Der Weihnachtschor
Erzählt nach einer Geschichte aus dem Jahr 1931
Der Musikdirektor Friedrich Deuss hatte beschlossen, seinen Sommerurlaub in einer einsamen Kate mitten im großen Moor zu verbringen, und zwar mutterseelenallein. „Lieber Friedel“, sagten seine Freunde, „das ist wohl wieder eine deiner Künstlerschrullen!“ Aber der Friedel wusste genau, was er wollte. Das ganze Jahr über stand er in der Fron des Stundengebens und Dirigierens, aber die Ferien – nein – die Ferien wollte er nur dort verbringen und nur dort konnte er sich erholen.
Und tatsächlich wurde es ein unvergesslicher Sommerurlaub in himmlischer Ruhe und ungestörtester Einsamkeit. Tagsüber konnte er all die Dinge tun, für die er sonst keine Zeit fand, und an den lauen Abenden lag er oft unter den Birken, sah den Abend zur Nacht werden und die Saat der Sterne am Himmel aufblühen. Und was Friedel besonders wichtig war: Er konnte ungestört an seinen Musikstücken schreiben, die sonnendurchwebten Morgenstunden erwiesen sich dabei am fruchtbarsten. Die Bequemlichkeiten des Stadtlebens vermisste er in keiner Weise.
Freilich, alles in der Hütte war abgenutzt und ärmlich und fast war sie zu eng für den mitgebrachten Flügel. Aber es war eine Wonne, mit seinem vollen Klang die warmen Sommernächte auszufüllen. Selten aber doch geschah es, dass ein verirrter Moorwanderer verwundert aufhorchte, wenn der Wind ein paar Akkorde wie aus einer anderen Welt durch die Stille an ihn herantrug.
Der Sommerurlaub wurde zu einer so schönen Erinnerung, dass der Friedel auch für ein paar Wintertage ins Moor fuhr. Froh der wieder eroberten Einsamkeit saß er in der beengten Stube, vor ihm lag ein Haufen vollgekritzelter Notenblätter. Eines davon enthielt die erste Skizze zu einem weihnachtlichen Kinderchor, der in seiner neuesten Oper den zweiten Akt einleiten sollte und den er in der kommenden Nacht zu beenden hoffte.
Aber jetzt saß er beim kleinen Fenster und sah ins Moor hinaus. Draußen strahlte der frostklare Spätnachmittag und drinnen der warme Bauernofen in seiner Nische. Verträumt betrachtete er den silbernen Reif, der wie zartes Spitzengewebe auf den Büschen schimmerte und dahinter die endlose Weite des Moores, so wunderbar still und in allen Tönen vom hellsten bis zum dunkelsten Silber, wie auf dem Bild eines altdeutschen Meisters. So tief war er in dieses Bild versunken, dass das Pochen an der Türe erst allmählich in sein Bewusstsein drang.
Es war Pastor Wölck aus dem nahen Almsloh, der ihm seinerzeit geholfen hatte, diese Hütte aufzuspüren. „Ich sah den Rauch aus dem Moor aufsteigen und wusste, das kannst nur du sein“, rief der Pastor lächelnd und streckte dem Friedel die Hand entgegen. „Ein Spaziergang tat mir ohnehin gut. Ich bin so froh, dich hier anzutreffen, denn du wirst mich nicht im Stich lassen, hoffe ich...“
„Komm lieber herein, statt in der Kälte lange Reden zu halten“, antwortete der Friedel belustigt.
Der Pastor trat ein und warf seinen Lodenmantel auf den einzigen Stuhl, den der raumfüllende Flügel gestattete, und fuhr lebhaft fort: „Denk dir, vor vierzehn Tagen wurde der Lehrer krank und es kommt keine Vertretung. Also musste ich die Schule bis zu den Ferien ausfallen lassen. Aber wer spielt mir am Weihnachtsabend die Orgel? Das ist der beliebteste Gottesdienst im ganzen Jahr mit Liturgie und einem Kinderchor. Ich weiß, es ist eine Zumutung für dich, denn meine Konfirmanden sind mäßige Musikanten. Aber für die Gemeinde ist es ein besonderes Fest, die Kinder singen zu hören und für dich wäre es doch eine Kleinigkeit, hier einzuspringen.“
Der Friedel machte große Augen. Ihm war nicht sehr wohl bei dieser Eröffnung. „Ausgerechnet Musik!“ rief er in komischem Entsetzen. „Wenn ich die Bälge treten sollte oder die Glocke läuten oder den Weihnachtsbaum putzen oder meinetwegen den Backofen heizen – mit Vergnügen! Aber Musik mache ich das ganze Jahr, doch nicht auch noch in den Ferien.“
„Schade,“ sagte der Pastor ein wenig verzagt, „ich bin ein Stümper auf den Tasten und meine Frau hat zum Fest alle Hände voll zu tun. Da muss es diesmal halt ohne die Musik gehen.“
Aber dem Friedel tat es schon leid und war es nicht auch ein kleiner Wink Gottes? Hatte er nicht gerade den Weihnachtschor aus seiner Oper in Arbeit und wäre es nicht eine besondere Erfahrung, ihn zu probieren und zu seiner eigenen Weihnachtsfreude singen zu lassen?
„Wo würde ich üben?“ fragte er.
„In meinem Lehrsaal, denke ich,“ sagte der Pastor lebhaft und erfreut.
„Und könnte ich einen meiner eigenen Chöre singen lassen? Ich habe hier nämlich einen Entwurf. Hör einmal zu.“ Er setzte sich an den Flügel, spielte und sang dazu einen Abschnitt seines Weihnachtschores. „Das musst du dir natürlich mit Kinderstimmen denken!“
„Wundervoll“, sagte der Pastor. „Es wäre schön, wenn du dich überwinden könntest.“
Als der Pastor gegangen war, wusste der Friedel nicht recht, sollte er über die Geschichte lachen oder sich ärgern. Da war er nun hierher geflüchtet, um ein paar Tage in Ruhe zu haben, und nun spannte ihn der Pastor mit der liebenswürdigsten Miene vor einen neuen Karren. Nun, die Mühe wird nicht allzu groß sein, und hier draußen mit den Bauern Weihnachten zu feiern und mit der Dorfjugend zu musizieren würde für ihn neu und reizvoll sein.
Am andern Nachmittag trabte er durch das Moor zum Pastorenhaus. Es war empfindlich kalt. Die Birken standen mit hängenden Zweigen wie erfroren in der kalten, nebeligen Luft. Pastor Wölck rieb sich fröstelnd die Hände. „Gut, dass du da bist!“ rief er fröhlich. „Alles wartet bereits der Dinge, die da kommen sollen. Aber vorher trinkst du mit meiner Frau und mir eine Tasse Kaffee und wärmst dich ein wenig.“
„Mein Mann hatte bereits solche Sorge,“ versicherte die Pastorin, „in unserer engen Welt kommt es einer Katastrophe gleich, wenn die Christfeier in Gefahr gerät. Für den Weihnachtsmorgen nimmt Ihnen aber vielleicht meine Nichte, die wir aus der Stadt erwarten, das Orgelspiel ab.“
Wie?, dachte der Friedel überrascht, soll ich denn auch am Weihnachtsmorgen spielen?
Der Pastor bemerkte seinen verwunderten Blick und rückte verlegen auf seinem Stuhl. „Ich mochte gestern nicht auch noch damit kommen“, gestand er. „Wenn du freilich erbötig wärst ...? Meine Nichte dürfte sich am Ende doch etwas unsicher fühlen.“
„Du eignest dich zum Diplomaten“, lächelte der Friedel mit Galgenhumor. „Aber nun habe ich A gesagt, so muss ich wohl auch B sagen.“
„Da wären wir ja aus aller Verlegenheit!" strahlte der Pastor. „Emilie, schenk doch schnell noch einmal dem Herrn Musikdirektor ein.“
Als der Friedel eine Viertelstunde später in den Lehrsaal trat, schlug ihm ein lebhaftes Durcheinander von Geschwätz und Lachen entgegen. Aber kaum hatte er die Tür geöffnet, standen die Bauernkinder still und kerzengerade in ihren Bänken. Neugierig sahen sie den Friedel an.
„Also“, sagte er, „wir wollen zusammen ein Weihnachtslied für die Christfeier lernen. Ich habe hier eins, das ich für euch dreistimmig gesetzt habe. Wer singt die erste Stimme? Wer die zweite Stimme? Und wer die dritte?“
Jetzt sahen sich die Kinder verwundert an, einige kicherten. Schließlich fand der Friedel heraus, dass sie bisher nur einstimmig gesungen hatten. Also waren zuerst die Stimmen auszusuchen. Das Ergebnis war nicht gerade ermutigend und ein paar völlig Unmusikalische mussten sich verabschieden. Dann begann er den Text einzuprägen und es verging eine Stunde, ehe ein Ton gesungen werden konnte.
Dem Friedel war heiß geworden. Er hatte sich alles viel einfacher gedacht. Das alte Harmonium fauchte und stöhnte unter seinen Tritten und es stieg ihm ein Seufzer nach dem andern aus dem Herzen. Als es dunkel wurde hatte keine der Stimmen geklappt und zur Beleuchtung konnte bloß die kleine Studierlampe des Herrn Pastor aufgetrieben werden.
Nach einer Viertelstunde gab der Friedel auf, nervös und verärgert. „Also bis morgen, Kinder!“ Es waren nur mehr drei Tage bis zum Fest, und bei den Fortschritten von heute ist das wohl zu knapp.
Zu Hause prüfte er noch einmal den Satz seines Chores. Freilich, ein wenig Schuld hatte er selbst. Schließlich waren es Kinder und man musste Geduld haben. Auch konnte ein Kinderchor nicht einfach genug sein, ist er nicht um so schöner, je schlichter es war? Er wollte ihn noch einmal durchsehen ...
Am Tag vor dem Fest sollte die Hauptprobe in der Kirche sein. Die Kinder füllten in erwartungsvollem Schweigen die Empore, der Friedel probierte die Orgel. Es war ein uraltes Werk, mit schwerfälligen und teilweise schadhaften Registerzügen. Aber der Friedel war schon geduldiger geworden und auf alles mögliche gefasst. Jetzt griff er so mächtig in die Tasten, dass der Junge, der hinter der Orgel die altersschwachen Bälge trat, außer Atem kam und das Spiel mit einem Wimmerlaut erstarb. Erst als ihm ein zweiter Bub zu Hilfe eilte, ging es leidlich und der Friedel atmete auf.
Dann schlug er die Stimmgabel an und begann den Chor. Aber es war zum Verzweifeln. Die Mittelstimme versagte immer wieder und jedes Mal an der Stelle, an der sie die Führung übernehmen sollte. Wieder und wieder probierte er, es wollte nicht gehen. Er ließ die Stimmen einzeln singen und dann wieder im Chor. – Es ging nicht. Schließlich sang er selbst mit und hatte kein Auge mehr für das, was um ihn herum vorging.
Als endlich eine Stelle auch ohne seine Hilfe gut gelungen war, klopfte er den Chor freudig ab und rief den Kindern zu: „Seht ihr, es geht ja doch!“ Erst jetzt bemerkte er ein paar helle, freundliche Augen, die auf ihm ruhten. Eine junge Frau war unbemerkt die Turmtreppe heraufgekommen und hatte nach zweimaligem stillen Zuhören in den Gesang eingestimmt und die zweite Stimme sicher geführt.
Der Friedel ließ vor Überraschung das Lineal fallen, das er als Taktstock benutzt hatte. War es möglich? Das Gesicht kannte er doch? Eine jähe Röte schoss ihm in die Wangen und wich dann einer tieferen Blässe. Unbefangen trat die Frau zu ihm, reichte ihm die Hand und sagte lächelnd: „Ich bin Annedore, die Nichte des Pastors. Ich habe gleich bei meiner Ankunft von Onkel Ehrhardt erfahren, dass Sie hier als Retter in der Not erschienen sind. Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wer Ihr letztes Konzert in der Stadt gehört hat, wundert sich allerdings ein wenig, Sie hier im Moor als Kantor und Organist wiederzufinden.“
Sie war bereit zu helfen und der Friedel war sehr erleichtert über diese Hilfe in größter Not.
Als er durch das abendstille Moor heimwärts ging, war ein Jubel in ihm. Zum ersten Mal war er der jungen Frau nach einem Konzert in der Polyhymnia begegnet, im Gedränge des Ausgangs. Dann hatte er sie ein paar Wochen später in der Straßenbahn wiedergesehen – und einmal im Theater. Er hatte nie erfahren, wer die schöne Unbekannte war und nun musste er ihr ausgerechnet hier, mitten im großen Moor wieder begegnen. Unglaublich!
Am Weihnachtsabend machte er sich schon frühzeitig auf den Weg zur Kirche, dennoch dunkelte es, als er die Tür zum Pastorenhaus öffnete. Der Pastor war in seinem Zimmer und schon im Ornat.
„Du kommst wie gerufen“, sagte er erfreut, und übergab ihm die Ordnung des Gottesdienstes, damit er die Orgeleinsätze nicht verfehle. „Und nachher bist du unser Gast. Selbstverständlich. Du würdest uns allen die Festfreude verderben, wenn du nicht kommst!“
Als er über den Kirchhof ging, begann die Glocke zu läuten. Die Kirchgänger unterhielten sich in Gruppen vor der Kirchentür: die Männer in schwarzen Jacken und schwarzen Halsbinden, mit vom Wetter gegerbten Gesichtern, würdig und ernst, die Frauen in weiten, faltigen Röcken. Die Kirche stand mit erleuchteten Fenstern und schwingender Glocke feierlich in der Dämmerung. Der Friedel fühlte sich in ein Märchenland versetzt, in dem die Welt noch still und einfach war, wie einst.
Drinnen brannten bereits die Kerzen an der großen Tanne, die kleine Kirche war erfüllt mit ihrem Duft und ihrem Glanz.
Annedore saß bereits auf ihrem Platz inmitten der Kinder. Friedel bemerkte sie sofort, tat aber, als sehe er sie nicht und setzte sich mit heimlichem Herzklopfen auf die Orgelbank. Die Stimmung war fast wie vor einem großen Konzert in der Stadt, wenn die Schar der Sänger auf die Menge der hüstelnden Konzertbesucher hinabsah, nur feierlicher und stiller. Der Schein der Kerzen lag wie eine Verklärung auf den Gesichtern der Bauernkinder neben ihm. Während er über die Schar der Kinder hinblickte, begegnete er dem Blick Annedores, die ihm leise, fast unmerklich lächelnd zunickte. Er fühlte, dass er errötete, um dann verlegen in seinen Noten zu blättern.
Als der letzte Schlag der Glocke verklungen war, begann er das Präludium. Leise setzte die Orgel ein, erhob sich stärker und rauschender und stimmte dann unter seiner Meisterhand das alte Lied an, das alle Weihnachtserinnerungen seiner Kinderzeit in ihm weckte: Vom Himmel hoch, da komm' ich her. Die Gemeinde fiel ein, und es war dem Friedel gar wunderlich, den rauen, unbeholfenen Gesang der Moorbauern zu begleiten, er, der verwöhnte Musiker, der zu anderer Zeit und an anderem Ort sich entsetzt die Ohren zugehalten hätte. Und doch, so wie hier hatte er Weihnachten seit langem nicht mehr erlebt. Ihm war, als sei das Land seiner Kindheit wieder heraufgestiegen – und die Zeit wiedergekehrt, in der er als kleiner Junge auf dem Altar der Kirche seiner Heimatstadt gesessen war.
Vom Altar her erklangen jetzt die Begrüßungsworte des Geistlichen, und dann war der Chor der Kinder an der Reihe, sein Chor. Zuversichtlich und sicher setzten die Kinder ein und nur Gott weiß, warum die dritte Stimme, die von Anfang an die sicherste war, ihren Einsatz verfehlte. Im letzten Augenblick, als er bereits abklopfen wollte, griff Annedore ein, führte die Kinder wieder in ihre Spur und kehrte ein paar Taktschläge später in die zweite Stimme zurück, so ruhig und sicher, als sei eben nichts gewesen.
Rein und hell klang jetzt der Chor durch die kleine Kirche, hallte von den weißgetünchten Wänden wider und schien bei den Pianostellen unter der Decke zu schweben. Immer wieder kehrte sein Blick zu der jungen Frau zurück, begegnete für einen Augenblick dem ihrigen und floh dann wieder über die Schar der Kinder. Ruhig und klar, in himmlischer Reinheit verklang auch der letzte Akkord.
Die Feier war zu Ende, das letzte Lied der Gemeinde verhallt. Als er das Nachspiel beendet hatte, war die Kirche bereits leer, und die letzten der Kinder stolperten die steile Treppe hinab, die von der Orgelempore durch den Turm ins Freie führte. Annedore war zur Orgel gekommen und reichte dem Friedel die Hand: „Darf man Ihnen danken? Es war wundervoll!“
„Nein, nein! Ich habe Ihnen zu danken“, entgegnete er lebhaft. „Sie haben den Chor gerettet, Sie allein. Ohne Sie wär's furchtbar geworden. Es war ja ohne Frage ein Wagnis, ich hätte etwas Leichteres wählen sollen.“
Er schloss die Orgel und schritt neben ihr die Treppe hinab. Unter dem Gebälk im Turm hing eine Laterne, die nur einen unsicheren Schein auf die ausgetretenen Stufen der steilen und gewundenen Treppe warf. Er reichte darum Annedore beim Hinabsteigen die Hand, und es durchrieselte ihn, als er die Wärme ihres Körpers durch ihren Handschuh fühlte. Ein verlegenes, wunderlich beklommenes Schweigen begleitete sie die Treppe hinunter.
Als er dann mit ihr vor dem Ausgang stand, und ihre Hand, die warm und ruhig in der seinen gelegen war, zögernd losgelassen hatte, näherten sich ihre Gesichter und in einer plötzlichen Aufwallung seiner Gefühle drückte er einen Kuss auf ihre Lippen. Im nächsten Augenblick war er darüber so erschrocken, dass ihm in grenzenloser Verlegenheit beinahe der Atem stockte. Und da auch Annedore, ebenso stumm und verwirrt wie er selbst, verlegen an ihrem Muff nestelte, standen sie beide ein paar Sekunden lang wie ein paar verstörte Kinder nebeneinander im Dunkel. Schließlich übermannte den Friedel seine Verlegenheit und Ratlosigkeit so sehr, dass er sich mit kurzem Gutenachtgruß hastig verabschiedete und davonrannte. Beinahe hätte er die Frau Pastorin umgestoßen, die ihre Nichte abholen wollte. Die Erinnerung an die Einladung für diesen Abend hörte er nicht mehr.
Als er mit brennenden Wangen durch das Moor seiner Kate zuschritt, hatte der Friedel kein Auge für die schweigende Schönheit der unendlichen Weite. Am tiefsten verdross es ihn, dass er auf so knabenhafte Weise seine Neigung verraten hatte. Und wieder stieg Annedores Bild vor ihm auf. Die ausdrucksvollen, großen Augen, ihre biegsame, feine Gestalt, das volle, dunkle Haar. Herrlich, wie sie gesungen hatte! Eine Stimme, ein weicher Alt, mit einem leisen Schweben in der Tiefe, der ihren Gesang berührend machte, wie der Klang eines Cellos.
Er schloss seine Kate auf, zündete Licht an und war eben dabei, die Eisdecke auf dem Wassereimer zu zerschlagen, um sich Tee zu bereiten, als die Tür aufgeklinkt wurde und der Knecht des Pastors hereintrat. Er solle einen schönen Gruß bestellen, und der Musikdirektor möchten doch sogleich zum Pastorenhaus kommen. Der Wagen warte draußen auf dem Weg.
Ach ja, die Einladung in das Haus des Pastors, die hatte er ganz vergessen. Er musste sich wohl fügen.
Am Ziel kam ihm gleich der Pastor entgegen, heiter und strahlend wie ein glückliches Kind. Er umarmte den Friedel in seiner lebhaften Weise und tadelte ihn zugleich mit freundlichen Worten wegen des langen Ausbleibens. Herzlich dankte er für das wunderschöne Spiel, das die kirchliche Feier zu einer einzigartigen gemacht hatte. Der Friedel selbst kam darüber kaum zu Worte.
Nachdem er Mantel und Hut abgelegt hatte, zog ihn der Pastor in die dämmrige Wohnstube, in der das Licht aus dem Ofen und der weihnachtliche Schimmer durch die verhängte Glastür zum Nebenzimmer durcheinanderspielten.
So saß der Friedel ein wenig zerstreut und wortkarg neben dem Pastor am Tisch, nippte von einem Glas Rotwein, horchte mehr auf die Schritte und Stimmen im Haus als auf die Worte des Pastors und dachte in heimlicher Scheu an das Erscheinen Annedores und ihren ersten Blick.
Da klopfte es an die Zimmertür: „Fräulein Annedore lasse sich entschuldigen. Sie habe heftige Kopfschmerzen bekommen. Es täte ihr sehr leid, aber sie möchte doch lieber nicht zur Feier herunterkommen.“
„Das wäre denn doch!“ entrüstete sich der Pastor und seiner Frau im Nebenzimmer, die die Unglücksbotschaft ebenfalls vernommen hatte, war es unerklärlich: War sie doch vorhin noch wohl und munter gewesen. Sie werde gleich nach oben gehen und nach ihr sehen.
Darauf wandte sich der Pastor wieder seinem Gast zu und begann unzufrieden über die neue Verzögerung der Feier zu schelten: „Die jungen Mädchen von heute! Das hätte früher bei uns zu Hause eine meiner Schwestern wagen sollen, Kopfschmerzen zu bekommen und sich entschuldigen, wenn der Christbaum wartete.“
Friedel saß in peinlichster Verlegenheit. Es war ja klar, dass Annedores Kopfschmerz ein Vorwand war und eine unmissverständliche Botschaft an ihn.
„Verzeih“, sagte Friedel zum Pastor, „es ist mir sehr peinlich, aber an dem Unwohlsein deiner Nichte trage wohl ich die Hauptschuld!“ und Friedel gestand sein ungeheuerliches Verhalten am Kirchentor und dann klagte er auch selber über ein aufkommendes Unwohlsein.
„Aber bester Freund“, sagte der Pastor „es tut mir wirklich von Herzen leid – aber fortlassen kann ich dich nicht. Heute Abend nicht. Und weißt du“, fügte er hinzu, „ich würde an deiner Stelle ruhig abwarten.“
„Was abwarten?“ fragte der Friedel, ein wenig betroffen.
„Es ist nicht unmöglich, dass ...“. In diesem Moment öffnete die Frau Pastorin die Tür und trat mit Annedore ein. In der Abhandlung des Themas Kopfschmerzen im allgemeinen und im besonderen gingen die ersten Augenblicke des unerwarteten Wiedersehens glücklicher vorüber, als der Friedel befürchtet hatte.
Nach kurzem Geplauder machten sich die Gastgeber im Nebenzimmer zu schaffen. Die folgende Stille nützte Annedore für eine leise Frage: „Sie wollen gehen?" Das wäre eine große Enttäuschung für Onkel Ehrhardt!“
„Ich gehe um Ihretwillen“, antwortete der Friedel hastig aber ebenso leise. „Ich weiß sehr gut, dass ich vorhin an der Kirchentür ...“
„Ach, bitte, nicht ...“, unterbrach ihn Annedore mit einem Finger vor ihren Lippen.
In diesem Moment öffnete die Pastorin die Flügel der Tür zum Nebenzimmer und der Lichtschein der brennenden Kerzen des Christbaumes widerspiegelte sich in Annedores Augen. Aus ihrem Blick erfuhr der Friedel mehr, als ihm alle Worte dieser Welt hätten sagen können.
Wenn sich der Friedel heute an diesen Weihnachtsabend erinnert – und er tut es oft und gern – weiß er, dass ihm damals bei der Christfeier zu Almsloh das kostbarste aller Geschenke zuteil geworden ist, das Herz seiner jungen Frau.