Der Krampusfilm

Text und Bilder von Ernst Kutzer

Huh! Das war euch ein Schrecken unlängst im Kino bei der Kindervorstellung; hatte sich da so ein kleines ausgelassenes Teufelskerlchen, ein richtiges Krampusserl, bei einer Filmaufnahme unversehens mitfotografieren lassen und als bei der Vorstellung das Bildchen drankam, wo er darauf war, – hopp – sprang das kleine Ungetüm aus der Leinwand heraus und mit einem Purzelbaum mitten in die Kinder hinein, die unten im Zuschauerraum andächtig saßen. Jedenfalls war's ihm nicht angenehm gewesen, so fest zusammengepresst in der Filmrolle zu hocken, und er benützte die erste Gelegenheit, um die Freiheit wieder zu erlangen.

Ein allgemeiner Schreckensschrei – ein Durcheinander – Kreischen, Lachen, Weinen – alles sprang entsetzt von den Plätzen, der Direktor kam händeringend angerannt, die Vorstellung musste unterbrochen werden und nun ging ein Suchen nach dem Ausreißer los. Jung und Alt wetteiferten miteinander, das ganze Kino wurde auf den Kopf gestellt – doch alle Mühen waren umsonst; das Krampusserl war verschwunden, einfach weg und nicht zu finden. Die meisten Leute strebten dem Ausgang zu, denn es war doch nicht geheuer, ein lebendes Teufelchen im Zuschauerraum zu wissen – viele standen noch unschlüssig herum, jedenfalls war die Vorstellung durch diesen so ganz eigenartigen Zwischenfall verdorben.

Da, auf einmal, hörte man, zwar gedämpft, aber doch ganz deutlich, ein Quietschen und Quieken, als ob man einem Hund aufs Schwanzerl treten würde, und gleich darauf ein gellendes Hohngelächter.

Nun war es mit der Fassung der meisten Leute vorbei – schreiend drängte alles dem Ausgang zu und fort auf die Straße. Im Nu war der nächste Straßenbahnzug überfüllt und mit erschrockenen Mienen besprachen die Leute das unheimliche Erlebnis, hin und her wurde geraten, wohin nur das Krampusserl verschwunden sein könnte.

Das saß inzwischen wohlverborgen in Großmutters Handtäschchen und als diese mit den Kindern nun nach Hause kam Huppdiwupp – sprang es quietschvergnügt heraus und mitten auf den eben gedeckten Abendtisch.

Das war ein Schrecken! Die Kinder kreischten auf, die Mutter prallte mit einem Entsetzensschrei zurück, Großmutter fiel sprachlos in den Lehnstuhl, der Vater starrte empört den Unhold an – da eilte die mutige Leni auch schon mit der Fliegenklappe daher, um dem Wicht den Garaus zu machen.

Doch siehe da, das Krampusserl kniete in der Mitte des Tisches nieder und bat und flehte mit aufgehobenen Händchen, man solle es doch leben lassen, es werde schon sehr, sehr brav sein.

Rührend sah das kleine knieende Kerlchen aus und als nun gar zwei große Tränen aus seinen winzigen Äuglein rollten, da löste sich das starre Entsetzen der Familie. Die Kinder waren die ersten, die für das Krampusserl baten und den Vater, der nichts davon wissen wollte, unaufhörlich bestürmten, ihnen doch das Teufelchen zu lassen, sie würden es hegen und pflegen. Als nun auch die Mutter ein gutes Wort für den
kleinen Kerl einlegte, gab endlich der Vater, wenn auch grollend, die Einwilligung, dass es dableiben dürfe.

Kaum hatte Krampusserl das erlösende Wort gehört, als es wie toll von einem Bein auf's andere sprang und quietschend und jubelnd zwischen Tellern und Gläsern herumtanzte. Hellauf lachten die Kinder und klatschten voll Freude in die Lände, ja sogar die Großmutter musste über die tollen Grimassen lächeln, obzwar sie ein gewisses Grauen vor dem Wicht nicht loswerden konnte.

Der Vater gebot nun Ruhe – gleich sass Krampusserl still und wartete auf wie ein kleines Hündchen. „Ja, wenn du so schön artig bleibst“, sprach der Vater, „dann kannst du bei uns bleiben und mit den Kindern spielen; wehe dir aber, wenn du schlimm wirst, dann musst du unbarmherzig wieder fort aus dem Haus!“ Da schüttelte das Wichtlein so heftig sein Köpfchen, dass es allen ordentlich leid tat, und Gucki, das kleine Töchterlein, nahm es nun in die Arme und streichelte sein krauses Fellchen. Schnurrend hockte es da und blinzelte mit den Äuglein wie ein kleines Kätzchen und bald wollte es jeder auf den Arm nehmen. So wanderte es nun zum Ernstl und Fritzl und wieder zurück zur Gucki.

„Nun wollen wir aber endlich doch mal essen,“ rief der Vater, „das Krampusserl wird
ja auch Hunger haben!“ Da stürmten die Kleinen davon und holten aus ihrem Spielzeugkram allerlei Puppengeschirr, Tellerchen und Krüglein, Messerchen und Gäbelchen, ja sogar einen kleinen Tisch und Sessel brachte Gucki aus ihrem Puppenzimmer und stellte alles schön auf dem Tische auf. Mit einer artigen Verbeugung nahm Krampusserl Platz und nun ging's los.

Ein winziges Butterschnittchen wurde ihm vorgesetzt mit einem Bissen Wurst, ja sogar einen Tropfen Bier bekam es in sein Krügelchen. Der Kleine griff wacker zu und ließ sich's schmecken; eins – zwei – war alles aufgezehrt. So viel ihm auch die Kinder vorsetzten, gleich war's verschwunden, bis die Mutter endlich sagte: „jetzt ist's genug – sonst platzt er ja noch, sein Bäuchlein ist schon kugelrund!“ Krampusserl gab sich auch zufrieden und kaum hatte er das letzte Stücklein verzehrt, da fielen ihm auch schon die Äuglein zu und er schlief schnarchend ein.
„Da am Tisch kann er nicht bleiben,“ sprach der Vater, „also sucht ein Plätzchen, wo er schlafen kann,“ und nun wurde beraten, wohin man ihn legen sollte. Ernstl meinte, am liebsten würde er sicher auf seiner neuen Lokomotive schlafen, denn das sei doch der schönste Platz in der Wohnung, während Fritz behauptete, in seinem Lastauto hätte er's viel schöner. Gucki aber nahm sorgsam das schlafende Krampusserl und legte es in das Himmelbett im Puppenzimmer, die Puppe Liesel musste halt auf einem Polstersessel schlafen.

So lieb lag nun das kleine schwarze Kerlchen in dem weißen Bettchen, dass sich die Kinder kaum trennen konnten von ihm. Hätten sie damals schon gewusst, was das noch für ein Schlingel werden würde, sie hätten ihn sicher nicht behalten, 's ist aber meist sehr gut, dass man im Leben niemals weiß, was noch kommt – das nächste Mal wer' ich's euch dann erzählen – da könnt Ihr Euch freuen, na ich danke!

Girrrrrrrrrrr! ratschte der Wecker. – 1/4 8 Uhr Früh! – Aufstehen! – Zur Schule gehen! 

Im Kinderzimmer streckten sich sechs Ärmchen und langgezogene „oooaaah“ und „oooje“ ertönten. Fritz drehte sich schnell noch einmal auf die andere Seite; – nur noch fünf Minuten – wie immer. Gucki, als die pflichteifrigste, rappelte sich nun zuerst schlaftrunken auf und strich sich gähnend ihre Löckchen aus der Stirne. Sonderbar ist das schon, dachte sie sich, 1/4 8 Uhr und noch stockfinster! Und überhaupt! Ist denn heute nicht Sonntag – und der Wecker läutet, wo wir doch sonst immer länger schlafen können? Da steckte nun auch schon die Leni den Kopf zur Türe herein und rief: „Was fällt euch denn ein, den Wecker läuten zu lassen? Heute ist ja Sonntag und dann überhaupt ist's ja erst 1/2 7 Uhr! Schlaft nur ruhig weiter!“ Schon langte sie zum Schalter, um das Licht, welches sie aufgedreht hatte, wieder auszulöschen, da ertönte aus dem Bett der Gucki ein jubelnder Aufschrei: „das Krampusserl!“ Und „wupp“ schnellten wie auf Kommando Ernst und Fritz in ihren Betten hoch und quietschend und lachend brüllten nun drei Stimmen um die Wette: „das Krampusserl, das Krampusserl, das Krampusserl!“

Sie hatten's ja beinahe über die Nacht vergessen, dass sie so ein herziges Kerlchen besaßen. Aller Blicke hefteten sich auf das Bettchen im Puppenzimmer, wo sie es doch so lieb am Abend vorher hineingelegt hatten – weg war es. Entsetzt starrten sie auf das leere Bettchen, „ja wohin ist es denn verschwunden? – ?“

Da ertönte vom Tische her ein heiseres Quietschlachen – mit einem Ruck drehten sich die Köpfchen nach dieser Richtung – hurrah, dort saß es ja, das schwarze kleine Kerlchen, neben der Weckeruhr, hielt einen Kaffeelöffel in den Händchen und fing an, ununterbrochen an eine leere Schale zu schlagen, indem es vergnüglich blinzelnd bald die Kinder, bald die Leni anschielte. „Hunger wird er haben,“ rief der Ernstl, und sofort stimmten die anderen bei, „aber natürlich! das Arme! Leni, Leni, bring ihm doch was.“

Der Krampusfilm. Bild von Ernst Kutzer © Archiv 1133.at
<p><b>Der Krampusfilm</b></p><p>Bild von Ernst Kutzer</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Da ging die Türe auf und der Vater stand mit strengem Blick auf der Schwelle, sich nach dem Lärm erkundigend. „Wer hat eigentlich den Wecker läuten lassen, dass man nicht einmal am Sonntag länger schlafen kann?“ – Schweigen ringsum! – „Die Kinder waren's sicherlich nicht, wer dann?“ Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Weckeruhr und er sah gerade noch wie das Krampusserl sich dahinter verkroch. „Aha, du Schlingel warst es,“ rief er, „ja, ja, versteck dich nur, dein Schwänzlein sieht man ja noch hervorlugen – aber warte du, noch eine solche Büberei und du liegst draußen! Unbarmherzig!“ – Bumm, flog die Türe zu.

Da guckte aber auch schon wieder quietschvergnügt das listige Krampusgesicht über den Rand des Weckers, dass die Kinder hell auflachen mussten, und aller Groll war verschwunden.

Nun schnell in die Kleider und zum Waschtisch. „Komm, Krampusserl, auch du musst dich waschen!“ Der machte aber ein langes Gesicht, als er das Wasser sah und Gucki meinte: „aha, der ist mir scheint auch so ein Waschfreund wie der Fritz; aber das nützt alles nichts, mein liebes Krampusserl, gewaschen muss werden – also komm“. Und mit vorgestreckten Händchen ging sie nun zum Tische, um das struppige Kerlchen herüberzutragen. Doch da kam sie gut an. Fauchend machte der Krampus einen Katzenbuckel, alle Haare sträubten sich an seinem Körper, fletschende Zähnchen und scharfe Krallen streckten sich ihr entgegen, so dass sie erschreckt zurückwich.

„Geht's nicht im guten, wird's eben mit Strenge gehen,“ meinte da der Ernstl, „Ordnung muss sein“, und voll Kampfeifer schnallte er sein Schwert um und setzte den Sturmhelm auf. Fritz folgte sofort dem Beispiele des Großen, legte seine Indianerrüstung an, ergriff den Speer und mit Schlachtgebrüll stürzten sich beide auf den Wicht, der mit funkelnden Augen in seiner Abwehrstellung die Vorbereitungen der beiden argwöhnisch beobachtet hatte.

Der erste wohlgezielte Streich traf zwar den Wecker, dass er klirrend zu Boden schlug, während der Speer die leere Tasse in Scherben verwandelte. Doch Krampusserl sprang unversehrt mit einem fauchenden Quietschen dem Fritz auf seinen Indianerschopf, dass die Federn nur so flogen, dann mit einem kühnen Satz über die Betten und am Fenstervorhang hinauf. Johlend verfolgten ihn die Kinder – „gib den Speer her“ – tschirrpink flog da die Wasserschüssel herab – doch ganz egal – der Kampfeifer wuchs – „wo ist er jetzt – dort – unterm Bett“, bumm, bumm, die Sessel flogen – wupp – sechs zappelnde Beinchen sah man unterm Bett verschwinden – da wurde die Türe aufgerissen – „ja um Gottes willen, was geht denn hier vor?“ quietsch – schlüpfte blitzschnell was Kleines, Schwarzes zwischen der Tür durch, an der händeringenden Mutter vorbei – husch – ins Wohnzimmer.

Dort kniete gerade die Großmutter vor dem Ofen, um eine Schaufel Kohle in das Feuer zu legen – da kam's gesprungen und wuschte eins – zwei – in den schwarzen Kohlenkübel hinein.

Heulend drang der Haufen der Verfolger, denen sich der Vater angeschlossen hatte, ins Zimmer herein und schrie der Großmutter entgegen: „Hast du ihn nicht gesehen?“ – „Wen? – „den Krampus“ – „nein“, und sie warf schnell die eben gefüllte Schaufel Kohlen ins Feuer – – ein allgemeiner Schrei des Entsetzens – – die Großmutter hatte mit den Kohlen auch das Krampusserl in die Glut geworfen. Ganz deutlich sah man ihn in den Flammen zappeln und allgemeines Mitleid ergriff die erschreckt Herumstehenden, die tränenden Auges in die Gluten starrten. Die Kinder jammerten händeringend um den Armen, ja selbst der Vater verzieh ihm gerührt seine heutigen Schandtaten, als er den Kleinen so elendiglich umkommen sah.

„Der arme Kerl,“ sprach er, „nein, so bös gestraft zu werden, das hat er wohl nicht verdient, wenn er auch so schlimm war. Eigentlich habt ja ihr Kinder alles zerschlagen. Der Kleine ist nun einmal wasserscheu, so wie die Katzen – das hätte man eben früher wissen sollen. Nun macht den Ofen zu – 's ist ja alles vorbei, jetzt lässt sich's mal nicht mehr ändern.“

Doch mit starren Augen schauten die Kinder ununterbrochen in die Flammen und rührten sich nicht vom Flecke.

Was war aber jetzt das? Aus dem Ofenloch ertönte ein Helles Gelächter, und mitten
in der Glut tanzte das Krampusserl vergnügt von einem Fuß auf den anderen – kam bis zum Rand des Türleins herausgehüpft, machte allen ein artiges Kompliment, ja warf sogar Kusshändchen in die entsetzte Runde. Da lösten sich mit einem Male die erstarrten Gesichter und jubelnd streckten dem Kleinen die Kinder ihre Händchen entgegen. „Er lebt, er lebt – er ist wieder da!“

„Na, Gott sei Dank,“ meinte der Vater, „das hätte man sich eigentlich ja gleich denken können, dass dem das Feuer nicht schaden kann, er ist ja doch ein Teufelchen.

Der Krampusfilm. Bild von Ernst Kutzer © Archiv 1133.at
<p><b>Der Krampusfilm</b></p><p>Bild von Ernst Kutzer</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Montag früh. Gott sei dank, das Krampusserl ist weg, einfach spurlos verschwunden. Ach dieser Sonntag war ein Schreckenstag, den wohl niemand in der Familie jemals vergessen wird. Wie schaut die sonst so nette Wohnung aus, die Küche, das Vorzimmer und erst das Kinderzimmer – ein Bild der Verwüstung, dass es einem graust. Alles drüber und drunter, Trümmer, Scherben und Fetzen liegen herum. Zerbrochene Zinnsoldaten, Puppenbeine, geknickte Hampelmänner, zerrissene Bilderbücher, verbogene Eisenbahnschienen, in Trümmern darüber der Zug getürmt, da ein Krüglein, dort ein Stiefelchen, die schöne Königskrone zerknüllt, Schwert und Schild zerschlagen, im Puppenzimmer keine Fensterscheibe ganz, Stühle und Kästen voll Schrammen – Unheil, wohin man schaut. Oh, wünsche sich keiner so ein lebend' Krampusserl in seinem Heim zu haben. Ja, wenn er schön brav und folgsam ist, dann ist's ja eine Freude, ihn zu sehen, wie stramm er vor den Zinnsoldaten daher marschiert und seine Kommandoworte schreit, oder wenn er mit der Puppe Liesel zur Hochzeit fährt, oder als Lokomotivführer mit der Eisenbahn dahinsaust; aber so ein kleines Teufelchen ist eben kein Englein und auch nicht so folgsam und geduldig wie die Puppen – der hat sein eigenes hartes Schädelchen und noch zwei Hörnchen obendrein. Eine Zeitlang tut er ja schön mit beim Spielen, aber bald will er anders als die Kinder und lässt sich auch weder mit guten Worten noch mit Schelten abbringen von dem, was er sich in den Kopf setzte. Und da gibt's dann großen Krach! Sieger im Streit bleibt stets das Krampusserl, weil er viel schneller als die Kinder ist; bald da am Ohre zwickt, bald dort am Zopfe reißt, wie der Blitz über Stühle und Tische hüpft und keine Rücksicht auf Möbel und Wohnung nimmt.

Auch der Sonntag endete mit einer wilden Jagd, doch niemand konnte ihn erwischen, bis endlich am Abend der Unhold plötzlich verschwand und trotz allen Suchens einfach nicht mehr zu finden war.

Schöne Nacht war das keine nach diesem aufregenden Tag, denn man musste doch stets gefasst sein, dass das Krampusserl aus irgend einem Winkel wieder hervorschlüpfen und irgend einen Streich stiften könnte.

Doch alles war still geblieben. Auch in der Früh, als sich die Kinder zur Schule fertig machten und nur mit Blicken und leisen Worten sich verständigten, denn laut zu reden wagte keines, der Vater war ja so böse gewesen, auch in der Früh war vom Krampusserl nichts zu sehen und zu hören.

Leise schlichen sich die Kinder aus der Wohnung hinaus und erst am Schulweg wurde laut besprochen und beraten, wo es nur hingekommen sein mochte.

Eigentlich waren sie alle froh, dass es weg war, denn sie hatten sich das lebende Spielzeug so ganz anders vorgestellt. Nur der Ernstl meinte: Na, fein war's doch, wenn auch alles hin ist, das Christkind wird uns schon wieder was Neues bringen.

Inder Schule aber, der Unterricht hatte soeben begonnen und der Herr Lehrer schrieb in Fritzens Klasse mit großen Buchstaben an die Tafel die Worte „Du sollst nicht“ – da schrillte es „quiiiiick!“ durch die Stille. Was war jetzt das? – ? Mit strenger Miene drehte sich der Lehrer um und blickte forschend in die Bubengesichter, die erst entsetzt den Lehrer anstarrten, dann in ein Riesengelächter ausbrachen. „Ruhe! Wer war das?“

– – Schweigen ringsum. Da schrillte wieder ein langgezogenes „quiiiiiiick“ aus einer Bank. „Also, da hört sich doch alles auf“, schrie der Lehrer, aber selbst schon etwas unsicher gemacht, denn er hatte doch alle angesehen und keiner hatte den Mund geöffnet. Was ging da vor? Fritz ahnte Schreckliches. Er hatte das „quick“ erkannt, so quickte nur das Krampusserl; ja sollte denn das mit in der Schule sein? Bei diesem Gedanken stieg es siedendheiss in ihm auf und sein Gesichtchen wurde rot wie Blut. „Was ist's Fritz,“ sagte der Lehrer, „du hast ein schlechtes Gewissen, rede!“ Und stotternd berichtete er nun das Erlebnis mit dem Krampusserl. Staunend lauschten da die Kinder und als er geendet, sprach der Lehrer: „Äm, hm, – sonderbar – sehr sonderbar! Aber schau doch einmal in deinen Schulranzen, es kann ja möglich sein, dass er sich da hinein verkrochen hat und du hast ihn mitgebracht.“ Zögernd öffnete nun Fritz seine Schultasche, Butterbrot und Apfel, die er oben hingelegt hatte, waren verschwunden und rückwärts im Winkel – da – richtig, da hockte der Unhold und grinste zähnefletschend. Erschrocken wich der Fritz zurück – ein durchdringendes „quiiiick“ – ein Sprung, ein Satz – hupp war er heraußen – hatte aber nicht achtgegeben und war geradewegs ins Tintenflascherl hineingehopst. Doch wie der Blitz wieder heraus – schwarz triefend sprang und hüpfte er weiter über Bücher und Hefte mit schrillem Schreien.

Der Krampusfilm. Bild von Ernst Kutzer © Archiv 1133.at
<p><b>Der Krampusfilm</b></p><p>Bild von Ernst Kutzer</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Erschrocken wichen die Buben zurück und rannten aus den Bänken; das Krampusserl nach und – wupp – hast du nicht gesehn, auf den Herrn Lehrer hinauf. – Bevor der ihn noch fassen konnte, flitzte er wie ein Wiesel über Krawatte, Kragen, Bart, Nase hinauf auf die Glatze, biss, kratzte und quietschte und sein schwarzes Tintenschwänzlein malte über das Gesicht des Erschrockenen Klexe und Striche, so dass er bald selbst wie ein Krampus aussah. Der Buben bemächtigte sich Angst und Schrecken und schreiend eilte alles zur Türe. Kaum war aber diese offen – husch war das Krampusserl auch schon draußen auf dem Flur. Ein wüstes Durcheinander entstand, die Türen der anderen Klassenzimmer öffneten sich, Lehrer und Lehrerinnen steckten die Köpfe heraus, um nach der Ursache des ungewohnten Lärmes zu schauen. Riz – raz riss da der tolle Unhold einer Lehrerin die Frisur vom Kopf – klirr flog dort einem Lehrer die Brille von der Nase. Die Bubenklassen machten wilde Jagd nach dem Ungetüm, die Mädchen schrien und weinten und sprangen auf die Bänke – ein Johlen, Lärmen, Quietschen und Schreien dröhnte durch das Schulhaus, wie es noch nie gehört worden war. Brüllend stürmte jetzt alles die Treppen hinunter. Entsetzt kam der Herr Oberlehrer aus seiner Kanzlei und eilte zum Stiegenhaus – patsch! saß ihm da ein lebender fauchender Tintenklex auf der Nase, kratzend und quietschend wirbelte es ihm um den Kopf, dass ihm Hören und Sehen verging, – kleksch, am Schuldiener vorbei, der gerade noch sah, wie was Schwarzes die Treppe hinunterwuschte, große Tintenklexe hinterlassend – dann war's hinaus zum Schultor und nach stürmte der wie toll gewordene Haufen Schulkinder und Lehrer wild durcheinander und ergoss sich auf die Straße.

Aufhalten! Aufhalten! Aufhalten!

Bald war die ganze Straße nur eine wilde Jagd – voran in weiten verzweifelten Sprüngen das Krampusserl. Dort kam endlich ein Wachmann!

Aufhalten! Aufhalten!

Ein blitzschnelles Hin und Her – Wupp, hat ihn schon! Fest hielt er nun den wild zappelnden fauchenden Krampus und alle verzweifelten Anstrengungen loszukommen, waren vergebens.

Ritsch! – Auweh! da hatte der Unhold in den Daumen der ihn umklammernden Hand gebissen, so dass der Wachmann den Krampus weit von sich schleuderte und mit vor Zorn und Schmerz bebender Stimme schrie: „Hol dich der Teufel!“ – – Bumm! – – Das Zauberwort war gesprochen!

Ein dumpfer Krach – um das Teufelchen stieg ein gelber Dampf auf, Flammen zuckten – die Umstehenden sahen, wie eine rote Riesenfaust das Krampusserl erwischte und mit ihm wieder in die Erde verschwand. Nur ein schwarzer Fleck am Pflaster und ein Gestank von Schwefel blieb zurück – das Krampusserl hatte der Teufel geholt.

Der Krampusfilm. Bild von Ernst Kutzer © Archiv 1133.at
<p><b>Der Krampusfilm</b></p><p>Bild von Ernst Kutzer</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Quellen:
Jung Eckart, 1. Band 1923/24, Folge 1, 2 und 3

Übertragen von hojos
im Dezember 2025