Schönbrunn
Von Friedrich Sacher mit Pinselzeichnungen von Georg Pevetz
20.11.2025
Wer hätte nicht schon einmal um Stätten gebangt, die er liebt! In so wirren Zeitläuften wie den unseren wird vieles in Frage gestellt, was Bestand versprach, wellt sich selbst der festeste, sicherste Boden unter unseren Füßen, krümmt sich das Lotrechte. Und gerade um das, was unserer Seele am teuersten ist, leiden wir denn auch die finsterste Sorge, ist uns am meisten bang.
Es war vor etlichen Jahren. Ich wanderte durch eine der barocken Alleen, die von Sonne, Blumenduft und Kinderlärm erfüllt war, hin zum Schönbrunner Schlosse – und ließ den Kopf hängen. Aber mitten im Gehen fielen mir wie eine Frohbotschaft, so dass ich innehielt, die Leifhelmschen Verse ein: „Nichts ist auf Erden verloren, was wir dem Leben getan.“ Der Gedanke an solche Unvergänglichkeit war mir mit einemmal ein großer Trost.
Dies alles um mich, wusste ich, war ja dem Leben getan; gut, treu und weise dem Leben getan; und so konnte es und wird es nicht verloren gehen, bestand es und wird es bestehen.
Die Menschen nämlich, die dies alles ersannen und planten, verwirklichten und schufen, freigaben und mitteilten, haben die Menschen, haben das Leben, nicht nur sich geliebt. Daß sie zugleich soviel Geist besaßen, soviel Geschmack, soviel angeborenen Sinn für Würde und Adel im Großen und Kleinen, gleich viel wissende Zurückhaltung wie gläubige Hingabe, denn die Menschen sind zugleich das größte Pack und das Prächtigste auf Erden, war ein ausgesprochener Glücksfall. Versailles, glanzvoller, mächtiger, wuchtiger, stammt aus dem Hochmut, einem „hohen“ Mut auch da noch, wo es sich herablässt, und seine Unsterblichkeit ist voller Anspruch. Schönbrunn, intimer, stammt aus der Liebe. Aber aus einer Liebe, die sich nicht gemein macht und den rechten Abstand wahrt, ohne aufzuhören, wesentlich – Liebe zu bleiben. Hoheit ist freilich auch ihr unveräußerliches Attribut. So nun kann sich dieses herrliche Schauspiel, dieses einträchtige Zusammenspiel von Bau und Landschaft, von Natur und Kunst, einmal eröffnet, in vier Jahreszeitenakten immer wieder und in einem fort gleich würdig als wie von selber aufführen: ein ewiger schöner Brunn des Lebens. Seine Schöpfer traten, sie waren keine Sonnenkönige, in den Schatten, in den Hintergrund zurück. Der Staat bin Ich? Der Staat sind wir! Kunst ist Herrschaft? Kunst ist Dienst! Ihr Kronreif mag dahin sein und das Zepter ihnen entglitten. Ihr Künstlerruhm mag etwas verblasst sein und ihr Name nur noch den wenigsten geläufig. Aber unsterblich ist ihr Menschliches. Unsterblich ist, was sie als Menschen dem Leben getan. Und so sind denn auch Menschen und Leben ihr unbewußter, aber immerwährender Dank. Denn du trittst ein, und schon bist du verwandelt. Nicht deine Sinne sind berückt allein, dein Herz ist besser.
In der Gegend des Neptunbrunnens sah ich einen etwa sechzehnjährigen Studenten seine an den Beinen gelähmte Mutter in einem Rollwagen näher an das Blumenparkett heranfahren, nachdem sie lange genug die bunten Fische gefüttert und deren Haschespielen zugesehen hatten. Die Lage der beiden war leicht zu übersehen. Eine arme, bedrückte, gedrückte, neben ihrer kleinen Pension etwas heimarbeitende Witwe mit ihrem freudlos neben ihr Hindarbenden Sohn da in dem ganz und gar, in dem arg zerschlissenen Röcklein. Irgendwo in einem Elendshaus mochten sie in größter Not und Enge billig und finster gegen einen Hof hin „wohnen“. Hier jedoch waren sie reich und ihre Seele weit, hier waren sie unverdrossen und gut zueinander. Sie hatte die Haltung einer Fürstin. Er bewies den Takt eines Granden. Nicht nur, dass sie in Schönbrunn waren. Schönbrunn war auch in ihnen. Sein Geist war ihr Geist, seine Anmut ihre Anmut geworden. Wie schön, dass sie es gar nicht wussten!
Ich war vor einem der Obelisken gestanden, und es ist wahr, ich hatte mich eine Weile geärgert. Über die Hartseeligkeit, mit der Napoleon ihnen 1809 seine Adler hatte aufdachen lassen, die Adler seines raschlebigen Imperiums. Sie selber waren schön, gewiss! Aber die herrische Geste nicht, die sie aufrichten ließ. Und Schönbrunn trug sie, die fremden Adler, ertrug sie bis heute? War das nicht eine beinahe sträfliche Läßlichkeit, eine Gutmütigkeit ohne Maß und Grenze? Allmählich aber ging es mir ein. Das war die Weisheit eines uralten Hauses. Schönbrunn wandelte zur Ehre um, was ihm – anders vermeint gewesen. Schönbrunn konnte sich das leisten. Schönbrunn war und blieb selbst hier Schönbrunn, blieb es auch im Augenblick der Unterjochung, als dort drinnen eines der unerbittlichsten Friedensdiktate unterzeichnet werden musste, inmitten eines zerstückelten Vaterlandes, den Stiefel des Siegers auf dem Nacken. Es war und blieb Schönbrunn. Aber jener Hochmut kam längst vor den Fall. Schönbrunn hat ihn geduldig einfach überdauert. Im nachdenklichen Aufblick zu den fremden Adlern wuchs ich über mich selbst und meinen kleinen Ärger hinaus. Schönbrunn hatte mich eines Besseren belehrt.
Lange auch war ich fragend um eine steinerne Sphinx herumgegangen. Launischer Einfall oder tiefere Einsicht unseres Rokoko? Ihr sinnender Blick war merkwürdig genug, weil ganz ohne Spur von Tücke und Grausamkeit, Ironie und Bosheit, ihr Ernst nur halb und sogleich zurückgenommen durch ein kleines Lächeln, dieses aber war beinahe mütterlich. So zu blicken, deutete ich mir, ging ebenfalls nur hier an, hier, wo Herrscher sahen, die auch mehr wussten, als sie verlauteten, mehr verschwiegen, als sie erkannt hatten, mächtiger waren, als sie zeigten, und größer, als sie sich gaben.
Aus dem Tiergarten fern lockte es leis, gurrende und pfeifende Stimmen, vielfach gefiltert durch die Laubkronen und Buschhecken. Allein, wo war eigentlich sein Ende? Zaun, Mauer, Planke schlossen ihn nicht ein. Es quoll auch sonstwo von Tieren über. Wie sie aber hier zutraulich waren, war das nicht das wiedergeschenkte Paradies? Einen Eichkater sah ich „seine“ Nüsse höchstpersönlich und eigenhändig aus der Rocktasche eines alten Herrn herausholen, nachdem er an dem Hosenbein aufwärts geklommen war wie an einem Baumstamm, und es war offenkundig beiden selbstverständlich, dass Mensch und Tier dem gleichen Orden angehörten und eine einzige Bruderschaft bildeten. Die Meisen, die jedem lockenden Kind sogleich auf die Hand flogen, Futter pickten, verrasteten, behandelten einen Menschenarm nicht viel anders als einen Ast, sahen in dem entgegengespreizten Bubenfinger nichts weiter als ein Zweiglein, darauf man mit der größten Seelenruhe Platz nehmen kann. Die Menschen da mochten tierliebend auch außerhalb dieser Stätten sein. Innerhalb aber waren sie es mehr und ohne den geringsten Vorbehalt und Widerruf. Innerhalb waren es alle ohne Ausnahme. Hier schenkten noch die Habgier und der Geiz. Hier lächelte sogar der frostigste Griesgram. Das bewirkte, das bewirkt Schönbrunn. Denn du trittst ein, und schon bist du verwandelt. Nicht deine Sinne sind berückt allein, dein – Herz ist besser.
Der greise, bärtige Parkwärter, den ich harkend bei den Rosenrabatten antraf und in dem ich einen grantigen Brummbären vermutet hatte oder doch einen durch die Last eines biblisch langen Lebens arg Verwitterten, blühte förmlich mit seinen blühjungen Schützlingen um die Wette, sein Rundgesicht glänzte fast kupferig vor Gesundheit und sein Auge unter dem heiteren Himmel Schönbrunns so seelenhaft wie das eines Kindes unter den Lichtern des Christbaums. Die bissigen alten Vetteln, die auf den Bänken herumsaßen, in den Duftwolken der Blumen, im Gedröhn der Bienen, in der Sonne, die selbst über sie, die sosehr Ungerechten, schien, sie mochten daheim der Schrecken aller ihrer Nachbarn sein, hier endlich schwiegen sie, und das böse, wie eingefrorene Gefältel um ihren Lästermund begann sich ein wenig zu lockern und aufzutauen.
Das junge Paar aber in der Orangerie war in die Ferne, war weithin entrückt und ganz aus sich hinausgehoben. Ich konnte einige Male gemächlich um sie herumgehen. Sie bemerkten mich nicht. Sie mochten schon jahrelang vergebens auf einander warten. Sie stak in einem ärmlichen Fähnchen. Und wie schmal mochte sein Verdienst sein, wenn er einen hatte! Aber für den Augenblick focht sie das alles nicht an. Sie waren ja in Schönbrunn. Nein, sie waren weit irgendwo im Süden. Wie das Mädchen sich wippend gegen eine der seltenen Früchte hinanhob, um sie ihm zu zeigen, war sie eine Sizilianerin, hieß sie Bianca Maria Dolores. Armes Mädchen unter den Orangenblüten Schönbrunns! Du wirst noch lange nicht Hochzeit machen. Und einmal wirst du sterben – und doch Neapel nicht gesehen haben. Aber ich störe nicht deinen Traum. Wie dürfte ich es! Er ist dein bestes Hab und Gut. Auf den Fußspitzen hebe ich mich hinweg – zu den Feuerunken des Nymphenbeckens, die nüchtern und feist im Geschling der Wasserpflanzen auf den nächsten Bissen warten, ihn einzuschlingen, denn das Leben ist eher so, und anders ist der Traum. Aber wie könntest du leben, kleine Wienerin, ohne – Schönbrunn und deinen Traum!
Und oben vor dem Schwanenteich genoss ich befriedigt noch eine andere entzückende Verwandlung. Zwei halbflügge Schulmädel standen davor. Überall sonst mochten sie sich so albern und affig wie nur möglich aufführen. Hier endlich kicherten sie einmal nicht. Erhaben blaute das Firmament über und gespiegelt unter ihnen, und die Schwäne zogen ihre feierlichen Kreise. Da fühlten sich die Gänschen zu einiger Haltung verpflichtet.
Dann stieg ich hinauf zur Gloriette. Im Bogengang suchte ich mir den einsamsten Winkel und –
Von hier Ausschau zu halten über Stadt und Land (glücklich, wer sagen kann: seine Stadt und sein Land!), rate ich jedem, der vor entscheidenden Entschlüssen steht oder noch schwer an einer frischen Wunde trägt. Ob ihn nun die Sorge vor der Zukunft finster macht, oder ein Leid der näheren oder ferneren Vergangenheit noch gallig und bitter sein lässt: Hier findet das Ich sich wieder ins Lot, erkennt es seinen Standort im Allgemeinen, gewinnt es das ordnende Maß zurück und die Gesetze innerer Symmetrie, die es benötigt, um ganz zu bleiben und nicht in seine Teile zu verfallen. Harmoniette und ein Tempelchen nenne ich das Lusthaus bei mir; denn was für ein Klingklang ist für mich jederlei „Gloria“ und was bedeutet mir irgendwelche „Lust“, gemessen an der Wohltat des Einklangs mit mir selbst und der Welt!