Ruhe auf der Flucht
Eine Legende von Hans Watzlik
Bergauf und talab reisen die drei. Voran der Alte im rostigen Fuchsmantel, sein langer Stab steht über ihn hinaus. Er leitet den trabenden Saumesel am Ohr. Das Tier schnuppert am beschneiten Dorn. Im Korb, der ihm an den Sattel geschnallt ist, schläft das Kind. Die Frau im blauen Mantel geht so schwer wie damals, da sie übers Gebirg gestiegen zu ihrer Muhme. Weit und breit ist kein Pilgramshaus, und vielleicht müssen sie sich wieder in der Einöde schlafen legen.
Von einem Traum gewarnt, haben sie das Dorf Bethlehem verlassen. Nun irren sie durch die Berge. Die Steige sind von Felschen ausgewühlt, von überhängenden Blöcken drohen Eiszapfen, fast so lang wie Landsknechtsspieße. Die Luft ist rau. Rehe kauern in ihren Lagern eng beieinander, sich zu Wärmen; bereifte Hirsche starren die Fremdlinge an.
Maria ist traurig. Nicht darum, weil sie müde ist und in der Düsterung dieser wildbewachsenen Berge wandern muss, wo sich nur Geier und Raben freuen. Sie trauert, und ist doch ihre Fahrt von freundlichen Wundern begleitet: wo sie schreiten, biegt ihnen der Wind die Äste aus dem Weg und öffnet die Wildnis, dass sie ungefährdet reisen können und ihre Kleider an keinem Dorn zerreißen; die steifen Fichten biegen sich und legen sich über die reißenden Bäche und schlagen eine Brücke den drei irrsäligen Leuten. Maria fühlt die schützenden Mächte über ihrem Kind, und doch ist ihr das Herz betrübt und in Ungewissheit befangen.
Mitten im Wald stoßen die Wanderer auf eine Lichtung, die dünkt sie gut zur Rast. Die Frau ruht unter einer Hasel nahe einem vereisten Brunn, den Korb mit dem schlafenden Knaben neben sich. Josef holt die Axt aus dem Mantelsack, hackt dürres Gezweig von der Kienföhre und macht ein Feuerlein auf. Er hält den gefrorenen greisen Bart darüber, dass er auftaue. Der Esel rüchelt leise und reibt sich an dem Kienbaum. Alles rings ist weiß und winterstill.
Da tut das Kind die Augen auf und lächelt. Und augenblicklich wandelt sich rings die Erde und liegt würzig grün, eine holde Sommerinsel mitten im Schneegebirg. Lustig stößt und quirlt der Quell zu Füßen Mariä, die Hasel über ihr stäubt im Wind und Immenflug. Die Bäume atmen wieder und schlagen ihr Laub aus und sind durchhuscht von allen Frühsommervögeln. Der geckische Kuckuck kündet sich. Bunt flieht die Wiese die Lichtung herab; lustsame Veiglein, schwanke Dreifaltigkeitsglöckel, goldene Petersschlüssel und zarte Zeitlosen blühen den Wanderern zu Trost und zu Ehren. Die Tiere treten hervor aus ihren steinernen Höhlen und Erdlöchern, der Fuchs in roter Kutte, der samtene Maulwurf. Eine weiße Natter sonnt sich auf warmem Fels. Und Josef steckt die Pfeife in Brand und raucht behaglich seinen groben Allermannsknaster.
Da wird auch Maria an der frohen Sonne fröhlich. Sie flicht einen Kranz aus Hasellaub und drückt ihn dem Knaben ins Haar. „Ei, was bist du für ein feines Kind!“ ruft sie, ergriffen von seiner Schönheit. Sie schaut zum Himmel hinauf, sie sieht am lichten Tag droben die Sterne. So heilig ist sie.
Ach, eines nur sollte anders sein! So verständig auch die Augen des Kindes blickten, so klug und gefällig sein Gebaren ist und so lieblich der kleine Leib: Sein Mund hat noch nie ein Wort gesprochen! Drei Jahre schon zählt er, und er schweigt noch immer! Nicht einmal den Namen „Mutter“ können diese hübschen Lippen hier formen! O Gott, Iass seine Zunge nicht gelähmt sein! Gib ihm Lieder und freudige Worte, dass er die Menschen gewinne! Gib, dass sich bald die träumerische Seele stammelnd der Welt offenbare und dem ungeduldigen Herzen der Mutter!
Schnelle Hufe pochen näher. Der junge Ritter Pilatus reitet den Steig vorbei, mit Erz verhüllt. Kristalle baumeln an der Rossdecke. Er reitet gewiss zu einem Spießbrechen. Gleichmütig sieht er über die armen Leute am Wegrand hinweg.
Dann schleicht Barrabas, der Räuber, herbei. „Was tausend treibt ihr da im Wald?“ flucht er. Maria schlägt hastig den Mantel über ihren Jesus und flüstert: „O du mein Angstkind!“ Ein glühender Regenbogen umzäunt plötzlich die drei Leute. Der Räuber reißt die Augen auf wie ein verstörter Felsenuhu, er wagt den siebenfachen Ring nicht zu brechen. Dunkel berührt, weicht er zurück ins Gestrüpp.
Hernach schlendert ein Bettelmusikant daher, überseits des Gebirges will er vor den Türen spielen. Er nimmt das graue Tier wahr, das da im Gras äst, und dann den großväterlichen Mann und die Frau mit dem fremdschönen, laubbekränzten Kind, und ein linder, wohliger Schauder fasst ihn, und flugs greift er nach der buchsbaumenen Schalmei und bläst einen Tanz, das Büblein zu ergötzen. Zwar sagt Sankt Josef grämlich: „Spielmann, ich will kurz deutsch zu dir reden. Ich bin ein alter, unvermöglicher Mensch und kann dir deine Kunst nicht lohnen.“ Der Schalmeier aber Pfeift hurtig weiter, und Maria dreht das Söhnlein auf dem Schoß und singt:
„O Tann, du bist ein edler Zweig,
Du laubest Winter und die liebe Sommerszeit.
Wenn alle Bäume dürre sein,
So grünst du, edles Tannenbäumelein.“
Und die blühenden Stauden wiegen sich nach dem Flötentakt, und die eben belobten Tannen drehen sich fröhlich um sich selbst, und die Sonne schwingt am Himmel leise hin und her. Und der Spielmann lupft den Hut: „Leb wohl,
Frau! Leb wohl, Großvater! Und Gott behüt das selige Kind!“ In der Ferne noch dreht er sich staunend um.
Mariens Gemüt ist voller Lust. Alle Leute wundern sich über ihr Liebkind. Alle Gnade der Schönheit ist seinem kleinen Leib verliehen. O daß es nun auch reden könnte! Wie lustig mühte es zwitschern!
Und wie die Frau also zwischen Glück und Kümmernis schwebt, lechzt es aus dem Dornicht, und ein Reh schnellt heraus, im Nacken einen Pfeil und die Brust blutig aufgerissen und hinter sich die Spur seines lebendigen Schweißes. In Todesqual bricht es an der Quelle nieder, seine Läufe zucken, ein letzter Wehlaut entringt sich seinem Hals. Dann sinkt ihm das sanfte Haupt zur Erde.
Jesus aber löst sich aus dem Arm der Mutter. Er stößt sie, die ihn erschrocken halten will, von sich. Er neigt sich über das gemordete Geschöpf und lauscht zu ihm hinab. Dann hebt er den Blick zu den Eltern, und dieser Blick ist dunkel und voll unkindlichen, furchtbaren Ernstes, und aller Schmerz der Schöpfung ist darin. Und sein Mund formt sich herb, und mit fremder, wie aus unsäglich fernem Traum kommender Stimme spricht er seine ersten Worte:
„Es ist vollbracht!“