Unfall im Staubecken
Von Theodor Heinrich Mayer
03.10.1901
Der Oktobertag hatte sich unfreundlich angelassen, tiefe graue Wolken zogen den ganzen Vormittag über den Himmel, spiegelten sich in der einsamen Wasserfläche des Tullnerbacher Staubeckens, gaben ihr ein düsteres, manchmal sogar unheimliches Gepräge. Der Wiener Wald begann sich heuer früh zu entlauben, die Böen, die manchmal ganz unvermittelt von den Höhen herabstießen, rissen jedesmal eine Anzahl dürrer Blätter mit sich und streuten sie über das Wasser, wühlten es für eine halbe Minute zu starken Wellen auf und schwangen sich dann wieder empor, enteilten über die Bergkämme.
Ingenieur Wilhelm Kreß, der seit frühem Morgen die Arbeiten an seinem Hydroplan beaufsichtigt hatte, trat vor den Hangar, atmete tief die raue und doch belebende Luft ein, schien dann zu wanken, ließ sich mit leisem Ächzen auf einer Bank nieder, bemühte sich, ein Keuchen zu unterdrücken.
Der Monteur Smetana, der in der Nähe der offenen Tür stand, eilte zu Kreß hin.
„Ich hab's Ihnen immer gesagt, Herr Ingenieur, wenn man wie Sie über sechzig ist, darf man sich solche Anstrengungen nicht mehr zumuten. Mehr als sieben Stunden sind Sie heute auf den Füßen, haben keinen Bissen gegessen – das spürt auch ein Jüngerer!“
Kreß lachte verbissen. „Eben weil ich alt bin, muss ich es den Jüngeren gleichtun, es können andere kommen, die vielleicht bessere Ideen haben als ich, oder meine Augen werden trüb, meine Hände zittrig, ich kann nicht mehr das Steuer führen ... und ich will, ich muss der erste sein, der fliegt!“
„Können ruhig warten, Herr Ingenieur, ich war selber dabei, wie Sie vor zwanzig Jahren – ja, ich glaub', im Einundachtzigerjahr war's – Ihre ersten Flugmodelle haben über die Zuschauer hinfliegen lassen. Und was die andern seitdem konstruiert haben, steht immer noch auf dem Papier. Warten Sie ruhig noch ein paar Jahre, bis Sie den rechten Motor haben, mit dem da kommen Sie ja doch nicht in die Luft.“
Kress starrte auf das Wasser hinaus, wo eben ein neuer Windstoß die treibenden Blätter durcheinanderwirbelte. „Warten können, das ist doch das Herrlichste, das einem Menschen beschieden sein mag. Nicht mit Monaten rechnen, mit Jahren geizen müssen, die Tage von sich werfen, wie ein übermütiger Reicher das Geld – ja, Smetana, dann würde ich auch auf den leichteren Motor warten, der ebenso sicher kommen wird wie der dynamische Flug. Aber ich bin ein alter Mann mit weißen Haaren, habe mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens damit verbracht, Pionierdienste für die Aviatik zu leisten, und wenn man dann endlich, nach so vielen Mühen und Enttäuschungen, den Flugapparat fertig vor sich sieht, wie man ihn seit dreißig Jahren erträumt hat, dann wird man manchmal etwas ungeduldig.“
„Ich bitte Sie, Herr Ingenieur, nichts überstürzen! Der Motor ist viel zu schwer, wenn sich beim Fahren auf dem Wasser das Vorderteil des Drachenfliegers hebt, sinkt das Hinterteil nur um so tiefer ins Wasser! Vor vierzehn Tagen der Unfall – der war eine böse Lehre!“
Kreß legte ihm die Hand auf die Schulter. „Seien Sie unbesorgt, Smetana. Ich werde heute und alle Fahrtage, die uns dieser Herbst noch lässt, nur die Lenkfähigkeit des Apparates auf dem Wasser erproben und nicht ein einziges Mal das Höhensteuer anrühren.
Zwei fremde Herren kamen von der Straße herüber, stellten sich als Berichterstatter Wiener Blätter vor und erbaten sich die Erlaubnis, den Flugapparat zu besichtigen.
Kreß nickte. „Wenn sich die Herren nur ein paar Minuten gedulden wollen – gleich wird man den Drachenflieger herausschieben.“
Die beiden Reporter erkundigten sich einstweilen nach der Ursache des Unfalls, der Kreß bei der ersten Erprobung widerfahren war.
„Ein belangloser Zwischenfall, meine Herren. Mein Apparat hat zwei Schrauben. Die Nabe der einen hatte wahrscheinlich einen unsichtbaren Materialfehler, brach, als ich den Schrauben höhere Tourenzahl gab, die andere arbeitete allein weiter, und dem Apparat ging es nun wie einem Raddampfer, bei dem ein Rad plötzlich blockiert ist: er begann sich wie verrückt im Kreis zu drehen. Dabei tauchten die Flügel in das Wasser, die frei gewordene Antriebskette flog in der Luft herum und riss da und dort Teile des Apparates ab. Doch jetzt sind die Naben so verstärkt, dass sie jede Tourenzahl aushalten.“
Inzwischen hatten die Arbeiter den Apparat auf der Gleitschiene herausgeschoben, und Ingenieur Kreß begann mit den Erläuterungen.
„Ich habe bei diesem Drachenflieger alle Erfahrungen verwertet, die ich bei meinen unzähligen Versuchen mit Modellflugzeugen machen konnte. So habe ich die drei gewölbten Tragflächen im Gegensatz zu der heute meist vertretenen Meinung hintereinander angeordnet. Die Schrauben sind aus Gründen der Leichtigkeit aus Leinwand angefertigt, die über ein Stahlgerippe gespannt ist. Die Hohlkörper, auf denen der Apparat schwimmt, sind aus Aluminium. Nur der Motor entspricht nicht meinen Wünschen. Ich habe bei den Daimler-Werken einen Vierzigpferder von zweihundertachtzig Kilo bestellt, und geliefert wurde mir ein Dreißigpferder, der fast vierhundert Kilo wiegt.“
„Wie schwer ist der ganze Apparat?“
„An die achthundert Kilo, mich als Führer eingerechnet.“
„Wird da der Motor nicht zu schwach sein?“
Kreß ballte die Hände, seine Augen neigten sich wie verzagt. „Das fürchte ich ... aber ich kann es noch nicht feststellen ... die knapp zwei Kilometer lange Wasserfläche des Staubeckens ist viel zu klein, um hier auch nur den Versuch eines kurzen Erhebens zu machen, dazu muss der Apparat später auf einen See gebracht werden. All das kostet Geld, aber das werden mir wohl meine bisherigen Gönner beschaffen. Nur für die Zeit ... muss ich allein sorgen ... und ich habe da nur einen geringen Vorrat von Reserven ... es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich vom Modell zu einem richtigen Apparat kam, und um ihn richtig zum Fliegen zu bringen, stehen mir vielleicht keine drei Jahre mehr zur Verfügung ...“
Er riss sich auf, seine schmächtige Gestalt straffte sich. „Aber wer sein Werk nicht zu Ende führt, der verdient es nicht, dass ihm die Gnade einer großen Erfindung geschenkt worden ist. Und darum will ich diesen Apparat steuern, wenn er zum erstenmal, und sei es auch nur für Sekunden, das Wasser verlässt und ganz in die Luft taucht, die ja sein wahres, einziges Element sein soll!“
Er gab den Arbeitern ein paar Anordnungen, sie schoben den Apparat nun ganz ins Wasser, und Smetana drehte den Motor an, der fauchend und dröhnend seine Arbeit begann, Wolken von blauem Öldunst ausstieß und den Drachenflieger in allen seinen Teilen erzittern ließ.
Kreß stand noch in leiser Verzückung am Ufer. So hatte er den Apparat noch nie gesehen, in dem Ölnebel verlor er die scharfen Umrisse, glich fast schon keinem Werk von Menschenhand mehr, sondern eher einem mystischen Gebilde, halb Traum, halb greifbare Wirklichkeit, aus einer fernen Zeit der Vollendung wie ein Wunder in diese Gegenwart gesandt. Ältestes Sehnen der Menschen ward erfüllt, das Reich der Luft mit seinen unermesslichen Weiten erschloss sich ihm, in Höhen schwebte, durch Wolken glitt er, sah die Erde nur noch ganz von fern, wie Berge am dunstverhangenen Horizont. Allein flog er im endlosen Raum, nur noch der Motor mit seinem dröhnenden Leben war ihm Begleiter, der Motor, von Menschengeist und Menschenhand geschaffen.
Die Ölwolken verflüchteten sich, eine seltsame Maschine wurde wieder sichtbar, die ungebärdig zitterte wie ein junges Pferd, das seines Reiters harrt und sich doch gegen ihn wehren möchte.
Kreß trat auf die kleine Plattform, auf der stehend er den Apparat lenkte, kuppelte die Schrauben ein, schaltete sie im nächsten Augenblick wieder aus.
„Den Korkgürtel, Smetana!“
Der Monteur ergriff den Gürtel, der am Ufer liegen geblieben war, band ihn Kreß um den Rücken. Der Ingenieur machte eine zuckende Bewegung, als wollte er den Gürtel wieder von sich werfen. Wozu dieses jämmerliche Gerät? Hatte er so wenig Vertrauen zu seinem eigenen Werk, dass er mit einem Unfall rechnete, kaum dass die ersten vorsichtigen Versuche begonnen hatten?
Nicht an alles denken – jetzt musste sich ein Mensch bewähren und sein Werk! Er kuppelte die Schrauben wieder ein, lieh den Motor mit Viertelgas laufen, fuhr in einem Tempo von etwa zwanzig Kilometer Kreise auf dem Staubecken.
Wie früh es heuer Herbst geworden war! In den ruhigeren Buchten des Staubeckens bildeten die abgefallenen Blätter fast schon eine zusammenhängende Decke, und jeder Windstoß trieb neue Schwärme dazu, die Schrauben fassten sie und wirbelten sie hinter sich, auch um Kreß selber glitten sie, er hätte sie mit den Händen haschen können, wenn er nicht das Steuer hätte halten müssen. Totes Laub – aber es schwebte, es flog!
Kreß stellte den Hebel auf Halbgas, das Tempo des Apparates steigerte sich, er musste immer größere Kreise beschreiben, um ihn nicht zu stark nach außen neigen zu lassen. Der Luftzug verursachte ihm eine leise Beklemmung, die sich ganz plötzlich zu einem furchtbaren Angstgefühl wandelte. Keine Angst vor einem Unfall, nein, sondern die grausige, lähmende Furcht, etwas nicht vollenden zu können, das sein Lebenswerk gewesen. Er war alt, sein Herz nicht gesund, jeder Tag konnte ihm eine Krankheit, jede Sekunde einen jähen Tod bringen.
Und er war nicht geflogen, obwohl er den ersten Hydroplan der Welt gebaut hatte, den überhaupt ersten Apparat, mit dem der Erfinder einen freien Flug wagen wollte ... war ein solcher Gedanke nicht tausendmal furchtbarer als jede Todesangst?
Und die dürren Blätter umgaukelten ihn, braune, gelbe, rote, manche noch fahl grün, sie wiegten sich im Wind, waren etwas Abgestorbenes und durften doch noch eine kleine Weile aller Schwere spotten, und auch auf dem Wasser versanken sie nicht, trieben im Wind dahin. Aber er, der davon geträumt hatte, der erste fliegende Mensch werden zu wollen, trug einen Korkgürtel um den Leib! Zur Furcht, zu spät zu kommen, gesellte sich noch ein quälender Hohn, und beides zusammen stieg so an, dass es schon fast nicht mehr zu ertragen war.
Jeder zweite Blick galt schon dem Höhensteuer, das er noch nie betätigt hatte, seine Rechte zuckte immer stärker darnach, seine Gedanken versanken bald in einen Traum des Fliegens, und dann stießen sie sich wieder an der Wirklichkeit wund.
Herbst in der Natur – aber er lebte noch, sein Wille war stark, und die Maschine, die er gebaut, gehorchte jedem Druck der Hand ... nicht zu spät kommen, einmal, und sei es auch nur für einen Augenblick, das beglückende, das ungeheure Erlebnis eines freien Fluges genießen, sich nicht von dürrem, herbstlichem Laub beschämen lassen, das ihn wieder in ganzen Schwärmen umschwirrte...
Er rückte den Gashebel wieder ein Stück vor, glaubte immer deutlicher zu spüren, daß die Luft so stark wie noch nie gegen die Tragflächen drückte, sie ganz prall blähte, zu heben versuchte.
Ja, es konnte, es musste gewagt werden!
Alle Kraft vergangener Jugend fühlt er in sich. Seine Augen sahen Nähe und Ferne so scharf, als hätte er nie eine Brille getragen. Und seine Gedanken enteilten in eine Zeit, wo das Fliegen schon zum Alltag des Menschen gehörte.
Aber er, Wilhelm Kreß, war der erste, der dieses Wunder schuf!
In langsamer Fahrt steuerte er zu dem einen Ende des Staubeckens, querte es dann in gerader Fahrt, gab dem Motor Vollgas, und als das Tempo des Apparates sich nicht mehr zu steigern schien, griff er nach dem Höhensteuer. Zuerst noch ganz behutsam, aber als der Apparat auf die kleinen Ausschläge nicht reagierte, riss er es mit einem jähen Ruck ganz zur Höhe auf.
Die Maschine schien sich ein wenig zu verlangsamen, zuckte dann, als wollte sie sich aufbäumen, das Vorderteil hob sich ganz aus dem Wasser, der Apparat stand schon so schief, dass sich Kreß anhalten musste – macht nichts, macht nichts, wenn er einmal schwebt, kommt er von selber ins Gleichgewicht, das haben die Modelle und unzählige Berechnungen erwiesen! Nur nicht die Hand vom Höhensteuer lassen! Auf das Werk vertrauen und auf den eigenen Willen, auf die eigene Kraft!
Nur noch Bruchteile einer Sekunde kann es dauern, und um den Apparat ist kein Wasser mehr, nur noch Luft! Wie um alles, das schwebt, fliegt!
Ein jäher Riss, als hätte eine Riesenhand die rechte Seite der Flügel gepackt. Oder eine Bö hatte sich darauf gestürzt. Im nächsten Augenblick tauchten schon die Spitzen der Tragflächen ins Wasser. Das warf den Apparat fast auf der Stelle nach rechts herum, nahm ihm jedes Gleichgewicht. Kreß vermochte gerade noch den Motor abzustellen. Dann glitt das Flugzeug, die rechten Tragflächen voran, langsam und unaufhaltsam ins Wasser, versank.
Nur Kreß, den der Korkgürtel hielt, trieb betäubt an der Oberfläche. Es dauerte geraume Zeit, bis die Arbeiter auf Kähnen herbeigeeilt waren und den Bewusstlosen bergen konnten.
Einen rüstigen alten Mann hatten sie ausziehen gesehen. Einen müden Greis brachten sie ins nächste Bauernhaus, den man in warme Tücher hüllte, bis er endlich wieder die Augen aufschlug.
„Nun ist es doch zu spät geworden ... andere, nicht ich ... zu spät...“, murmelte er immer wieder vor sich hin.
Für mehr Informationen zum Flugpionier Wilhelm Kress siehe DI Erich Kurzel-Runtscheiner in: Blätter für die Geschichte der Technik, 1948, Hauptteil, Seite 30ff