Franz Karl Ginzkey

Zum 60. Geburtstage am 9. September 1931 – Von Robert Hohlbaum

Wann ich Ginzkey zum ersten Male sah, weiß ich heute nicht mehr. Karl Hans Strobl hat einmal gesagt, dass es ihm genau so ergeht, und das scheint mir bezeichnend für die ganze Art des Dichters und Menschen Ginzkey zu sein, zwei Begriffe, die sich in ihm zu einer Persönlichkeit von heute schon märchenhaft gewordener Harmonie vereinen.

Es wird sich vielleicht auch mancher nicht erinnern können, wann er die erste Novelle oder das erste Gedicht von ihm gelesen hat. „Es war einmal“ in einer vergleitenden Märchenstunde ohne Anfang und Ende. Dieser stille, im tiefsten feine Mensch und Künstler gibt uns in seinem ersten Erscheinen kein aufwühlendes gewitterhaftes Erleben. Aber dafür bleibt er uns unauslöschlich gegenwärtig, kommt uns näher, bis wir sein sind und er ganz unser geworden ist. So wirkt er auf den einzelnen, so muss er wohl auch auf weite Kreise gewirkt haben. Aus seinem Werdegang müssen wir das Wort Sensation, auch im besten und reinsten Sinne verstanden, tilgen, keines seiner Bücher hat „eingeschlagen“, aber „langsam mit der Zeit“ – wie Hans Pfitzner das im „Palestrina“ so herrlich sagt – „legte sich der Ruhm um ihn wie ein Feierkleid“. Es ist sonderbar, dass er sich einmal sogar wörtlich mit dem großen Musiker begegnet. „Deutsche Seele, deutsche Seele wirf nicht ab dein Feierkleid!“ singt Ginzkey in einem schönen Gedicht und war sich vielleicht nicht bewusst, dass er damit sein künstlerisches und kulturelles Programm aussprach. Ich kenne wenige Künstler, die den Ehrennamen des „Deutschen“ so tief verdienen wie Ginzkey. Dass sein erfolgreichstes Buch dem stillen Deutschen Albrecht Dürer gewidmet ist („Der Wiesenzaun.“ Wie die meisten seiner Bücher bei L. Staackmann in Leipzig erschienen.), erwuchs aus innerster Verbundenheit. In unserer aufgewühlten Zeit wird man für diese ruhige Art nationalen Ausdrucks nicht viel Verständnis haben. Der einstige Offizier ist keine künstlerische Kämpfernatur – Torresani und den Jüngsten, Bruno Brehm, ausgenommen –, war und ist es keiner der österreichischen Dichteroffiziere, nicht Saar, nicht Rudolf Hans Bartsch, nicht Robert Michel. Das besagt nicht, dass Ginzkey nicht seinen Mann stellt, wenn es gilt, aber er träumt doch lieber „hinter jenen Hügeln, wo noch Abendsonne liegt“. Und doch lebt eine ungemein große passive Kraft in ihm. Wer ahnt, wie groß sie sein musste, damit er sich vor der Enge des militärischen Dienstes, später vor der Zerfahrenheit einer aus den Fugen geratenen Zeit bewahren konnte! Nein, dieser stille, weiche Mensch hat sein Bestes, Innerstes gegen äußeren Angriff geschützt, er hat an Zeit und Umwelt nicht ein einziges Zugeständnis gemacht, er ist er selbst geblieben von dem Augenblick an, da er als blutjunger Leutnant, vom Exerzierplatz heimkehrend, sein erstes Meisterlied – das ergreifende Mitleidgedicht „Wie's kam“ – schuf, bis zu diesem Tage, da „der Lenz nicht mehr für ihn singt“, da er als wahrer, reiner Meister sich anschickt, der Welt seiner Jugend, dem altösterreichischen Heere, ein Denkmal zu setzen.

Jeder weiß, dass Ginzkey seiner Wurzel nach Lyriker ist, ob sich dies nun in Prosa oder Vers bekundet, wie Storm, Saar und von den Zeitgenossen etwa Hermann Hesse. Er hat Lieder gesungen – hier ist dieser Ausdruck des Ursprünglichen voll am Platze –, die zu dem Schönsten, Reinsten, Zartesten zählen, was die deutsche Lyrik zu bieten hat, einerlei, ob sie heute von Leuten mit robusteren Stimmitteln überbrüllt werden. Da leuchtet, ein Wunder, das Gedicht von den „tiefsten Worten“ mit seiner ewigen Weisheit, da klagt die gepeinigte Seele im „Zwiespältigen Frühlingslied“ die Angst des letzten Romantikers, dass der Qualm der Fabriken einmal „den Lenz der ganzen Welt“ erwürgen werde, da steigt er in die verborgensten Tiefen des Geheimnisses der Verbundenheit zwischen Menschen- und Tierseele im „Nachtbesuch“ eines Schmetterlings, da spürt er, leiser, aber hundertmal eindringlicher als alle kreischenden Ekstatiker, den verschütteten Quellen der Menschlichkeit inmitten des Krieges nach in dem wundervollen Gedichte „Die Flöte“:

„Im Schützengraben von Saint-Croix
Tönt eine Ziehharmonika ...“

Hören wir nicht aus diesen zwei Zeilen Musik wie aus einem Mozartschen oder Schubertschen Scherzo? Ein großes Scherzo ist auch die Sammlung seiner Wiener Balladen, der er seine erste durch Wilhelm Klitsch unterstützte Popularität verdankt. Wer kennt nicht den „Schlafenden Wagen“, den „Basilisken", das „Totenlicht“ oder die Krone aller, den Walzer in Worten, die „Ballade vom lieben Augustin“! Kein Forscher wird je ergründen können, was den Zauber dieser Prachtstücke ausmacht, die in ihrer schlichten Ursprünglichkeit so gar nichts Deutbares bieten. Ein Hauch Walters von der Vogelweide belebt Ginzkeys Lyrik, und wieder ist es kein Zufall, dass Ginzkey zum Lobpreiser dieser neben Wolfram größten Künstlergestalt des deutschen Mittelalters wurde. Nicht nur die Lyrik, auch sein episches Schafen wächst organisch nach einem Naturgesetz, nirgends Willkür des Nurkönners, jede Zeile ist irgendwie seinem Leben, Denken, Sinnen unlösbar verbunden. Überall auch leuchtet als Gegenpol seiner Schwermut (des Erbteils seiner Ahnen Grillparzer, Stifter, Saar) der österreichische Humor aus seinen Werken, auch aus den epischen. Es ist nicht die Satire Nestroys, nicht die Schärfe der Grillparzerschen Epigramme, es ist ein Raimundsches Lächeln, wenn wir uns nicht lieber entschließen wollen, es schlankweg ein Ginzkeysches zu nennen. Denn dieser Dichter, der nie seine Traditionsverbundenheit verleugnet, ist in Wahrheit viel eigener als mancher Hypermoderne, der einfach der Epigone eines anderen Modernen ist. Auch in den Erzählungen, den kleinen Romanen oder „Romannovellen“ „Rositta“, „Die einzige Sünde“, „Der Kater B“, „Der Gott und die Schauspielerin“, „Der Wundervogel“ hat er seinen eigenen Ton zur letzten Form geklärt. Sie umschließen, das darf man ruhig sagen, die Welt von Gott bis zu dem in seiner Allmacht sich lösenden Tier.

Ein Werk wird uns den ganzen Ginzkey, den Lyriker und Epiker, den Weisen und Humoristen, den starken und zarten Menschen geben wie kein anderes, sein Eva-Epos von der Erschaffung des Weibes. Bisher hat er nur Teile dieser entzückenden Stanzen der Öffentlichkeit geboten, aber schon diese zeigten, dass hier etwas Einzigartiges heranreift, etwas mit keinem andern Werk Vergleichbares, das durch seine tiefe und scheinbar leichte Harmonie uns als Wunder erscheinen wird inmitten einer seichten oder schweren, in allem aber unharmonischen Epoche.

Aus diesem Werke wird uns das letzte Geheimnis des Dichters offenbar werden, dass es ihm gelungen ist, sich aus seiner Zeit zu befreien. Mögen Tausende fordern, der Dichter müsse Sprachrohr der Zeit sein, Ginzkey wusste, dass das nur für eine poetische Epoche Geltung haben kann. In Perioden wie der unseren können Künstler-Kämpfer der Zeit den Krieg erklären, zarte Naturen, wie ehemals Mörike und Storm, flüchten in eine andere Welt, um sich zu erhalten, üben einen Mut, der vielleicht noch höher zu werten ist als der geistige Offensivgeist, den Mut lächelnden Verzichtes. Im Segen dieses Lächelns bleibt man jung. Denn was ist Jungbleiben denn schließlich anderes als die stille Kraft, sich das von einer großen Empfindung volle Herz inmitten einer fühllosen Welt zu bewahren. Der Sechziger Ginzkey hat diese schwere Kunst verstanden.

Quellen:
Der getreue Eckart, 8. Jahrgang 1930/31, Band 2 Seite 1004ff

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im Dezember 2025