Hans Watzlik
Von Robert Hohlbaum
Es sind fast auf den Tag genau sechzehn Jahre her, dass sich mir der Name unauslöschlich zum ersten Male einprägte. Er stand auf dem Buche, das den Titel „Im Ring des Ossers“ trug. Ich kann den Eindruck heute nur mehr schwer wiedergeben. Ich schwamm in einer wundervoll rauschenden Flut, ich schritt durch das Wogen eines ungeheuren Waldes, Musik, Musik, aber keine, deren Ursprung man erkennt, rätselhaft, aus tiefstem Geheimnis stammend, Urlaut der Welt, geschöpft aus den Tiefen der Seen des Böhmerwaldes, herabgebannt aus der Unnahbarkeit des Urwalddaches, das den Wanderer, der durch dieses noch immer nicht erschlossene Land zieht, überwölbt. Bild auf Bild stürmte auf mich ein, voll unerhörter Farbenpracht, voll gewaltigsten Leuchtens; eines, das Bild der aufgehenden Sonne hat mich nie mehr verlassen: „Immer höher hob der Hohepriester Tag die Weltmonstranz zur Feiermesse“, schloss eine Novelle. Vor dieser – hier ist das so oft durch den Kot des Literaturcafés geschleifte Wort am Platz – vor dieser kosmischen Größe schwieg die Kritik, nur Bewundern und neidvolle Freude blieb übrig für den Städter, der wohl das Land seiner Jugend beständig „mit der Seele suchte“, aber es nur mehr als Fata Morgana romantischer Stunden wiederfand. Hans Watzlik ist – das hat er durch alle seine folgenden Bücher bestätigt – Heimatdichter. Aber welche Welten scheiden ihn von dem Wald- und Wiesentypus dieser Gattung! Gewiss, auch der landläufige Heimatdichter besitzt gemeinhin den Vorzug ehrlicher Liebe. Auch er schafft uns oft ein liebenswertes Bild dieser Heimat und lässt einen Klang seines Wälderwebens und Bachrauschens vor uns ertönen. Aber wie hoch steht Watzlik über diesen braven Dichtern! Er liebt die Heimat, mit einer Liebe, die keine Grenzen kennt, einer Liebe, die alle Phasen dieses vieldeutigen Wortes durchjubelt und durchlitten hat, die selbstsüchtig den Lebensodem des geliebten Wesens in sich saugt, die von ihm abgestoßen und wieder mit magnetischer Kraft zurückgerissen wird, einer Liebe, die hasst und unterjocht und wieder demütig kniet, die zwischen höchster Selbstbehauptung und tiefstem Untergeben schwankt, einer Liebe, die Kampf ist, herrlichster Kampf, wie das Toben der Elemente in der Gewitternacht, bis endlich Gott den Bogen des Friedens über das Land spannt, an dessen Farbenprunk sich jedes Auge erfreuen mag, das klare, reine, leuchtende Kunstwerk, die harmonische Vereinigung von Schöpfer und Geschaffenem.
Aber es war nicht nur eine einmalige, mit einem Werke ausgeschöpfte, gesättigte Leidenschaft, die Watzlik mit der geliebten Landschaft verband, es war eine Ehe, die bis ans Ende seiner Tage dauern wird. Der wilde Überschwang der ersten Glut sänftigt sich zu köstlicher Reife, hie und da kämpft er, sich freizumachen, immer wieder kehrt er zur Heimat zurück, immer wieder ist sie ihm neu und reizvoll an Klang, Gestalt und Leben. Den landläufigen Heimatdichtern wird die Heimat zur Welt, auch Watzlik. Aber diese Feststellung muss bei ihm ganz anders betont werden. Jene ummauern die Heimat, er reißt Mauern nieder, und das ganze Licht der Erde überflutet das enge Stück Landes, macht es zum Abbild der großen Welt, darin andere sich verlieren und vergehen. Er vergeht nicht, er sieht die unendliche Fülle in engen Raum gebannt, sieht sie wirklich, kann sie erfassen und umfassen, erkennen und verstehen. Das ist eine neue Art der Heimatdichtung, die mit der alten gar nichts mehr verbindet, als das Objekt. Er hat den Begriff Heimat erhöht, in die Sterne gehoben und hat so den Widerschein der Sterne in sein Werk gezwungen.
Der Roman, der den Novellen des Erstlingbandes folgte „Der Alp“ ist noch ganz Heimatgeschehen, wenn auch zu allgemein menschlicher Form erhöht. Der zweite, der im Krieg erschienene „Phönix“ setzt Johannes von Saaz, dem „Ackermann aus Böhmen ein Denkmal, baut aber aus dieser Gestalt und ihrer Umwelt ein grandioses Bild einer ganzen aufgewühlten Zeit. Watzlik, der menschlich Stille, in sich Gekehrte und Geklärte liebt diese Zeiten. Sein herrliches Epos des Bauernkrieges „Um's Herrgottswort“ ist eine Symphonie, deren vielfache Motive endlich in das Lutherlied: „Das Reich muss uns doch bleiben“ ausklingt. Der Roman „Aus wilder Wurzel“ macht eine Zeit lebendig, die mit der unseren furchtbare Ähnlichkeit besitzt, die Epoche nach dem Dreißigjährigen Krieg, und in der Urbarmachung des Böhmerwaldes durch harte Bauern gibt er ein Symbol aller Zeiten, denen die harte Notwendigkeit „aus wilder Wurzel“ urbares Land zu formen, ihr stählernes Signum aufdrückt. Sehen wir nicht hierin auf's klarste Watzliks Sendung bestätigt? Wächst nicht dieses Lokalgeschehen versunkener Zeit zum Typus auf? Ist nicht hier die Forderung unserer Expressionisten besser und schöner im Werke eines von ihnen über die Achsel angesehenen „Heimatdichters“ erfüllt, als in den Produkten des Hirns, das sie als einzigen Gott verehrten? Immer und immer wieder kehrt in seinen Werken dieser Optimismus wieder, in der erschütternden – in seinem Reclam-Auswahlband enthaltenen – Erzählung „Heilige Saat“, darin ein des Letzten beraubter alter Bauer die letzten Saatkörner sammelt zu neuem Säen und Bestellen des Bodens. Wer erkennt nicht in dieser ergreifenden Episode, ins letzte, einfachste Bild gedrängt und daher dem Letzten, Einfachsten verständlich, die Forderung unserer furchtbaren Zeit? Ihr ist dieser anscheinend fern dem Weltlärm Lebende auf's Tiefste verbunden. Sein berühmter Roman „O Böhmen“ war ein Weckruf, wurde überall so empfunden und hat seine traurige Rechtfertigung und Bestätigung in vielen, von angeblich Berufenen nicht vorgeahnten erfüllten Prophezeiungen gefunden. Ein Stück Walter von der Vogelweide steckt in diesem stillen Deutschen, die Not der Zeit hat ihm eiserne Klänge entlockt, die ihren Anlass kraft ihres dichterischen Wertes überdauern werden. Ich nenne nur den wundervollen Hymnus „Frühling im Böhmerwald 1919“. Dies allein schon zeigt, wie tief Watzlik mit deutschem Volkstum verbunden ist. Wie wunderbar lebt in der Stelle „Ach, werden tot nicht deine Lerchen fallen..“ der Traum Kriemhildens auf (vielleicht dem Dichter sogar unbewusst), wie schön einen sich hierin die Zeiten deutscher Not der Jahrhunderte zu einer großen, ununterbrochenen Melodie? Hier rühren wir vielleicht an das menschlich Tiefste und Schönste in Watzliks Brust. In dieser Zeit haben auch manche Andere Worte des Mitfühlens für ihr Volk gefunden, die heute längst sich vom Strom des Opportunismus, der unsere Heimat überschwemmt, nach fruchtbaren Gestaden tragen lassen. Mancher hätte dies gar nicht nötig, er ist unabhängig, niemand könnte ihn zwingen, vor unsern Unterdrückern (die sie noch immer trotz Mitregieren und lieblichen Friedensschalmeien geblieben sind!) sich zu beugen; der abhängige, im Land der Unterdrückung lebende Watzlik hat sich nicht gebeugt, ist derselbe geblieben, er, der stille, feine, gar nicht draufgängerische Mensch hat sich seiner stillen, seelischen Abwehrgeste nicht begeben, er lebt und schafft noch immer nach Eichendorffs rührendem Bekenntnis: „Denn anders sein und singen, das ist ein dummes Spiel!“
Diese selige Herzenseinfalt des großen Schlesiers zeigte sich – darauf ist sehr oft verwiesen worden – in seinem romantischen Roman „Schloß Weltfern“ und vor allem in seinem liebenswertesten und weichsten Buche, den „Abenteuern des Florian Regenbogner“. Eine reizvolle Wunderblume, steht dieses Wunderwerk als durchaus romantische Schöpfung am Tore der unromantischesten Epoche der Weltgeschichte. Aber um so süßer lockt ihr Duft, eine um so seligere, zartere Bangnis ist darüber gehaucht. Lieben wir den „Taugenichts“ mit einer ganz hellen, sonnigen Liebe, so haben wir den „Regenbogner“ mit einer schmerzvollen Sehnsucht ins Herz geschlossen. Silberner, rätselhafter Ausklang dort, hier ein schweres, düsteres Ende:
„Schwer und unabänderlich erhob sich in seiner Brust der Entschluss, in den Krieg zu ziehen. An finstere Abenteuer dachte er, Untergang und Nacht.
Er setzte den Dornstab heftiger vor sich.
Wohin die Wegfahrt, Mensch?
Keiner kennt Gottes Willen.“
Das sind die Schlussworte des Watzlikschen Werkes. Hier scheidet sich der Sohn unserer Zeit, den tschechische Legionäre an Leben und Freiheit bedrohten, von dem Angehörigen einer hellen Epoche, der den siegreichen Zug nach Frankreich als Lützower ehrenvoll beendet hatte. Hier scheidet sich schließlich auch eine dichterische Persönlichkeit von der anderen.
Unerschöpflich strömt Watzlik „Gottes Brunnen“, der Born der Heimat. Legenden formen sich unter seiner Hand wie unter der Hand der Sage selbst, die Schauer des Urwaldes bannt er in wundervolle Spukgeschichten, er ist ein Dichter, der erzählen kann, dem das Erleben des Herzens unmittelbar aus dem Herzen wiederquillt. In diesem Sinne sind diese kleineren Erzählungen eigentlich Gedichte in Prosa, reihen sie sich seiner Lyrik an, die in einem feinen, von Ferdinand Staegers Meisterhand gezierten Band vereinigt sind. Wer schreibt heute noch so traumhaft-zarte Lieder, wie „Die Birke“
„Ich bin ein feiner, stiller Baum,
Ich bin mir selber noch ein Traum,
Ich kann noch nichts als träumen...“
Fühlen wir nicht die Segenshand Mörikes über diesen Zeilen? Und ahnen wir nicht, dass die echten deutschen Dichter, die auch echte Menschen sind, eine geheimnisvolle magische Kraft in ihrem Fühlen und Träumen verbindet?
So wollen wir heute beide grüßen, den Dichter und den Menschen Hans Watzlik, und uns freuen, dass uns diese Vereinigung durch die Harmonie seiner Gestalt so leicht gemacht wird. Dem Dichter, dem Freund, dem Zielgefährten drücke ich dankbar und im tiefen Glauben an seine Sendung die Hand.