Krippenspiele im alten Wien
Von Karl B. Jindracek
03.01.1937
In vergangenen Zeiten gab es in Dorf und Stadt einen heiligen Wetteifer, die schönste weihnachtliche Krippe zu haben und die schaffende Phantasie des einfachen Mannes aus dem Volke wie das Genie des großen Künstlers waren gemeinsam in immer neuer Gestaltung tätig. Dadurch entstanden nicht nur Darstellungen des Weihnachtsmysteriums allein, sondern allmählich ein Nebeneinander von biblischen Szenen, die wohl mit der Krippe in keiner direkten Verbindung waren, aber doch der biblischen Geschichte entnommen, für die religiöse Vorbereitung und Einführung des Gesamtspieles dienten. Waren, bisher die Figuren des plastischen Krippenbildes wohl einzeln, aber doch unbeweglich, so war es der Einfallskraft des einzelnen ein leichtes, nunmehr Leben in die unbeweglichen Darsteller zu bringen. Paul von Stetten berichtet 1779 in seiner Kunstgewerbe- und Handwerksgeschichte der Stadt Augsburg von „lebendigen Krippen“ mit beweglichen Bildern und 1793 sieht der französische Reisende Josef Gorani bei. dem Buchhändler Torres in Neapel eine Krippe, die eine Reihe von prächtig ausgestatteten Szenen in reizenden Landschaften darstellte und als Beiwerk wandelnde Mönche und marschierende Soldaten, eine Prozession u. dgl. enthielt. Der Berichterstatter meldet hiezu noch, dass er ähnliche Krippen an vielen Orten, besonders schöne aber auch in Wien gesehen habe. Die ursprünglich starre Darstellung wird nun lebendig, nähert sich so dem Theater, wird zum eigentlichen Krippenspiel! Das Wiener Diarium berichtet im Jahre 1716, dass in der Pfarrkirche im Lichtental „ein sehr schönes Krippelein bis künftiges Lichtmessfest zu sehen sei, in welchem neben einer hochspringenden Wasserkunst, Fischteich und durchs Wasser getriebene Stampfmühlen, ein aus dem Gewölk mit dem ,Gloria in excelsis Deo‘ herabfliegender Engel und allerhand andere sich bewegende Figuren, auch alle Geheimnussen der Kindheit Christi durch den Lichtschatten künstlich vorgestellet werden.“ Solche mechanische Krippen tauchen nun nacheinander auf und waren in Wien käuflich zu erwerben. Gewerbsmäßige „Krippenverschleißer“ hielten zur Weihnachtszeit ein reiches Musterlager von Krippenfiguren und allerlei Zugehör „Am Graben“, später „Am Hof“ feil; das war der alte „Kripperlmarkt“, der nachmalige „Christkindlmarkt“! Dass besonders kunstvoll gebaute Krippenspiele von geschäftstüchtigen Schaustellern nur gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld gezeigt wurden, liegt auf der Hand. Und damit nähern wir uns schon der Theaterform dieser Spiele! Die in Wien ansässigen Marionettenspieler bemächtigten sich dieses neuen Stoffes als willkommene Abwechslung und boten ihrem Publikum in der Nachformung der alten geistlichen Spiele nunmehr auch das Krippenspiel! Damit kann man sich, wie Ludwig Böck richtig definiert: „Das Krippenspiel als den letzten Ausläufer in absteigender Linie der alten geistlichen Spiele vorstellen oder als die lebendig gewordene Weihnachtskrippe, je nachdem man den theatralischen oder den künstlerischen Einfluss höher einschätzt. Von ersterem hat es jedenfalls die Ausdehnung der dargestellten Handlung auf Geschichten des Alten Testaments, von letzterem die Pracht der Ausstattung und die Vorliebe für malerische Wirkung.“ Diese beiden Einflüsse, die sich nunmehr im Puppenspiel vermischten, lassen sich auch in den alten Volksspielen, wie sie besonders in unseren Alpenländern als „Weihnachts-Geburts-Christi- und Dreikönigsspiele“ dargestellt wurden, nachweisen. Volksdichtung und Volkslied schufen hier Werke, die von den Tiefen gläubiger Volksseele beredtes Zeugnis geben! In diesem Zusammenhang mögen genannt werden: das Krippenspiel in Steyr, das Traismaurer und das St. Pöltner Krippenspiel. Letzteres wurde in seiner ursprünglichen Gestaltung zur Weihnachtszeit heuer im Wiener Volkskundemuseum in der Laudongasse aufgeführt.
Doch nun zu den Wiener Krippenspielern, die eine immerhin beträchtliche Gemeinde bildeten. Über die Namen der ersten Krippenspieler und wer in Wien zuerst das Spiel eingeführt haben mochte, weiß uns die Geschichte leider nichts zu berichten. Da immerhin ein guter Verdienst dabei herausschaute, vermehrten sie sich allmählich und der Staatssäckel verdiente an den Privilegien und Steuern auch gut. In den Wiener Vorstädten waren die Marionettentheater am häufigsten zu finden und hatten ihre eigenen Besonderheiten an Ausstattung und Darstellung. Zu den ältesten und man kann ruhig sagen, berühmtesten Krippenspielen gehörte das in der Lerchenfelderstraße 48 – am Strazzigrund – gelegene der Strumpfwirkerswitwe Barbara Müller. Als Eröffnungsjahr kann 1748 angenommen werden und das Krippenspiel „Beim goldenen Adler“, wie das Haus im alten Lerchenfeld hieß (heute ist der „Alfonshof“ daraus geworden), erlangte eine Volkstümlichkeit, wie sie keines seinerzeit und später mehr erlangte. Die Besitzerin erhielt im Volksmunde ob ihrer Wohltätigkeit, ihrer Beliebtheit bei den Kindern und Erwachsenen das Ehrenwort echten Wiener Biedersinnes: Frau Godl! Barbara Müller wurde also zur „Godl von Wien“ und am ersten Adventstag – dem Beginn der Krippenspiele – drängten sich die Wiener Kinder an die Eltern mit der Bitte: „Wann geh ma zur Frau Godl?“ Welche hohe Kreise selbst mit den Darbietungen der Frau Godl erfasst worden sind, zeigt eine Ankündigung in der „Wiener Zeitung“ vom Jahre 1774, wo es heißt:
„Es wird allen hoch- und niedern Standes resp. Liebhabern zu wissen gemacht: dass mit Bewilligung einer hohen, geist und weltlichen Obrigkeit, die durch verschiedene Jahre bei dem k. k. Hofe produzierte Krippe vom 4. Dezember an bis zu Ende der Fastnacht täglich um 2 Uhr, an Sonn- u. Feiertagen aber etwas später angefangen und bis späten Abend continuiert, im alten Lerchenfeld, beim goldenen Adler wird vorgestellet werden. Auch werden einige, noch nie gesehene Stücke zum Vorschein kommen, welche den (resp.) Zusehern vollkommenes Vergnügen verschaffen werden.“
Um dieses Vergnügen genießen zu können, musste selbstverständlich der Eintrittspreis bezahlt werden, der nach den Plätzen ein gestaffelter war. Auf dem ersten Platz zahlten die P. T. Standespersonen nach Belieben, das war also eine unkontrollierbare Einnahmequelle. Der zweite kostete 10, der dritte 7 und der vierte Platz 3 Kreuzer. Wenn man bedenkt, dass die Spiele nacheinander bis zum späten Abend gegeben wurden, ist die Wohlhabenheit der „Frau Godl“ durchaus begreiflich.
Nun zum Spiel selbst: Die Figuren sprachen bei der Frau Godl nicht mehr; wie Eipeldauer in einem seiner Briefe bemerkt, „explizierte ein Bue im Krippenspiel den Zuschauern die ganze Scen'“. Das Hauptgewicht wurde auf die mechanische Vorrichtung verwendet und je mehr Maschinerien ein Krippenspiel aufzuweisen hatte, desto zugkräftiger war es. Dadurch wurden szenische Wirkungen erreicht, die mit der prächtigen Ausstattung der Bühne und Kostüme, ein schönes Gesamtbild gaben. Das Spielprogramm, die Folge der einzelnen Bilder, war bei der „Frau Godl“ ziemlich gleich mit dem der anderen Krippenspiele. Mit der Erschaffung, der Welt begann es und hörte mit der Zerstörung Jerusalems auf. Ein so reichhaltiges Programm spannend und eindrucksvoll zu gestalten, war sicher keine Kleinigkeit und bedurfte großer Effekte. Und es hatte auch jede Szene, wie uns berichtet wurde, ihren „Schlager“, wie man heute sagen würde. Beim Schöpfungswerk gefielen die Lichtwirkungen, das Aufgehen der Gestirne, das Emporsprießen von Blumen und Bäumen, der rührende Auftritt von Tieren in friedlicher Gemeinschaft mit dem ersten Menschenpaar. Und dann kam das Paradies! Da war es die bewegliche Schlange, die besonders bei den kleinen Zusehern Angst erweckte. Und erst die Sündflut! Ein richtiger Wasserregen prasselte hernieder, begleitet von Donner und Blitz; versöhnlich dann das Bild der durch die Arche Geretteten. Aller Lärm wurde aber erschütternd angewandt, als es galt, Sodom und Gomorrha „untergehen“ zu lassen! Die Feuermassen stürzten aus den dunklen Wolken und die feurige Flut (in diesem Falle war es brennendes Harz) ergoss sich über die sündige Stadt. Vieles wäre da noch zu berichten; besonders von den eigentlichen Krippenszenen, unter denen die der Anbetung der Heiligen Drei Könige am prunkvollsten zu nennen wäre. Das Schlussbild: die Zerstörung Jerusalems war für die empfängliche Jugend ein gewaltiges Erlebnis! Blitz und Donner, Pulver und Feuer schufen hier einen eindrucksvollen Abschluss. Zur Draufgabe wurden schließlich noch die zwölf Monate mit ihren Naturerscheinungen, den Arbeiten der Menschen in Feld und Wald prächtig dargestellt. Malerische Szenerien und mechanische Kunstleistungen gaben zusammen ein herrliches Bild der Jahreszeiten! So, war also das Krippenspiel bei der Frau Godl. Mit einigen Abweichungen, vielleicht auch nicht mit so einem großartigen Maschinenaufwand, betrieben – in dem von den Puppenspielern offenbar bevorzugten Lerchenfeldergrund, jenem Teil zwischen Mariahilferstraße und der Lerchenfeldertraße –, auch andere Krippenspieler ihr Geschäft. Da war eines beim „Fasan“ in Neustift, dann auf dem Neudeggergrund, beim „Weißen Lamm“ in Mariahilf und beim „Blechernen Turm“ in der Mariahilferstraße. Sogar ein französischer Puppenspieler, Monsieur Pierre, hatte – natürlich in französischer Sprache – ein Krippenspiel. Später erstanden auch in den anderen Vorstädten Wiens Krippenspiele, die jedoch nie so lokale Bedeutung wie das der „Frau Godl“ erlangten. Mit der Zeit schlich sich in diesen schönen Spielen aber die Zote ein; man glaubte einem Publikum nur dann zu gefallen, je anzüglicher der Witz und je schärfer die Satyre war. Die Polizeizensur richtete nun auf die Krippenspiele ein besonderes Augenmerk und war auch in der Erteilung der Konzession sehr strenge.
Die gute „Frau Godl“ aber war durch Erblindung genötigt, den Betrieb ihres berühmten Krippenspieles anderen zu übergeben und sie verkaufte es schließlich 1787 dem Kaffeesieder Lang, der die Vorführungen in das Nachbarhaus an der nämlichen Straße neben dem Kaffeehaus am Strozzischen Grund verlegte. Lang behielt auch den Firmennamen der „Frau Godl“ und führte es in deren Tradition gut weiter. Die Trägerin des Namens aber, die innig mit ihrem Werke verbunden war, überlebte die Trennung nicht lange. Schon drei Jahre später starb sie 78jährig und die große Beteiligung an ihrem Leichenbegängnis bewies, dass mit ihr die beliebteste, und berufenste Krippenspielerin Wiens geschieden war ... 1803 folgte ihr der neue Besitzer Lang ins Grab nach und Josef Schweger übernahm das Krippenspiel der „Frau Godl“. Bereits aber 1806 gelangte die ganze Einrichtung zum gerichtlichen Verkauf. Einen Teil der Maschinerien erwarb Maximilian Sedelmayer, der im Hause „Zum Hofstaat“ (heute Siebensterngasse 33) wieder unter dem Firmennamen der „Frau Godl“ deren Tradition fortführte. Zeitgenössischen Berichten zufolge war das Spiel würdig der Vergangenheit; doch die Tragik seines unrühmlichen Endes verdient aufgezeigt zu werden! Die Kinder, bzw. die Enkelkinder führten den Betrieb des Krippenspieles bis 1850 weiter. Ludwig Böck, der mütterlicherseits mit dem Gründer bekannt war, berichtet, dass das ganze Spiel mit allem Zubehör einer jüngeren Schwester seiner Mutter, die mit ihrem Gatten sich dem großen Auswandererzug in die neue Welt im Jahre 1848 anschloss, 1850 nachgesandt wurde. Man hoffte, der schwer kämpfenden Familie im Ausland damit eine neue Erwerbsquelle zu bieten. So trat das alte Wiener Krippenspiel seine Reise über das Weltmeer an. Als die seltsame Fracht in St. Louis, dem Bestimmungsort antraf, waren die Adressaten nicht wenig erstaunt und vor allem nicht erfreut über diesen unangemeldeten Besuch der Heimat! In Amerika war keine Aussicht, das Krippenspiel vor Kindern zu zeigen, weil es wenige gab, und die Großen ganz im Kampf um das Erwerbsleben aufgingen. Und nun kam der traurige Abschluss: die Annahme der Sendung wurde verweigert (wahrscheinlich wegen der hohen Fracht- und Zollkosten) und kurzerhand die ganze teure Kulturfracht in den Mississippi geworfen ...
Doch das Krippenspiel in Wien starb damit noch nicht aus. Hatte es doch sogar in der Inneren Stadt in der Weihburggasse, dann auf der Wieden beim „Roten Igel“, in Meidling, Mariahilf und Währing noch seine mehr oder minder guten Pflegestätten. Auf dem Ulrichsplatz hatte der Zimmermaler Karl Schönbrunner im Jahre 1835 ein neues Krippenspiel eröffnet, das im wesentlichen das von älteren Krippenspielen überkommene Programm beibehielt. Das Geschäft ging gut und brachte das „Lerchenfekderkrippenspiel“, wie es genannt wurde, zu hohem Ansehen. Wie einst zur „Frau Godl“ kamen auch in das einfache Kellergewölbe des Durchhauses Neustiftgasse 26, Lerchenfelderstraße 23, selbst der Hochadel! und es schien, als ob das Krippenspiel in Wien eine Wiedererweckung feiern würde. Bis zum Jahre 1877 führte Schönbrunner sein Werk, dann übergab er es dem Volkssänger Adolf Kollarz, der es mit Erfolg weiterführte. Mit seiner Gattin Marie, einer Pianistin, die auch die Musik während der Aufführungspausen bestritt, hatte er aber weniger Glück. Sie verließ ihn und 1908 trat Paula Baumann, eine Varietédirektrice, dem Unternehmen als Teilhaberin bei. Sein siecher Zustand zwang Kollarz im Jahre 1913, den Betrieb des Krippenspieles einzustellen. Dann kam der Weltkrieg und kein Mensch dachte mehr an das Krippenspiel und seinen langjährigen Betreuer. 1915 wurde Kollarz von der Weltbühne in die himmlischen Gefilde abberufen, die er in Miniatur so oft der Kinderwelt dargestellt hatte. Paula Baumann, die nunmehrige Alleininhaberin des „Lerchenfelderkrippenspieles“ eröffnete es – verärgert durch die starke Konkurrenz der Kinotheater und die allgemeine Not – nicht mehr. Das ganze Krippentheater, mit allen seinen wertvollen Maschinerien, Figuren, Szenerien, wanderte auf den Dachboden, wurde altes Gerümpel und – so traurig es auch klingen mag – im Notwinter 1920 willkommenes Brennmaterial! Von dem schönen Spiel blieb außer dem Text, den in dankenswerter Weise die verdienstvollen Alt-Wiener Forscher Gugitz und Blümmel in ihrem Werk „Alt-Wiener Krippenspiele" Herausgaben, und dem Dekorationsstück „Auge Gottes“, das über der Bühne angebracht war, nichts Wesentliches der Gegenwart erhalten. Und der Raum, der 80 Jahre hindurch so viel strahlendes Kinderglück sah, ist heute ein Magazin, des Hauses Lerchenfelderstraße 23. Das Durchhaus ist mit dem Abbruch des alten Gebäudeteiles in der Neustiftgasse verschwunden. Paula Baumann, die letzte Besitzerin des Lerchenfelder Krippenspieles, ist vor einigen Jahren hochbetagt auch schon gestorben.
Bei meiner Wanderung auf den Spuren des Alt-Wiener Krippenspieles konnte ich aber noch einen von der letzten Garde, vielleicht den ältesten Puppenspieler Wiens, finden und sprechen. Es ist der heute 76jährige Malermeister Georg Niedermayer, der bei voller geistiger Regsamkeit mir aus seinen reichen Erinnerungen erzählte. Über 25 Jahre führte er ein eigenes Marionettentheater und war beim Lerchenfelder Krippenspiel noch als Gehilfe tätig. Niedermayer ist aber mehr als ein bloßer Puppenspieler, viele hunderte lebenswahre Puppen schnitzte er mit virtuoser Geschicklichkeit selbst und versah sie mit einem wunderbaren Mechanismus. Seit seinem 14. Lebensjahre ist er bei den lebenden Puppen und hat mit seiner Kunst tausende Kinderherzen froh gemacht. Heute ist er, wie das Krippenspiel selbst, ein Vergessener und lebt mit seiner großen Familie in äußerst dürftigen Verhältnissen ...