Alt-Wiener Krippenspiele und Krippenspieler

Das traurige Ende des Lerchenfelder Krippenspiels – Der Betrieb dieses „Kripperltheaters“ – Wer hat das Krippenspiel nach Wien gebracht?
23.12.1924

Von den Alt-Wiener Krippenspielen, die seit Beginn des 18. Jahrhunderts quellenmäßig nachweisbar sind, hat sich, wie Dr. Emil Blümmel in der Urania kürzlich ausführt, nur das Krippenspiel der Unternehmer Schönbrunner-Kollarz-Baumann, kurz das „Lerchenfelder Krippenspiel“ genannt, fast bis zu Beginn des Weltkrieges erhalten. Alle andern sind sang- und klanglos verschwunden, so dass es kaum möglich ist, über sie von älteren Leuten etwas Näheres zu erfahren.

So bestand in den siebziger und achziger Fahren des 19. Jahrhunderts in der Stumpergesse 40, dann 54, ein Marionettentheater, dessen Besitzer Josef Mayer auch Krippenspiele aufführte. Solche bestanden ferner in der Theresiengasse zu Währing, im Gasthaus „Zum Adler“ in Meidling und in der Embelgasse 20 in Margareten. Im Jahre 1833 gelangte im Keller des Hauses Neustiftgasse 26 das schon erwähnte Lerchenfelder Krippenspiel zur Eröffnung. Sein Begründer war der akademische Maler Karl Schönbrunner aus Mariahilf, der sich Figuren, Dekorationen und Schaubühne selbst herstellte und großen Zulauf fand. Im Jahre 1877 übernahm der Volkssänger Kollarz das Theater und führte es zuerst mit seiner Frau Marie, später mit der Varietédirektrice Paula Baumann erfolgreich weiter. Ein schweres Leiden nötigte ihn im Jahre 1913 das Krippenspiel einzustellen, das auch durch Paula Baumann keine Neueröffnung erlebte. Es fiel der Vernichtung anheim und seine Figuren, Dekorationen und Maschinen wurden bis auf geringe Reste als Brennmaterial verwendet, an dem Wien im Jahre 1920 so großen Mangel litt. Bedauerlich ist, dass die Gemeinde Wien ein so eigenartiges Stück Alt-Wiener Kulturgeschichte nicht käuflich erwarb, zumal der damalige Kaufpreis non 600 bis 1000 Kronen sicherlich kein hoher war.

Die Einrichtung des Krippentheaters war äußerst primitiv. Es enthielt eine Anzahl von Bänken, auf denen man für 10 bis 30 Kreuzer Platz nehmen konnte, während die Stehplätze nur 10 Kreuzer kosteten. Jene Figuren auf der Bühne, die etwa 1 Meter hoch und 1 1/2 Meter breit war, die von unten geleitet wurden, liefen der Quere nach auf zwei kleinen Rädern in drei Einschnitten des Bühnenbodens und wurden von zwei Buben für 10 bis 15 Kreuzer bedient. Jede Umdrehung der Räder verursachte durch Drähte, die mit den Arm- oder Fußgelenken der Menschen oder Tiere verbunden waren, die notwendigen Bewegungen. Von unten wurden nur die Hauptfiguren geleitet, während man die übrigen entweder von oben oder von der Seite her dirigierte. Die Figuren selbst waren 15 bis 20 Zentimeter hoch und aus Gips, Wachs oder Papiermaché hergestellt. Sie waren schön bekleidet, bis auf Adam und Eva, die blauseidene Schwimmhosen trugen. Die Seitendekorationen und der Hinterprospekt wurden öfters gewechselt. Der Text lehnte sich an das Alte und Neue Testament an, folgt manchmal den Apokryphen und zeigt in freier Nacherzählung auch manchmal Zusätze. Die Wiener Krippenspiele bevorzugten mehr das Alte Testament, während zum Beispiel Egerer, Steyrer und Traismaurer Spiele sich vom Bibeltext losgelöst haben, volkstümliche Figuren auftreten lassen und Liedereinlagen aufweisen. Das Lerchenfelder Krippenspiel umfasste 28 Bilder und ein Nachspiel. Die Vorstellungen fanden an Wochentagen nachmittags einmal, an Sonn- und Feiertagen zwei- bis dreimal statt, so groß war der Andrang. Nach dem geistlichen Krippenipiel folgte gewöhnlich ein weltlicher Teil, genannt „Die vier Jahreszeiten“ oder „Die 12 Monate des Jahres mit ihren bunten Abwechslungen und natürlichem Treiben“, ein Wandelbild mit einer Jagdszene am Schluss, in der geschossen wurde. Die Musik in den Zwischenspielen sollte auf die Bilder vorbereiten und sie musikalisch illustrieren, was aber nicht immer gelang. Sie sank meist zu einem Potpourri herab, das die neuesten Schlager verwertete.

Wer das Krippenspiel zuerst nach Wien gebracht hat und wie die ersten Krippenspieler geheißen haben, wissen wir nicht. Sicher gehörte aber das Unternehmen der Barbara Müller mit zu den ersten, deren Besitzer mit ihren Namen genannt werden, denn als ihr Krippenspiel im Jahre 1806 verkauft wurde, hieß es, dass es schon 55 Jahre bestünde, also seit 1761, wahrscheinlich über schon seit 1748. Die meisten Wiener Krippenspieler sind ihrem Berufe nach Handwerker und Gewerbetreibende und nur selten Schauspieler. Die bürgerlich sesshaften Spieler fanden wohl auch mehr Gnade vor den Behörden, da man annehmen konnte dass ihr Verhalten kein Ärgernis geben werde.

Außer dem bekanntesten Alt-Wiener Krippenspiel der „Frau Godel“ (Barbara Müller) „zum goldenen Adler auf dem Strozzengrund“, das Johann Lang und Sedelmayer erfolgreich weiterführten, gab es solche Spiele auch in der Weihburg-, Rauhenstein-, Schottengasse und unter den Tuchlauben, „beim weißen Stern“ in Mariahilf, in Sonnhof in Margareten, „beim roten Igel“ und „zu den fünf Lerchen“ auf der Wieden und auch in der Leopoldstadt.

Nunmehr sind die letzten Krippenspiele dem Siegeslauf des Kinos zum Opfer gefallen. Uns dünken jedoch die individuellen Züge des Kunsthandwerks liebenswürdiger und der Erhaltung würdiger, als das vielfach schablonenhafte Einerlei der Kinos, deren Vorläufer die Krippenspiele in mancher Hinsicht gewesen sind.

Quellen:
Reichspost vom 23. Dezember 1924

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im Dezember 2025