Gerhard Weissenbacher: In Hietzing gebaut, Band II
Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes
"Zwar besteht das Buch, das sich ausschließlich mit Wohnbauten von Hietzing befaßt (Villen, Einfamilienhäuser, Siedlungen und Mehrfamilienhäuser) aus einzelnen, überaus genauen und gründlich recherchierten Beschreibungen einzelner Objekte, aber die Methoden sind so verfeinert und der Blick ist gleichzeitig so professionell distanziert, dass sich zusammen mit dem einleitenden historischen Überblick so etwas wie eine Geschichte und Typologie des Wiener Wohnbaus ergibt. Das Bezirksübergreifende, Exemplarische für Wien kommt durch die Charakteristik von Hietzing zustande, weil gerade dieser Bezirk fast alle baulichen Strukturelemente der anderen Bezirke besitzt, wenn auch anders verteilt."
Mit diesen Sätzen in seiner Einleitung zum zweiten Band von Gerhard Weissenbachers „In Hietzing gebaut“ vom 4. Oktober 1998 unterstreicht Friedrich Achleitner die besondere Bedeutung des Werkes: Es ist weit mehr als eine Bestandsaufnahme der Wohnbauten des 13. Bezirks. Gerade weil sich in Hietzing unterschiedlichste Formen und Epochen des Wiener Wohnbaus in ungewöhnlicher Vielfalt begegnen, gewinnt die detaillierte Untersuchung des Bezirks exemplarische Bedeutung für die Bau- und Stadtgeschichte Wiens insgesamt.
Auch dieser Band ist längst vergriffen und nur noch schwer erhältlich. Gerhard Weissenbacher hat mir jedoch dankenswerterweise gestattet, den Inhalt des Buches auf meine Internetseite zu übertragen und damit wieder allgemein zugänglich zu machen. Die Wiedergabe erfolgt in einer leicht veränderten, an das Medium Internet angepassten Struktur. Ergänzende interne und externe Verlinkungen sollen darüber hinaus Zusammenhänge erschließen und weiterführende Informationen leichter zugänglich machen.
Vorwort von Gerhard Weissenbacher
Der vorliegende zweite Band der Baudokumentation von Hietzing basiert auf dem ersten, der die historische Entwicklung des Bezirks darstellt und seine Sakralbauten, öffentlichen Gebäude sowie Büro- und Geschäftsbauten behandelt. Ohne Bezug zu Geschichte und Öffentlichkeit wäre die Darstellung des Wohnbaues isoliert und eröffnete nicht die Möglichkeit einer differenzierten Gesamtschau.
Die Wohnbauten des 13. Bezirkes erweisen sich nicht nur wegen ihrer Vielfalt und hohen Qualität als lohnende Untersuchungsobjekte, sie bieten darüber hinaus – wie in einem Brennpunkt – ein lückenloses Abbild der Wohnarchitektur von ganz Wien. Dies betrifft nicht nur das Einfamilienhaus, sondern auch den sozialen Wohnbau, von dem neben der weltbekannten Werkbundsiedlung die Siedlungen Hermeswiese und Lockerwiese – letztere mit beeindruckenden städtebaulichen Ideen – besondere Aufmerksamkeit verdienen.
Natürlich nimmt das Einfamilienhaus in einem Bezirk mit außergewöhnlicher Topographie - westliche Randlage innerhalb der Stadt und bevorzugte Landschaft mit hohem Erholungswert - sowie weit aufgefächerter Bevölkerungsstruktur eine außerordentliche Stellung ein.
Bewußt wurde das Risiko angenommen, ein eigenes Kapitel dem Thema "Villa" zu widmen, obwohl sich der Begriff besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer Definition zu entziehen scheint, Grenzfälle zur Bezeichnung "Einfamilienhaus" auftreten und sich damit immer wieder das Problem der Zuordnung ergibt. Die Bauform "Villa" ist andererseits vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber auch noch bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts mit Hietzing untrennbar verbunden; so werden viele der herausragenden Beispiele auch in den Plandokumenten als "Villa" bezeichnet.
Besonders beeindruckend ist die große Zahl namhafter Architekten, die im 20. Jahrhundert in Hietzing Einfamilienhäuser errichteten. Unter ihnen befinden sich weltbekannte "Pioniere" der modernen Architektur, ihre Arbeiten in Hietzing zählen zu Schlüsselwerken der europäischen Architekturgeschichte. Erfreulich ist, daß der Bezirk bis in die Gegenwart auch ein Experimentierfeld für neue Wege des Bauens geblieben ist und nicht im Blick auf die zweifellos bedeutende Vergangenheit verharrt.
Die in den Anhang aufgenommenen Biographien der Architekten und Baumeister, die im 13. Bezirk tätig waren, vermitteln ein vielfältiges Bild der Beziehung zwischen Persönlichkeit und Werk.
Die Auswahl der Bauten erfolgte nach Begehung aller Straßen des Bezirkes und betrifft, über die weithin bekannten und oftmals dokumentierten Beispiele hinausgehend, viele anonyme und noch nie besprochene Objekte, sofern sie das Bild eines bestimmten Bautyps abrunden, in manchen Fällen vielleicht sogar erst verständlich machen. Dies gilt vor allem für den Übergang vom bäuerlichen zum bürgerlichen Wohnhaus.
Auch eine größere Anzahl von in Hietzing errichteten, jedoch nicht mehr bestehenden Bauwerken mit architektonischer bzw. kulturhistorischer Bedeutung wurde – gleichsam als ein Versuch, Erinnerung zu retten – in die Dokumentation aufgenommen.
Das Wohnhaus erweckt mit seiner Ambivalenz von Privatraum und Öffentlichkeit respektvolle Scheu und Neugierde zugleich. Die Signale seines Äußeren reichen von chamäleonartiger Angepaßtheit bis zu schriller Selbstdarstellung, von introvertierter Stille bis zu extravaganter Inszenierung. In diesem Variationsreichtum spiegeln sich nicht nur Auftraggeber und Ausführende, sondern auch so manche modische Attitüde.
Viele der in diesem Band dokumentierten Wohnbauten dienen nicht nur als "dritte Haut", sondern lassen darüber hinaus besondere Wohnqualität spüren – sie erweisen sich als Stätten der Geborgenheit, Erholung und Entfaltung.
Hinweise für die Benützung
- Diese Arbeit ist im Gange und daher unvollständig.
- Vorerst wird meist nur der Text übertragen, bildliche Darstellungen folgen später.
- Dieser Bericht Nummer 1585 enthält nur die allgemeinen Erklärungen zu den jeweiligen Bauformen, zu den einzelnen Dokumentationen – soweit sie bereits eingefügt sind – führen die jeweiligen Links.
- Die Suchmöglichkeiten der Internetbrowser erlauben es, die Stichwortverzeichnisse wegzulassen.
- Die Jahreszahlen unter den Namen der Baumeister und Architekten zu Beginn einer Objektdokumentation bedeuten die reine Bauzeit ohne Planungszeit.
- Um die Lesbarkeit zu erleichtern, sind die Pläne zum großen Teil umgezeichnet. Ausnahmen sind historisch wertvolle oder besonders aufwendig gestaltete Pläne.
- Die Jahreszahlen bei den Planabbildungen betreffen das Datum der Planerstellung.
- Die Dokumentation der einzelnen Objekte ist in "Baugeschichte" und "Baubeschreibung" gegliedert, wobei es sich bei den Beschreibungen in erster Linie um die Darstellung des ursprünglichen Bauzustandes handelt. Bei Bauten neueren Datums entfällt die "Baugeschichte".
- Die Fußnoten und die Kurztitel der Literaturangaben sind in den Text in Klammern eingefügt. Die kompletten Titel folgen in einem Literaturverzeichnis.
- Das komplexe Thema des Einfamilienhauses ist in drei Abschnitte – Villen, Einfamilienhäuser im 19. Jahrhundert, Einfamilienhäuser im 20. Jahrhundert – gegliedert. Dabei ergeben sich naturgemäß, den Typus betreffend, Überschneidungen. Mit "Villa" ist in vorliegender Untersuchung in erster Linie das repräsentative, in einem ausgedehnten Garten frei stehende Einfamilienhaus des 19. und ersten Drittels des 20. Jahrhunderts gemeint; in diesem Zusammenhang werden auch bemerkenswerte, nicht mehr bestehende Bauten beschrieben. Dieses Verständnis von "Villa" war der Grund, daß die zumeist in Zeile errichteten Biedermeier-Sommerhäuser nicht den Villen zugeordnet, sondern in dem Kapitel "Einfamilienhäuser im 19. Jahrhundert" beschrieben wurden.
Die Villennamen beziehen sich in der Regel auf den Ersteigentümer. Ausnahmen sind später aufgekommene und populär gewordene Bezeichnungen (z. B. "Villa Dollarprinzessin") oder die Namen späterer Eigentümer, die ebenfalls durch ihre Popularität zur heute bekannten Benennung der Villa führten (z. B. "Villa Hohenfels"). - Redaktionsschluss dieses Bandes II war der 30. Juni 1998.
- Die Rechtschreibung nach damals geltenden Normen wurde beibehalten.
Villen
Villa, als verkleinerte Form des lateinischen Wortes "vicus" (Dorf), bedeutet in der römischen Antike Landhaus. Mit dem Wirtschafts- und Wohngebäude ist der "ager" (Grund und Boden) verbunden. Zu der ursprünglich wirtschaftlichen Bestimmung der im Besitz einer kleinen Oberschicht stehenden Villen tritt später die Verwendung als Sommerhaus für die Ausübung kultureller Aktivitäten wie der Pflege von Literatur und anderen Künsten. Der meist auf einer Anhöhe stehende, repräsentative Bau beherbergte neben Kunstsammlungen und der Bibliothek zumeist auch ein Theater. Die Natur wurde durch ausgedehnte Gärten in die Gesamtanlage integriert.
In der italienischen Renaissance wirkt das antike Vorbild in zahlreichen Bauten in der Toskana, um Rom und vor allem im Veneto weiter. Die Villa ist wieder sowohl Repräsentationsgebäude als auch wirtschaftliches Verwaltungszentrum. Die stadtvenezianischen Nobiles als Padroni aktualisierten den "fundus", den spätantiken Gutsbetrieb.
Andrea Palladio als Architekt bedeutender Villenbauten dieser Zeit (z. B. Villa Rotonda, 1569/70) weist auf die Gegensätzlichkeit von gesundem Landleben und aufreibender Existenz in der Stadt hin. Dieser Gegensatz verstärkt sich durch die Industrialisierung im ausgehenden 18. und besonders im 19. Jahrhundert. Die Stadtflucht ist allerdings nur einer begüterten Oberschicht möglich.
Um 1850 kommen zu den landwirtschaftlichen Verwaltungszentren und außerhalb der Städte liegenden Kleinadelssitzen großbürgerliche Villenanlagen, die im speziellen Fall der Industrievilla (Abb. 1) vorerst mit der Produktionsstätte in Verbindung stehen; nur der Park schafft räumliche Distanz. Erst die Dichte und das Ausmaß der Fabriksgründungen in der zweiten Jahrhunderthälfte führten zur Verlegung der Villa als Wohnsitz und Repräsentationsobjekt in weitere Entfernung vom Produktionsbereich.
Die Vorliebe für die Natur wurde nicht zuletzt durch Ideen der Aufklärung und Romantik geistig vorbereitet. Die romantische Sehnsucht nach ästhetisch begriffener Natur verbindet sich mit der Flucht aus den Belastungen der Großstadt, mit der Erlösung vom Alltag. Jean-Jacques Rousseau (1712-78) stellt in "Julie ou la Nouvelle Héloise" den Idealgarten vor, der keine Ordnung, Symmetrie und Geradlinigkeit kennt. Schon ein früherer Theoretiker des Landschaftsgartens, Stephen Switzer (1682-1745), plädierte für Unregelmäßigkeit der Anlage sowie für malerische und romantische Wirkungen. Der erste englische Garten in der Nähe von Wien wurde für Feldmarschall Moritz Graf Lacy ab 1765/66 in Neuwaldegg angelegt (h. Schwarzenbergpark, Wien, 17. Bezirk). Der ab 1782 errichtete Park von Laxenburg war damals die größte Anlage in englischem Stil in der Umgebung von Wien.
Das barocke Vorbild ist im sog. "Geymüller-Schlößchen" der Bankiers Johann Heinrich und Johann Jakob Geymüller in Pötzleinsdorf zu bemerken. Ein wesentlicher klassizistischer Bau war die 1820-23 von Josef Kornhäusel errichtete und nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Weilburg bei Baden/Wien. Die Villen dieser Zeit nehmen in der Regel nur den Mitteltrakt der Schlösser zum Vorbild (z. B. Palais Dietrichstein in Währing, Villa Wertheimstein in Döbling).
Im Laufe des späteren 19. Jahrhunderts orientierte sich auch die mittlere Schicht des Bürgertums an herrschaftlichen Idealvorstellungen, und es entstanden oftmals kapriziöse Miniaturschlößchen.
Voraussetzungen für das Emporkommen des neuen Besitzbürgertums waren im Zuge des technischen Fortschrittes die Mechanisierung der Industrie sowie die niederen Lohnkosten. Die "kleine" Herkunft vieler in kurzer Zeit zu Kapital gelangter Industrieller wurde durch möglichst rasche Anpassung an das traditionelle Vorbild des Adels zu kaschieren versucht; die Gesuche um Nobilitierungen stiegen sprunghaft an. Die Villa bildete für die Selbstdarstellung dieser Gesellschaftsschicht einen theatralischen Rahmen. Zahlreiches Personal sorgte für einen reibungslosen, gut organisierten äußeren Lebensablauf. Nicht selten ist dieser in der Villa dokumentierte, aufwendige Lebensstil in der h. Zeit zu einem Problem der Denkmalpflege geworden. Für diese "Bühnen" hat das gegenwärtige Leben oftmals keine Rollen mehr, zumal diese "Inszenierungen" nicht selten in großzügiger Weise über das eigentliche Wohnhaus weit in die umgebende Natur hinausgriffen.
Neben den Vorbildern aus dem Adel übte die ländliche Architektur einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Gestaltung der Villa aus. Das Bauernhaus wird in romantischer Verklärtheit als reines, unverdorbenes und zutiefst sinnvolles Gebilde in das herrschaftliche Stilgefüge der Villen aufgenommen. Dieses Phänomen ist, von England kommend, auch in Österreich feststellbar. Beispiele für einen derartigen Landkult sind neben den "Hameaus", kleinen künstlichen Dorfanlagen in den Parks, die sog. "Schweizerhäuser". 1830-40 schuf J. v. Reim ein solches für die Bankierfamilie Geymüller in Pötzleinsdorf, 1850 entstand die von Erzherzog Ferdinand Maximilian persönlich entworfene, nicht mehr erhaltene "Villa Maxing" im h. 13. Bezirk.
Stilbildend wirkten auch die exotisch-romantischen Gartenpavillons des Adels, die zum Teil mit der Gotik nachempfundenen Details ausgestattet waren.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden nach einem strengen Historismus in den siebziger Jahren oftmals Architekturformen von Schloß, Burg und Bauernhaus vermischt. Fremdländische und nationale Stile wetteiferten geradezu mit den Stilepochen Renaissance und Barock. Das aus der Renaissance entlehnte Formengut stammte vor allem aus dem Oberitalien des 16. Jahrhunderts.
Der wesentliche Einfluß Englands auf die Villenarchitektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt sich in Wien deutlich in der organisierten Villensiedlung des Währinger Cottage. Gegenüber der Tradition des symmetrisch angelegten Biedermeier-Sommerhauses kommt es zur Verselbständigung von Einzelmotiven, zu Staffelung und Richtungsvielfalt, zu "malerischer" Wirkung. Meyers Konversationslexikon definiert 1897 die Kriterien der Villa mit "Vorgärten, Veranden, offene Balkone, Erker, Türmchen in möglichst malerischer Komposition" (Meyers Konversations-Lexikon. 5. Auflage. 17. Bd. 1897. S. 330.) . Die Ornamentik wurde nach Vorlagen, die in systematischen Ornamentenlehren niedergelegt waren, zum großen Teil in Serie ausgeführt. Adolf Loos kritisiert später diese Entwicklung und bedauert das Abweichen von der Tradition: "Der vornehme stil, in dem unsere urgroßeltern in Hietzing und Döbling gebaut haben, ist vergessen, und ein tohuwabohu von rokokoschnörkeln, balkonen, neckischen ecklösungen, erkern, giebeln, türmen und wetterfahnen ist auf die landschaft losgelassen." (Heimatkunst (1914), in: Loos, Adolf: Trotzdem, 1900-1930. S. 336ff.)
Zur Frage, inwiefern sich der Bewohner in der Architektur einer Villa selbst darstellt, meint Géza Hajós: "Der Glaube, daß sich Herrschaft durch serielle Stilproduktion demokratisieren läßt, erwies sich im 19. Jahrhundert als eine Sackgasse. Der Versuch des Kleinbürgers, sein Leben in einer Ritterburg zu verwirklichen, war letzten Endes genauso unglaubwürdig wie der Versuch der Aristokraten, wenigstens zeitweise im Bauernhaus zu leben." (Hajós, Géza, in: Landhaus und Villa in Niederösterreich. S. 56.)
Dennoch wirkte sich der Mischstil - eine späte Ausformung des Historismus - aus Formen des sog. "Heimatstiles", der Frührenaissance und des Wiener Barocks, wie er im Währinger Cottage verwirklicht wurde, stark auf die Villenarchitektur im westlichen Weichbild der Stadt Wien aus.
Dem Stilkonglomerat des Außenbaues stand eine klare Gliederung im Inneren der Häuser gegenüber. Heinrich von Ferstel, der Begründer der Cottage-Idee in Wien und mit Rudolf von Eitelberger, dem Direktor des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, Initiator des 1872 ins Leben gerufenen Cottage-Vereines, studierte 1851 auf einer Reise nach England, Holland und Belgien das englische Familienwohnhaus in Gartenlage, welches ein Vorbild für Wien werden sollte. Im Souterrain liegen Küche und Wirtschaftsräume, im Erdgeschoß Gesellschaftsräume mit Verbindung zum Garten und im ersten Stock Schlaf- und Wohnzimmer. Als Minimalausführung waren pro Haus ein Salon, drei Zimmer, vier Kabinette, eine Veranda, eine Küche und diverse Nebenräume vorgesehen.
Allerdings setzten sich bald höhere Ansprüche durch, da auch Architekten unabhängig vom Verein die Möglichkeit erhielten, Villen zu errichten. Damit wurde der Mittelstand, für den die Siedlung ursprünglich gedacht war, zurückgedrängt; es entstanden ausgedehnte, repräsentative Familienvillen, zum Teil mit palaisartigem Charakter. Bei einer durchschnittlichen Grundfläche von 200 m2 war in diesen meist zweigeschoßigen Villen mit ausgebautem Dach eine Geschoßfläche für den Wirtschaftsbereich und die Unterbringung der durchschnittlich drei Bediensteten notwendig. Separate Dienstbotenstiegen führten in alle Geschoße. Der eigentliche Wohnbereich bestand aus Repräsentationsräumen (Entrée, Salon, Speisezimmer, Wintergarten) und den rein privaten Räumlichkeiten. Sie umfaßten Schlafräume, Bäder und das Frühstückszimmer, aber auch das Zimmer für die Dame, für den Herrn und die Räumlichkeiten für die Kinder. Die Einbeziehung des meist ausgedehnten Gartens war von großer Bedeutung und zeigt sich in aufwendig gestalteten Stiegenabgängen, Terrassen und Veranden, die das Äußere des Baues stark prägten.
Infolge der in Wien traditionellen, sich horizontal erstreckenden Wohneinheit kam es im Währinger Cottage durch Architekten des Vereins allerdings nur zum Bau von relativ schlichten Zweifamilienhäusern, in denen eine Wohnung aus Souterrain und Erdgeschoß, die zweite aus erstem Stock und ausgebautem Dach bestand (Abb. 2). Sie eigneten sich allerdings leichter für Mietzwecke und wurden zum Vorbild des Typus der Mietvilla. Sowohl diese wie auch die von den dem Verein nicht angehörenden Architekten gebauten aufwendigen Familienvillen widersprachen der ursprünglichen Intention Ferstels, der einem gehobenen Mittelstand das von ihm als ideal empfundene Wohnobjekt vermitteln wollte, und zwar das einfache, bequeme und naturverbundene Einfamilienhaus nach englischem Vorbild.
Es ist bemerkenswert, daß Ferstel diesen Bautypus zuerst als Reihenhäuser an der Ringstraße verwirklichen wollte und erst nach dem Scheitern dieses Planes die Wohnform des Cottage begründete. Im Zusammenhang damit forderte er die Anlage eines "Volksparkes", die dann im 1888 eröffneten und 1905-10 erweiterten, im englischen Stil gehaltenen Türkenschanzpark verwirklicht wurde. Ferstels Ziel war die Gartenstadt mit ausgedehntem Luftreservoir und ohne Zinshäuser.
Auf die soziale Komponente, die den Gründern des Vereines ein Anliegen war - die ersten tatsächlich gebauten Häuser waren relativ einfach und gering dimensioniert -, verweist noch ein Absatz in der 1894 erschienenen Vereinsschrift: "Nicht zu verwechseln mit der Baukanzlei des Wiener Cottage-Vereins sind sogenannte Cottage Baukanzleien, die auf Unternehmensgewinn berechnet, von der Privatspekulation betrieben werden, und mit denen der Wiener Cottage-Verein in keinerlei Verbindung steht."
Einen bedeutenden Wandel in äußerer Erscheinung und innerer Struktur der Villa brachte die immer stärker werdende Dominanz des secessionistischen Stiles gegen Ende des Jahrhunderts in Wien. Trotz des nie ganz erloschenen Einflusses der barocken Tradition (ovale Mansardfenster, betonte Mittel- und Ecklösungen, ornamentale Details) handelt es sich um radikale Neuerungen, die am Außenbau von verspielter, raffiniert verfeinerter Ausgestaltung bis zu strenger, spannungsreicher Fassadenlösung reichen. Materialien wie Keramik, Eisen und Glas verstärken den "modernen" Eindruck. Im Inneren tritt die Trennung zwischen Repräsentations- und Privatbereich etwas in den Hintergrund, die Beziehung zum Garten behält ihren wesentlichen Stellenwert; Natur wird oftmals auf ausgeklügelte Weise in den gebauten Raum mit einbezogen. Die Innenraumgestaltung wird mit besonderer Sorgfalt und unter Verwendung kostbarer Materialien nicht selten bis in das kleinste Detail vom Architekten durchgestaltet.
In der Zwischenkriegszeit war eine wesentlich kleiner gewordene besitzende Schicht in der Lage, den Villenbau im Sinne eines freistehenden, von einem Garten umgebenen Gebäudes mit ausgedehnter Kubatur und aufwendiger Ausgestaltung fortzuführen. Stilistisch ist die einer neuen Versachlichung entsprechende Formensprache und Raumstrukturauffassung im avantgardistischen Wohnhausbau vorherrschend. Oftmals ist jedoch eine fließende Grenze zwischen dem gründerzeitlichen Typus der Villa und dem Siedlungshaus bzw. frei stehenden Einfamilienhaus festzustellen.
In der Gegenwart ist "Villa" beinahe nur mehr durch die soziale Stellung des Besitzers zu definieren. Villa und Einfamilienhaus sind "(...) heutzutage nur mehr graduell unterschiedlich." (Hajós, Géza, in: Landhaus und Villa in Niederösterrich. S. 9.) Die formal und inhaltlich von Baustil und Lebensweise geprägte Wohnform Villa, wie sie in der Tradition auf vielfältige Weise bestand, gehört der Vergangenheit an.
Mit Blick auf die negativen Auswirkungen des planlosen Bauens von Einfamilienhäusern an den Stadträndern und im ländlichen Bereich spricht Friedrich Achleitner von der Villa, "(...) die heute noch als Kümmerform in end- und gesichtslosen Streusiedlungen dem 'kleinen Mann' Besitz, Freiheit und gesundes Leben verspricht, (sie) hat einen langen Verwandlungsprozeß hinter sich." (Achleitner, Friedrich: Über das Verhältnis Bauen und Landschaft, in: Die Ware Landschaft (Eine kritische Analyse des Landschaftsbegriffes, hrsg. von F. Achleitner), Salzburg 1977. S. 61.)
In Hietzing ist die vielfältige Entwicklung des Bautypus der Villa in zahlreichen Beispielen nachzuvollziehen. Der Bau des Schlosses Schönbrunn war für die unmittelbare Umgebung von mehrfacher Bedeutung. Gleichzeitig mit dem rasant einsetzenden Zuzug von Adeligen -zumindest in den Sommermonaten - versuchte das Großbürgertum ähnlich bedeutende Anlagen zu errichten.
Ein schönes, noch erhaltenes Beispiel aus spätbarocker Zeit ist die 1793 für Raimund Wetzlar von Plankenstern erbaute Villa XAIPE in der Schönbrunner Straße 309.
Klassizistische Stilmerkmale sind in den Biedermeier-Sommerhäusern ein wesentliches Gestaltungsmerkmal. Sie wurden relativ zahlreich im Zuge der ersten großen Erweiterung des Dorfes Hietzing zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vor allem in der Maxingstraße, Trauttmansdorffgasse und Gloriettegasse, errichtet. Zum Teil kam es zum Umbau und zur Aufstockung bäuerlicher Anwesen. Diese Baubeispiele sind im vorliegenden Kapitel nicht aufgenommen, da es sich zumeist um Zeilenverbau und nicht um freistehende Villen handelt; sie sind im Kapitel "Einfamilienhaus im 19. Jahrhundert" dokumentiert.
Ein anschauliches Beispiel für die Umgestaltung eines bereits bürgerlichen Wohnhauses aus der Biedermeierzeit zur Villa stellt das Haus Gloriettegasse 9 dar; es wurde für die Burgschauspielerin Katharina Kiss-Schratt adaptiert (Andreas Streit, Eduard Frauenfeld-Berghof, 1893; > Villa Schratt).
Der schrittweise Umbau eines um 1800 gebauten bäuerlichen Anwesens zu einem Haus mit Villencharakter erfolgte in der Trauttmansdorffgasse 33 (Carl v. Hasenauer, 1866; Arnold Heymann, 1878). In der Villa wohnte bis zu ihrem Tod die Burgschauspielerin Charlotte Wolter (-> Villa Wolter). Ebenfalls bäuerlichen Ursprungs ist das erst 1874/75 gebaute Haus in der Weidlichgasse 7. Es erfuhr 1892 die Umwandlung in ein bürgerliches Wohnhaus und wenige Jahre später die Adaptierung zur Villa (Franz Abel, 1896/97).
Das "Schweizerhaus" als Inbegriff der romantisch verstandenen Naturnähe war im sog. "Maxingschlößl" des Erzherzogs Ferdinand Maximilian an der h. Maxingstraße verwirklicht. Der Bau wurde leider 1955 abgerissen (Villa Maxing).
Ein Haus mit besonderer Affinität zum Garten und mit fremdländischen Ausgestaltungen im Inneren stellte die ebenfalls nicht mehr erhaltene Villa Hügel in der Auhofstraße 15 dar. Der Naturforscher Karl Alexander Freiherr von Hügel ließ einen Garten anlegen, der wegen seiner exotischen Pflanzen zur Attraktion wurde. In ihm befanden sich auch mehrere Glashäuser, die nun immer zahlreicher in den Gärten Hietzings anzutreffen sein werden. Hügel, der erster Präsident der k. k. Gartenbaugesellschaft war, schrieb u. a. auch eine Denkschrift über die erste Pflanzenausstellung in Wien 1827.
Aus der Gründerzeit sind in Hietzing Villen in großer Zahl erhalten. Das Vorbild der Renaissance ist erkennbar z. B. in der hinsichtlich der Gesamtkomposition an Palladio erinnernden Villa, Wenzgasse 2/Lainzer Straße 28 (Wilhelm Stiassny, 1875; -> Villa Blaimschein); in der im Lainzer Tiergarten liegenden Hermesvilla (Carl v. Hasenauer, 1882-86) und in der nicht mehr erhaltenen Villa Taussig, Franz-Schalk-Platz (Karl König, 1894; -> Villa Taussig).
Die Verbindung von Industrieanlage und Wohnhaus für den Besitzer ist in einem nicht verwirklichten Plan für den Neubau der Lampen- und Metallwarenfabrik Brunner & Co., Aufhofstraße 22, dokumentiert (-> Bd. I. S. 31).
Ein überzeugendes Beispiel für die Nachahmung adeliger Vorbilder durch den Großbürger findet sich in dem sog. "Palais Hohenfels" in der Hietzinger Hauptstraße 31 (Karl Scheffler, 1890/91; -> Villa Hohenfels). Es wurde zwar für die Fabriks- und Hausbesitzerin Karoline Tobisch gebaut, diente aber bereits 1894 einem adeligen Besitzer und stellt somit ein Beispiel einer gleichsam verspäteten Entsprechung zwischen Wohnform und Bewohner dar. 1920 kam der Bau wieder in großbürgerlichen Besitz (Fabrikant Bernhard Altmann), was der historischen und gesellschaftlichen Situation dieser Zeit eher entsprach.
Elemente aus dem französischen Frühbarock finden sich in der nicht mehr erhaltenen Villa Roth (Franz Roth, 1900), Auhofstraße 6 (-> Bd. I. S. 18f.). Ein überzeugendes Beispiel im Stil des Spätbarock stellt die Villa in der Lainzer Straße 43 dar (Hermann Helmer, Ferdinand Fellner jun., 1894/95; -> Villa Geitler). Die beiden Architekten bauten 1899 auch eine Villa in neuromanischem und neugotischem Stil in der Adolfstorgasse 21 (-> Villa Forster).
Die Gestaltungsvielfalt der Hietzinger Villenbauten am Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt ein mit "F-d" signierender Autor in der Zeitschrift "Der Architekt" (VI. 1900. S. 27): "Wenn man jetzt in dem neuen Frühling durch unsere Vororte geht, durch den Cottage, durch Hietzing, Lainz und St. Veit, mag man oft staunen über diese Bauten, die dort Villen genannt werden. Muster aller Stile sind da zu finden. Gothische Giebelbauten, romanische Miniaturpaläste, manchmal sogar etwas Schweizerhausartiges. Nur das Landhaus mag man vergeblich suchen."
Der Mischstil aus historistischen und nationalen Detailformen ist beispielhaft in der um 1890 erfolgten Planung einer villenartigen Verbauung durch Baumeister Franz Peydl entlang der Jagdschloßgasse, Wambachergasse, Sauraugasse und Veitingergasse (Abb. 3) weiters in der Münichreiterstraße zwischen Suppégasse und Lainzer Straße (Abb. 4), aber auch im Hietzinger Cottage anzutreffen. Die zumeist aufwendig und großzügig gestalteten Familienvillen stehen hier neben Mietvillen und Mehrfamilienhäusern mit komfortabel ausgestatteten Wohneinheiten. Im Gegensatz zum Währinger Cottage fehlt die dort zumindest im Ansatz vorhandene soziale Komponente. Das Gelände des ehemaligen Vergnügungsparkes "Neue Welt" zwischen dem Beginn der Lainzer Straße, der Hietzinger Hauptstraße und der Neue-Welt-Gasse bis etwa zur Elßlergasse wurde von dem Großgrundbesitzer und Kunstsammler Julius Frankl aufgekauft, 1883 parzelliert (Parzellierungsplan von Stadtbaumeister Johann Reinhart) und an die Böhmische Boden-Credit-Gesellschaft weiterverkauft. Sie plante 1884 auf den Parzellen 42 Villen (Abb. 5). Mehrere Gründe wurden von Julius Frankl zurückbehalten bzw. wieder zurückgekauft; auf ihnen ließ er Anfang des 20. Jahrhunderts die erwähnten Mietvillen und Miethäuser errichten. Die Gesellschaft schreibt in einer Broschüre, daß sie "(...) den umfangreichen Grundkomplex der 'Neuen Welt' in Hietzing (...) zu dem Zweck erwarb, um denselben unter fast vollständiger Erhaltung des prächtigen alten Parkes zu von schattigen Gärten umrahmten Familienhäusern abzutheilen." (Familien-Häuser im Park der "Neuen Welt" in Hietzing. S. 2.) Die Villen waren für vermögende Bürger gedacht, die vorher sowohl Stadt- als auch Landwohnungen hatten. Das Cottage-Haus sollte die Eigenschaften beider Wohnformen vereinen.
Die Bauordnung sah freistehende Gebäude mit maximal zwei Stockwerken in offener Verbauung vor. Die 1884 geplanten und in einer Broschüre veröffentlichten Villentypen (Abb. 6) kamen nur in abgewandelter Form zur Ausführung. Nach und nach wurde das Cottage gegen Süden zur Beckgasse (ehemals Reichgasse) und gegen Westen zur Verbindungsbahn hin rasterartig erweitert. In seinem Zentrum liegt der Hügelpark.
Als Beispiel für eine aufwendig gestaltete Familienvilla innerhalb des Hietzinger Cottage kann das 1899/1900 von dem Maler und Architekten Oskar Laske entworfene Gebäude in der Kopfgasse 8 (-> Villa Uzel) gelten.
Die flächendeckende Verbauung mit Villen allerdings in wesentlich schlichterer Form als im Hietzinger Cottage - wurde ebenfalls um 1910 auch auf dem Gebiet zwischen der Spohrstraße, Nothartgasse und Tolstojgasse geplant. Die Neubauten sollten sogar durch eine Straßenbahnlinie erschlossen werden. Die Bahn wurde nie gebaut, die "villenartige Verbauung", wie sie im Lageplan (Abb. 7) bezeichnet wurde, hat sich zum Teil bis in die Gegenwart erhalten.
Der secessionistische Stil ist in der Hietzinger Villenarchitektur auf bedeutende und mannigfache Weise vertreten. Als herausragendes Beispiel zeigt sich die 1913-15 von Josef Hoffmann errichtete Villa Skywa-Primavesi in der Gloriettegasse 14-16 (-> Villa Skywa-Primavesi). Wesentliche Villenbauten dieser Stilart wurden im Bezirk auch von Friedrich Ohmann (Gloriettegasse 21, 1899-1901; -> Villa Schopp), Josef Maria Olbrich (Winzerstraße 22, 1899/1900; -> Villa Bahr), Otto Wagner jun. (Schloßberggasse 14, 1901/02; -> Villa Schmeidler), Ernst von Gotthilf (Maxingstraße 20, 1907/08; -> Villa Trebitsch) und Carl Witzmann (Veitingergasse 46, 1913; -> Villa Kortschak) gebaut. Eine sehr eigenwillige Ausformung gelang Karl Fischl (Gallgasse 44, 1910/11; -> Villa Wachtel); leider ist seine Ateliervilla Wollek (ehemals Hackinger Hof 2, 1907; -> Villa Wollek) nicht mehr erhalten.
Der an der Stelle der Villa Hügel in der Auhofstraße 15 von 1912-14 errichtete eindrucksvolle Bau stammt von Robert Oerley, der mit dieser Villa wesentliche Merkmale der dreißiger Jahre vorwegnahm (-> Villa Wustl).
Streng und kühl, von innen nach außen entwickelt, zeigt sich die Villa Leopold Bauers (Braunschweiggasse 12, 1928/29; -> Villa Joly), in der Rückgriffe auf vergangene Stilepochen bemerkbar sind. Sein eigenes Wohnhaus mit Atelier (Auhofstraße 230, 1906/07; -> Villa Bauer) hingegen weist neben völlig eigenständigen Gestaltungen mit Elementen aus dem Burg- und Schloßbau Bezüge zur englischen Landhausarchitektur auf. Besonders deutlich ist dieser englische Einfluß aber in der von Michael Rosenauer gebauten Villa abzulesen (Wattmanngasse 44, 1922/23; -> Villa Smith).
Die Villenarchitektur in Hietzing zeigt auf überzeugende Weise nicht nur die allgemeine stilistische Entwicklung dieser Wohnform, dokumentiert durch hervorragende Einzelbeispiele, sie ist auch ein beredtes und lebendiges Zeugnis historischer und gesellschaftlicher Veränderungen.
Die bereits in der Zwischenkriegszeit auftretende Überschneidung dieses Bautypus mit dem Siedlungshaus und die sich daraus ergebenden Mischformen führen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einfamilienhaus, das kaum mehr die hier beschriebenen Eigenschaften der Villa aufweist.
Das Einfamilienhaus im 20. Jahrhundert findet im entsprechenden Kapitel eine durch typische Beispiele dokumentierte Darstellung.
Auswahl der Villen
Villa "Xaipe"
Villa Thienne de Rumbek (?)
Villa Mayer
Villa Hügel
Villa Maxing
Villa Auersperg (?)
Villa Stein/Pollak
Villa Braunschweig
Villa Milton
Sog. "Villa Blaimschein"
Villa Wolter
Villa Faldi
Villa Seutter
Villa Niemann
Hermesvilla
Villa Schneider II
Villa Hohenfels
Villa Schratt
Villa Malfatti / Villa Taussig (inkl. Kutscher- und Stallgebäude sowei Portier- und Gärtnerhaus
Villa Bergauer
Villa Geitler
Villa Baumann
Villa Forster
Villa Uzel
Villa Bahr
Villa Schopp
Villa Schmeidler
Villa Bauer
Villa Wollek
Villa Trebitsch
"Villa Dollarprinzessin"
Villa Wachtel
Villa Gerger
Villa Kortschak
Villa Wustl
Villa Skywa-Primavesi
Villa Miller
Villa Smith
Villa Blum
Villa Werner
Villa Joly
Einfamilienhäuser im 19. Jahrhundert
Das politische Umfeld in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung des sogenannten Biedermeier. Der Begriff, zunächst Spottname, stand für bürgerliche, empfindsam-vernünftige Gesinnung. Erst um 1870 drückte sich in der Bezeichnung auch die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" und eine gewisse Gartenlaubenromantik aus. Heute versteht man unter dem Begriff "Biedermeier" Lebensstil und kulturelle Erscheinungen in der Zeit vom Wiener Kongreß bis 1848.
Die Antwort auf Zensur und Kontrolle war für viele Menschen Resignation und Rückzug in das Privatleben, welches man möglichst angenehm zu gestalten suchte. Die Blüte der musikalischen Kleinformen, z. B. des Liedes, drückte diese Gesinnung deutlich aus.
Das gesellschaftliche Leben im kleinen und großen Freundeskreis wurde bewußt gepflegt und zeigte sich in der Bedeutung der Theater, Kaffeehäuser und Ballsäle (-> Dommayers Casino, Bd. I, S. 172ff).
In diese Zeit fällt auch die außerordentliche Beliebtheit des Wiener Walzers, der vor allem durch Joseph Lanner sowie Johann Strauß Vater und Sohn seine Ausprägung fand.
Im Haus Maxingstraße 18 (Abb. 285), das er von 1870 bis 1878 bewohnte, schrieb Johann Strauß Sohn (1825-99) 1873/74 seine Operette "Die Fledermaus''.
Das um 1850 erbaute zweigeschoßige Spätbiedermeierhaus besitzt einen Wohnhof mit zwei alten, unter Naturschutz stehenden Eiben sowie einen Garten. An der Stelle dieses Gebäudes stand bereits spätestens um 1800 ein Seitenflügelhaus bäuerlichen Ursprungs. Von 1898 bis 1925 lebte hier der durch das Bild "Ein Schubertabend in einem Wiener Bürgerhaus" bekannt gewordene Maler Julius Schmid (1854-1935). Er ließ 1898 einen Atelieranbau errichten. Der Tondichter Carl Prohaska (1869-1927) wohnte hier von 1911 bis 1927.
Eine besondere Nähe zur Natur führte zur Beliebtheit der Sonntagsausflüge, für Begüterte zur Sommerfrische. Wohnungen und Landhäuser in den Vororten, auch in Ober St. Veit und Hietzing, waren zu mieten. Die Preise lagen aber entsprechend hoch. Diese bürgerliche Vorliebe für das Leben am nahen Land erreichte im Vormärz einen Höhepunkt. Sie brachte den Bautypus des Biedermeier-Landhauses hervor, das in manchen Vororten auch in Reihen zusammengefügt wurde (-> Gloriettegasse 31 43, -> Trauttmansdorffgasse 54, -> Trauttmansdorffgasse 56 oder Maxingstraße 6, 16, 18, 26, 28, 32, 34, 36, 42, 44 und 46).
Das Biedermeier-Einfamilienhaus in den Vorstädten und Vororten
Die Biedermeierarchitektur in Wien ist als Spielart des Klassizismus zu sehen, der während der Regierungen Josephs II. und Franz' II. vor allem bei Nutzbauten bevorzugte Anwendung fand. Das Mäzenatentum von Hof, Adel und Kirche nimmt bescheidenere Formen an, das Bürgertum wird neuer Kulturträger. Zwar bleibt die Aristokratie das Vorbild, Ausformung und Dimension der Architektur werden jedoch schlichter, mit größerer Eigenverantwortung der Ausführenden.
Französische Einflüsse führten schon ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zu einer gewissen Beruhigung und Strenge der Gestaltung. Neben einer Formensprache aus Elementen der antiken Architektur gewinnt unter anderem der Plattenstil (-> Auhof, Bd. I, S. 87ff), welcher eine Aufschichtung der Fassadenwand in verschieden tiefe Mauerflächen zeigt und bis in das 17. Jahrhundert zurückzuverfolgen ist, an Bedeutung. Es zeigt sich an dieser Art von geschichteter Wand die Zurückdrängung der plastisch-körperhaften Fassadengestaltung des Barock.
Die stilistische Vielfalt führt in Wien zum Versuch der Synthesenbildung. Der Pluralismus von Antike, Hochbarock, italienischer Renaissance bis hin zum französischen Revolutionsklassizismus verweist aber auch auf die geistige Uneinheitlichkeit der Zeit, auf die Spannung zwischen Verstand und Gefühl.
Die bürgerliche Architektur dieser Epoche betont häufig die Einheit von Arbeitsstätte und Wohnung: Werkstätte, Verkaufsgewölbe oder Kontor liegen im Erdgeschoß, darüber befindet sich der private Wohnbereich. Dieser in der Altstadt vorkommende Typus findet sich zum Teil, allerdings oftmals in abgewandelter Form, auch in den Vorstädten und Vororten.
Das Vorstadthaus auf tiefer Parzelle, abgeleitet vom dörflichen Gehöft, dem Streck- oder Hakenhof, ist ein traufseitig zur Straße stehendes Seitenflügelhaus mit meist gerader Fensterachsenzahl, ein bis zwei Geschoßen und einer Einfahrtstorhalle mit Flur in der Mitte. Von dieser gelangt man in das seitlich davon gelegene ein- oder zweiarmige Stiegenhaus. Den tiefen Hofraum begrenzen ein oder zwei schmale, ebenerdige Trakte, die später häufig aus Wohnungsmangel aufgestockt wurden.
Dieser Haustypus wird in der Zeit zwischen etwa 1770 und 1840 mehrfach abgewandelt. Schmale Seitenflügelhäuser mit meist fünf Achsen und oftmals nur einem Flügel werden von Kleinhandwerkern und Gewerbebürgern bewohnt.
Der Pawlatschentypus (pavlac = tschechisch: Söller) des Seitenflügelhauses weist mehrere Wohnungen mit je einem Zimmer oder Zimmer-Küche-Wohnungen - meist für die Arbeiter der Manufakturbetriebe - auf. Diese Pawlatschenhöfe entstammen ebenfalls der bäuerlichen Bautradition. Der Flur führt direkt vom Eingangstor aus in den Hof, die seitlich gelegene Treppe verbindet die in jedem Stockwerk hofseitig hervortretenden Gänge, welche den Zutritt zu den einzelnen Wohnungen ermöglichen. Dieser Bautypus wird bei den Innenstadthäusern insofern abgeändert, als die offenen Pawlatschengänge verglast werden.
Im 13. Bezirk ist der Pawlatschentypus z. B. in der Maxingstraße 1 (Abb. 286), in der Trauttmansdorffgasse 42 oder in der Firmiangasse 37 zu finden. An der Stelle des ausgedehnten zweigeschoßigen Baues Maxingstraße 1 stand schon vor 1683 ein Haus, das von den Türken schwer beschädigt wurde und später wieder aufgebaut werden konnte. Es wurde seit 1692 (Gewährbuch 15/12. fol. 225) von Bäckern bewohnt und erhielt um 1830 die h. Gestalt; ehemals zeigte es an der Straßenfassade über vier Fenstern des Erdgeschoßes Rundbogenrahmen. In einer Lünette befinden sich die Darstellungen einer Flußgottheit sowie von Kindergenien. Dieses Relief ist heute über einem Fenster eines Gebäudetraktes im Innenhof angebracht (Abb. 287). Im Parterre befanden sich ehemals äußerst bescheidene Unterkünfte für Bäckergesellen (die sog. "Bäckenhäuser"). Die Einzelräume hatten kein natürliches Licht, die Türen führten in den Hof. Die Pawlatsche in den Obergeschoßen (Abb. 288) verband eine weitere Reihe von Kleinwohnungen. Der Bäcker Josef Hermann - er stellte als erster Semmeln her, sog. "weiße Brötchen", die in fünf "Vierteln" geteilt waren - kam zu beträchtlichem Vermögen und erwarb "(...) große Teile der Maxingstraße" (Hietzing. Ein Heimatbuch. S. 155), nämlich die Häuser mit den Nummern 3, 5, 7 und die nach 1830 errichteten mit den Nummern 9, 11 und 13. Vor dem Ersten Weltkrieg war in dem Haus Maxingstraße 1 "Karl Bauers Konditorei mit Maschinenbetrieb" (Winkler: Hietzing. S. 137) eingerichtet.
Das 1840 gebaute Haus in der Firmiangasse 37 weist hofseitig im Obergeschoß ebenfalls einen Pawlatschengang auf (Abb. 289). Er bildete ursprünglich den Zugang zu einer Zimmer-Küche-Wohnung und wurde 1897 verlängert, um zu einer weiteren Wohnung im Obergeschoß der damals gebauten Verlängerung des Seitentraktes den Zutritt zu ermöglichen. Im Garten des Hauses fand man zahlreiche Spuren einer Knopfherstellung aus Muscheln. Dies könnte ein Hinweis dafür sein, daß die Kleinwohnungen ursprünglich von Handwerkern oder Arbeitern bewohnt waren.
Im Haus Auhofstraße 27 bestand noch bis 1972 eine Pawlatsche für Arbeiterwohnungen einer Wurstfabrik.
Beim kleinbürgerlichen Wohnflügelhaus werden die Seitenflügel durch eingeschobene Stiegenhäuser getrennt erschlossen. Meist wurde hier der Vordertrakt aufgestockt. Die Form des sog. Stutzflügelhauses entstand durch Abhängen der Seitenflügel. Dadurch ergab sich ein blockförmiges Äußeres mit entsprechendem Aufschließungssystem. Es kann somit als eine Ausgangsform des gründerzeitlichen Miethauses angesehen werden.
Das ebenerdige Kleinhaus, welches sich in der Vorstadt oftmals zum Seitenflügelhaus entwickelte, blieb vereinzelt in den Vororten - sofern es nicht aufgestockt wurde - bis in die Gegenwart als niedriges Reihenhaus erhalten. Die Hauseingänge sind zumeist seitlich an der Vorderfront (z. B. Lainzer Straße 34, 36) oder - ein Merkmal der ursprünglichen bäuerlichen Bestimmung - als Einfahrt in der Mitte der Fassade zu finden (z. B. Lainzer Straße 127).
Noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts war es üblich, die Fassaden der bürgerlichen Wohnhäuser mit Pilastern, flachen Reliefs und sparsamen Details zu gliedern. Ornamente scheinen nur dort auf, wo sie die Gliederung nicht unterbrechen. Etwa bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bleibt dieser "Rastertypus" erhalten. Die kleinen Biedermeier-Wohnhäuser entziehen sich allerdings dieser Gliederung, und nur vereinzelt findet man stockwerkweise die Pilasterordnung.
Auch Charles v. Moreaus (geb. in Paris 1758, gest. in Wien 1840) strenge Paläste beeinflussen die Fassadengestaltung der Biedermeierarchitektur. Er verzichtete bei der Fassade des noch erhaltenen Palais Palffy (1809-13) in der Wallnerstraße 6 auf jede Vertikalgliederung. Statt dessen erfolgte durch wechselnde Putzart in den einzelnen Geschoßen eine Betonung der Horizontalen. Das ebenfalls von Moreau errichtete, aber nicht mehr existierende Palais Erdödy in der Krugerstraße entstand 1812 und zeigte eine Fassade, bei der die Horizontale durch stark ausgebildete und teilweise durch Friese betonte Gesimse hervorgehoben wurde.
Neben diesem französischen Element wirkt die Bautätigkeit Josef Kornhäusels (geb. in Wien 1782, gest. in Wien 1860) richtungweisend. Im Gegensatz zu Moreau tritt er gegen revolutionäre Radikalität auf, übernimmt aber aus Frankreich das Ausgleichsprinzip zwischen verschiedenartigen Elementen. Die vom Revolutionsklassizismus vertretene denkmalhaft-monumentale Gestaltungsweise führt er in einer antik-traditionellen Form, die keinen revolutionären Bruch mit der Vergangenheit auslöst, weiter. Kornhäusels Fassaden werden ebenfalls von der Betonung der horizontalen Gliederung geprägt und weisen meist nur schwach hervortretende Mittel- und Seitenrisalite auf. Die vertieften Fensternischen sitzen in hervorgehobenen Achsen; über den gerade abgeschlossenen Fenstern liegen Giebel oder mehrfach gestufte Rundbögen. Ihre Dekorationen sind ohne Aufdringlichkeit und bestehen oft aus der unterschiedlichen Oberflächenbehandlung des Mauerwerks und aus Reliefs, deren Motive sich meist auf den Zweck des Baues oder auf den Hausherrn selbst beziehen. Die Darstellungen, menschliche Köpfe und Tiere, Pflanzen, Szenen aus der Mythologie und geometrische Formen, dienen zugleich als Schmuck der Bogenfelder über den Fenstern.
Die Biedermeier-Landhäuser, denen die Sommerschlösser des Adels mit ihren weiträumigen Parkanlagen als Vorbilder dienten, waren ursprünglich nur als Sommerhäuser gedacht. In ihnen zeigt sich in dieser Zeit eine bescheidene bürgerliche Nachahmung des adeligen Lebensstiles. Der Garten als wesentlicher Bestandteil der Anlage ist durch einen offenen Hof, bisweilen auch durch einen Verandaanbau mit dem Wohnbereich verbunden.
"In diesem Haus richtete sich der Vater ein viel größeres Zimmer zum Bücherzimmer ein, als er in der Stadtwohnung gehabt hatte, auch bestimmte er ein eigenes Zimmer zum Bilderzimmer (...). Am Ende eines hölzernen Ganges, der in dem ersten Geschosse des Hauses gegen den Garten hinaus lief, ließ er ein gläsernes Stübchen machen (...). Sonst hatte das Haus auch noch einen großen Hof, der gegen den Garten zu offen war, in dem wir (...) spielen durften, und gegen welchen die Fenster der Küche, in der die Mutter sich so viel befand, und der Vorratskammern herabsahen." (Stifter: Der Nachsommer. S. 10ff.)
In den Sommermonaten verlagerte sich das Leben ins Freie. Man trank Tee und Kaffee in den kleinen Gartenpavillons (Abb. 290), welche bisweilen auf jenen Hügeln standen, die durch Erdaushub gebildet wurden (-> Trauttmansdorffgasse 54). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in den mit Obstbäumen, Gras und üppigen Blumenbeeten bepflanzten Gärten auch Kegelbahnen (Abb. 291) und Glashäuser gebaut.
Für die neue Art der Geselligkeit im kleinen Kreis schuf man im Inneren des Hauses den geeigneten Rahmen. Die Beletage über dem Erdgeschoß wurde von einem Korridor aus betreten, von dem man durch den Vorraum in ein Empfangszimmer und weiter in das zentral gelegene Wohnzimmer gelangte. An diese "gute Stube", die später im Zweiten Rokoko auch Salon genannt wurde, schlossen sich symmetrisch links und rechts kleinere, oft für Spiel und Musik eingerichtete Räume an (Abb. 292). Dazu kamen das Speisezimmer, das Arbeitszimmer für den Herrn, das Toilettezimmer für die Dame, das Schlafzimmer der Eltern sowie ein oder mehrere Kinderzimmer. "Gemischte Zimmer", die mehrere Funktionen hatten, liebte man nicht. Küche und Dienstbotenräume lagen im Erdgeschoß. Die Raumhöhen betrugen zwischen 3 m und 3,50 m, die Seitenlängen etwa 5 x 5 m, 6 x 5 m, 4 x 5 m. Die Fensterpfeiler waren meist 1 m breit.
Bei der Gestaltung des Hausinneren bevorzugte man in Grünblauschattierungen gehaltene, helle Wände sowie Tapeten mit Streifen und Blumendekor. Die Parkettfußböden waren ornamentiert. Die Gestaltung der Decke war von den Wänden unabhängig. Helle, zarte, kühle und gebrochene Farben herrschten vor, sie erweiterten den Raumeindruck. Bei den Fenstern bewirkten helle Musselinvorhänge milde Lichtübergänge. Die Seitenteile der Vorhänge waren meist aus Seidentaffet in Farbübereinstimmung mit den Wänden. Der Kachelofen in einer Ecke des Raumes war häufig rund, weiß oder bunt mit glatten bzw. ornamentierten Kacheln.
Die Inneneinrichtung zeigte keine strenge Symmetrie. Alles Unnatürliche und Aufgezwungene wurde verbannt. Im Gegensatz zum Empire entstand der Eindruck des organisch Gewachsenen. Die Wohnräume zeichneten sich durch individuelle, freie Gestaltung und durch eine Atmosphäre der Gemütlichkeit und Wärme aus. Zimmerecken wurden gemildert, indem man Kästen übereck aufstellte oder eigens dafür angefertigte Biageren mit dreieckigem Grundriß verwendete. Der Schreibtisch stand vor dem Fenster, vor einem anderen konnte, vielleicht etwas erhöht, ein Nähtisch stehen, der über Stufen erreichbar war. Beliebte Einrichtungsgegenstände waren das Sofa und der Diwan ohne Beine. Aus der Empirezeit wurde der runde Tisch mit Mittelstütze über dreifüßiger Basis übernommen. Mit Hilfe raffinierter Mechanismen konnte man die Tischplatte drehen und wenden und das Möbelstück beispielsweise zu einem Spieltisch oder Toilettetisch mit Spiegel verwandeln. Der Damenschreibtisch, oft oval und zweigeschoßig, hatte geheime Laden für den persönlichen Bereich, für Tagebücher und Briefe.
Ein wesentlicher Einrichtungsgegenstand war das Klavier. Nicht zufällig ist Wien seit der Empirezeit ein Zentrum der Klaviererzeugung.
Die durchschnittliche Abschlußhöhe der Möbel lag bei halber Körpergröße eines Erwachsenen. Auch Kästen, außer Garderobeschränken und ähnlichem, waren meist in jener Höhe gehalten, welche das Betrachten der Oberseite noch ermöglichte. Dadurch entstand die Betonung einer durchgehenden Horizontalen. Helle Hölzer, wie Kirsche, Birne, Ahorn und Esche, wurden bevorzugt. Sehr beliebt war auch Mahagoni, ein rotbraunes Edelholz der Zedrachgewächse, welches in Wien seit 1777 verwendet wurde.
Hohe Verarbeitungsqualität wurde durch hervorragende Tischlermeister gewährleistet, z. B. durch Josef Danhauser, den Vater des bekannten Biedermeiermalers, oder durch den aus Preußen stammenden Carl Schmidt, welcher an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte und eine Privatzeichenschule einrichtete. Diese Schule für alle an einem Bauwerk beschäftigten Handwerker umfaßte Kurse über Ornamentzeichnen, aber auch Studien der klassischen Muster, vor allem der Säulenordnungen und Bogenstellungen. Obwohl diese Studien für den Tischler nicht unmittelbar verwertbar waren, lernte er doch daran architektonische Gesetze und Proportionen, die dann unter anderem den Möbeln ihr schlichtes, elegantes Aussehen und den einheitlichen Charakter verliehen.
Das sogenannte "Zweite Rokoko", unter französischem Einfluß, verdrängte nach 1840 die einfachen Formen. Das wohlhabende und selbstbewußte Bürgertum der Gründerzeit bevorzugte die verfeinerte Pracht des Rokoko und demonstrierte damit die erreichte soziale Position.
Die von Michael Thonet, der 1842 nach Wien kam, erfundene Technik des Rundholzbiegens eignete sich für das Herstellen der nun beliebten geschwungenen Formen.
In dieser Zeit waren die Stoffbezüge der Möbel leuchtender, greller. Trotz des Anscheins des Filigranen in der Innenarchitektur dieser Spätphase verzichtete man jedoch nicht auf jene Bequemlichkeit, welche die meisten Möbel des klassischen Biedermeier bis 1840/50 auszeichnete.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war in jenen Gebieten des h. 13. Bezirkes, die damals von weniger wohlhabenden Familien bewohnt wurden, wie in Lainz und vor allem in Speising, eine entsprechend schlichtere Form des bürgerlichen Wohnhauses zu bemerken. Ebenerdige Bauernhäuser wurden oftmals zu zweigeschoßigen Einfamilienhäusern oder auch Miethäusern umgestaltet.
Der Einfluß des Biedermeier-Landhauses ist hiebei nur mehr in Ansätzen bemerkbar. Ausgeprägter ist dieses Vorbild noch bei einigen Einfamilienhäusern des k. k. Hofbaumeisters Josef Wenz, z. B. in der Lainzer Straße Nr. 77, Nr. 87 oder Nr. 93 zu bemerken (-> Lainzer Straße 77, -> Lainzer Straße 87, -> Lainzer Straße 93).
Im Zeilenverbau der Lainzer Straße mit den Häusern Nr. 57-65, Nr. 38-44 bzw. Nr. 71-83 (außer Nr. 77) ist jedoch aufgrund der einfacheren äußeren Gliederung und inneren Struktur keine Verwandtschaft mehr mit den Sommerhäusern vor 1850, wie sie beispielsweise in der Gloriettegasse, Trauttmansdorffgasse, Wattmanngasse (Abb. 293) oder Maxingstraße zu finden sind, festzustellen. Deutlicher sind in diesem Teil der Lainzer Straße die Formen des ebenerdigen Bauernhauses, das später aufgestockt wurde und eine andere Bestimmung erhielt, spürbar.
Auffallend ist das seit 1873 nachweisbare Haus Lainzer Straße 72 (Abb. 294), welches 1886 aufgestockt wurde. Es steht als eines der wenigen in diesem Bereich mit dem Giebel zur Straße. Ab etwa 1887 wohnte hier der Linienschiffskapitän und angesehene Geodät Alexander Ritter von Kalmár. Der Verbindungsbalkon zwischen dem Haupttrakt und dem 1878 errichteten Zubau wurde einst scherzhaft "Kommandobrücke von Lainz" genannt. Belebende Einzelheiten an der Außenseite stellen eine Sonnenuhr, eine Madonna in Ecknische, zwei eiserne Anker sowie das interessant gegliederte, ausgedehnte Fenster im Erdgeschoß dar; seine drei Pfeiler münden in Kapitelle jonischer Art.
Bisweilen existiert heute noch die Nachbarschaft zwischen dem Bauernhaus bzw. der Meierei und dem bürgerlichen Wohnhaus, z. B. Eitelbergergasse Nr. 5 und Nr. 7 (-> Bd. I, S. 59). Besonders in der Gallgasse in Speising verweisen die zum Teil noch ebenerdigen und mit einem Seiteneingang versehenen Häuser im Zeilenverband (mit den Nummern 3 - 17 und 27 - 49) sehr deutlich auf den bäuerlichen Ursprung.
Auswahl der Häuser 19. Jahrhundert
Hietzinger Hauptstraße 5
Trauttmansdorffgasse 40
Trauttmansdorffgasse 56
Trauttmansdorffgasse 54
Gloriettegasse 31-43
Gloriettegasse 31
Gloriettegasse 33
Gloriettegasse 35-37
Gloriettegasse 39
Gloriettegasse 41
Gloriettegasse 43
Vinzenz-Heß-Gasse 15
Auhofstraße 36
Lainzer Straße 87
Lainzer Straße 77 (ehemals 71)
Lainzer Straße 93
Schweizertalstraße 19
Trauttmansdorffgasse 46
Lainzer Straße 48
Dommayergasse 2, 4, 6
Gallgasse 22
Einfamilienhäuser im 20. Jahrhundert
Für die Auswahl der dokumentierten Beispiele waren folgende Kriterien maßgebend: das aus der Erfahrung der Besitzer vermittelte positive Wohngefühl, also auch das richtige Verhältnis des Gebauten zu den individuell gegebenen Lebensbedingungen; die Ökonomie im Einsatz der Mittel; die Schaffung von Raumqualität durch entsprechende Maßverhältnisse, durch die Materialwahl und durch Licht- und Wegführung; das Reagieren auf die vorhandene Umgebung.
Ein weiterer Aspekt der Auswahl bestand darin, für eine bestimmte Architekturentwicklung repräsentative Beispiele anzuführen, mithin auch Bauten zu dokumentieren, die durch das ihnen zugrundeliegende gedankliche Programm zukunftsweisend wurden. Neue Ideen konnten nämlich in den ehemaligen Vororten von Wien durch den in vieler Hinsicht bestehenden größeren Freiraum leichter und kompromißlos verwirklicht werden. Das erklärt auch die hier anzutreffende Vielgestaltigkeit der Bauten und die Breite des Spektrums. Experimente wie die Werkbundsiedlung sind abgesehen von dem Mangel an Bauland in dem dichter verbauten und wesentlich stärker vorgeprägten Stadtgebiet schwer denkbar. Auch die relativ zahlreichen Einfamilienhäuser von Adolf Loos im 13. Bezirk sie wurden mit einer gesonderten Vorbemerkung in diese Dokumentation aufgenommen weisen auf diese größere Freiheit in den Gestaltungsmöglichkeiten; wieviele Schwierigkeiten hingegen ergaben sich für ihn beim Bau seines Hauses am Michaelerplatz.
Der Variantenreichtum des Hietzinger Einfamilienhauses im 20. Jahrhundert zeigt sich beispielsweise in der spröd-charmanten Zweckhaftigkeit der Bauten von Drach, Gorge, Theiss/Jaksch, Michal oder Zotti, in der ausgeklügelten Ökonomie und genialen Raumgestaltung von Loos und auch von Kulka oder in der Eleganz und Großzügigkeit des Hauses von Frank. Es wurden innovative Ideen in die Tat umgesetzt, ohne daß die Bewohnbarkeit der Häuser auch nur im geringsten eingeschränkt worden wäre.
Der Zweite Weltkrieg und die Not der Nachkriegszeit setzten im Baugeschehen eine Zäsur, welche die nahtlose Weiterentwicklung der wesentlichen Architekturimpulse aus der Zwischenkriegszeit verhinderte. Bis auf wenige Ausnahmen gelang es erst in den sechziger Jahren unter anderem vorbereitet durch die Schriften Roland Rainers an Bauqualitäten in der Zwischenkriegszeit anzuschließen und in der Aufgabenstellung über die lediglich möglichst rasche und billige Beschaffung von Wohnraum hinauszugelangen.
Hier reicht der Bogen von Rainers eigenem Haus über Holzbauers ideenreich-schlichten Bau, über nur scheinbar strenge Betonhäuser von Prehsler/Sekler und Rollwagen/Wittmann, über die aus Holz errichteten und mit neuen energiesparenden Heiztechniken ausgestatteten Bauten von Hagmüller bis zu dem leider seiner ursprünglichen Bestimmung nicht zugeführten Haus von Hollein.
Eine weitere Entwicklung, die vor allem von jungen Architekten getragen wird, ist der Versuch, an die Gedanken und Raumideen von Loos und Frank anzuschließen bzw. sie weiterzuführen.
Die Meinung Josef Franks, formuliert in "How to plan a house", wird für Architekturschaffende, aber auch für alle Wohnenden überhaupt stets Gültigkeit beanspruchen dürfen: "Dieses 'leben' kann man (...) in verschiedene Grundtätigkeiten des Menschen aufteilen: es sind dies essen, schlafen, arbeiten und ausruhen; das moderne Haus, so wird uns nun so oft gesagt, hat all diese Wohnfunktionen zu trennen und dann jede einzelne so gut wie möglich zu erfüllen; aber eben das, was ich 'leben' nennen möchte, geht weit über die Erfüllung dieser Notwendigkeiten hinaus; es ist mehr, wenn es sie auch umfaßt, mehr um etwas, was wir eben nicht definieren können, das was jedem einzelnen Leben erst einen Sinn gibt, es davon befreit, diese Funktionen bürokratisch zu erfüllen. Eine Sammlung von Räumen, die für all diese bestimmbaren Wohnfunktionen noch so gut geeignet sind, machen noch lang kein gutes, schönes und angenehmes Haus aus; ein Mensch, der all diese Funktionen gut erfüllen kann, wird deshalb auch nicht unbedingt glücklich sein, auch wenn er nicht mehr verlangt." (In: Josef Frank. 1885–1967. Berichte der Hsch. für angewandte Kunst in Wien. S. 160.)
Auswahl der Häuser 20. Jahrhundert
Hietzinger Hauptstraße 6
Arbeiten von Adolf Loos in Hietzing
Haus Steiner
Haus Stoessl
Wohnung Dr. Valentin Rosenfeld
Haus Horner
Haus Scheu
Haus Strasser
Haus Rufer
Haus Reitler
Hummelgasse 22-24
Wattmanngasse 18
Hansi-Niese-Weg 5
Winzerstraße 25a
Wenzgasse 12
Winkelbreiten 33
Neblingergasse 9
Haus Michal
Haus Weissmann
Fleschgasse 8
Nothartgasse 18
Adolfstorgasse
Joseph-Lister-Gasse 22
Weidlichgasse 17
Weidlichgasse 15d
Himmelhofgasse 10
Streitmanngasse 59
Josef-Gangl-Gasse 6
Bergheidengasse 35
Wittgensteinstraße 50
Hagenberggasse 44
Rotenberggasse 20 / Veitingergasse 57
Sillergasse 25
Gogolgasse 58
Himmelhofgasse 34
Grobeckergasse 4
Reischergasse 6
Wlassakstraße 94-96
Schweizertalstraße 44
Siedlungen
Allgemeine Entwicklung
In der vorliegenden Bestandsaufnahme ist "Siedlung" als eine einheitlich geplante, in der Regel genossenschaftlich organisierte, dichte Einfamilienhausbebauung im städtischen Bereich zu verstehen.
Derartige Siedlungen entstanden in den Großstädten am Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf jene sozialen und städtebaulichen Entwicklungen, die besonders in den Mietskasernen unzumutbare Wohnverhältnisse mit sich brachten. Sie gaben vielen Menschen endlich eine Chance, gesünder und würdiger zu leben. Da die Organisation der Siedlungen in den Anfängen durch ein hohes Maß an Selbsthilfe und Eigenverantwortlichkeit gekennzeichnet war, bewirkte sie eine Aufwertung des ''unfreien" Mieters zum freien Siedler und war somit ein neuer gesellschaftspolitischer und kultureller Ansatz in Richtung einer fortschreitenden Demokratisierung.
Die Verwirklichung dieser neuen Lebensform in der Großstadt setzte die Erarbeitung von gesellschaftlichen und architektonischen Visionen voraus, von denen einige bis in das 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Zum erstenmal versuchte man sie in jenen Ländern zu verwirklichen, welche die industrielle Entwicklung vorantrugen, in England, Frankreich und Deutschland, in Staaten also, in denen die neu entstandenen Wohnprobleme besonders dringend einer Lösung bedurften.
Im Jahre 1898 veröffentlichte Ebenezer Howard (Sir Ebenezer Howard (1850-1928) stammte aus London. Infolge seiner Tätigkeit als Parlamentsstenograph war er mit dem Wohnungsproblem häufig konfrontiert) sein Buch "To-morrow", dessen erweiterte Fassung 1902 unter dem Titel "Garden cities of to-morrow" erschien und ein neues Denken einleitete. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, daß durch die Schaffung neuer wirtschaftlicher Verhältnisse ein Ausgleich zwischen Land und Stadt gefunden werden müsse, um das ausufernde Wachstum der Städte ebenso zum Stillstand zu bringen wie den Rückgang der Landbevölkerung. Er sieht die Lösung des Problems im neu zu schaffenden "Stadt-Land" bzw. in der Gartenstadt. Er hält sie nicht nur für eine Möglichkeit der Stadterweiterung oder eine Form der Vorstadt, sondern für den Idealtypus der Stadt schlechthin.
Howard fordert:
- Das Gelände der Gartenstadt hat Eigentum einer gemeinnützigen Körperschaft, die auch die Verwaltung innehat, zu sein. Die Grundstücke dürfen nicht verkauft werden, damit Spekulationen vermieden werden.
- Es ist ein Gesamtplan für die Stadt auszuarbeiten. Die Bevölkerungszahl soll 30 000 Einwohner nicht übersteigen.
- Das Gesamtgebiet der Stadt besteht aus zwei Teilen, aus dem Stadtgebiet, welches nach Bebauung aller Parzellen keine weitere Ausdehnung erfahren darf, und aus einem vorgelagerten Grüngürtel, der hauptsächlich zur Selbstversorgung landwirtschaftlich genutzt werden soll.
- Das Parzellenausmaß beträgt mindestens 190 m2.
- Der nötige Raum für Plätze und öffentliche Gebäude, z. B. Kirche und Theater, ist beim Entwurf des Gesamtplanes vorausschauend festzulegen.
Außerdem verlangt Howard noch eine Reihe anderer Maßnahmen, von denen die meisten die Infrastruktur betreffen.
Die Idee einer derartigen Stadtgestaltung fand überraschend gute Aufnahme, vor allem bei der englischen Öffentlichkeit, sodaß im Jahr 1899 die "Gartenstadtgesellschaft" gegründet werden konnte. Im Jahr 1903 wurde die erste Gartenstadt, das 50 km vom Zentrum Londons entfernte Letchworth, der Benützung übergeben. Der große Erfolg führte zur Gründung weiterer bedeutender Anlagen. Neben diesen Städten, die dem Howardschen Konzept streng folgten, haben sich eine Reihe von Gartenvorstädten, die man mit den späteren Anlagen in Wien vergleichen kann, gebildet.
Das englische Beispiel wirkte in Mitteleuropa in erster Linie durch die 1902 von Adolf Otto und Bernhard Kampffmeyer gegründete Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft.
Am 24. 2. 1907 wurde in Wien die "Zentralstelle für Wohnungsreform in Österreich" gegründet. Sie strebte die Dezentralisierung des Wohnungswesens, die Durchführung einer Bodenreform, die Förderung der Gartenstadtbewegung und vor allem die Schaffung der gesetzlichen Voraussetzungen für die genannten Vorhaben an. Diese Ziele versuchte die Zentralstelle durch breite Öffentlichkeitsarbeit, wissenschaftliche Tätigkeit und regen Gedankenaustausch mit Reformbewegungen anderer Länder zu erreichen. Sie existierte bis 1921. Nach dem Tod der Obmänner Rudolf Maresch und Julius Koch wurden ihre Ziele durch den von Siegfried Sitte gegründeten "Bund österreichischer Bodenreformer" weiterverfolgt. Bemerkenswert ist, daß diesem Bund Mitglieder aller damals in Österreich bestehenden politischen Lager angehörten.
Es läßt sich feststellen, daß vor 1914 zwar das geistige Konzept der Gartenstadtbewegung in Wien einem Vergleich mit dem Ausland durchaus standhalten konnte, die praktische Entwicklung aber etwa gegenüber Deutschland um mindestens 10 Jahre zurückgeblieben war. Der Grund hiefür war in erster Linie das Fehlen rechtlicher Voraussetzungen. Eine Weiterentwicklung verhinderten aber auch soziale Probleme wie Wohnungsnot und Unterversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Erst allmählich gelang es der Stadt Wien, diese Schwierigkeiten zu bewältigen. Wie leistungsfähig hingegen der intensive Gartenbau der schon vor dem Ersten Weltkrieg errichteten und ausgebauten Berliner Gartengenossenschaft war, zeigt, daß sie im Jahr 1919, selbst in großer Not, noch so viel Obst und Gemüse produzierte, daß man damit zur Versorgung der Bevölkerung Wiens beitragen konnte.
Welchen Aufschwung aber die Gartenstadtbewegung in den zwanziger Jahren in Wien nahm, läßt sich aus folgenden Zahlen erkennen: 1914 gab es rund 500 Kleingärten, 1921 waren es bereits 30 000.
Ein anderer Versuch, die eingangs erwähnten Visionen einer Verbesserung der Lebensformen in der Großstadt zu verwirklichen, ist in der Kleingartenbewegung, die vor allem durch Daniel Schreber (Schreber, Daniel Gottlob Moritz (1808-1861), Orthopäde, trat für gymnastische Erziehung der Jugend ein) und Leberecht Migge (Migge, Leberecht (1881-1935), deutscher Siedlungs- und Gartenarchitekt, hielt 1922 und 1923 auf Einladung des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen Vorträge in Wien) geprägt wurde, zu sehen. Sie vertritt eine reformierte Gesundheitsideologie, die im Bebauen eines kleinen Gartens neben den ökonomischen Vorteilen einen erfolgreichen Kampf gegen Großstadtkrankheiten, vor allem gegen die Tuberkulose, sah. In Österreich entstand der erste Schrebergarten 1904 in Deutschwald bei Purkersdorf (Niederösterreich). Auf Wiener Boden konstituierte sich der erste derartige Verein 1911 im h. 14. Bezirk, im Rosental.
Die Kleingärten waren für jene Menschen, die in Miethäusern wohnten und einen Nutzgarten am Stadtrand besaßen, der einzige natürliche private Lebensraum und damit eine Alternative zu den Siedlungen. Da aber viele Kleingärtner ohne behördliche Genehmigung ihre Gartenhäuschen zu ganzjährig benutzbaren Wohnhäusern ausbauten, kann die Schrebergartenbewegung in gewisser Weise auch als Vorläufer der Siedlungen angesehen werden.
Einen anderen Ansatz, die Fehlentwicklung im Städtebau zu korrigieren, sah der Wiener Baumeister und Städteplaner Camillo Sitte (1843-1903): "Moderne Systeme! Jawohl! Streng systematisch alles aufzufassen und nicht um Haaresbreite von der einmal aufgestellten Schablone abzuweichen, bis der Genius totgequält und alle lebensfreudige Empfindung im System erstickt ist, das ist das Zeichen unserer Zeit" (Sitte: Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. S. 101.). Gegen einen gleichförmigen, künstlich geschaffenen Raster stellte Sitte unregelmäßige Straßen und Plätze, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelten. "Eine Stadt [soll] so gebaut sein, um die Menschen sicher und zugleich glücklich zu machen. Zur Verwirklichung des letzteren dürfte der Städtebau nicht bloß eine technische Frage, sondern müßte im eigentlichsten und höchsten Sinne eine Kunstfrage sein". (Ebda. S. 2)
Die Postulate C. Sittes fanden z. T. auch im Siedlungsbau Berücksichtigung, zumal dort, wo man versuchte, die Qualität der gewachsenen Struktur eines Ortes durch die Schaffung von Zentren und in der unregelmäßigen Anordnung von fließenden und beruhigten Zonen nachzuvollziehen.
Entwicklung in Wien
"Diese Bewegung imponierte Loos. Das erste Mal in seinem Leben lernte er Solidarität, Aufopferung, Idealismus und damit die ganze Kraft einer großen Volksbewegung kennen. Das beeindruckte ihn tief. Am Tage einer Demonstration der Siedler, bei der diese Grund und Boden, Baumaterial und Subventionen forderten, erschien ein Artikel von Loos in einer Wiener Tageszeitung. Darin hieß es: 'Die neue Bewegung, die so viele Bewohner dieser Stadt erfaßt hat, die Siedlungsbewegung, verlangt auch neue Menschen'. Der Artikel schloß mit den Worten: 'Hut ab vor den Siedlern'." (Margarete Schütte-Lihotzky in: Bauwelt. Nr. 42. Nov. 1981)
Während des Ersten Weltkrieges wurde die von Bürgermeister Dr. Karl Lueger begonnene Grunderwerbspolitik von der Gemeinde Wien fortgesetzt. Von 1914 bis 1919 konnten rund 350 ha Bauland innerhalb und außerhalb des Stadtgebietes erworben werden. 1916 wurde eine Wertzuwachssteuer für Grundstücke als Maßnahme gegen die überhandnehmende Bodenspekulation eingeführt. Gewinne sollten nicht dem einzelnen, sondern der Allgemeinheit zugute kommen. Die einsetzende Inflation machte diese Maßnahme aber vorerst wirkungslos.
Die Entwicklung der Stadt- bzw. Stadtrandsiedlungen in der Zwischenkriegszeit weist entsprechend der Geschichte der Siedlerbewegung drei wesentliche Phasen auf:
- Die aufgrund der akuten Wohnungsnot in Selbstorganisation entstandenen Siedlungen. (Schon vor dem Ersten Weltkrieg, 1910, beherbergte das Obdachlosenasyl der Gemeinde 64 222 Personen, darunter 7 058 Kinder. 1912 wurden 96 878 Menschen betreut, unter ihnen 20 071 Kinder. Der private Asylverein, dessen Initiative die Gemeindeverwaltung den Löwenanteil dieser Fürsorge überließ, beherbergte 1913 461.472 Personen, davon 29 915 Kinder (aus: Die Wohnungspolitik der Gemeinde Wien. S. 12).)
- Die am Beginn der zwanziger Jahre - als die Siedlerbewegung von politischen Autoritäten und auch von namhaften Architekten unterstützt wurde - von Genossenschaften angelegten Siedlungen.
- Die von der Gemeinde Wien errichteten Siedlungen.
1921, in der zweiten Phase, wurde Adolf Loos zum Chefarchitekt des Siedlungsamtes bestellt. Er führte diese Tätigkeit - mehr als ein Jahr lang ohne Bezahlung - mit großem Engagement für die Siedler und gegen so manche Sabotageakte der Rathausbürokratie aus. "Durch die Form und Bauart des Heims und des Gartens wollte er - sein altes Ideal - den Arbeiter zum Gentleman umformen, erziehen. Verbauungsplan und Hausform ließ er ganz vom Fruchtgarten her bestimmen und entwerfen; der stand im Zentrum jeder Siedlerstelle und hatte vielfache Jahresernte zu tragen. Sukzessiver Ausbau des Hauses, Südorientierung und maximale Verglasung des Gartens, Wohnküche, Sonnenmauern, Kellerlosigkeit, getrennte Kinderschlafzimmer, Eigenbereitung von Klima und Boden durch den Siedler, das waren seine Leitlinien. Die Siedlung sollte neue Menschen schaffen, neues Familien- und Kinderglück, sinnvolle Freizeitnützung und gesunde Nahrungsreform." (Ermers Maximilian: Aus Adolf Loos' Siedlerzeit. Einige persönliche Erinnerungen zum ersten Todestag des Lebensreformers. In: Die Zeit. Sept. 1934. Maximilian Ermers (1881-1950) wurde 1920 zum Siedlungsreferenten bestellt und setzte sich auch nach dieser Tätigkeit als Schriftsteller und Kulturkritiker vehement für die Wiener Gartenstadtbewegung ein.)
Neue Organisationen, wie die Siedlerverbundwirtschaft, leisteten der Einzelgenossenschaft Hilfsdienste aller Art. 1921 wurde die GESIBA gegründet, die Gemeinwirtschaftliche Siedlungs- und Baustoffanstalt, welche billige Baumaterialien für Siedler, aber auch Baukredite zur Verfügung stellte.
Ebenfalls 1921 wurde durch den Zusammenschluß verschiedener kleiner Siedlervereine der "Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen" konstituiert. Eines der wichtigsten Ziele dieser Vereinigung war es, neben Wohnungsbau und Gartenbau auch gemeinschaftliches Leben innerhalb der Siedlung durch die Errichtung von Genossenschaftshäusern, die verschiedenen Veranstaltungen dienen sollten, zu ermöglichen. Der Verband zählte 1922 bereits 50 000 Mitglieder.
Den ersten Genossenschaften gehörten vor allem Kriegsheimkehrer, Krankenhausangestellte, Eisenbahner, Straßenbahner, Bildende Künstler, Postbedienstete und auch Kleingartenvereine an. Binnen kürzester Zeit entstanden 50 Genossenschaften; die meisten standen der sozialdemokratischen Partei nahe, wenige Ausnahmen, z. B. die Genossenschaft "Heim", waren christlich-sozial orientiert. Bei der größten Wiener Siedlerdemonstration am 3. 4. 1921 fehlte der 1915 gegründete, christlich-sozial geprägte "Rechtsverband der gemeinnützigen Bauvereinigungen". Dies zeigt, daß die österreichische Genossenschaftsbewegung bereits in konkurrierende politische Lager gespalten war. Allerdings wurde nach dieser Demonstration 1921 das Gesetz zur Errichtung des Bundes-, Wohn- und Siedlungsfonds beschlossen, und zwar gemeinsam von christlich-sozialer Regierung und sozialdemokratischer Opposition.
Im Laufe der Zeit wurden die genossenschaftlichen Betreuungsorganisationen immer mehr von der Stadtverwaltung verdrängt, welche die Planung an Architekten ihrer Wahl vergab. Deren Konzepte wurden von öffentlichen Körperschaften verwirklicht.
In den Grundrissen der verschiedenen Haustypen wird die lange Tradition des englischen Arbeiterwohnungsbaues spürbar. Im Erdgeschoß liegen Wohnküche und, von dieser getrennt, meist die zum Garten gerichtete Spülküche sowie Kleintierställe. Unterschiede bestehen meist nur in der Anordnung der Treppe in den ersten Stock, wo sich die Schlafräume befinden.
Der gegenwärtige bauliche Erhaltungszustand der Genossenschafts- und Gemeindesiedlungen - immerhin rund 65 Jahre nach ihrer Errichtung - ist allgemein gut. Sicherlich ist dies zum Großteil auf die Opferbereitschaft und den persönlichen Einsatz der Siedler zurückzuführen, und die in der Anfangszeit geäußerte Befürchtung, die Siedlungen würden keine lange Lebensdauer haben, erwies sich als unbegründet.
Obwohl Stadtrat Franz Siegel (1876-1927), dem das Stadtbauamt unterstellt war, noch in der Gemeinderatssitzung vom 4. 3. 1921 den Flachbau befürwortete, was auch schon 1916 die Leiter des damals unter dem Bürgermeister Dr. Richard Weißkirchner gegründeten Wohnungsamtes getan hatten, kam es in den frühen zwanziger Jahren im öffentlichen Wohnbau dennoch zu einer Akzentverschiebung. In der architektonischen Auseinandersetzung trat der "Genossenschaftssozialismus" mit seinen Siedlungen und Kleinhausanlagen gegenüber dem "Kommunalsozialismus" mit dem später so genannten "Superblock", z. B. dem Karl Marx-Hof, in den Hintergrund.
1921 Siedlungshäuser 55% des gesamten Wohnbauprogramms
1922 Siedlungshäuser 39% des gesamten Wohnbauprogramms
1923 Siedlungshäuser 28% des gesamten Wohnbauprogramms
1924 Siedlungshäuser 14% des gesamten Wohnbauprogramms
1925 Siedlungshäuser 4% des gesamten Wohnbauprogramms
(Aus: Novy, Klaus und Wolfgang Förster: einfach bauen. S. 31.)
Eine Ursache für diese Entwicklung lag in der möglichen Geldersparnis, da vor allem Grund- und Aufschließungskosten bei der Blockbauweise geringer sind. Ein anderer nicht zu unterschätzender Grund für die Bevorzugung dieser Bauweise war aber auch die Angst der Sozialdemokratie vor Individualisierung und Verbürgerlichung der Arbeiter in den Einfamilienhäusern und dem damit verbundenen Verlust des Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühles, das in der Anlage der sog. Superblocks mit entsprechenden Gemeinschaftseinrichtungen nicht so bedroht erschien.
1926 ergab sich durch den "Internationalen Städtebaukongreß", der in Wien stattfand, noch einmal die Möglichkeit einer Wende. Die Tagung blieb jedoch, obwohl die Mehrzahl der Delegierten für den Flachbau eintrat, ohne tiefgreifende Wirkung. Auch die kurz vorher von Josef Frank geäußerte scharfe Kritik an den Superblocks, dem "Volkswohnungspalast", konnte deren Bevorzugung durch die Gemeindeverwaltung nicht verhindern. (Frank, Josef: Der Volkswohnungspalast. Eine Rede, anläßlich der Grundsteinlegung, die nicht gehalten wurde. In: Der Aufbau. 1. Jg. Heft 7. Wien: 1926. S. 107-111.)
Nach 1945 überließ die Gemeinde den Flachbau fast zur Gänze privaten und gemeinnützigen Bauunternehmungen. Eine der wenigen Ausnahmen bildet die im Jahre 1949 errichtete Per-Albin-Hansson-Siedlung im 10. Bezirk.
Die große Bedeutung des Siedlungsbaues in der Zwischenkriegszeit als soziale und humane Tat, aber auch als Hilfe zur Identitätsfindung einer Gesellschaftsschicht fand nach dem Zweiten Weltkrieg aus verschiedenen Gründen keine Fortsetzung. Die nach 1945 dringend benötigten Wohnungen entstanden im Auftrag der Gemeinde zumeist in Blockbauweise. Das Ziel, die Gemeinschaft innerhalb eines Siedlungsverbandes ideologisch zu prägen, wurde vor allem in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwunges nicht erreicht. Die soziale und wirtschaftliche Entwicklung brachte für immer mehr Menschen einen gehobeneren Lebensstandard, der sich in einem so sensiblen Gebilde wie dem der Siedlung bemerkbar machen mußte. Die Anforderungen an die Wohnqualität stiegen, der Bedarf an Wohnfläche nahm zu. Die bestehenden Siedlungen wurden von den Bewohnern meist in Eigeninitiative den erhöhten Ansprüchen angepaßt; die derart vollzogenen baulichen Veränderungen sind dort am stärksten ausgeprägt, wo ursprünglich der geringste Komfort zu finden war, also bei den frühen Bauten und bei den Nebenerwerbssiedlungen, die von Anfang an als "Kernhaus"-Anlagen konzipiert und für einen individuellen Ausbau vorgesehen waren. Sie sind heute kaum mehr als einheitlich geplante Siedlungen erkennbar, wie dies u. a. die im 13. Bezirk gelegenen Beispiele SAT und Friedensstadt zeigen.
Leider zerstörten individuelle Eingriffe häufig das geschlossene äußere Bild. Oft wurden Anbauten ausgeführt und Details entstellt, wie beispielsweise Türen und Fenster, die ohne Rücksicht auf den Maßstab und die Ganzheit einer Fassade Veränderungen erfuhren.
Wenn Otto Neurath (Neurath, Otto (1882-1945), Nationalökonom und Soziologe, Sekretär des 1921 gegründeten "Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen") 1923 über die Siedlungen schreibt: "Nicht ein einzelnes Haus ist Gegenstand der Gestaltung, sondern die Häusergesamtheit: Das einzelne Haus ist wie ein Ziegel in einem Gebäude" (Neurath: Österreichs Kleingärten- und Siedlerorganisationen. S. 36), so wurde das Gemeinsame eben durch viele Bewohner, die über der Individualität des Einzelhauses immer weniger die Gesamtheit der Anlage sahen, in Frage gestellt.
Der Verlust an Kollektivgeist machte sich dort am deutlichsten bemerkbar, wo man das Verbindende am stärksten betonte, bei den Gemeinschaftseinrichtungen. Diese wurden nach einiger Zeit kaum noch benützt, da man die Hilfe der Gemeinschaft, so scheint es, infolge der verbesserten finanziellen Situation entbehren konnte. Die Siedlungen verloren daher immer mehr ihren durch städtebauliche, soziale und kulturelle Ausstrahlung unverwechselbaren Charakter.
Der Siedlungsbau der letzten Jahrzehnte tendierte, der erwähnten Entwicklung entsprechend, immer mehr zum individuell abgeschlossenen Wohnen ohne Gemeinschaftseinrichtungen der alten Art. Gemeinschaft existierte nur mehr im kleinen Kreis als gegenseitige Hilfe, als frei gewählte Möglichkeit ohne ideologischen Hintergrund. Diese, verglichen mit der Zwischenkriegszeit, andere Art des Gemeinschaftsverständnisses war nicht nur durch veränderte ökonomische Voraussetzungen, sondern auch durch die zunehmende Entideologisierung begründet.
Entwicklung in Hietzing
Auch im 13. Bezirk finden sich Beispiele für die wesentlichen Entwicklungsphasen des Wiener Siedlungsbaues. Die bereits 1904 vom "Ersten Wiener-Beamten-Bau-Verein" errichtete Siedlung "In der Hagenau" - das sog. "Lainzer Cottage" - weist verschiedene Haustypen in Reihe um eine U-förmige Gasse auf. Die dreigeschoßigen Häuser waren für kinderreiche Familien höherer Beamter geplant und entsprachen in Dimension und Ausstattung dem bürgerlichen Mittelstand.
Die z. T. noch vor dem Ersten Weltkrieg geplante und gebaute Ostmarksiedlung (1913-15, 1921/22; Fasangartengasse, Wattmanngasse) ist stark von der englischen Gartenstadtbewegung geprägt, erhebt aber geringeren sozialen Anspruch und erweist sich im Grunde als eine auf verschiedene Art angeordnete Kombination von Einfamilienvillen, die z. T. auch freistehend inmitten eines Gartens gebaut wurden.
Die früheste Phase der Siedlungsentwicklung in Wien nach dem Ersten Weltkrieg, das Siedeln in Selbstorganisation, ist im 13. Bezirk in den mit Grundstücksbesetzungen verbundenen Anfangsversuchen zur Siedlung Friedensstadt (1920; Hermesstraße, Großer Ring, Kleiner Ring), und in der Siedlung SAT (ab 1920; Wittgensteinstraße, Speisinger Straße) verwirklicht.
Zur zweiten Phase, zu den von Genossenschaften errichteten Anlagen, gehören die Siedlungen Friedensstadt (ab 1921), die Künstlersiedlung (1922-25; Riedelgasse) und ein Teil der Hermeswiese (1923-27; untere Hermesstraße, Hochmaisgasse).
Zur dritten Phase, zum Siedlungsbau unter der Leitung der Gemeinde Wien, gehören u. a. ein weiterer Teil der Hermeswiese (1923-27, 1929; Dvorakgasse), die Siedlung Lockerwiese (1928 32, 1938; Wolkersbergenstraße, Versorgungsheimstraße) und die Werkbundsiedlung (1930-32; Jagdschloßgasse, Veitingergasse). Letztere wurde von der Heimbauhilfsorganisation der Gemeinde finanziert. Die relativ teuren Häuser konnten erworben werden, die Grundstücke blieben aber im Besitz der Gemeinde. 1939 übernahm sie die nicht verkauften Häuser in ihre Verwaltung und vermietete sie. 1951-53 wurde von der Stadt Wien in Zeilenbauweise die Kongreß-Siedlung (Dr.-Schober-Straße, Kalmanstraße, Lainzerbachstraße) errichtet. Ihr Name erinnert an den 1953 in Wien abgehaltenen 11. Internationalen Städtekongreß.
Mit Unterstützung des Bundes, der preisgünstige Gründe zur Verfügung stellte, wurden von den Eigentümern selbst die Zollwache-Siedlung (1931/32; Kalmanstraße, für Beamte der Zollwache) und die Polizei-Siedlung (1932/33; Dr.-Schober-Straße, für Polizeibeamte) gebaut. (Benannt nach Dr. Johann Schober (1874-1932), 1918-1921 und 1922-1929 Polizeipräsident von Wien; zwischen 1921 und 1930 mehrmals kurzfristig Bundeskanzler.)
Zwischen 1930 und 1932 entstand die Malfatti-Siedlung (Franz-Schalk-Platz), eine von der Reichsversicherungsanstalt finanzierte Anlage von 14 Zweifamilienhäusern in Reihenbauweise sowie einem Einfamilienhaus. Die Siedlung überzeugt durch Sparsamkeit im Aufwand, ohne jedoch in formaler Hinsicht und in Bezug auf die Kommunikationsmöglichkeiten der Bewohner untereinander Qualität einzubüßen.
Die erwähnte Hinwendung zum individuellen, abgeschlossenen und uneinsehbaren Privatbereich ist bei der "Fertigteilhaus-Mustersiedlung" (1953/54, Veitingergasse) zu bemerken, die darüber hinaus ein anschauliches Beispiel für ökonomisches Bauen in Serie mit weitestgehend reduzierter Konstruktion ist.
1954-56 wurde mit finanzieller Unterstützung der Wiener Städtischen Versicherungsanstalt von der "Vindobona"-Bau-, Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft die Hagenberg-Siedlung (Erzbischofgasse, Himmelhofgasse) gebaut. Sie kann nur bedingt als Siedlung im eingangs definierten Sinn gelten, da es sich bei dieser Anlage nicht um Einfamilienhäuser, sondern um 20 Mehrfamilienhäuser mit je sechs bis acht Wohnungen handelt, denen individuell nutzbare Gärten fehlen. Die großzügig bemessenen Grünflächen sind allen Bewohnern gleichermaßen zugänglich. Dennoch vermittelt die Anlage der relativ klein dimensionierten Häuser den äußeren Eindruck einer Siedlung. Sie war als kostengünstiger Beitrag zur Linderung der extremen Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht.
1963-65 wurde von der Siedlungsgenossenschaft "Volksbau" am Alban-Berg-Weg die Wohnhausanlage Josef Afritsch errichtet, an der wieder die Tendenz zum abgeschlossenen, persönlichen Wohnbereich deutlich wird.
Auswahl der Siedlungen
Siedlung "In der Hagenau" (sog. "Lainzer Cottage", "Beamten Cottage")
Ostmarksiedlung
SAT (Siedlung Auhofer Trennstück)
Siedlung Friedensstadt (inkl. Hermesstraße 77)
Künstlersiedlung
Siedlung Hermeswiese / Lainz-Speising
Siedlung Lockerwiese
Malfattisiedlung
Werkbundsiedlung
Fertigteilhaus-Mustersiedlung
Siedlung Hagenberg
Wohnhausanlage Josef Afritsch (inkl. Alban-Berg-Weg 1)
Mehrfamilienhäuser
Die wachsende Bedeutung Wiens als Haupt- und Residenzstadt wie auch seine Schutzfunktion als Festung führten schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu erhöhtem Wohnungsbedarf. Zahlreiche Mitglieder des Adels- und Beamtenstandes erhielten später infolge der "Hofquartierspflicht" Wohnungen von Wienern, die in sogenannte "Freihäuser" umgesiedelt wurden. Ein Beispiel für die ca. 250 errichteten "Freihäuser" ist der Trattner'sche Freihof am Graben mit fünf Stockwerken und vier Höfen.
Schon in der Renaissance baute man Wohnhöfe nach dem Vorbild der italienischen Palastarchitektur, bei welcher der innen liegende Hof eine wesentliche Rolle spielte. Ein letztes Beispiel für diese Bauweise befindet sich in der Bäckerstraße 7. Diese Tradition führte man in der Barockzeit fort.
In der hochbarocken Bauperiode wurden viele der schmalen gotischen Giebelhäuser abgetragen und an ihrer Stelle nach Parzellenzusammenlegungen neben Adelspalästen, Kirchen und Klöstern auch Miethäuser errichtet. Hiemit kam zu den Ausbildungen des Adelshauses, des geistlichen Stiftshofes, des Bürgerhauses und Kleinhauses das Miethaus hinzu.
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts stieg der Wohnungsbedarf durch eine im Manufakturwesen und Großhandel zu Reichtum gekommene großbürgerliche Schicht weiter an. Diese vermögenden Familien bewohnten den ersten oder zweiten Stock der meist in klassizistischem bzw. barockklassizistischem Stil neu errichteten Miethäuser (z. B. das von Andreas Zach 1773/74 ursprünglich als Prioratshaus des Schottenstiftes erbaute "Schubladkastenhaus", Freyung Nr. 7), die vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in beachtlicher Zahl gebaut wurden.
Die "Herrschaftsstiege" führte oft nur bis zum ersten Stock, dem "Nobelstock", die Wohnungsgrößen nahmen in den oberen Etagen ab; ihre geringere Qualität zeigte sich auch in der Verminderung der Raumgrößen und -höhen. Normierung und Standardisierung der Wohnungen werden auch in den zu Großwohnhöfen mit je 100 und mehr Wohnungen ausgebauten Wirtschaftshöfen der geistlichen Stifte deutlich (z. B. Melkerhof, Schottenhof, Klosterneuburgerhof).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, besonders seit 1870, nahm das Wachstum vieler europäischer Städte ein ungewöhnliches Ausmaß an. Der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat, mit dem auch die Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte verbunden war, führte weite Kreise der Bevölkerung in die Stadt. Klein- und Mittelstädte wurden zu Großstädten; man erreichte bisher nicht gekannte Bevölkerungskonzentrationen. Hatte Wien einschließlich der Vorstädte und Vororte 1890 rund 1,324 000 Einwohner, so waren es 1910 bereits 2,005 000. Schon 1890 gab es rund 90 000 Untermieter und 86 000 sogenannte Bettgeher, Menschen, welche ein Bett nur für eine begrenzte Stundenzahl mieteten. Die meisten Wiener Wohnungen, von denen in dieser Zeit lediglich 8% über ein Bad und WC verfügten, waren hoffnungslos überbelegt. Mangelhafte oder überhaupt nicht vorhandene Gesetze innerhalb des Systems eines Kapitalliberalismus, aber auch die Vorschriften der Bauordnung ermöglichten die Bodenspekulation.
In erster Linie für die Bevölkerungsschicht der Industriearbeiter wurden vor allem in den Vorstädten mehrgeschoßige Zinshäuser mit zumeist erbärmlich ausgestatteten Kleinwohnungen errichtet. Die ehemals repräsentativen Innenhöfe reduzierte man auf schmale Lichthöfe. Wo man den Zentralhof noch beibehielt, wurden die Seitentrakte zweiflügelig ausgebaut, oder man reihte Trakte hintereinander und verband sie durch Stiegenhäuser. Meist wurde die Küche über den langen, schmalen Gang belichtet, Wasser und WC lagen außerhalb der Wohnung (Bassenatyp). Dennoch wurde dieser Typus gegenüber dem sogenannten "Pawlatschenhaus", bei dem sich Wasser und Toiletten meist im Hof befanden, als Verbesserung empfunden.
Über diese erwähnten Mängel und Schwächen konnte auch die oft symmetrisch gehaltene und mit historistischen Details dekorierte Fassade nicht hinwegtäuschen. Im Vordergrund standen eindeutig Spekulation und Rentabilität. Vermieten wurde durch das Bauen von Zinshäusern zu einem sehr einträglichen Wirtschaftszweig; das Klischeebild von dem Hausherrn, der Wohnen als Ware verstand, erhielt wirklichkeitsnahe Bedeutung.
Wegen der hohen Grundstückspreise wurden meist bis zu 85% der Grundfläche verbaut, was der Bauordnung von 1893 nicht widersprach.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in den Vororten infolge der Lage außerhalb des Wiener Verkehrssteuerrayons und durch Betriebsansiedlungen wegen der günstigen Produktionsbedingungen zu einem starken Bevölkerungszuwachs. Der ministerielle Erlaß von 1862, der Regulierungspläne für die Vororte verlangte, förderte die Bodenspekulation, da er möglichst viele Bauparzellen bei geringen Grünflächen zuließ. Eine Ausnahme bildete das ab 1873 von Heinrich von Ferstel geschaffene Cottageviertel in Währing.
Erst in der Spätgründerzeit gelang es schrittweise, Verbesserungen zu erreichen; vermehrt fand der Wohnungstyp mit zwei Zimmern, Küche, Vorzimmer und Toilette sowie mit eingeleitetem Wasser Verwendung.
Neben den gründerzeitlichen Miethäusern, die in erster Linie für Industriearbeiter gebaut wurden, entstanden in manchen ehemaligen Vororten sogenannte "Nobelmiethäuser", zumeist vier- bis fünfgeschoßige Straßentrakter. Hinter symmetrisch gegliederten und mit Dekorationen aus Historismus oder Jugendstil versehenen Fassaden liegen aufwendig gestaltete Stiegenhäuser (Abb. 736), die zumeist in der Mittelachse angeordnet sind und des öfteren gegen den Garten zu über den Gebäudeblock hinausragen. Ihr repräsentativer Charakter, der auch durch die Verwendung kostbarer Materialien, wie Marmor, Messing oder geschliffenes Glas, unterstrichen wird, setzt sich in den Wohnungen fort. Großzügig bemessene Grundrisse und Raumhöhen, Erker und Loggien, Zimmerfluchten längs der Straßenfront, Bad, Bedienstetenzimmer sowie fallweise zwei Toiletteanlagen charakterisieren diese Wohnungsform. Gelegentlich ist noch die Trennung von Herrschafts- und Dienerstiege bemerkbar. Bisweilen bestehen Anklänge an das adelige Gartenpalais; dies ist nicht nur in der Vertikalgliederung und im aufwendig ausgestatteten Stiegenaufgang, sondern auch in der Nachahmung französischer Gartengestaltung zu erkennen.
Ebenfalls in der Spätgründerzeit entstand in den erwähnten ehemaligen Vorortegebieten als Übergangsform zur offenen Verbauung die Mietvilla. Meist viergeschoßig, sind in ihr pro Stockwerk entweder eine Großwohnung oder zwei kleinere Mittelwohnungen untergebracht.
1917 wurde eine Verbesserung der allgemeinen Wohnsituation in Wien durch die Schaffung einer Mieterschutzordnung mit Kündigungsschutz erreicht. Es war dies eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Verlagerung des profitorientierten privaten zum gemeinnützigen kommunalen Wohnbau, der 1919 mit der sozialdemokratischen Mehrheit im Gemeinderat zu einem vordringlichen Anliegen innerhalb der öffentlichen Bauvorhaben erklärt wurde. Billig gewordene Baugründe wurden von der Gemeinde Wien, aber auch von privaten Siedlervereinen aufgekauft.
Nach der amtlichen Wohnungszählung 1919 hatten 92% aller Wiener Wohnungen das Klosett und 95% das Wasser außerhalb des Wohnungsverbandes; lediglich 2,3% aller Wohnungen verfügten über ein eigenes Vorzimmer, 7% hatten elektrisches Licht und 14% Gas eingeleitet. Mehr als zwei Drittel aller zur Verfügung stehenden Wohnungen waren als Kleinwohnungen eingestuft, das heißt, sie besaßen maximal ein Zimmer und ein Kabinett.
Zu den erwähnten Gründen für diese triste Situation kamen noch die Stagnation des Wohnungsbaues während des Krieges und die gleichzeitige Zuwanderung von Flüchtlingen und ehemaligen Heeresangehörigen aus allen Ländern der zerfallenden Monarchie.
Der soziale Wohnbau in der Zwischenkriegszeit tendierte aus ökonomischen aber auch politisch-ideologischen Gründen (-> Kap. "Siedlungen") ab der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre immer mehr zur Blockbauweise. Zwischen 1923, als man nach Initiative des Stadtrates Hugo Breitner die Wohnbausteuer einführte, und 1934 wurden 337 städtische Wohnungsanlagen mit fast 64 000 Wohnungen errichtet. Die Planung erfolgte durch die Architekturabteilung des Stadtbauamtes in Zusammenarbeit mit bis zu 118 Privatarchitekten.
Die Gestaltung dieser Bauten zeichnet sich durch variantenreiche Grundrisse aus, in denen auf die Bedürfnisse der Bewohner nach Licht und Luft sowie auf den Komfort von eigenem Bad und WC Rücksicht genommen wurde. Die Anlagen standen in engem Zusammenhang mit großzügig angelegten Höfen und Grünflächen. Ihr äußeres Erscheinungsbild zeugt vom Selbstbewußtsein der manuell arbeitenden Bevölkerungsschicht, bisweilen auch von der Abschirmung gegenüber der Umgebung durch großformatige, verschließbare Tore. Diese Eigenschaft trug manchem Bau die Bezeichnung "Arbeiterburg" ein.
Die hohe Qualität der inneren Struktur, aber auch des Äußeren dieser Anlagen, ist heute unbestritten. Die Fassade ist keine aufgezwungene Schale, sondern gibt unzweideutig und klar Auskunft über das "Dahinter" und unterstreicht in zahlreichen, zum Teil expressiven Details den Charakter des Bedeutungsvollen und Rechtmäßigen.
In die Anlagen wurden Gemeinschaftseinrichtungen, wie Wäschereien, Kindergärten, Kinderspielplätze, Badeanstalten, Bildungs- und Fürsorgeeinrichtungen (z. B. Büchereien, Ambulatorien, Mütterberatungsstellen) sowie Geschäfte, integriert.
Einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Gestaltung dieser von der Gemeinde errichteten Blockbauten stellt die bis an den Anfang des 19. Jahrhunderts zurückreichende Entwicklung des sozialen Wohnbaus in England dar. Vorerst nur auf privater Basis, wobei sich der 1861 verstorbene Prinz Albert große Verdienste erwarb, wurde der Sozialbau ab den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts immer mehr von der öffentlichen Hand bestimmt, die bereits um 1890 überwiegend die Bauaufträge vergab.
Schon 1818 entwarf J. C. Loudon in London ein Gemeinschaftshaus für Arbeiter mit sieben Stockwerken, wobei jedes Geschoß acht Wohnungen umfaßte. Die Anlage wurde mit Zentralheizung, Dampfwaschmaschinen für die Gemeinschaft, sowie mit Wasserklosetts und Müllschluckern geplant. 1831 entwickelte J. Redivius ein Miethaus für etwa 400 Familien, wobei jede Wohnung mit einem Wohn- und Schlafzimmer ausgestattet war. In jedem Gebäudeflügel war eine Küche untergebracht, wo fertige Speisen an die Bewohner verkauft werden sollten. In der Mitte des ausgedehnten Hofes war ein Gebäude mit Schule, Kindergarten und Bibliothek vorgesehen. Diese Planung nahm somit Ideen des 20. Jahrhunderts vorweg. 1834 entwarf S. Smirke eine Arbeitersiedlung mit Kanalisationssystem, Wasserleitung und gemeinsamer Heizanlage für mehrere Wohnungen.
Die ersten tatsächlich realisierten Musterhäuser standen 1844 in Bloomsbury. Ein Jahr später wurden die sogenannten Birkenhead-Reihenmiethäuser errichtet, wobei jedes Haus vier Stockwerke und jedes Geschoß zwei Wohnungen aufwies. Jede Wohnung bestand aus einem Wohnraum, zwei Schlafzimmern, Küche sowie WC und war mit Gasöfen und einem Müllschacht ausgestattet.
1849 wurde der erste Arbeiterwohnblock in London gebaut, bei dem die Birkenhead-Reihenhäuser Vorbild waren.
Um 1850 griff die Planung und Errichtung von Arbeitermiethäusern auch auf den Kontinent über. Zur Verbreitung der Idee des Arbeitermiethauses trug auch die 1851 in London abgehaltene Weltausstellung bei, in der entsprechende Musterhäuser vorgestellt wurden.
Mit ihrer hohen Wohnqualität und den vielfältigen Gemeinschaftseinrichtungen stellen die Sozialbauten der Gemeinde Wien in der Zwischenkriegszeit eine späte, jedoch geradezu ideale Verwirklichung jener Ideen dar, die von England ihren Ausgang nahmen und über Frankreich und Deutschland auch in Österreich Eingang fanden.
Nach 1945 waren in Wien 86 000 Wohnungen total zerstört oder zumindest unbewohnbar. Die Gemeindeverwaltung setzte sich daher das Ziel, möglichst rasch und billig neue Wohnungen zu errichten. Im kommunalen Wohnbau, durch den in den ersten Nachkriegsjahren 80% der Neubauten ausgeführt wurden, entstanden bis 1950 10 000 neue Wohnungen. Als fortschrittlich können lediglich die sogenannten "Duplex-Wohnungen" der späten vierziger Jahre bezeichnet werden, Kleinwohnungen für den dringendsten Bedarf, die man später zu größeren Einheiten zusammenlegen konnte. In der sonst üblichen Planung war man lediglich auf Quantität bedacht, der architektonische Anspruch war gering. Die vorherrschende Bauform bis in die späten sechziger Jahre war der in parallelen Zeilen angeordnete oder versetzte Blockbau, zumeist ohne Miteinbeziehung von Höfen und Plätzen. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht bildet der von G. Lippert, E. Fabrici, F. Purr und P. Widmann 1949-54 errichtete Hugo-Breitner-Hof in Wien 14., der städtebauliche Ansätze erkennen läßt und in gewisser Weise an die Struktur der Zwischenkriegsbauten erinnert. Im wesentlichen ist jedoch bei den meisten Nachkriegsbauten kein Bezug zur qualitätvollen Bauweise der zwanziger und frühen dreißiger Jahre festzustellen. Auch der in der Zwischenkriegszeit bestehende politisch-ideologische Ansatz ist kaum mehr gegeben. Die einzige Gemeinschaftseinrichtung ist oftmals nur das Konsum-Lebensmittelgeschäft. Ähnlich wie bei der Entwicklung des Siedlungsbaus ist die Tendenz zum individuell abgeschlossenen Wohnen zu bemerken.
Erst in den siebziger Jahren kommt es zu differenzierteren gestalterischen Lösungsversuchen, die sowohl den Wohnbau der Gemeinde Wien als auch den immer stärker an Bedeutung gewinnenden genossenschaftlichen oder auch privaten Miet- und Eigentumsbau betreffen.
Im 13. Bezirk sind fast alle beschriebenen Mehrfamilienhaustypen vertreten. Lediglich die mehrstöckigen Miethäuser mit Kleinstwohnungen für Industriearbeiter gab es kaum, da eine entsprechend dichte Ansiedlung von Industrie in diesem Raum nicht gegeben war. Mietwohnungen für Arbeiter von Handwerks- und Manufakturbetrieben hingegen waren vor allem in Unter-St. Veit zu finden. Das erste Miethaus im h. Ober-St. Veit wurde 1774 in der Hietzinger Hauptstraße 145 (-> Bd. I, S. 112f) errichtet. Der Bau besteht in adaptierter Form noch heute.
Der Pawlatschentypus ist gegenwärtig noch z. B. im Haus Maxingstraße 1 (-> Maxingstraße 1) erhalten.
Mehrstöckige Miethäuser mit Großwohnungen prägen in besonderem Maße die obere Hietzinger Hauptstraße ab der Kreuzung mit der Verbindungsbahn. Der Straßenzug hat in diesem Bereich mit dem Bestand der zum Teil alten Allee Boulevardcharakter.
Mehrgeschoßige Mietvillen sind in großer Zahl im sog. "Hietzinger Cottage" auf dem Areal des ehemaligen Vergnügungsparkes "Neue Welt" zwischen Lainzer Straße, Neue-Welt-Gasse, Elßlergasse und Hietzinger Hauptstraße bzw. darüber hinaus bis zur St. Veit-Gasse zu finden. Bemerkenswert ist, daß einige Architekten dieser mit Großwohnungen ausgestatteten Miethäuser und Mietvillen auch Besitzer derselben waren. In diesem Zusammenhang sind z. B. Rudolf Goebel, Rudolf Kohlhaupt und Josef Beer zu nennen. Letzterer tritt in dieser Hinsicht mit seinem als "Hietzingerheim" bezeichneten Angebot zahlreicher Miethäuser auch als Organisator hervor. Auch der Realitätenhändler Julius Frankl spielte bei der Umwandlung mancher Gründe in Baustellen im Bereich von Hietzing und Unter-St. Veit eine wesentliche Rolle. Er ließ den Hügelpark anlegen, den er später der Gemeinde Wien übergab.
Ein schönes Beispiel für den Sozialbau der Gemeinde Wien in Blockbauweise aus der Zwischenkriegszeit stellt die 1929 errichtete Anlage von Victor Reiter in der Speisinger Straße 84-98 dar (-> Speisinger Straße 84-98).
In der Hummelgasse 2 (Abb. 737) steht ein 1936 von Hans Gassner geplantes, im Einreichplan als "Kleinwohnhaus" bezeichnetes Gebäude, das mit seiner klaren und schlichten Fassadengliederung auf die in unmittelbarer Nähe gelegene, zwei Jahre früher errichtete Otto-Glöckel-Schule zu reagieren scheint. In dem fünfgeschoßigen, flach gedeckten Gebäude waren ursprünglich pro Geschoß vier Kleinwohnungen mit je 41 m2 Grundfläche untergebracht. Gewinnmaximierung oder (und?) Verweis auf die damals herrschende Wohnungsnot.
Zahlreich sind jene meist in parallelen Zeilen angeordneten Gemeindebauten aus den fünfziger und sechziger Jahren, die einer eher einfallslosen Bauweise zuzuordnen sind und die in erster Linie und oftmals ausschließlich - auch hier gibt es graduelle Unterschiede - dem zweifellos erforderlichen Quantitätsanspruch genügen. Bisweilen versuchte man, ein ansprechenderes Ambiente durch künstlerische Ausgestaltung zu erreichen. Ein Beispiel hiefür ist der 1952-55 von Viktor Adler errichtete "Steinitz-Hof" in der Auhofstraße 6a-6b (= Hietzinger Kai 7-9). Österreichische Künstler schufen die in der Grünanlage aufgestellten Plastiken und die heute nur mehr z. T. erhaltenen Wandgestaltungen.
Als neuerer, qualitätvoller Beitrag zum sozialen Wohnbau ist u. a. der leider nicht zur Ausführung gelangte Bau von Ottokar Uhl in der Steinlechnergasse zu nennen (-> Steinlechnergasse 16).
Wie in anderen Bezirken Wiens besteht auch in Hietzing das Problem, den für die Wohnqualität so wertvollen Grünraum zu bewahren. Großprojekte von Mehrfamilienhäusern, seien sie von öffentlicher oder privater Hand geplant, stehen besonders im Prioritätenkonflikt zwischen Neuschaffung von Wohnraum in "guter Lage" und Erhaltung des die Qualität ausmachenden Grünraumes. Überwiegt die Sorglosigkeit letztem gegenüber, führt sich das "Bauen im Grünen" ad absurdum.
Auswahl der Mehrfamilienhäuser
Beckgasse 30
Kupelwiesergasse 14 / Eitelbergergasse 19
Trauttmansdorffgasse 50
Trauttmansdorffgasse 48
Altgasse 27
Münichreiterstraße 39-41
Wattmanngasse 29
Speisinger Straße 84-98
Auhofstraße 110, 112, 114
Auhofstraße 112
Versorgungsheimstraße 63
Maxingstraße 30
Auhofstraße 152-156 / Hietzinger Kai 201-205a
Steinlechnergasse 16 435
Die Hietzinger Hauptstraße zwischen Mantlergasse und Testarellogasse / Schrutkagasse
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Orte Ober-St. Veit, Unter-St. Veit und Hietzing zusammenwuchsen, entstand entlang der Hietzinger Hauptstraße, zuerst von Hietzing und der Verbauung der ehemaligen "Neuen Welt"-Gründe ausgehend, eine Reihe von Gründerzeitvillen repräsentativen Charakters. Sie bildeten mit einigen damals bereits bestehenden Adelsvillen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortschreitend bis Unter-St. Veit eine zusammenhängende Verbauung in offener Bauweise. In Unter-St. Veit besteht heute zwischen Münichreiterstraße und Verbindungsbahn eine geschlossene Häuserzeile.
Die Fläche zwischen Verbindungsbahn und Ober-St. Veit blieb bis gegen 1900 mit wenigen Ausnahmen unverbaut und wurde als Weide- bzw. Ackerland genutzt. Um 1880 plante man auf diesem Gebiet - zwischen Hietzinger Hauptstraße und Auhofstraße - einen ausgedehnten Marktplatz, zu dessen Verwirklichung es jedoch nie kam.
Zwischen 1900 und 1910 wurden an beiden Straßenseiten der Hietzinger Hauptstraße mehrgeschoßige Miethäuser errichtet; sie bilden bis heute einen zum großen Teil geschlossenen Zeilenverbau.
Fast scheint es so, als ob der aus Geldmangel nur auf begrenzten Strecken ausgeführte Plan Otto Wagners, entlang des Wientales vom Naschmarkt bis Schönbrunn einen Boulevard mit großstädtischem Flair anzulegen, in diesem Bereich der Hietzinger Hauptstraße in bescheidenerer Form Wirklichkeit geworden wäre.
Zwischen Mantlergasse und Testarellogasse/Schrutkagasse erfolgte stadtauswärts auf der linken Seite der Hietzinger Hauptstraße diese Verbauung lückenlos; auf der rechten Seite besteht zwischen den Nummern 118 und 124 eine Reihe von freistehenden Bauten. Die Mietvilla in der Hietzinger Hauptstraße 124, ein außen mit vornehmer Zurückhaltung im französischen Barock gestalteter, mit Eckrisaliten versehener Bau, wurde 1911 von Leodegar Slovák errichtet. Die komfortablen, mit zwei bis drei Wohnräumen ausgestatteten Wohnungen weisen Grundflächen zwischen 100 m2 und 150 m2 auf. Das Haus wurde 1998 adaptiert (u. a. Balkonvergrößerungen, Dachausbau). Die Häuser mit den Nummern 124a bis 130 bilden wieder eine geschlossene Zeile.
In dem Haus Hietzinger Hauptstraße 114 starb der Maler Egon Schiele (geb. 12. 6. 1890, gest. 31. 10. 1918); sein Atelier, in dem er zwischen 1912 und 1918 arbeitete, befand sich im letzten Stock des gegenüberliegenden Hauses Hietzinger Hauptstraße 101.
Die ursprünglich als Mietobjekte errichteten Häuser weisen in der Regel vier Geschoße auf und sind zumeist mit großzügig dimensionierten Wohnungen ausgestattet. Im Souterrain wurden neben den üblichen Kellerräumen häufig auch Geschäftslokale eingeplant. Die Straßenfassaden mit ihren historistischen und teilweise secessionistischen Details entsprechen in ihrer aufwendigen Gestaltung zumeist den inneren Gebäudestrukturen.
Der Straßenzug wird von lebendig gestalteten Hauswänden begrenzt; eine in diesem Bereich noch vorhandene durchgehende Allee von Robinien und Ahornbäumen trägt zum gehobenen Charakter dieses Bereiches der Hietzinger Hauptstraße bei.
Beispiele für den Zeilenverbau an der stadtauswärts linken Straßenseite
Hietzinger Hauptstraße 97
Hietzinger Hauptstraße 115
Dachgeschoßausbau
Beispiele für den Zeilenverbau an der stadtauswärts rechten Straßenseite
Hietzinger Hauptstraße 106
Hietzinger Hauptstraße 124a
Hietzinger Hauptstraße 126
Hietzinger Hauptstraße 126a
Hietzinger Hauptstraße 138
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