Der Zahnweh-Herrgott
Erzählung von Franz Karl Ginskey
An der Rückseite der Stephanskirche zu Wien kann man unter allerlei anderen ehrwürdig verwitterten Bildwerken auch einen steinernen Ecce-Homo gewahren, ein Bildnis des Erlösers mit der Dornenkrone. Es ist ein sehr altes, von verschollener Meisterhand stammendes Kunstwerk und es soll früher inmitten der Gräber auf dem Petersfreithof gestanden sein. Man hat es, als der Friedhof aufgelassen wurde, an die rückwärtige Mauer der Stephanskirche gestellt, neben das bekannte Fegefeuerbild des Historienmalers Danhauser. Dort bleibt es nun, von einem Dächlein geschützt, und führt in seiner stillen Abgeschiedenheit Zwiesprache mit jedem, der es mit mehr oder minder gläubigem oder nachsinnendem Herzen betrachten will.
Im Wiener Volksmund heißt das Bild der „Zahnweh-Herrgott“, woran sich eine lehrreiche Sage knüpft. Ein altes frommes Weiblein soll nämlich im Drange nach einem besonders gottesfürchtigen Werke dem Heiland einen Kranz aus roten Rosen um die Dornenkrone gewunden und denselben, damit der Wind ihn nicht verwehe, mit einem Tüchlein befestigt haben, das sie dem Heiland ums Kinn band. Kamen bald darauf drei schwerbezechte adelige Junker und höhnten den Gekreuzigten: ob er etwa Zahnweh habe? Noch in selbiger Nacht aber schwollen den dreien die gottlosen Backen in entsetzlicher Weise auf und sie brüllten vor Schmerzen wie der Stier von Salzburg. Kein Haustränklein half, kein Bader und kein Zaubersprüchlein, bis sie endlich reuigen und zerknirschten Sinnes ihre Missetat bekannten und den Heiland um Gnade anflehten, worauf sie von ihren Qualen wieder erlöst wurden.
Dieser steinerne Ecce-Homo hat einmal in wunderlicher Weise in ein Stück meiner Jugend eingegriffen, wovon hier erzählt werden soll. So oft mich mein Weg an der Stephanskirche vorbeiführt, nehme ich einen Umweg und gehe, wenn ich es nicht gerade sehr eilig habe, um die Kirche herum, um so auf den kleinen stillen Platz zu gelangen, wo der Zahn-weh-Herrgott steht. Dort ist es meist recht einsam, insoweit es in der Großstadt eine Einsamkeit gibt. Es gehen nur wenige Leute vorüber, und der kleine Vorgarten des bekannten Gasthauses „Zum deutschen Haus" ist auch
nur mittags und abends lebhafter von Gästen besucht. An sonnigen Nachmittagen umspielen diesen abseitigen Winkel oft ganz wunderbare Farben und Lichter; es weht hier noch ein Hauch vom idyllischen alten Wien.
Der Zahnweh-Herrgott und ich, wir haben miteinander einmal ein Wunder vollbracht, und ich bin seither in einer Weise mit ihm verbunden, die der besten Frömmigkeit nicht nachsteht. Wir haben zusammen ein Geheimnis; er ist aber der Verschwiegenere von uns beiden, denn ich bin eben im Begriffe es auszuplaudern.
Ich war also damals ein blutjunger Mensch, ein Rappelkopf und Schwärmer, und litt noch fürchterlich unter der Unvollkommenheit aller Dinge. An Ideale glaubte ich als an etwas Selbstverständliches. Wurde ich enttäuscht, so brach ich mit Anklagen und Empörungen in fremde Seelengründe ein. Ich stand kurz vor meiner Promotion, die Welt lag weit und fragend vor mir. Es war also eine Zeit, in der man einem jungen Manne manches zugute hält und ich bedarf auch tatsächlich einiger Nachsicht für das, was ich nun zu berichten habe.
An einem regnerischen Herbstabende, die Stadt war schon seit Tagen in eine rieselnde nebelige Nässe versponnen, ging ich, in meinen Wettermantel gehüllt, in den Straßen der Inneren Stadt spazieren. Ich hatte abends eine Zusammenkunft mit einigen Freunden, es galt, noch eine halbe Stunde totzuschlagen. Ich liebe diese Regenabende in der Stadt, es machte mir Spaß, die vielen Leute zu sehen, die da, mit erfrischter Lebendigkeit sozusagen, ihres Weges dahinstreichen, der Regen rauscht in vielen Melodien, die Lichter spiegeln sich wie toll im nassen Asphalt, es ist wie ein phantastisches Scheinleben.
So wandelte ich also durchaus vergnügt unter meinem tropfenden Schirm über Graben und Kärntnerstraße, als mir plötzlich zwei Menschen auffielen, die vor mir im gleichen Schritt ihren Weg verfolgten. Es waren ein Herr und eine Dame, ein Ehepaar offenbar, wie ich ihrer gesetzten Art, miteinander zu sprechen, zu entnehmen glaubte. Sie schien bedeutend jünger als er, kaum mittelgroß, aber von merkwürdig ebenmäßig ausgereifter Gestalt. Sie spazierte auf zwei zierlichen Kin-derfüßen zwischen den seichten Pfützen des Asphalts umher, sorglich bemüht, sich die glänzenden Lackschuhe nicht zu beschmutzen. Ich sah, als sie sich ihrem Begleiter zuwandte, ein feines pikantes Profil, dem aber, im Augenblick wenigstens, etwas merkwürdig Lauerndes und Übelgelauntes innewohnte, so dass ich mir meine Gedanken darüber machte, ob ich nun wollte oder nicht. Sie schien mir voll nervöser Unruhe und warf zuweilen den hübschen Kopf mit einer raschen unwilligen Bewegung zurück, die mir wie ein Verräter innerer Ungeduld schien.
Die beiden begannen mich neugierig zu machen. Ich ging mit Diskretion und dem Rechte des Spazierenden hinter ihnen her, und mein Spürsinn reimte sich irgendeine Novelle zusammen, von einer missratenen Ehe oder dergleichen. Ich hielt damals eine unglückliche Ehe für einen großen Ausnahmszustand zwischen Mann und Weib, an dem meist nur die Gattin schuld war. Es klebte in dieser Hinsicht noch etwas von der Selbstherrlichkeit der alten Germanen an mir, deren Ehegesetze ich sogar zum Gegenstand meiner Dissertation gemacht hatte.
Als die beiden über die Kärntnerstraße zur Oper gekommen waren, blieben sie bei der Haltestelle der Straßenbahn stehen. Ich befand mich nunmehr dicht hinter ihnen, Die Dame, das sah ich jetzt deutlich, war verteufelt hübsch und, man lache mich aus, es tat mir eigentlich leid, daß sie jetzt in den Wagen steigen und mir entschwinden sollte.
Es kam aber anders, als ich dachte. Als der richtige Wagen zur Stelle war, stieg nicht sie ein, sondern ihr Begleiter. Er blieb auf der Plattform stehen und winkte ihr, bereits im Fortfahren, eifrig zu: „Komm nicht zu spät, Magda!“
Sie aber blieb ruhig unter ihrem Schirm stehen und sah ihm nach, bis der Wagen um die Ecke verschwunden war. Dann sah sie hastig nach ihrer Uhr und wandte sich und strebte eiligen Schrittes zur Kärntnerstraße zurück.
Nun aber war's um mich geschehen. Ich wollte, man halte diese Neugier meiner Jungenhaftigkeit zugute, nun durchaus wissen, was diese Frau vor hatte. Und ich folgte ihr rasch, so indiskret es auch sein mochte.
Bald hatte ich das Bruchstück meiner Novelle eingeholt und spazierte mit Vorsicht hinter ihr her. Sie schien es nicht recht gewöhnt, im Großstadtgedränge vorwärts zu kommen. Der Regen war noch heftiger geworden, ein pfeifender Wind begann stoßweise einzusetzen, Schirme und Kleider kamen in Verwirrung, das Wetter wurde ungemütlich.
Meine schöne Beute verlor ich aber nicht aus den Augen. Sie durchschritt die Kärntnerstraße und bog hierauf rechts auf den Stephansplatz ein. Dort blieb sie vor der Auslage einer Spielwarenhandlung stehen und sah sich mehrmals flüchtig um. Aha, dachte ich, sie will jetzt offenbar wissen, ob ihr jemand gefolgt ist!
Ich war unterdessen seitwärts in den Schatten Der Stephanskirche abgeschwenkt und ging mit ihr in gleicher Höhe. Sie hielt den Schirm vors Gesicht und lief mehr, als sie schritt. Was wollte sie hinter der Kirche? Und plötzlich wusste ich alles. Es erwartete sie dort ein geschlossener Wagen. Ein junger Offizier stand daneben und half ihr eilig in den Wagen hinein. Der Kutscher raffte die Pferdedecken zusammen, schwang sich auf den Bock, ergriff die Zügel und – in diesem Augenblick tat ich, was mir heute noch, nach so vielen Jahren, durchaus unverantwortlich erscheint – mich fasste nämlich plötzlich der tolle Gedanke: Hier spiele ich mit! Und so huschte ich hinten um den Wagen herum und raunte von rückwärts durch das Guckloch hinein: „Du sollst nicht ehebrechen, Magda!“
Da zog auch schon der Kutscher die Zügel an, und der Wagen polterte davon.
Da stand ich nun mit meinem Dummenjungenstreich. Was, um Himmels willen, hatte mich zu dieser tollen Komödie bewogen? Sollte das ein Studentenulk gewesen sein? Oder hatte ich Mitleid mit dem betrogenen Gatten? Oder war ich am Ende eifersüchtig auf den fremden „Entführer“?
Und ich kam mir nun selbst recht lächerlich vor.
Aber geschehen war geschehen. Der kleine Platz hinter der Kirche war nun völlig einsam. Der Sturm pfiff durch den gotischen Zierat, die Laternen drohten zu erlöschen, der Regen prasselte und biss mir ins Gesicht, und der fahle Zahnweh-Herrgott an der Wand, vom rotflackernden Licht überhuscht, sah schweigend auf mich nieder. Da zog ich meinen Mantel fest und machte, dass ich fortkam.
***
Nach mehreren Jahren, ich hatte mich unterdessen in verschiedenen Städten Herumgetrieben, kreuzte sich mein Weg abermals mit diesem Frauenschicksal. Ich lebte damals als Privatdozent in Graz und stand unter anderem auch mit einem Innsbrucker Professor in brieflicher Verbindung, dem ich manchen wissenschaftlichen Rat und manche Förderung verdankte. Es ergab sich, dass er einen kleinen Kurort in der Nähe von Graz aufsuchte und mich einlud, ihn eines Nachmittags zu besuchen, „damit wir uns endlich auch persönlich kennen lernten“. Ich fuhr an einem schönen Nachmittag hinaus. Am tiefblauen Himmel begleiteten mich pausbackige Sommerwölklein, die grüne Steiermark ließ ihre Bäche rauschen und ihre Tannen duften, ich hätte am liebsten zum Coupéfenster hinausgejodelt, so fröhlich war mir zumute.
Der Professor erwartete mich auf dem Bahnhof. „Das ist schön, dass Sie endlich kommen“, sagte er. „Wir haben nur wenige Minuten zu meinem Hause, da können wir wohl zu Fuß gehen, nicht wahr?“ Er wickelte mich gleich in ein Gespräch über seine letzten Forschungen, und ich hatte kaum Zeit, mich in der Ortschaft umzusehen. Wir bogen bald ins Freie hinaus, durch üppige Klee- und Kornfelder, in denen die Grashüpfer musizierten, und standen bald vor einem kleinen, villenartigen Landhaus. Im Vorgarten kam uns eine Dame entgegen, die mich als den „alten Freund ihres Mannes“ begrüßte.
Und ich stand wie erstarrt. Es war Frau Magda. Mit einem Schlage kam mir jene nächtliche Episode wieder in Erinnerung. Ich errötete, ohne zu bedenken, dass ich ja für diese Frau ein Fremder war. Sie musste meine Verlegenheit bemerkt haben, denn sie sah mich einen Augenblick verwundert an, schien sich aber im übrigen keine Gedanken darüber zu machen. In einem heiteren, luftigen Vorbau war zum Nachmittagskaffee gedeckt.
Da saß ich nun und sprach mit dem Professor über wissenschaftliche Fragen, denen ich kaum zu folgen vermochte, und meine Verblüffung über dieses Zusammentreffen wollte nicht zur Ruhe kommen.
Da saß ich also bei Frau Magda! Nun ja, sie war ja noch immer schön, diese Frau, und ich begriff, dass sie manchen Männern den Kopf hatte verdrehen können. Aber wenn ich nichts von jenem nächtlichen Abenteuer gewusst hätte, ich hätte mir einen Finger abhacken lassen für ihre Reinheit und Makellosigkeit. Sie war jedenfalls eine prächtige Komödiantin, diese Frau. Sprach da mit ihrem Manne wie die leibhaftige Güte und Sanftmut, tat gewaltig stolz und hausfraulich-züchtig und betrog ihn vermutlich schon längst mit einem Dritten oder Vierten. Dass sie kokett war, konnte ich allerdings nicht bemerken, aber sie pflegte wohl alles zur rechten Zeit zu tun.
Ich fühlte mich in meiner Rolle nicht sonderlich behaglich, aber ich fand sie immerhin interessant. Da lag ein Stück Leben vor mir, das sich anders gab, als es war, und vom Dritten, dem Gatten, auch wieder anders gesehen wurde. Denn es war mir bald klar, dass der Professor seine Frau vergötterte und an ihre Treue glaubte. Lächerlich konnte ich ihn dabei nicht finden, den alternden Mann, aber – er tat mir leid.
Die Veranda, auf der wir saßen, eröffnete einen lieblichen Blick auf das Murtal und die sanft vorgelagerten Berge. Landleute arbeiteten auf den Feldern: Bauernmägde sangen und banden das reifblonde Korn; zwei Buben ließen einen Drachen steigen, der sich breit auf dem Winde wiegte; aus den Wiesen jubilierte ein tausendstimmiges Heimchenkonzert. Es war ein sonnengoldiger Abend voll Ruhe und Wahrhaftigkeit. Nur hier, unter uns dreien, wucherte die Lüge. Aber es wussten nur zwei davon. Der Professor war frohgelaunt und gesprächig, er freute sich unverhohlen über meinen Besuch und lud mich ein, auch noch zu Abend zu bleiben.
„Der letzte Zug geht erst um neun Uhr“, sagte er, „und ich hoffe. Sie werden mich nicht früher verlassen, als es unbedingt nötig ist. Nicht wahr, Magda?“
Ich war um eine Ausrede verlegen und versprach zu bleiben. Frau Magda ging ab und zu ihren häuslichen Besorgungen nach, sie ordnete in der Küche das Abendbrot an, ihr inneres Gleichgewicht schien durch nichts gestört.
„So schön wie dieses Sommerjahr", begann der Professor leise, als sie wieder hinausgegangen war, „hat mich noch keines angemutet. Ist es die Entsagung des Alters, die mich jetzt so froh sein lässt, oder ist es wirklich das Glück, das verspätete, geheimnisvolle, das mich jetzt endlich heimsucht? Ich war nicht immer so glücklich, müssen Sie wissen. Das heißt – Sie müssen es nicht gerade wissen, aber Sie sind mir in unserer langjährigen Korrespondenz ein lieber Freund geworden, und da sehe ich nicht ein, weshalb ich mich vor Ihnen verschließen sollte. Nein, ich war nicht immer so glücklich. Und meine liebe Frau war's auch nicht. Wir vermochten uns in den ersten Jahren unserer Ehe eigentlich gar nicht zu verstehen. Wer von uns beiden daran schuld war, das weiß ich nicht. Vermutlich waren wir es beide. Aber nun sind es ungefähr fünf Jahre her, da hat sich alles mit einemmal zum Guten gewendet.“
Frau Magda kam zurück und begann den Tisch zu decken. Er nahm ihre Hand und streichelte sie. Sie fuhr ihm freundlich lächelnd über das graue Haar. Ich wusste nicht wohin mit meinen Gedanken. Sollte doch der wirkliche Friede hier eingezogen sein? Oder hatte ich mich in Frau Magda getäuscht? „Sie sind, bevor wir noch mitsammen korrespondierten, einige Jahre in Wien gewesen, Herr Professor, nicht wahr?“
„Wir waren drei Jahre in Wien“, gab mir Frau Magda an Stelle ihres Gatten zur Antwort, „aber wir sind nicht ungern fortgegangen. Ich habe selbst darauf gedrungen, dass mein Mann die Berufung nach Innsbruck annehme. Wir haben es auch niemals zu bereuen gehabt.“
„Es ist überhaupt merkwürdig“, sagte der Professor. „Seit wir von Wien fort sind, sind wir ein glückliches Paar geworden.“ Er lachte leise vor sich hin. „Die Wiener Luft hatte meine liebe Frau ein wenig nervös gemacht. Kaum waren wir in Innsbruck, stritten wir nur noch dreimal am Tage.“
„Du, du!“ drohte sie ihm lächelnd mit dem Finger. „Werde mir nur nicht zu übermütig!“
Die Magd brachte das Abendbrot. Der Professor schenkte die Gläser voll: „Also auf Ihr Wohl, lieber Kollege!“ Er stieß mit mir an.
Auch Frau Magda hatte ihr Glas erhoben. In diesem Augenblick begann es von der Dorfkirche zum Abendsegen zu läuten. Frau Magda ließ ihr Glas sinken, stand auf und ging, einige Worte flüsternd, die wie eine Entschuldigung klangen, eilig von uns fort.
Der Professor schien ärgerlich. „Sie hätte wenigstens heute eine Ausnahme machen können“, sprach er vor sich hin.
Ich schwieg verlegen und wagte nicht zu fragen. „Es ist ein Jammer mit den Frauen!“ sagte der Professor. „Sehen Sie – es gibt eben kein ungetrübtes Glück auf Erden! Diese Frau, die jetzt, in ihr Abendgebet versunken, in ihrem Zimmer auf den Knien liegt, war vor wenigen Jahren noch ein Freigeist, mehr noch, als ich es selbst jemals gewesen bin. Als Tochter eines Universitätsprofessors, der als Freidenker bekannt war, hatte sie auch nichts weniger als eine frömmelnde Erziehung genossen. Und nun wird mir diese Frau, die mir auch in religiösen Dingen immer ein guter Kamerad war, mit einemmal fromm, kirchlichfromm, verstehen Sie? Und lässt es sich nicht
nehmen, täglich dreimal ihr Gebet zu verrichten!“
„Seit wann geschieht das?“ wagte ich zu fragen.
„Kurze Zeit, nachdem wir von Wien weg waren, begann sie mir zu frömmeln, und nun wird es immer ärger mit ihr. Ich hätte von diesen Dingen nicht gesprochen, wenn Sie nicht selbst zum Zeugen geworden wären“, setzte er entschuldigend hinzu. „Aber wenn sie zurückkommt, wollen wir nichts dergleichen tun und uns auf andere Gedanken zu bringen trachten. Ich liebe meine Frau nun mehr als je, und was ich eben sagte, ist wohl der einzige Vorwurf, den ich ihr im Leben zu machen hätte. Und wer ist frei von Schuld? Und bin ich überhaupt berechtigt, diesen Trieb zur Frömmigkeit zu tadeln? Oder ihn einen Fehler zu nennen? Ach, man wird zahm, wenn man alt wird!“
Frau Magda kam zurück. Sie war etwas blasser als vorher, es war ein feiner, leidender Zug in ihrem Antlitz, und ihre Hände zitterten leise, als sie sich wieder bei Tisch zu schaffen machte.
Was ich gehört hatte, gab mir zu denken. Warum war diese Frau zur Frömmlerin geworden? Bereute sie die Sünden ihrer Jugend? Was ich einst erlebte und was ich erfuhr, es ließ sich doch eigentlich schwer vereinen. Oder doch – es ist ja manche Magdalena schon zur Büßerin geworden!
Nun saßen wir wieder im Gespräch beisammen, während draußen die Nacht sich breit aus den Feldern erhob und die Hügel emporschritt, den letzten rosigen Hauch auf den Gipfeln verlöschend. Vom Flusse, dessen Rauschen nun deutlich heraufquoll, wehte eine feuchte Kühle. Frau Magdalena erschauerte.
„Du sollst dein Tuch umnehmen, Magda!“ sagte der Professor zärtlich.
Sie erhob sich und ging wie ein folgsames Kind in die Wohnung hinein.
„Wir sind in diesem Landhause gut aufgehoben“, meinte der Professor. „Nur haben wir viel zu viele unnötige Dinge aus Innsbruck mitgenommen. Wir fanden ja fast alles hier im Hause vor. Das Bild, zu dem meine Frau betet, war allerdings nicht vorhanden“, lächelte er wehmütig. „Sie nimmt es auf alle Reisen mit und will sich durchaus nicht von ihm trennen.“
„Ein Bild?“ fragte ich verwundert.
„Ja, es stellt das bekannte steinerne Christusbild dar, das in Wien hinter der Stephanskirche steht. Ich glaube, es heißt im Volksmund der ‚Zahnweh-Herrgott‘. Der Himmel mag wissen, warum meine Frau gerade dieses Bild so liebt, das sie sich eigens anfertigen ließ. Sie hat doch niemals an Zahnschmerzen gelitten, die Glückliche!“
Ich schwieg, aufs tiefste betroffen. So war es also mein armseliger Bubenstreich gewesen, der Frau Magda zur frommen Büßerin bekehrt hatte? Und hier saß der Mann neben mir, der sich das alles nicht zu reimen wusste, und seine Frau kam eben wieder aus der Stube zurück mit einem Tuche um die Schultern, und sie hielt meinen ulkigen Studentenstreich für ein Wunder des Heilands? Und so war es also meine Schuld, und nur meine Schuld, dass diese Frau zur Frömmlerin geworden war? Konnte ich das wieder ungeschehen machen? Nein, es gab, darüber war kein Zweifel, nur eine Pflicht für mich – zu schweigen!
Es war schon spät geworden und der Professor mahnte nunmehr selbst zum Aufbruch. Er wollte mich durchaus noch ein Stück begleiten.
Frau Magda legte ihre kühle Hand in die meine und lud mich ein, nochmals des Nachmittags herauszukommen. Ja, das wollte ich tun. Vielleicht fiel mir ein Mittel ein, ein Ausweg, um diese verwirrte Seele zu retten, sie wieder zu beruhigen.
Auf dem Bahnhof, als ich den Zug erwartete, der Professor war wieder heimgegangen, sah ich mich als den einzigen Passagier und setzte mich auf ein Bänklein vor das Stationsgebäude. Von innen tönte das seltsam aufregende Ticken des Telegraphen, die blanken Schienen erglänzten im Mondschein wie stählerne Riesensaiten, in die Dunkelheit gespannt. Ich dachte, wie einsam wir alle sind und wie der Zufall mit uns sein Spiel treibt, das wir Schicksal nennen. Die Sterne standen dicht und rätselhaft geschart, der Nachtwind sang in den Bäumen, aber es kam von nirgendwo eine Stimme, die mir menschlich geklungen hätte. Das Menschliche tragen wir in uns allein, wir selbst sind uns Richter und Befreier.
Ich beschloss, Frau Magda nicht wiederzusehen. Es schien mir Wohl am besten, dass alles so blieb, wie es der Zahnweh-Herrgott gefügt hatte.