Das Weihnachtslied

Von Othmar Wetchy

Wenn die Natur unter der weißen Schneedecke im tiefsten Schlummer ruht, wird es licht und warm im Herzen der Menschen. Geselligkeit schlingt ihr einendes Band um alt und jung. Geselligkeit aber und ein Lied gehören wohl eng zusammen. Dass es also so viele, das Weihnachtsfest verherrlichende oder doch mit dem Weihnachtsfest zusammenhängende Lieder gibt, bringt wohl auch der gesellige Charakter des Festes, der Jahreszeit mit sich. Dann wohl auch der friedliche und Frieden atmende Grundcharakter des Weihnachtsfestes.

Schon in grauer Vorzeit feierten viele Völker zur Zeit der Wintersonnenwende Feste religiöser Art.

Es ist also wohl kein Zufall, dass auch das Christentum, eine immerhin jüngere Religion, die Geburt Christi in die gleiche Zeit verlegte. Allerdings erst als man sah, dass die zum Christentum bekehrten heidnischen Völker von ihren alten Festgebräuchen nicht lassen wollten, und es klüger schien, die heidnischen Gebräuche nicht völlig zu unterdrücken, sondern durch christliche teilweise zu ersetzen. So leben nun heute noch, besonders in ländlichen Gegenden, heidnische Gebräuche im christlichen Weihnachtsfest weiter. Ob in der Frühzeit des Christentums das Weihnachtsfest auch durch Lieder und Gesänge gefeiert wurde, ist eine ungeklärte Angelegenheit. Man darf aber annehmen, das; auch damals das Lied, der Gesang dabei nicht fehlte.

Das Weihnachtslied als solches, das Weihnachtslied im Sinne des Christentums, ist jedenfalls sehr alt und es steht fest, dass die ältesten uns überlieferten Weihnachtsgesänge im Volk und aus dem Volk entstanden sind. Zu einer Zeit, da in der Kirche die Muttersprache noch verpönt war, begann das Volk eben außerhalb der Kirche die religiösen Begebenheiten des Festes auf seine Art zu besingen.

Sehr früh schon drang in die kirchliche Weihnachtsfeier ein Brauch ein, der für die Entstehung der ersten Weihnachtslieder von entscheidender Bedeutung werden sollte. Dem Trieb des Volkes, selbst mithandelnd tätig zu sein, folgend, wurden die auf das Fest Bezug habenden Evangelien sehr bald nicht bloß nur mehr verlesen, sondern man begann sie darzustellen. Die geschilderten Begebnisse wurden gewissermaßen mit verteilten Rollen ausgeführt, woraus dann die Weihnachts-, Krippen- und Dreikönigsspiele außerhalb der Kirche entstanden. Dass ein Lied dabei nicht fehlte, ist bei der Sangesfreudigkeit der Bewohner des Landes und besonders gebirgiger Gegenden wohl eine Selbstverständlichkeit.

Die Hochblüte des Volkslieder im 14. und den folgenden Jahrhunderten bringt es dann mit sich, dass die Volkspoesie auf ihrer ganzen Linie auch von den geistlichen Stoffen des Weihnachtsfestes Besitz ergreift. Kennen wir nun wohl auch einige Weihnachtslieder rein geistlichen Charakters, die aus dieser sehr frühen Zeit stammen, so setzt die eigentliche Entwicklung, ganz gewiss nicht zufällig, erst gleichzeitig mit der Reformation ein. Mündliche Überlieferung hat manche dieser Lieder bis in die Gegenwart oder doch jüngste Vergangenheit herübergerettet, wo, vielleicht sind es nur Reste, Forschereifer und Sammlerfleiß aufgezeichnet hat, was sich im Volk erhalten hat.

Heute finden wir das weihnachtliche Volkslied allerdings nur mehr in den abgelegensten Alpentälern, überall dort, wo unsere wenig besinnliche Zeit mit Eisenbahn und Elektrizität ihren Einzug noch nicht gehalten hat.

Dreierlei vom Volk geschaffenen Weihnachtsliedern begegnen wir. In ihren Texten haben sie immer auf Geschehnisse Bezug, die in den Evangelien geschildert werden.

Im Kreise der Familie war es vielfach üblich, zur Adventzeit, dann in den Tagen von der Christmette bis zum Dreikönigstag, auf das Weihnachtsfest Bezug habende Lieder zu singen. Sie erbten sich in mündlicher Überlieferung von Generation zu Generation fort.

Als zweite Art müssen wir jene Lieder bezeichnen, die von umherwandelnden, von Haus zu Haus ziehenden Personen gesungen wurden. In Schwaben und Thüringen bestand schon im 14. Jahrhundert dieser Brauch, in Bayern ist er vom 15. bis zum 18. Jahrhundert nachweisbar. Dabei handelte es sich durchaus nicht immer um eine damit verbundene Bettelei. Denn dieses Ansingen, Sternsingen (weil dabei ein hell erleuchteter Stern mitgetragen wurde), auch Anglöckeln und Rauhnachtsingen genannt, wurde nicht nur von Bedürftigen geübt, zum Beispiel von den im Winter erwerbslosen Salzachschiffern. In der Gemeinde Ofterding in Bayern war es Sitte, dass die verheirateten Männer und Hausväter, natürlich entsprechend vermummt, von Haus zu Haus zogen und ihr Lied sangen. Die Sternsinger wurden übrigens überall freundlich aufgenommen, es fehlte dabei nicht an Humor, und überdies galt es als besonders glückverheißend, wenn zu einem Hause recht viele Anglöckler kamen. An manchen Orten war es auch üblich, dass die für das Ansingen gespendeten Gaben zur Ausschmückung der Kirche verwendet wurden. Dass man nicht in jedem Jahre immer wieder die gleichen Lieder sang, ist selbstverständlich und eben darum war die schaffende Phantasie mit der Erfindung neuer Lieder fortlaufend beschäftigt. Auf diese Art ist die große Zahl dieser Lieder, die zumeist nur Variationen bestimmter immer wiederkehrender Themen sind, zu erklären.

Die dritte Art des ländlichen Weihnachtsvolksliedes verdankt den sogenannten Kirchensingern ihre Entstehung. In den kleinen Kirchen, namentlich der Alpenländer, fehlte lange Zeit die Orgel. Man musste sich also auf andere Art behelfen. Es bildeten sich die sogenannten Kirchensingergruppen, die während des ganzen Jahres den Kirchengesang bestritten. Diese sangen nun zur Weihnachtszeit, nach dem Gottesdienst, der versammelt gebliebenen Gemeinde, natürlich im Dialekt, auf das Weihnachts- und Dreikönigsfest Bezug habende Lieder vor. Alljährlich, so wollte es die Sitte, musste wenigstens ein neues darunter sein. Wir treffen unter den erhalten gebliebenen Liedern recht oft wenig geistlich anmutende Texte, und der Zusammenhang mit dem kirchlichen Feste ist manchmal nur mehr ein sehr loser. Dass diese Volkspoesie, trotz ihrer Mängel in Reim und Metrum, etwas außerordentlich Ursprüngliches an sich hat, wird jeder bestätigen können, dem es nur einmal vergönnt war, solche Weihnachtslieder zu hören.

Wenden wir uns nun zwei allbekannten Weihnachtsliedern zu, die fürs erste wie echte Volkslieder anmuten, es aber nicht sind. Beide, es soll hier von den Liedern „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „O, du fröhliche, o, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“, die Rede sein, sind vor mehr als hundert Jahren von uns bekannten Persönlichkeiten geschaffen worden. Ihre durchaus volkstümliche, ihre den Ton des Volksliedes treffende Art, hat es mit sich gebracht, dass sie, man darf es wohl so nennen, zu Volksliedern geworden sind.

Das Weihnachtslied „O, du selige, o, du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit“ hat zum Dichter den im Jahr 1826 zu Weimar verstorbenen Legationsrat Johann Falk, der es im Jahr der noch älteren Melodie des Sizilianischen Schifferliedes „O sanctissima, o piissima, dulzis Maria Virgo“ unterlegte. Es erschien 1819 im Druck und hat sich seither so in aller Herzen eingesungen, dass es vielfach für ein Volkslied gehalten wird.

Das andere, womöglich noch populärer gewordene Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ stammt aus ungefähr der gleichen Zeit. Der Dichter dieses Liedes, Josef Mohr, war Hilfsgeistlicher in Oberndorf bei Hallein in Salzburg, der Komponist des Liedes, Lehrer im gleichen Ort, Franz Gruber, ist erst im Jahr 1863 gestorben. In der Nikolaikirche nun, in Oberndorf, wurde das Lied, das ursprünglich sechs Strophen hatte, am Weihnachtsabend des Jahres 1818 zum erstenmal gesungen. Mohr sang die Melodie mit Gitarrebegleitung, da die Orgel unbrauchbar geworden war. Gruber sang die zweite Stimme und einige Sängerinnen übernahmen den Chor, das heißt die Wiederholung der Schlusszeilen. Dieses Lied hat nun seine eigene nicht uninteressante Geschichte. Lange Zeit galt es als Volkslied, bis Ludwig Erk, der das Original besah, die Wahrheit an den Tag brachte. Eine Zeitlang hieß es auch, Michael Haydn sei der Komponist. Dazu aber, dass es überaus rasch populär geworden ist, trug, es mag eigenartig klingen, die unbrauchbar gewordene Orgel in Oberndorf das Ihre bei.

Es kam nämlich damals der Tiroler Orgelbauer Mauracher aus Függen im Zillertal nach Oberndorf, um die Orgel wieder gebrauchsfähig zu machen. Bei dieser Gelegenheit lernte er das Lied kennen und durch ihn wurden wieder die Geschwister Straßer in Függen im Zillertal mit dem Lied bekannt. Diese Geschwister Straßer beschäftigten sich nun mit der Herstellung von Handschuhen, die sie als Produkt ihrer Hausindustrie in den Sommermonaten persönlich nach Deutschland brachten und im Umherziehen womöglich verkauften. Nebenbei betätigten sie sich als Tiroler Sänger. Das Lied kam zweifellos durch sie nach Deutschland und wurde dort als angebliches Volkslied rasch bekannt und populär. Heute kann man ruhig behaupten, dass es das populärste Weihnachtslied ist. Ein Missionär des Stiftes St. Peter berichtet, dass er es auf seinen vielen Weltreisen fast überall als bekannt angetroffen habe. So zum Beispiel hörte er es von hindostanischen Kindern in hindostanischer Sprache am Fuße des Himalaya, in Neuseeland, in Deutschostafrika, von Indianerknaben in Mexiko, von Araberknaben in Afrika, und seinem Bericht zufolge soll es sogar eine chinesische Übersetzung geben.

Sprachen wir bisher vom Weihnachtslied in deutschen Landen, so soll nun auch noch ein Weniges über das Weihnachtslied anderer Völker gesagt werden. Wenn sie auch dort nicht die überragende Rolle spielen, die sie am Weihnachtsabend der deutschen Familie innehaben.

Frankreich ist nicht ärmer an Weihnachtsgesängen. Das älteste erhalten gebliebene Weihnachtslied Frankreichs stammt aus dem 12. Jahrhundert. Es wurde alljährlich am Fest der Beschneidung des Herrn an manchen Orten gesungen. Der Vortrag des Liedes bildete einen wichtigen Bestandteil des vom Volk gefeierten Festes. Zur Erinnerung an die Flucht nach Ägypten ritt ein Mädchen mit einem Kinde auf dem Arm auf einem reich geschmückten Esel durch die Straßen der Stadt zur Kirche oder Kathedrale. Dabei sang das Volk das Lied.

Die französischen Weihnachtslieder sind im allgemeinen schmucklos und einfach. Die erste Sammlung französischer Weihnachtslieder ist um 1610 erschienen. An die altitalienischen Weihnachtslieder reichen sie aber nicht heran. Erwähnt muss hier noch werden, dass in Italien die Kunstmusik sehr früh das Weihnachtsfest musikalisch verklärte. Erhaltene Kompositionen dieser Art stammen aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts.

Wie in Deutschland ist auch in England das Weihnachtsfest das herrlichste Fest des Jahres. Während aber in Deutschland sich das Fest nur auf Familie und Kirche beschränkt, bestehen in England Gebräuche, die auf Einflüsse religiösen, geistigen und gesellschaftlichen Charakters der verschiedenen Perioden deuten, die das Volk durchlebt hat. Die Ausschmückung der Häuser mit Efeu, Mispel und Stechpalme sind Überbleibsel der Druidenzeit, die Weihnachtspastete, das besondere Essen, die Trinklieder sind Reste, die aus der Zeit der dänischen und sächsischen Oberherrschaft stammen, die Mummereien wurzeln in den Mysterien des Mittelalters. Alle diese Gebräuche werden durch Musik verschönt. Viele englische Weihnachtsmusik hat darum mit Religion nichts zu tun.

Interessant ist es vielleicht, dass wir auch in England die Sitte des Umherziehens von Haus zu Haus wieder finden. Ebenso, dass den umherziehenden Sängern der Weihnachtslieder Gaben gereicht werden. All dies ist ein Beweis dafür, dass die Weihnachtsgebräuche, so sehr sie auch auf der Eigenart jedes einzelnen Volkes beruhen, doch auch immer wieder von Nachbarvölkern befruchtet, verändert und erweitert werden.

Ein kurzer Überblick über die Geschichte des Weihnachtsliedes wäre nicht vollständig, wenn nicht zum Abschluss auch auf die weihnachtliche Kunstmusik kurz hingewiesen würde. Da müssen wir Johann Sebastian Bach und sein Weihnachtsoratorium wohl nennen, unter seinen Vorläufern Heinrich Schütz. Zur Blütezeit der geistlichen Kantate wurde eben auch das Weihnachtsfest musikalisch verklärt. Peter Cornelius ist zu erwähnen, der in seinen Weihnachtsliedern Töne von besonderer Innigkeit für dieses Fest gefunden hat. Hans Pfitzners „Christelflein“ darf als inniger musikalisch-textlicher Ausdruck echt weihnachtlichen Gefühls nicht ungenannt bleiben. Zahllos sind sonst noch die Musikstücke, die auf das Weihnachtsfest Bezug haben. Es wurde ja schon gesagt, dass Weihnachten das Frieden und Freude atmende Fest des Jahres ist. Was aber vermöchte diese Stimmung besser auszudrücken und zu vertiefen als – ein Weihnachtslied.

Quellen:
Der getreue Eckart, 8. Jahrgang 1930/31, Band 1 Seite 214ff, leicht gekürzt

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im Dezember 2025