Wie sie Weihnachten feiern
Von Karl Erich Krack
In den verschiedenen Teilen Deutschlands und Österreichs werden zu Weihnachten noch heutzutage mancherlei Sitten und Gebräuche beobachtet, die in der Hauptsache allgemein bekannt sind, so dass es sich erübrigt, näher darauf einzugehen. Dagegen dürften die wenigsten mit den ausländischen Weihnachtssitten vertraut sein. Und so soll die folgende, wenn auch nicht erschöpfende Auslese dazu beitragen, uns mit den verschiedenen Weihnachtsgebräuchen der anderen Völker bekannt zu machen.
„Pinata“ schlagen in Mexiko
Das Weihnachtsfest, wie es heute in Mexiko begangen wird, ist das Ergebnis internationalen Zusammenwirkens. Die religiösen Feiern katholisch-spanischer Herkunft fügen sich den freien gastlichen Formen der heiteren mexikanischen Geselligkeit sympathisch an und lassen auch den angelsächsischen und germanischen Gebräuchen und Überlieferungen, die durch die große Fremdenkolonie aus dem alten Europa in die neue Heimat eingeführt sind, gern Platz und Spielraum.
Die Verkaufsbuden, „Puestos“, auf dem großen Platz vor der Kathedrale, und begrenzt vom Ayuntamiento (Rathaus) und dem Palacio National, dem Hauptregierungsgebäude. auf dem „Zocalo“, wo man schon seit Jahrzehnten die Krippenfiguren und die „Pinatas“ kauft, heimeln uns Deutsche ganz besonders an, da sie aus einem wahren Wald von Tannenbäumen hervorsehen.
Die erwähnte „Pinata“, eigentlich Kochtopf, ist auch in der weihnachtlichen Umgestaltung nichts anderes; man stellt sie aus dickbauchigen, irdenen Kochtöpfen her. Diesen „Pinatas“ wird ein Menschen- oder Tierkopf aufgesetzt, sie werden mit Seidenpapierkostümen, mit Fellüberzügen und Blumenaufputz phantasievoll maskiert und in verschiedenen Typen, in Bräute, Tänzer, Harlekins oder fratzenhafte Tiergestalten verwandelt.
Bis neun Tage vor Weihnachten muss der mexikanische Familienvater seinen Vorrat von „Pinatas“ eingebracht haben, da diese zu den nun beginnenden allabendlichen „Posadas“ notwendig sind. „Posada“ heißt eigentlich Haus, Gebäude, auch Gasthof. Zur Adventszeit sind aber die „Posadas“ Abendfeste, die während der „Novena“, den letzten neun Tagen vor dem 25. Dezember, stattfinden. Meist verabreden sich einige Familien, die „Posadas“ abwechselnd zu geben. Vielfach aber, und weil die Familien in Mexiko zahlreich und untereinander sehr eng verbunden sind, wird die Sache so gemacht, dass an jedem der neun „Posada“-Abende ein anderes Familienmitglied den Gastgeber spielt und die übrigen sowie die weiteren geladenen Gäste bewirtet.
Die Wohnung wird festlich hergerichtet und mit Moos und „Heno“ geschmückt. Heno ist das eigentümlich schlingpflanzenartig von den berühmten Riesenzedern des Parks von Chapultepec, der uralten Sommerresidenz mexikanischer Herrscher, herabhängende Pflanzenmittelding zwischen Heu und Moos, außerhalb Mexikos unbekannt. Kein Fest in Mexiko ist ohne diese dekorative Henozier über der Krippe denkbar, in der die Heilige Familie ganz „nationalistisch“ auftritt, das heißt die Jungfrau Maria im „Rebozo“, einem langen, rechteckigen Schal aus Baumwollgewebe, Josef in eine „Serape“ – den viereckigen, mit einem Schlitz zum Durchstecken des Kopfes versehenen Mantel des Mexikaners – gehüllt, das Christkind und die Engel durch Federkrönchen ausgezeichnet, die an die Aztekenahnen erinnern.
Auf dem Hausaltar und an den Wänden der Wohnung herrscht die mattgrüne, altheilige Schmarotzerpflanze und schmückt die Bogengänge um den großen, offenen Hof, den „Patio“, zwischen dessen Schwibbogen und Pfeilern die „Pinatas“ aufgehängt sind. Nach dem Erscheinen der Gäste wurde früher zuerst der eigentliche Posada-Umzug abgehalten und auf einer Tragbahre größere Figuren der Heiligen Familie herumgetragen. Die Kirche hat aber dies Gemisch von weltlichen und heiligen Lustbarkeiten nicht gelitten und die religiösen Verrichtungen der Posada auf die Aufstellung der Krippe beschränkt.
Die „Posada“ beginnt jetzt mit der Verteilung von kleinen Gaben, die in zierlichen Kartons verpackt überreicht werden. Dann geht es an das eigentliche Pinatavergnügen. Die Puppen, von denen viele in ihrem Aufputz Anspielungen auf epochemachende Erfindungen und sonstige Anspielungen auf die Ereignisse des verflossenen Jahres – in diesem Jahr z. B. auf den Zeppelin-Weltflug – zum Ausdruck bringen, hängen also, wie gesagt, um und auf dem offenen Hof, der zu jedem mexikanischen Hause gehört. Das milde Klima, selbst im Dezember, gestattet, hierher die gröberen geselligen Zusammenkünfte und einen Teil des Lebens überhaupt zu verlegen.
Nun werden den Kindern die Augen verbunden und wie bei unserem „Topfschlagen“ müssen sie versuchen, die „Pinata“ zu treffen und zu zerschlagen, die daraufhin auf die Kinder einen Bonbons- und Pfefferkuchenregen niederrauschen lässt. Nach beendeter Zerstörung sämtlicher „Pinatas“ werden Erfrischungen eingenommen und ein Tanz beschließt das Fest.
Weihnacht unter dem Kasuarinenbaum
Sternklar thront die Nacht über tropischer Landschaft. Weihnacht! Ein herber, kühler Wind fegt über die Ebene, hat die grelle Sonnenhitze abgelöst. Er rauscht in den Kasuarinen, den schlanken, fremdartigen Bäumen, und flüstert in dem langen, steifen Gras, das den Boden bedeckt.
Da – helle Töne eines Gongs! Aus der kleinen Siedlung kommen sie, aus dem Christendorf, wo die sauberen, palmengedeckten Hütten sich scharen. Ein brauner Junge steht auf dem freien Platze vor dem Versammlungshaus und schwingt begeistert den Klöppel. Niedere Mauern aus Fachwerk und Lehm, dann meterhohe, dicke Bambuspfeiler, und darüber das Palmendach – so sieht der Bau aus. Im Innern ist er ganz leer. Aber lustig geschmückt mit Grün, blitzenden Glaskugeln und bunten Papierketten.
Schon wird es lebendig. Lachen, Schwatzen, Singen kommt näher, und der zeltartige, weite Raum füllt sich mit Männern, Frauen und Kindern, alle glückstrahlend, erwartungsvoll, denn sie alle wollen Weihnachten feiern.
Spärliche Juwelen glitzern an den feinen Gliedern der braunen Frauen, die, in bunte Schleier gehüllt, gelbe Ringelblumen in die schwarzen Haare geflochten, die blanken, mit der Nachtmahlzeit gefüllten Messinggefäße hereintragen; hinter ihnen die erregt schwatzenden und lachenden großen und kleinen Kinder. Die Männer in weißen Lendentüchern, mit weißem oder buntem Turban auf dem Haupt.
An zweihundert Menschen sind endlich beisammen und ordnen sich, in friedlichen Gruppen auf den Matten hockend, die den festgestampften Boden bedecken. Eine Bewegung geht durch die Menge: Ein Jüngling erhebt sich, tritt in die Mitte und trägt in monotonem Singsang, sich auf einem einfachen Saiteninstrument begleitend, die alte Weihnachtsgeschichte vor. Aber nicht mit den Worten des Evangeliums. Nein, die Phantasie hat hier freien Spielraum. Mit epischer Breite besingt er die Geburt des göttlichen Kindes, unbewusst vieles aus den indischen heiligen Büchern hineinmischend.
Nun beginnt ein Wetteifern im Singen und Deklamieren der Weihnachtsmär. Die Buben und Mädels bilden einen freiwilligen Chor, die Pausen mit improvisierten Gesängen ausfüllend. In den Kehrreim fallen alle Anwesenden ein, rhythmisch in die Hände klatschend oder Zimbeln und Kastagnetten schwingend und schlagend. Die Feststimmung erreicht ihren Höhepunkt, wenn einer der Ältesten die Festrede hält, eine erdachte Dichtung in biblischer Sprache. Der Name „Jeschu kristu“ hallt von aller Lippen, vielen rollen Tränen vor Rührung und Freude über das Gesicht. Die Stunden fliegen dahin, schon ist Mitternacht vorbei, da flammt draußen im Dschungel ein großes Feuer auf. Jauchzend stürmt die Jugend hinaus, tanzt mit frommen Lobgesängen um die lodernde Flamme. Endlich löst sich die erregte Stimmung in dem für die Inder bei jedem Freudenrausch unerlässlichen Feuerwerk.
In den frühen Morgenstunden erst leert sich das Versammlungshaus. Singend und ihre Instrumente bearbeitend ziehen die letzten Scharen durch das Dorf. Nachtruhe? Bei solcher Freude, solchem Feiern? Unmöglich.
Am nächsten Morgen schallen die Glocken von der nahen Station und rufen zur Kirche. Ein schmuckes, einfaches Gebäude, mitten in einem stillen Palmengarten liegend. Aber welch ein Duft! Auch die Blumen blühen dem Welterlöser zu Lob und Preis. Rosen, rein-weiße, bleiche, elfenbeinfarbige, zart rosa und purpurglühende, schmücken das Gotteshaus, das in einen duftenden Palmen- und Rosenhain verwandelt ist.
Still und ehrfürchtig naht die Schar der Gläubigen dem heiligen Raum, nachdem sie die Schuhe abgelegt haben. Ein leerer Raum und doch voll der göttlichen Gegenwart. Keine Bänke, keine Orgel, nur der Altar glimmt in der Apsis in mystischem Dunkel. Wie eine Stimme flutet die indische Hymne durch die Rundbögen, dann lauscht die Gemeinde andächtig dem Prediger, naht endlich mit heiliger, kindlicher Scheu dem Tisch des Herrn. Vergessen ist aller Streit des Alltags. Weihnachtsstimmung lebt in aller Herzen.
Aber noch ist die Feier nicht zu Ende. Alles zieht jetzt hinaus an das Ufer des Stromes, wo ein Gastmahl ihrer harrt. Jeder trägt seine Messingschale, die nun mit saftigem Pilaw gefüllt wird. In Reihen und Gruppen lassen sich die Gäste auf dem weichen Sand nieder. Kühler Scherbet, Süßigkeiten und eine Fülle herrlicher Früchte vollenden das Mahl. Heiteres Geplauder, zwanglose Gesänge und Reden, alle mit weihnachtlichem Inhalt, wechseln miteinander ab ...
Jetzt ertönt ein festlicher Gesang aus dem Wald geradeüber, dem ein Trompetenruf folgt. Die Gäste springen auf, sehen einen Schein und eilen auf ihn zu. Ein gewaltiger Kasuarinenbaum strahlt in der nahenden Dämmerung mit hunderten brennenden Lichtern! Der Weihnachtsbaum im indischen Wald! All die vielen Lichtlein spiegeln sich in den glänzenden, schwarzen Augen, in den erstaunten Gesichtern der Feiernden. Die Schar lagert um den Baum und wieder findet ihre Freude Ausdruck im Singen, wobei ihre Hände den Takt schlagen und die Körper im Rhythmus sich wiegen.
Über dem Fluss schimmert das Abendrot und mischt seine Strahlen mit dem der Kerzen, die leise im Winde zittern ... Weihnacht im Dschungel ...
Krippenkult auf Kapri
Wenn bei uns im Norden das Jahr zur Rüste geht und die Stürme die letzten Blätter von den Bäumen peitschen, beginnt auf der meerumblauten Insel Kapri ein zweiter Frühling. Nach den starken Regengüssen, die der großen Sommerhitze folgen, fangen im Garten die Rosen, Narzissen, Alpenveilchen und vielfarbigen Chrysanthemen wieder zu blühen an. Selbst ein Obstbaum, die japanische Mispel, schmückt sich mit herrlich duftenden, mattweißen Blüten, und in milden Jahren blüht auf der Südseite der Insel sogar der Flieder. Die Apfelsinen und Zitronen kriegen schon wieder orangefarbene und gelbe Backen, während an den kleinblättrigen Mandarinenbäumchen die aromatischen, goldenen Früchte bereits dem Weihnachtsfest entgegenreifen.
Keiner würde wohl mitten unter Blütendüften und unter Kapris überschwenglicher
Himmelsbläue an Weihnachten denken, wenn nicht eines Tages das Jubelgeschrei der Kinder verkündete, dass die „Zampognari“ da sind. Das sind Landleute aus der Campagna um Neapel, den runden Mantel malerisch um die Schultern gehängt, die Füße sandalenartig umschnürt; sie kommen, um Weihnachten zu verkünden. Täglich ziehen sie von Haus zu Haus, meist ein Alter und ein Junger, und blasen vor dem Madonnenbilde, dem auch in der ärmsten Hütte ein Lämplein angezündet ist, ihre lieblichen Hirtenweisen.
Der Junge bläst eine Art Flöte und singt zwischen jeder musikalischen Redensart einen Vers einer rührenden Hymne an die Jungfrau Maria, während der Alte auf dem Dudelsack begleitet. Der gewaltige, orgelgleiche Ton des Dudelsackes, die Innigkeit, mit der der Sänger zur Madonna emporblickt, die zwischen Furcht und Freude schwankende Erregung der Kinder, die vor den fremdartigen Gestalten und von der herzergreifenden Musik bewegt auf der Mutter Schoß flüchten – das alles macht den täglichen Besuch der „Zampognari“ zu einer Andachtsstunde.
Was für unsere deutschen Kinder der Weihnachtsbaum, ist für die kapresischen das „Presepio“, die Krippe, eine Darstellung der Heiligen Nacht mit möglichst romantischem landschaftlichen Hintergrund. Die kleinen Kapresen sammeln eigentlich das ganze Jahr dafür. Wer von ihnen könnte an der Marina die von den Fischernetzen abgefallenen Korkstückchen ansehen, wer auf den Bergen Moos oder Borke finden, ohne an die schönen Felspartien zu denken, die er daraus für seine Krippe machen kann? Wer kehrte von der Piccola Marina zurück, ohne heimlich ein Taschentuch voll von jenem vorzüglichen, braunen Lehm mitzubringen, aus dem sich die allerschönsten Hirten kneten lassen?
Was aber ein echtes kapresisches „Presepio“ ist, das hält sich nicht engherzig nur an die Personen und das schmückende Beiwerk der Bibel. Der höchste Ehrgeiz des kleinen Krippenbauers ist es, die Szene möglichst lebensvoll und erfreulich zeitgemäß zu gestalten. Daher setzt er hinein, was er hat, und was er in den Läden von Kapri für ein paar Centesimi kaufen kann: Jäger, Fischer, Bettler und Fürsten, Priester und Soldaten, kurz Menschen aller Berufsarten und Nationen. Ferner natürlich alle Tiere des zoologischen Gartens: einen kleinen Elefanten, ein niedliches Krokodil u. a. Sehr beliebt sind auch Läden mit richtigen Esswaren, Bäcker- und Schlächterbuden mit möglichst leckerem Aushang. Auch alle Arten von Fuhrwerk sieht man da, vom biederen Gemüsekarren bis hinauf zur kleinen Eisenbahn auf Schienen mit dem üblichen Zubehör wie Wärterhäuschen, Signallaternen und Bahnhofshalle, die letzten Sachen allerdings meist nur als „Hinterlassenschaft“ irgendeines kleinen „fremden“ Jungen. Vor allen Dingen darf aber ein kleiner See aus Spiegelglas nicht fehlen.
Mit solchen und ähnlichen kleinen, unschuldigen Zeitwidrigkeiten auf dem Gewissen, sieht man die kapresischen Kinder um diese Zeit vor den Kramläden Kapris die Neuerscheinungen für die Krippe bewundern, begehren, feilschen und kaufen oder niedergeschlagen von dannen trollen, wenn die geforderten Preise für ihre Sparbüchse unerschwinglich sind.
Dazwischen hört man aus der Ferne die liebliche Hirtenmusik der „Zampognari“ durch die Campagna von Kapri klingen. Sie tönt durch die milde, sonnendurchflutete, düfteschwere Luft, sie mischt sich in das Rauschen des veilchenblauen Meeres und auf eine seltsame Weise in unsere Kindheitserinnerungen an schneestarrende Weihnachten in deutscher Heimat.
Zum letzten Mal blasen die „Zampognari“ am Heiligen Abend bei den Kapresen vor der Krippe, bei den Deutschen unter dem Weihnachtsbaum, meist einer jungen Pinie vom Monte Solaro, die ihren unendlichen Himmelsdom mit einer der hochgewölbten Kammern eines Kaprihauses hat vertauschen müssen. Dann erhalten die Musikanten ein kleines Geschenk und kehren wieder in die Campagna zurück.
Spanische Weihnachtslotterie
Von allem Äußerlichen abgesehen, besteht ein tiefgehender Unterschied zwischen dem nordischen Fest und dem südlichen, ein Unterschied, der in der ganzen sozialen Struktur der Völker begründet ist. Der Süden kennt nirgends ein Familienleben im nördlichen Sinne. Und das germanische Weihnachtsfest ist eben in erster Linie ein Fest der Familie, hinter dessen Sinn alles andere, auch der kirchlich-christliche Gehalt, zurücktritt. Der Südländer weiß wohl, Feste zu feiern, aber nur Volksfeste.
Und so pflegt in den Straßen Madrids in der „stillen, heiligen Nacht“ bis zum Morgengrauen ein derartiger Lärm zu herrschen, dass die Bewohner der inneren Stadtteile schwerlich ein Auge zutun können. Große Scharen, mit Tamburins und Trommeln bewaffnet, ziehen umher und singen, die Instrumente unbarmherzig bearbeitend, ihre klassischen „Villancios“ dazu. Zwischendurch ertönt die Zambamba, ein oben mit Pergamentpapier überspannter, unten mit einem Loch versehener Topf, dem dadurch, dass ein an dem Papier befestigter Stab aus und eingestoßen wird, höchst unharmonische Töne entlockt werden, wogegen die Klänge unserer gewöhnlichen Kirmestrommeln eine wahre Sphärenmusik sind.
Von der christlichen Legende ist, trotzdem die Spanier sich bekanntlich für die frömmsten Leute halten, nicht mehr viel übriggeblieben. Abgesehen von der Messe, die um Mitternacht gelesen wird und „Missa de gallo“, Hahnenmesse heißt, merkt man hier nur daran etwas von dem Geburtsfest des Messias, dass um diese Zeit an die Leistungsfähigkeit des Magens die ungeheuerlichsten Anforderungen gestellt werden. Schon mehrere Wochen vorher hatten sich die „Alcayanos“ eingefunden, Leute aus der Gegend von Alcay in ihrer Bauerntracht, die vielerlei Arten von „Turren“ feilbieten, eine offenbar aus dem Orient stammende Süßigkeit, deren Hauptbestandteile Mandeln und Zucker sind.
Madrid scheint plötzlich im Schlaraffenland zu liegen! Da sieht man in hübschen Schachteln Marzipan aus Toledo und Cadiz neben den Töpfen eingemachter Früchte aus Granada. Nicht weit davon, imposant in ihrer silbernen Hülle, stattliche Würste aus Katalonien und Mallorca, asturische Schinken und Käse aus der Mancha, köstliche Weine aus Andalusien und der Rioja, Mandarinen und Apfelsinen aus Valencia, Birnen aus Murcia, Äpfel aus Aragon, Trauben aus Gijona, Bananen von den Kanarischen Inseln, Konserven aus Santander, Oliven aus Sevilla – kurz, die ganze Feinschmeckerei und Geographie Spaniens lässt sich darauf aufbauen. Unmittelbar vor den Festtagen werden auch ganze Herden Truthühner in die Stadt getrieben, denn das ist das eigentliche spanische Weihnachtsessen.
Durchaus materieller Natur ist auch ein anderes Weihnachtsvergnügen der Spanier, die Lotterie. Das ganze Los kostet 2000 Peseten, eine Summe, die nur ganz wenige Nachkommen des Königs Krösus zu spielen vermögen. Die Unterabschnitte gehen von 100 Peseten bis 50 Centimos. Jeder bessere Privatmann, jedes Geschäft nimmt sich einige Abschnitte zu 100 Peseten, die dann wieder mit Hilfe von vorgedruckten Navidadquittungen unter Freunde, Verwandte und Kunden verteilt werden. Die Spielleidenschaft ist ungeheuer entwickelt. Zu Weihnachten kann sie sich austoben. Der Staat verkauft für 420 Millionen Pesetas – das sind augenblicklich rund 85 Millionen Mark – Lose, und in den letzten Tagen vor der Ziehung ist es oft unmöglich, überhaupt noch nennenswerte Anteile zu erhalten.
Aber diese Lotterie lohnt sich auch. Der Staat lässt sich nicht lumpen und verteilt für nahezu 90 Millionen Preise! Der Haupttreffer beträgt 15 Millionen Peseten, dann kommen zwei Prämien zu 10 und 5 Millionen, und so geht es allmählich nach unten. Der erste Hauptgewinn heißt im Volksmunde„Seine Majestät, der Dicke“ und ist ohne Zweifel von allen Majestäten, die es in Spanien gegeben hat, die, welche über die meisten Anhänger verfügt. Alle Wünsche, die ganze Sehnsucht und erwartungsvolle Spannung der ungeheuren Mehrzahl der Spanier dreht sich in diesen Tagen um ihn.
Alles, was vom Aberglauben noch in der Volksseele sitzt, kommt dabei zum Vorschein und wird wieder aufgefrischt. Es sieht tatsächlich so aus, als ob man plötzlich mitten in den Herrschaftsbereich von Zauberern, Wahrsagern und anderen Hexenmeistern versetzt würde. Da gibt es auf einmal keinen Unsinn der Traumauslegebücher, der so groß wäre, dass er nicht willige Abnehmer fände. Von der kartenlegenden Gitana bis zum Harmanito, der als Orakel auftritt, hat man eine vollständige Sammlung von allerhand Wesen, die mit übernatürlichen Kräften begabt sein wollen und sich auf die Ausbeutung menschlicher Verstandesschwäche werfen. Um die Worte, Gebärden und Bewegungen dieser zu Halbgöttern Erhobenen richtig zu deuten, werden der Einbildungskraft die unerhörtesten Anstrengungen zugemutet. Die Höflinge „Seiner Majestät, des Dicken“ finden nämlich die innigsten Beziehungen zwischen ihm und den gewöhnlichsten Dingen des täglichen Lebens heraus, die anscheinend nicht das geringste mit ihm zu tun haben. Soll in einer Kaserne zum Beispiel ein Los gekauft werden, so muss der einfältigste Rekrut oder der gröbste Unteroffizier gewählt werden. Handelt es sich um eine Fabrik, und verfügt diese über einen Buckligen, so muss unbedingt dieser gehen, denn es gibt 99 Ansichten gegen eine, dass das von ihm besorgte Los gewinnt. Einem Hinkenden oder gar Einäugigen würde aber kein Spanier einen solchen Auftrag erteilen, ebenso wenig wie er das Los an einem Dienstag oder einem 13. kaufen würde.
Ergibt sich nachher, dass die Voraussage doch nicht die richtige war, so schreibt man die Schuld eben auf eine irrtümliche Auslegung irgendeines Umstandes.
Schwedische „Sternburschen“
Das Julfest, wie in Schweden Weihnachten genannt wird, ist seit Menschengedenken das größte Fest des Jahres. Es wird bei arm und reich wochenlang vorbereitet, und die Julgebräuche der Vorfahren werden noch jetzt festgehalten.
Kurz vor Weihnachten wandern die „Sternburschen“, in lange, weiße Röcke gehüllt, mit strahlenden Kronen auf dem Kopf und Laternen in Form von Sternen in der Hand, durch die Dörfer und singen vor den Häusern altschwedische Volkslieder. Dieser alte Brauch symbolisiert die Legende von den Heiligen Drei Königen.
Frühmorgens, am 13. Dezember, weckt ein junges Mädchen, weiß gekleidet, eine Krone aus frischen Fichtenzweigen auf dem Kopf und brennende Kerzen in den Händen die Bewohner des Hauses mit einem traditionellen poetischen Gruß und bietet ihnen heißen Kaffee und frische Semmeln auf einem laubgeschmückten Brett. Diese Vorbotin des Julfestes ist die „Luciabraut“, eine Erinnerung an die alte italienische Legende von Santa Lucia, der christlichen Märtyrerbraut.
Am Weihnachtsabend selbst versammeln sich alle Hausgenossen zum Mahl in der Küche, wobei der Höhepunkt erreicht wird, wenn jeder ein Stück Brot in den Topf tunkt, in dem der traditionelle Weihnachtsschinken gekocht wird. Dieser Weihnachtsschinken ist ein Überbleibsel von dem unsterblichen Eber Saerimmer der Wikingerzeit, der am Abend geschlachtet und gegessen wurde, am anderen Morgen aber wieder frisch und munter war. Später kommen die Familienmitglieder zusammen und tanzen um den Julbaum, eine festlich geschmückte, lichterstrahlende junge Fichte. Dabei werden die Weihnachtsgeschenke verteilt.
Weihnachtliche Apothekerfestessen in Japan
Ähnlich wie die alten Germanen ihr Fest der Wintersonnenwende feierten, wird dieser Tag seit alters her auch im fernen Japan festlich begangen. Man nennt ihn dort „Ichiyo raifuku“ oder die „Wiederkehr des guten Glücks“. Früher pflegten, vermutlich auf Grund einer aus China eingeführten Sitte, die Ärzte und Apotheker an diesem Tag große Festessen zu veranstalten, zu denen sie ihre „Kunden“ aus dem verflossenen Jahr einluden. Diese wurden nach einem alten chinesischen Kaiser Schinno, der die Wissenschaft der Medizin im Reich der Mitte erfunden haben soll, „Schinnosai“ genannt und erfreuten sich größter Beliebtheit.
Die erste Erwähnung eines christlichen Weihnachtsfestes findet sich in der Dezembernummer der Zeitung „Geijutsu“ aus dem Jahr 1878, wo es heißt: „Der 25. dieses Monats heißt in christlichen Ländern Weihnachten. Es scheint eine Mischung aus den japanischen Ujigamisai (Fest des schützenden Schreins), Hinamatsuri (Puppenfest) und Fukuhiki (Lotterie) zu sein.“ Sehr genau ist man offenbar demnach mit dem Wesen unseres schönsten Festes damals in Japan nicht vertraut gewesen. Allmählich wurde mit dem Eindringen der Europäer in das Reich der aufgehenden Sonne auch Weihnachten dort besser bekannt, wenn die Feier auch ausschließlich auf christliche Kreise beschränkt blieb und auch heute noch beschränkt ist.