Dr. Alphons Poller
Von Max Morold
Mit Dr. Alphons Poller ist nicht nur ein wertvoller Mitarbeiter des „Getreuen Eckart“ dahingegangen, dem die Leser der ersten Jahrgänge die klarsten und fesselndsten Aufschlüsse über Bildhauerei, Malerei, Zeichenkunst, Lichtbildkunst und über – Kant zu verdanken hatten. Poller war nicht nur Schriftsteller, im besonderen Kunstschriftsteller, sondern selbst Künstler und zugleich Arzt. Beides zusammen befähigte ihn zu seiner bekanntesten, für die Öffentlichkeit bedeutsamsten und wahrhaft segensreichen Tätigkeit: Als Erfinder eines neuen Moulage-Verfahrens. Das Abformen menschlicher Gliedmaßen, das früher nur nach dem noch sehr verbesserungsbedürftigen Henningschen Verfahren möglich war, ist durch Poller zu ungeahnter Vollkommenheit gediehen. Er blieb aber nicht bei den ärztlichen Lehr- und Heilzwecken stehen, denen die sogenannten Moulagen früher hauptsächlich zu dienen hatten. Nachdem das eigens für ihn errichtete Institut für darstellende Medizin an der Wiener Universität, halb vollendet, dem unseligen „Abbau“ zum Opfer gefallen war, entfaltete er ein höchst erfolgreiches, auch im Ausland sehr beachtetes Wirken beim Erkennungsamte der Wiener Polizei, das ohne seine naturgetreuen, die kleinste Wirklichkeit festhaltenden Abformungen nicht mehr zu denken wäre. Doch der Kreis, dem die Pollerschen Erfindungen zugute kommen, ist größer. Mit seinen unablässig vervielfältigten, den verschiedensten Zwecken angepassten Abformmassen und ihren mannigfachen Behandlungs- und Verwendungsarten lassen sich alle lebenden und toten Dinge so täuschend „wahr und echt“ nachbilden und „verewigen“, dass nicht nur die Chirurgie, die Zahnheilkunde und viele andere Zweige der ärztlichen Wissenschaft, nicht nur das Polizei-und Kriminalwesen, sondern jede Technik und Forschung den reichsten Nutzen davon haben und dadurch fortschreiten.
So sehr nun diese Tätigkeit und der Eifer, mit dem der nie Gesunde, schließlich schwer Erkrankte sich ihr ergeben hatte, sein Leben auszufüllen schienen, den wahren, faustisch ringenden Poller kannten nur seine Freunde und jener Kreis von Deutschbewussten und am Deutschtum arbeitenden Männern und Frauen, der sich nach dem Krieg, in der Zeil unserer ärgsten Verwirrung und Ratlosigkeit, hoffend und vertrauend um ihn geschart hatte. Poller war ein geborener Führer. Die Arbeitslast, die er auf sich genommen, das körperliche Leiden, das ihn unterhöhlte und zusammenbrechen ließ, verhinderten die volle Auswirkung seiner Anlagen und seiner Willenstriebe. Unvergesslich aber und ein Gewinn fürs Leben sind den Teilnehmern an seinen Reden und Vorträgen und an den von ihm geleiteten regelmäßigen Zusammenkünften des erwähnten Kreises die Stunden der Belehrung, Anregung, Gemütsstärkung und Erbauung, die sie ihm zu verdanken hatten. Schon vor der Medizin hatte er Philosophie studiert, war aber auf kein „System“ eingeschworen, erging sich nicht in müßigen „Spekulationen“, suchte nur die Wirklichkeit in ihren letzten Ursachen und verborgenen Zusammenhängen zu ergründen. Eben dies führte ihn zur Medizin und die Kenntnis der Lebensvorgänge, die er als Arzt erwarb, bereicherte und vertiefte dann sein philosophisches Denken, das die gesamte Kultur, auch die heute so wichtige Politik zu erfassen strebte. Und in der Politik konnte er nicht anders als „völkisch“ sein. Denn, nur wenn wir unsere Staats und Wirtschaftsformen aus unserer Natur, aus dem gegebenen Deutschtum ableiten, aus den Fähigkeiten, Überlieferungen und tatsächlichen Bedürfnissen des deutschen Volkes ohne Unterschied der Klassen und Parteien, nur dann stehen wir auf dem Boden der Wirklichkeit, entsprechen wir den vorhandenen Lebensbedingungen. Nicht minder war seine religiöse Haltung, sein Hineinstreben ins Übersinnliche, seine Auffassung des irdischen Lebens als einer vergänglichen Daseinsform, eines bloßen Überganges, für ihn die letzte, notwendige Frucht seines Denkens und seiner wissenschaftlichen Überzeugung. Sie war aber auch der unwillkürliche Ausdruck seiner Persönlichkeit. Er war ein herrlicher, großer Mensch, der seinen Freunden unendlich viel Gutes erwiesen, seinen Feinden stets vergeben hat, der die Qualen seiner Krankheit mit Heldenstärke bis zum Äußersten ertrug und in den schwersten Lebenskämpfen den befreienden Humor kannte. Ehre seinem Andenken!