Die letzte Weihnacht der Mutter Bittnerin

Skizze von Bruno Hanns Wittek

Die Mutter Bittnerin ist plötzlich todkrank geworden und liegt am Weihnachtsabend im Bett. Niemand ist in der Stube, denn niemand weiß es ja, dass die Bittnerin so krank ist. Die Leni, ihr Pflegekind, ist schnell in die Apotheke gelaufen mit dem Rezept vom Doktor, der was Lateinisches verschrieben hat. Trübselig hängt die Lampe von der Zimmerdecke an einem rostigen Draht, durch den Schirm aus krepprotem Seidenpapier tastet ein unsicheres Licht in die Stube. Die Kranke hat die Augen geschlossen, aber sie weiß alles, was in der Stube vorgeht.

Auf dem runden Tisch steht der Christbaum, klein, verwirrt, ein wenig bedrückt steht er da, mit bunten Kerzchen an den Ästen, grünen, roten, blauen und gelben. Die Leni hat die Lichter ausgeblasen, ehe sie den Gang tun musste, und nun sind die Dochte noch warm von den Flämmchen. Ein süßlicher Duft ist im Raum von verbranntem Wachs und bescheidenem Weihnachtswunder. Unter dem ängstlichen Bäumchen steht ein Teller mit Backwerk, liegen ein Paar weiße Strümpfe und eine Wolljacke für die Leni. Schlag Sieben rasselt die Schwarzwälderuhr los, das Türlein im bunten Uhrkasten fliegt auf wie der Sesam-öffne-dich im Märchen, und der kleine, hölzerne Vogel schreit siebenmal mit einer leichten Verbeugung sein „Kuckuck-Kuckuck!“ und verschwindet dann ebenso eifrig wie er gekommen, als wollte er mit der Mutter Bittnerin Verstecken spielen.

Vor dem Fenster, zu dem ein heller Schein kommt von der Straße her, tanzen die Schneeflocken, weich und weiß und fein und begütigend. Den ganzen Nachmittag hat es gestöbert, erst gegen den Abend zu ist etwas wie eine heilige Scheu selbst in das grimme Winterwetter gekommen. Und obwohl es der Bittnerin im Grunde genommen ganz gleich sein könnte, ob es stöbert oder nicht, ist doch eine stille Freude in ihr über den geruhsamen Heiligen Abend. Sie freut sich für die andern...

Und nun wird man fragen, warum ich soviel Aufsehens mache von der kranken Bittnerin. Wer sie war? Jedes Kind kennt sie in der Stadt. Sie ist sehr alt und verhutzelt. Ganz alte Leute wissen sich noch daran zu erinnern, dass dieses zerknitterte Gesicht einmal einem glatten Jungfräulein gehörte, nach dem die Burschen lange Hälse machten, wenn es am Fenster zu sehen war. Besonders schön soll dieses Gesicht im Sommer gewesen sein, denn dann standen Pelargonienstöcke im Fenster, die brannten rot wie die Liebe. Aber, wie gesagt, diese Leute sind steinalt. Die Jugend und das beste Lebensalter in der Stadt kennen die Bittnerin wohl seit etlichen Jahren und Jahrzehnten, und seither hat sich nichts an ihr verändert, äußerlich wenigstens.

Die Bittnerin betreibt noch immer ihren Kramladen mit wechselndem Glück, an der Stelle, wo die beiden Hauptstraßen des Städtchens in behäbiger Breite zusammenlaufen. In dem kleinen Schaufenster, in das der Staub der Straße gekrochen ist, stehen noch immer buntgepickte Papphäuschen mit Rauchfahnen aus Watte, die mit Ruhe getragen werden, weil es mit dem Davonfliegen doch nichts auf sich hat. Diese Papphäuschen würde die Bittnerin um alles in der Welt nicht verkaufen, denn sie sind für das Weiblein ein bedeutsames Andenken an seinen seligen Mann, den Töpfermeister Anton Bittner, der an langen Winterabenden kunstvoll schnitzte und klebte. Desgleichen ist ein Holzsoldat im Schaufenster noch zu sehen, den der Meister mit seinem Taschenfeitel aus einem Lindenblock schnitt.

Die Bittnerin hebt sich ein wenig im Bett hoch, weil sie spürt, dass der Husten kommt.

Ja, er war schon ein heimlicher Künstler gewesen, der Töpfermeister Anton Bittner! Aber auch ein Querkopf und Eigensinn, ein Schabernacktreiber, der einem das Leben manchmal wahrhaftig nicht leicht machte, dem man aber nicht gram sein konnte. Als findiger Kopf wusste er mit seinem Handwerkszeug auch was anderes anzufangen, als Kacheln kleben und Heizlöcher ausschmieren. Mit einem Patzen Lehm konnte einer sogar den lieben Gott spielen. Ist der Adam aus einem Lehmkloss geworden, warum sollte der Meister Bittner aus seinem Ofenton keine Figürlein zaubern? Freilich, den göttlichen Odem konnte er ihnen nicht einblasen, dass sie lebendig wurden. Aber menschenähnlich konnten sie schon werden, wenn er sich die Mühe nahm, Gottes Ebenbildern einiges Weniges abzugucken, wie sie sich trugen auf der Gasse und im Laden. Damals, als ihm diese Erkenntnis kam, hat der Meister Bittner zuerst einen König geknetet mit Krone und Zepter und dann einen Bauer mit Zipfelmütze und Tabakspfeife und als Krönung des Ganzen schließlich den Stadtpolizisten Sebastian Knüppelholz. Damit nicht genug, wurden die Figuren mit grellen Farben bemalt, der König bekam einen weißen Bart und windgerötete Nikolobäckchen, der Bauer eine grüne Mütze und ein knallgelbes Wams, dem Knüppelholz aber wurde die Kulpnase so karfunkelrot bestrichen, dass in der ganzen Stadt kein Mensch über die Absicht des Künstlers im Zweifel bleiben konnte, der mit seinem Kunstwerk auf die Wechselbeziehungen alkoholischer Genüsse zu dem ganzen Menschen im allgemeinen, zur menschlichen Nase aber im besondern verweisen wollte. Welche Kühnheit dem Meister Bittner allerdings vierundzwanzig Stunden Arrest einbrachte wegen Wachebeleidigung und Erregung von öffentlichem Ärgernis.

Geärgert hatte sich darüber eigentlich niemand, ausgenommen vielleicht der vom
Spaß unmittelbar betroffene Knüppelholz. Man fand sich im Gegenteil allgemein belustigt, aber Strafe mußte sein, die Autorität war in Gefahr. Und mit der Autorität ist das wie mit einer alten, bissigen Jungfer, man sieht sie lieber von weitem an, denn genau besehen, in der Nähe, hat sie einen Schnurrbart als Abschreckungsmittel.

„Ach, du liebe Zeit,“ denkt die Mutter Bittnerin, „du liebe Zeit“, man hat sein Kreuz mit Geduld getragen all die Jahre her. Aber eben von wegen der Autorität war es nicht klug von Meister Bittner, dass er, obwohl gewarnt durch erstmalige Erfahrung, Macht und Ansehen des Magistrats gerade zu einer Zeit, wo es mit den Finanzen der Stadt nicht zum Besten stand, durch ein Dukatenmännlein herausforderte, das bald nach der Freilassung des Meisters in nicht misszuverhockender Stellung vor der Rathaustür zu finden war, in der Größe eines dreijährigen Kindes, aus Ton gebacken und mit einer gewissen verschmitzten Emsigkeit seines einförmigen Tuns beflissen.

Diesmal gab es schon drei Tage Einzelarrest, mit einer Faste verschärft. Aber der Meister hatte sich damals doch den Buckel voll gelacht und mit ihm die ganze Stadt.

Die Mutter Bittnerin überdenkt das jetzt alles noch einmal, wie sie so still auf ihrem Krankenlager liegt, und lächelt vor sich hin. Es ist ein feines, gütiges, abgeklärtes Lächeln. Sie sieht ihren Alten, der nun bald zehn Jahre in der Erde liegt, leibhaftig vor ihrem Bett. Er beugt sich so nahe über sie, daß sie seinen rostroten Schnurrbart erkennt und fragt: „Na, Mutter, wie geht's denn? Das sind schlimme Weihnachten für dich, Mutter, schlimme Weihnachten! Schau, es ist gar nicht so schlimm, das Wegsterben, wie ich mir's gedacht. Im Himmel ist nur eine einzige, große Autorität, Mutter, und die ist der liebe Gott selber. Der macht aber keine kleinlichen Gesetze und Verordnungen mit Stampiglien und Unterschriften. Der packt's gleich im Großen an. Wirst es schon sehen, Mutter, wirst es schon selber sehen...“

Wie die Bittnerin das hört, will sie nach dem Sprecher greifen, aber sie fasst nur die hatte Bettkante. Wenn nur die Leni schon käme! Dem Fenster genüber flammt eine eisbekrustete Scheibe auf in vielen feurigen Zungen. Die Flocken fallen in silbernen Schnüren: Das Christkindl geht durch die Stadt.

Das Christkindl! Einmal hat es der Meister Bittner auch aus Ton geformt und ihm einen Messingdraht als Heiligenschein über den Kopf gezogen. Und sie selbst, die Bittnerin, hat bunte Flicken, seidene Fähnchen gesucht, glitzernden Flitter daran genäht und dem himmlischen Kind ein Kleid gegeben. Seither stand dieses Christkindl mit dem ein wenig zu großen Kopf alljährlich unter dem Weihnachtsbaum als eine liebe Erinnerung. Gleich heute früh hat es die Leni vom Boden holen müssen. So geht es uns oft mit bescheidenen Dingen unserer nächsten Welt: Unser Herz hängt daran, auch wenn sie andern wenig oder nichts bedeuten.

Wenn nur die Leni käme! Auf einmal ist es der Bittnerin, als ginge eines auf leisen Sohlen durch die Stube. Und wie sie sich mit letzten Kräften stützt und hebt, blinkt es auf zu Füßen ihres Bettes. Ein leuchtender Reifen, in sich selbst zu schimmernder Pracht geschlossen, glänzt zu der Kranken hin und eine Stimme kommt zu ihr, ein Stimmchen wie der Ton einer Geige, wie ein Liebesgeflüster, um das die laute Welt nicht wissen darf:

„Mutter Bittnerin, als Euer Mann mich schuf, bin ich reglos und stumm gewesen, ein Spielzeug den Kindern, ein Stück Erinnerung den Alten. Heute aber hat mich der liebe Gott lebendig gemacht mit Eurer Seele. Ihr seid in diesem Augenblick selig verstorben, Bittnerin, ohne dass Ihr darum wusstet. Ich will jetzt Eure Seele in den Himmel tragen ...“

Draußen fällt der Schnee lautlos in die letzte Weihnacht der Mutter Bittnerin. Als die Leni, die sich im Flur die weiße Pracht aus der Jacke geklopft hat, mit einem leisen „Guten Abend, Mutter Bittnerin!“ in die Stube tritt und die Lampe hochschraubt, ist alles vorüber.

Übertragen von hojos
im Dezember 2025