Ein Besuch im Altlerchenfelder Krippenspiel

Von Karl Gebhardt

Im „Edelhaimb-Haus“ in der Neustiftgasse war heut ein großes Aufsehen. Stellt euch doch vor: Der Tischlermeister, der Kienast, der Herr von Kienast, ist mit seiner ganzen Familie ins Krippenspiel und hat dem Hausmeister den Wohnungsschlüssel übergeben, „im Fall was vorkommt.“ Der Kienast kann ruhig sein; es wird nichts vorkommen; der alte Schücktanz lasst niemand ins Haus hinein, der nicht hineingehört.

Das muss ja was ganz Besonderes sein, was man jetzt im Altlerchenfelder Krippenspiel zu sehen kriegt, wenn der Herr Kienast auf sein Mittagsschlaferl und sein Kaffeehaus verzichtet! Ja, gar der Hausherr, der Herr von Edelhaimb, der Hendelkramer, war am vorigen Donnerstag dort und er hat die Vorstellung über den grünen Klee gelobt: die neue Ausstattung, die schönen neuen Figuren! Und der jetzige Eigentümer des Theaters, der Kollarz, gibt gar ein jedesmal „Die Jahreszeiten“ drauf, wie früher einmal die Frau Godl in der Siebensterngasse!

Das Altlerchenfelder Krippenspiel ist in dem Durchhaus untergebracht, das von der Neustiftgasse Nr. 26 auf die Lerchenfelderstraße Nr. 23 führt. Hier wie dort ist in der halben Höhe des ersten Stockwerks gleich neben dem Tor ein lebensgroßer, mit Ölfarbe bunt bemalter Engel angebracht, der ein faltiges, weißes Band mit der Aufschrift „Krippenspiel“ in Händen hält. Der lange, schmale Hof und ein dunkler Gang sind durchschritten, der Eintritt ist bezahlt: Wir sind im Theater.

In dem nicht besonders großen Zimmer sind sanft ansteigende Bretterlagen, die „Pablatsche“ eingebaut, so dass gerade noch das Klavier und eine Reihe Sessel auf ebenem Boden stehen. Die anderen „Sitze“ befinden sich auf ganz einfachen Bänken ohne Rückenlehne; sie sind nur längs der Wände zugänglich. Die Bühne, etwa einen Meter hoch und eineinhalb Meter breit, ist gegenüber der Tür; zur Rechten sind zwei Fenster, die während der Vorstellung mit Spalettläden geschlossen werden.

Da sitzen nun die Kienastischen auf dem „noblen“ 10-Kreuzer-Platz: der Herr, die Frau, die Wetti, der Karl, der Julius, die Sophie, der Gustl – nur Geduld! die Aufzählung ist noch nicht fertig – das Dienstmädel, die Ottilie, die Köchin, die Resi, und die zwei Lehrbuben, der Schorschl und der Rudi. Die Ottilie und die Resi sitzen auf dem 6-Kreuzer-Platz, die Lehrbuben auf dem dritten Platz, der 4 Kreuzer kostet. Der Saal ist auch diesmal bummvoll wie gewöhnlich, so dass kein Apfel zur Erde fallen kann. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Vorstellungen nur vom Advent bis zu den Faschingstagen dauern und doch jeder gebildete Mensch das „mit großen Kosten neu ausgestattete Krippenspiel“ gesehen haben muss, das schon zur Zeit Maria Theresias unter den „Wiener Ergötzlichkeiten“ aufgezählt wird – und jetzt schreiben wir 150 Jahre später.

Ein kurzes Vorspiel und – der Vorhang geht auf. Aber – nicht gleich: Er spießt sich heute wieder einmal beim Aufziehen. Nun, das soll auch schon im großen Theater vorgekommen sein. Und jetzt ist der Vorhang wirklich oben und – ein Engel tritt auf. Ein lieber, herziger, pausbackiger Engel. Er hält eine schöne Ansprache und bereitet die Versammlung auf die wunderbaren Dinge vor, die gleich kommen werden. Und sie kommen richtig!

Zuerst die Geschichte des Alten Testaments: die Erschaffung der Welt, das Paradies, der Sündenfall, Kain und Abel, die Sündflut, die Auserwählung des Abraham, Sodom und Gomorrha, Isaaks Opferung, Jakobs Flucht, Josef wird von seinen Brüdern verkauft, Josefs Erhöhung, Moses wird aus dem Wasser gezogen, der brennende Dornbusch, der Durchgang durch das Rote Meer, der erste Aufenthalt in der Wüste, der Einzug in Jericho, Absalons Strafe, Elias, Daniel in der Löwengrube. Dann das Neue Testament: von der Verkündigung der Geburt Jesu bis zur Himmelfahrt.

Als Draufgabe „Die Jahreszeiten“. Und alles das um so ein Spottgeld! Alle, alle sind heute wieder auf ihre Kosten gekommen, die Großen wie die Kleinen; alle haben die Wunder angestaunt, haben sich gefürchtet, geweint, gelacht und das Klavierspiel bewundert. Schon am dritten Schöpfungstag, an dem sich Erde und Meer voneinander scheiden, die Blumen, Kräuter emporwachsen, waren die ersten lauten Beifallsrufe zu hören; denn das Wachsen der Pflanzen war wirklich zu sehen, ja, die Bäume kamen gleich ganz ausgewachsen hervor. Am vierten Tage leuchteten die himmlischen Lichter, Sonne, Mond und Sterne, in den herrlichsten Farben; und gar am sechsten Tage waren alle Tiere, die es nur gibt, mitsamt Adam und Eva zu sehen. Alle lammfromm und verträglich.

Gar, wie die ersten Menschen im Paradies die erste Sünde begehen, überläuft es alle wie ein kalter Schauer: Die Schlange auf dem Apfelbaum bewegt sich wirklich; der Engel aber, der das unfolgsame Paar vertreibt, hat ein richtiges Flammenschwert. Und die Sündflut! Da kam zuerst die Arche Noah auf dem Meere dahergeschwommen. Und dann sind die Tiere paarweise in die Arche hineinmarschiert: zwei Elefanten, zwei Kamele, zwei Löwen, zwei Tiger, zwei Giraffen, zwei Strauße, zwei Esel, zwei Kinder, zwei Hirsche, zwei Rehe usw. Und auf einmal ist’s finster worden; es hat angefangen zum Blitzen und zum Donnern und hat schier nicht mehr aufgehört. Und jetzt hat’s geregnet! Wasser geregnet! Wirkliches Wasser! Denen in der ersten Reihe sind auch etliche Tropfen ins Gesicht gespritzt! Und das Meer ist immer höher und höher gestiegen, und die Arche Noah ist vom Sturm nur so hin und her „geschupft“ worden...

Endlich ist’s wieder licht worden, das Meer hat sich beruhigt, und der siebenfärbige Friedensbogen ist am Himmel erschienen. Noah ist aber mit den Seinen aus der Arche gestiegen; er hat die Weinlese gehalten und die Trauben gekeltert.

Beim Untergang von Sodom und Gomorrha ist brennendes Kolophoniumfeuer vom Himmel gefallen. Josefs Einzug geschah in einem prachtvollen, von sechs Schimmeln gezogenen Staatswagen, wie in Wien noch keiner zu sehen war. Josef selber trug purpurne golddurchwirkte Kleider, ein goldenes Diadem schmückte sein Haupt, und eine goldene Ehrenkette hing von seinem Hals herab. Der brennende Dornbusch brennt wirklich, in der Wüste fällt wirkliches Manna herab, und die Mauern Jerichos fallen, wie erst die Trompeten zu blasen anfangen, gerade so um, als wenn sie sie aus echten steinernen Bausteinen erbaut wären. Und wie fein nur der Absalon am Baum hängen geblieben ist – mit seinem gelben Haarschopf! Ein Glück noch, dass sie ihm das Ross mittels eines Schnürls so schnell davongezogen haben: Fast wäre der Baum umgerissen worden.

Vom Neuen Testament gefielen am besten die Verkündigung der Geburt Christi, bei der die Hirten auf echten, ganz kleinen Schalmeien bliesen, und die Gefangennahme des Heilands, als Petrus dem Malchus, dem Knecht des Hohepriesters, mit einem gleichfalls echten Schwert das rechte Ohr abtrennt. Die Jahreszeiten haben mit einer Schlittenfahrt im Jänner begonnen. Wieder alles naturgetreu, vom Stürmen und Schneien angefangen bis zum Schlitten und den Glöckerln, die an den Pferdegeschirren angebracht waren und wirklich geläutet haben. Im Februar stürmt und schneit es noch immer, nur daß auf dem Klavier jetzt statt einer Polka ein Walzer gespielt wird. Im März brausen die Gießbäche, und Holzstämme werden zu Tal geschwemmt, im April wechseln Regen und Sonnenschein, im Mai schlagen die Bäume aus, und der Kuckuck ruft aus dem Wald; der Juni bringt die Heuernte und ein Gewitter. Im Juli und im August erleben wir die Getreideernte; hierauf erfolgt im September die Obsternte und im Oktober die Weinlese. Der November führt die Allerseelenfeier vor, im Dezember wohnen wir dem Weihnachtsfest bei; das Christkindl erscheint mit einem herrlichen Christbaum, und den Schluss der Jahreszeiten macht – eine Hirschjagd, bei der wirklich ein Hirsch geschossen wird. Im ganzen Zimmer ist der Pulverrauch zu spüren.

Anderthalb Stunden hat die Vorstellung gedauert. Alle haben sich gut unterhalten. Sogar der Herr „von“ Kienast ist nicht mehr ungehalten darüber, dass sie ihn diesmal „drangekriegt“ haben.

Und seine Kinder? Die bitten ihn jetzt schon, dass sie, wenn das neue Jahr vorüber ist und sie brav waren, wieder ins „Krippelspiel“ gehn dürfen.

Quellen:
Aus Deutsche Weihnachten – Eine Auslese von Gedichten, Erzählungen und Spielen, herausgegeben von Karl Lustig, Wien 1922

Übertragen von hojos
im Dezember 2025