden.
1949 wurde unter einem neuen Besitzer die stark beschädigte Dachdeckung ausgebessert; das Gebäude hatte in den Kriegs- und Besatzungsjahren stark gelitten.
Baubeschreibung
Für die 1793 erbaute Villa existieren keine Originalpläne. Auch der Architekt ist nicht belegbar. Justus Schmidt weist in seinem Buch über die Alte Universität in Wien im Zusammenhang mit deren Erbauer, Jean Nicolas Jadot, auf die Villa hin. Der aus Lothringen stammende und 1745 vom Kaiser aus der Toskana nach Wien berufene Architekt stellte zwar Entwürfe für verschiedene Bauten in Schönbrunn her - unter anderem plante er die Menagerie -, die Zuschreibung der Villa ist jedoch nicht möglich, da er bereits 1752 nach Brüssel zog und 1761 in Ville-Issey starb.
Die Fassade des zweigeschoßigen, unterkellerten Baues ist allerdings stark französisch beeinflußt. Vor allem der an der siebenachsigen Straßenseite liegende, aus konkav geschwungenen Seitenteilen und einem flachen Mittelteil mit rund abgeschlossener Portalnische bestehende Mittelrisalit, aber auch die Dachgestaltung weisen darauf hin. Der dreiachsige, pavillonartige Risalit erhielt im ersten Stock durch den auf je zwei gekuppelten Konsolen ruhenden und mit einem fein durchgebildeten Schmiedeeisengitter versehenen Balkon einen weiteren Akzent. Im Gitter sind Lyramotive und in Strahlenkränzen liegende Köpfe eingearbeitet. In der Nische befindet sich ein gemauertes, schwarzes Schild mit der altgriechischen, in Gold gehaltenen Aufschrift "XAIPE" ("Sei gegrüßt").
Das Dachgesims ist im Risalit als Flachgiebel ausgebildet, die Nischenfläche tritt durch die als Pilaster geformten, seitlichen Begrenzungen etwas zurück; die Bänderung ist im runden Teil und bis zum Giebel radial gesetzt. Ansonsten trägt sie sowohl im Erdgeschoß als auch im Obergeschoß - jeweils über einem glatten Sockel - zur Horizontalgliederung bei. Die Abstände der waagrechten Linien sind im Obergeschoß geringer als in der Parterrezone. Zwischen den Geschoßen läuft ein unprofiliertes Bandgesims.
Im Erdgeschoß sitzen die einfach gehaltenen Fenster und der in der Mitte liegende Ausgang in den Vorgarten plan in der Wand, im Obergeschoß haben die Fenster der Seitenteile Mauerumrahmungen; über den geraden, von Konsolen getragenen Verdachungen sind vertiefte Mauerfelder eingesetzt. Diese Fenstergestaltung wie auch die über den geschwungenen Seitenfenstern des Risalites liegenden versenkten Reliefs mit Blattmotiven stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die Fassade besticht durch ihre schlichte Eleganz und durch die Ausgewogenheit der Proportionen.
Das Schindelmansarddach ist über dem Mittelteil erhöht, wodurch die Bewegtheit des Risalites fortgeführt wird. An den Seitenteilen des Daches ist je ein mit einem Segmentbogen abgeschlossenes Mansardfenster eingesetzt.
Die dreiachsigen Seitenfassaden wie auch die Gartenfassade zeigen die Formensprache der Hauptfront. In den Dachflächen der Seitenfassaden liegen je drei Gauben. 1797 wurde das Recht erteilt, ein gegen den Schönbrunner Garten gerichtetes Fenster auszubrechen.
An der Gartenseite wurde die 1907 im ersten Stock errichtete Terrasse durch einen vorgewölbten, auf Pfeilern und Konsolen ruhenden Balkon ersetzt.
Innenraumstruktur 1917 (ältester erhaltener Grundriß): In der Fassadenmitte der Gartenseite liegt der Eingang zur Halle (Abb. 10). Die Anordnung der Räume wird von den orthogonalen Gebäudeachsen bestimmt und spiegelt im wesentlichen die Symmetrie des Außenbaues wieder. Von der Halle gelangt man linkerhand in das Stiegenhaus mit gerader, dreiläufiger Treppe, von dem auch die Küche erreichbar ist; an der rechten Seite liegen zwei Zimmer, wovon eines später als Windfang ausgebildet wurde. Von der Halle sind eine Wendeltreppe und der in der Hauptachse gelegene, kreisrunde Speisesalon an der Straßenseite mit Ausgang in den Vorgarten erreichbar. An diesen Raum schließen rechts ein Salon, links ein Office sowie ein weiterer Raum an.
Im ersten Stock liegt über dem Speisezimmer der prächtige, überhöhte Salon mit Ausgang auf den Balkon. Links und rechts sind je ein weiterer, beinahe quadratischer, kleinerer Salon in Flucht angeordnet. Vom runden Salon gelangt man in Richtung Garten zum Empfangszimmer, an das die Terrasse anschließt. In diesem Geschoß liegen noch zwei Schlafräume sowie ein Bad. Von der Grundstruktur dieser Innenraumgliederung ist heute nur mehr wenig erhalten.
Rechts an der Straßenfassade befindet sich eine gemauerte, flach abgeschlossene Einfahrt mit zweiflügeligem Rundbogentor. Das an der Villa laufende, unprofilierte Bandgesims zwischen Erdgeschoß und erstem Stock wird im Einfahrtsbereich fortgeführt. In seinem oberen Teil bestehen die seitlichen Begrenzungen aus Voluten.
Rechts an der Einfahrt liegt das vorspringende Nebengebäude, welches ehemals unter anderem als Wirtschaftstrakt diente.
Der Garten wurde 1901 wegen Verbreiterung der Grünbergstraße verkleinert. Der Vorgarten ist durch Pfeiler und dazwischenliegende Schmiedeeisengitter in Lanzenformen eingezäunt.
Die Villa stellt ein seltenes Beispiel eines spätbarocken, französisch beeinflußten Kleinadelssitzes in unmittelbarer Nähe des kaiserlichen Schlosses dar.