Herrn Walthers Wiederkehr

Von Franz Karl Ginzkey

Käm' er heut mit seiner Laute
In mein Tal zur Sommerzeit,
Der geliebte, liedvertraute
Sänger von der Vogelweid',
Säß' er hin auf einem Steine,
Seines Wiederkommens froh,
Deckte lächelnd Bein mit Beine
Und begänne etwa so:

„Blumen auf der sanften Wiese,
Mir im Leuchten zugewandt,
Abglanz ihr vom Paradiese,
Auch genannt mein Kinderland,
Still gesellt ihr euch zum Reigen,
Je nach Sippe, Geist und Kleid,
Wunderklug mir aufzuzeigen
Sommers tiefste Lieblichkeit.

Mich befällt bei euren Tänzen,
Der ich stets an euch geglaubt,
Lust, mein Herz mit euch zu kränzen,
Wie ein trunk'ner Fürst sein Haupt.
Trüg' ich solche Blumenkrone
Um mein Herz zu jeder Zeit,
Würde Frohsinn mir zum Lohne
Bis ans Tor der Ewigkeit.“

Nun ist er schon längst geschritten
Durch der Ewigkeiten Tor.
Doch er weilt auch noch inmitten
Deutschen Volkes wie zuvor.
Vor dem Wald aus banger Kehle
Klagt ein Vöglein viel an Leid:
Deutsche Seele, deutsche Seele,
Wirf nicht ab dein Feierkleid!

Übertragen von hojos
im Dezember 2025