Das blaue Fläschchen

Von Franz Karl Ginzkey

Ein geisterhaftes Häuflein armer toter Gesellen lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Irgendwie ist meine Seele mit Mord beschwert. Im Nebel der Erinnerung zieht es phantastisch auf und nieder, sieht mich verglasten Auges an und fragt: warum?

Es ist mir nicht bekannt, wie sich die Lehrer und Professoren von heute zum Käfersammeln der Jugend stellen. Die Ermunterung dazu wird hoffentlich nicht allzu rege betrieben werden. Sie scheint mir wenig Berechtigung für die Erziehung zu haben, läuft als kleine Sensation neben der Wissenschaft hin und endet, wie so manche Sammlerei in Überdruss und Gleichgültigkeit. Was übrig bleibt, ist eine Schar verstaubter toter Tiere, meist widersinnig nebeneinander hingespießt, durch nichts vereint, als durch ihr tragisches Ende.

Was ist mit mir? Beginne ich auf der Dreiuhrhöhe meines Lebens sentimental zu werden? Wie ist es möglich, dass nach länger als vierzig Jahren, da doch überall sonst Verjährung eintritt, eine nebelhafte Schar von mir getöteter kleiner Käfer vor mich hintritt, mit den Fühlern wackelt und ruft: Wir klagen an!?

Ei, meine toten Freunde, ich weß, ihr klagt mich an. Es ist die Geschichte mit dem blauen Fläschchen.

Der Vater schenkte es mir auf meine Bitte hin. Ob gern oder ungern, ist mir nicht bekannt. Er sprach sich darüber nicht aus. Es war ein Fläschchen in Röhrenform, aus blauem Glas, klein genug, um in die Tasche gesteckt zu werden. Es war mit einem Stöpsel aus Kork zu verschließen. Auf seinem Grunde lag ein Bäuschchen Watte. In dieser Watte saß der Tod.

Hielt ich das Fläschchen gegen das Licht, so gab es ein märchenhaft tiefes Leuchten, etwa wie in der blauen Grotte zu Capri, eine Symphonie, eine Orgie von Ultramarin. Es war ein blaues Jenseitsleuchten von höchster Lebendigkeit, und dass der Tod in Gestalt von einigen Äthertropfen in dem Bäuschchen Watte saß, das gab dem blauen Wunder, so schien es mir, die letzte tiefste Bedeutsamkeit.

Mein Vater hatte es als Chemiker nicht schwer, mir die Watte mit dem Äther zu ver-
schaffen. Er gab sie mir, daran ist nicht zu zweifeln, damit den Tieren, die ich fing, sofortige Erlösung zuteil werde. So war das Käfersammeln, von dem ich nicht lassen wolle, in die mildeste Form gebracht, es ging ja nur nach Bruchteilen von Sekunden, was meine Opfer zu leiden hatten.

Ich sah zu allen Tageszeiten durch das Fläschchen. Morgenrot spiegelte darein, das Mittags- und das Abendlicht. Welch seltsame Offenbarungen, welch traumhaft erhellte Erkenntnisse erschlossen sich mir! Ich tauchte unter in Strömen von Lebendigkeit und in Meere des Unterbewusstseins.

Dann nahm ich meine Kappe und zog auf die Heide hinaus in mein Revier. Große und kleine Steine lagerten dort auf dem Weideboden, seit Jahrzehnten nicht gehoben, nicht berührt. Das spärliche Gras, das herum wuchs, fraßen die Schafe. Der Hirt saß meist abseits und blies auf seiner Okarina. Er blies ein dürftiges Lied, gebaut nur aus wenigen Tönen, aber voll unendlicher Melancholie der slawischen Seele. Und es war doch ein seltsam Erfülltes darin, etwas Rätsellösendes.

Kaum hob ich den Stein, so sah ich mich auch schon vom Jagdglück gesegnet. Auf feuchter, im Dunklen verquollener Erde stob es verstört auseinander, Mauerasseln, kleine Tausendfüßler, Spinnen, Würmer und Käfer. Auf letztere allein hatte ich es abgesehen.

Ich langte zu und fasste den ersten. Es war ein schlanker, rehbrauner Bursche mit einem schönen samtenen Streifen auf dem Rücken. Zwei zitternde Fühler standen ihm weit vom Kopfe ab.

Er sagte: „Ich heiße Lilienbock. Ich habe Familie, mein Herr! Ich nähre mich von den zarten Wurzeln hier unten und habe niemandem etwas zuleide getan!“

Schön, schön, nickte ich ungerührt, und hob den Stöpsel vom Fläschchen. Er plumpste hinein, und es war mit ihm zu Ende.

Der zweite war ein dürftig kugeliges Käferchen, mir nicht näher bekannt. Es war vielleicht von Seltenheitswert, vielleicht nur eines aus der großen Masse. Es zog erstarrt die Beinchen ein und spielte Tod. Ich warf es in mein Fläschchen, da wurde aus dem Spiele Ernst, man sah keinen Übergang.

Mit dem dritten aber ging es nicht so leichten Kaufes ab. Es war ein kräftiger, gut gepanzerter Geselle, mit graulich weißen Tupfen aus den dunklen Flügeldecken. Er stemmte die hageren Beinchen ein und schrie: „Was soll das heißen, mein Herr? Mein Name ist Pockennarbiger Pillendreher, Ateuchus sacer, auch schlechtweg Skarabäus genannt. Besinnen Sie sich, mein Herr! Ägypten hat mich jahrtausendelang in Stein gehauen, als Schmuckstück ward ich getragen, als heilig verehrt, was haben Sie mit mir vor?“

Der blaue Tod umspann auch ihn und da lagen sie nun zu dreien über dem Wattebausch, vom Schicksal ausgelöscht, kein Geist mehr, nur noch Materie, wenn wir dergleichen überhaupt trennen wollen.

Und so „sammelte“ ich sie weiter, Stück für Stück, der Steine gab es viele zu heben, die Schafe blöckten, der Hirte blies, mein Fläschchen füllte sich mit Beute.

Aber in dem Mäße, als das Fläschchen voll wurde, erlosch auch der Glanz in seinem Innern, was meine Jägerfreude bedeutend verminderte.

Kam ich abends müde heim, so schüttelte ich mein Wild auf den Tisch und ordnete es zur Strecke. Ich hatte im „Fels zum Meer“ ein Bild gesehen. „Durchlaucht beim Halali“, es schien mir der Nachahmung wert. Ich sichtete meine Beute, Stück für Stück, ich stellte sie wie Soldaten in Reih und Glied, ihrer Größe und ihrem vermeintlichen Werte nach. Dann ließ ich meine Augen wohlgefällig darübergleiten und freute mich meines jagdlichen Glücks und des Herrenrechtes. Und ich pfiff dazu ein Horntrio aus einem eben aufgekommenen Marsch der Marinemusik. Ich war der König der Jagd.

Dieses Bild mag es vor allem sein, was mich bis heute nicht verließ. Ich war zum Jäger nie geboren, mir fehlte das sportliche Herz dazu, ich fühlte mich jederzeit im Uhrwerk meines Seins zu sehr verwoben mit dem Pulsschlag der Kreatur. Und so ist mir nichts als Reue zurückgeblieben und irgendeine Sühneforderung.

Ich vermag sie nicht anders zu geben, als indem ich in Wehmut euer gedenke, ihr vielen, kleinen, unschuldigen Opfer meiner Knabendummheit.

Es liegt mir übrigens zutiefst im Bewusstsein, dass wir uns einstens Wiedersehen werden, ihr meine toten Freunde. Ihr seid schon längst zu Staub geworden, ihr kreiset durchs Universum irgendwo. Wie lange wird es dauern, und ich kreise mit?

Quellen:
Der getreue Eckart, 7. Jahrgang 1929/30, Band 2 Seite 856f

Übertragen von hojos
im Dezember 2025