Ballade von den drei Gehenkten

Von Franz Karl Ginzkey

November pfaucht ums Hochgericht.
Dort baumeln drei im Abendlicht.
Sie drehn sich stumm und nicken
am Strick, woran sie knicken.

Da jagt, vom Mantel wild umweht,
vorbei der Junker Wildhans Speet.
Er höhnt: Hallo, Genossen,
was hängt ihr so verdrossen?

Hört an ich reit' ein Stück voraus,
bitt' euch sodann zum Abendschmaus.
Seht ihr dort drüben blinken
mein Schloss mit hohen Zinken?

Die dürren Brüder dreh'n sich stumm
im Wind herum, im Wind herum.
Des Vollmonds rotes Feuer
steigt auf ganz ungeheuer.

Und als der Junker sitzt beim Mahl,
er leert den funkelnden Pokal,
da kommt, von Angst durchschlottert,
ein Knecht, der stöhnt und stottert:

O Herr, da draußen warten drei,
so seltsamlich, Gott steh' mir bei,
sie sagen, euer Gnaden
hätt' sie zu Tisch geladen!

Und eh' das Wort ihm noch entfloh'n,
da schlürfen sie zu Tische schon.
Sie heben an zu schmausen,
den Junker fasst ein Grausen.

Mit welken Fingern, dürr und tot,
sie schlingen Fleisch, sie schlingen Brot,
sie würgen und sie hasten,
ergrimmt vom langen Fasten.

Sie schütten den Burgunderwein
Ganz ohne Maß in sich hinein.
So gurgelnd ist's zu hören,
als zög's durch Brunnenröhren.

Doch ob sie schlemmen gier und lang,
es schwinden weder Speis noch Trank,
es mag. wie das geschehen,
kein Christenmensch verstehen.

Und als sie nun so schauerlich
verköstigt und gesättigt sich,
anheben sie im Chore
wie heis'rer Wind im Rohre:

Das war nicht schön, o Wildhans Speet,
dass du am Galgen uns geschmäht.
Wieviel wir auch begingen,
wir büßten's, da wir hingen!

Nun aber komm zu uns zu Gast,
zum Dank, dass du gespeist uns hast
zum Hügel an der Halde
komm' balde, o komm' balde!

Zwar, was wir bieten, ist nicht viel,
's ist nur ein wohlig Schaukelspiel
ein Kosen mit dem Winde,
ein Um-sich-Dreh'n gelinde.

Ein Ricken ist's im Mondenschein
ein Tänzchen, wenn die Käuzchen schrein
am Hügel an der Halde,
komm' balde, o komm' balde!

Sie singen's mystisch-schauerlich
der Junker Hans bekreuzigt sich,
doch nützt ihm kein Besinnen,
es reißt ihn jäh von hinnen.

Sie tanzen über Stock und Stein
der Junker magisch hinterdrein.
Des Vollmonds rotes Feuer
flackt auf ganz ungeheuer.

Und als sie insgesamt zur Stell',
springt jeder an den Galgen schnell
und tut im Windgebrause,
als sei er froh zu Hause.

Heiloh, wie hold die Luft uns dreht,
he hopla, Junker Wildhans Speet,
steig' auf bei uns zu Gaste,
auf Galgens Freudenmaste!

Den Junker reißt es wild herum,
er löset sich den Riemen stumm
und springt gleich einer Katze
zum angewies'nen Platze.

Er schlingt im Sprung den Knoten fein
und zugesellet sich den Drei'n
und hängt sich, flink zu ihnen,
der Gastlichkeit zu dienen.

Zu Gaste hier, zu Gaste dort,
man ist zu Gast an jedem Ort,
sie kann jedwedem werden
im Himmel und auf Erden.

Noch pendeln sie ein Weilchen stumm
im Wind herum, im Wind herum.
Sie dreh'n sich stumm und nicken
am Strick, woran sie knicken.

Der Nachtwind klappt die Flügel zu,
da dreh'n sie sich gemach zur Ruh'.
In Waldes schwarzen Hafen
geht auch der Vollmond schlafen.

Quellen:
Der getreue Eckart, 8. Jahrgang, Band 1 Seite 261

Übertragen von hojos
im Dezember 2025