Es geht ja nur um Tiere

Von Dr. Friedrich Sacher zu der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth
17.11.2025

Die steirische Künstlerin Norbertine Breßlern-Roth hatte sich von Anbeginn das Tierbild als ein wesentliches Sonderfach ihres Schaffens vorgesetzt. Diesem Vorsatz blieb sie treu, mochte gleich die gewählte Technik wechseln, mochte es sich, das eine oder andere Mal, um Zeichnungen, Ölgemälde, Pastelle, Aquarelle, Linol- und Farbenholzschnitte handeln. Eine genaue Beobachterin des geselligen und des Seelenlebens der Tiere in Heimat und Fremde, verstand sie sich vor allem meisterlich darauf, den Bewegungsrhythmus des Tieres und der Tiergruppe wiederzugeben. Immer aufs neue fesselte sie auch der Kampf der Tiere ums Dasein, untereinander und mit den Mächten und Übermächten der Natur. Ihre Menschenbildnisse aber waren undenkbar ohne das eine oder andere zugesellte Tier, war dies nun Spiel- und Festgefährte oder – noch häufiger – Opfer und Beute.

Indes, auch das Tier hat sein Recht auf das eigene Leben und die eigene Würde. Es ist so oft der Mensch, immer wieder der Mensch, der dieses Recht aus Eigennutz, aus Quäl- und Prahlsucht grausam verletzt. Mit dem vorliegenden Totentanz nun machte die Künstlerin sich am eindringlichsten, ja, erschütterndsten zum unbestechlichen, unerbittlichen Anwalt der verletzten Rechte des Tieres. Damit setzte sie ihrer Tierliebe das bisher überzeugendste Denkmal und hielt zugleich der Menschenwelt einen schonungslosen Spiegel vor. Immer wieder wird ja, wer die Tiere liebt und verteidigt, den Menschen als ihren Würger anzuklagen haben.

Zuwachs – Nicht erwünscht. Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Zuwachs – Nicht erwünscht</b></p><p>Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Seht ihn euch nur an, den Herrn der Schöpfung, der da vierschrötig gekommen ist, der Kettenhündin ihren Wurf zu nehmen – mit abgewandtem Gesicht! Er hat alle Ursache, es vor der Tiermutter zu senken und vor uns zu verbergen. Ein Totenkopf bleckte her oder das an sich Böse! Unwillkürlich weiß sie es und sogleich, was er vorhat, sie erkennt seine Absicht schon an dem roh zupackenden, an dem rüde klammernden Griff, mit dem er die ahnungslosen Welplein aus dem friedlichsten Schlummer reißt. Aber eben dieser Wurf kam ihm nicht zupass. Sein Kettenhund hat Wache zu halten, basta, das ist alles, und er kostet ihm schon Futter genug, übergenug. Er hat nicht die Zeit und die Lust, sich auf Gefühle einzulassen. Diese unnützen, überflüssigen, ungerufenen Fresser sind ihm eine Last. Was sie etwa ihrer Mutter bedeuten – bitte, wieso? Kommt gar nicht in Frage! Gottigkeit, er ist das Maß der Dinge! Das wäre noch schöner. Komme ihm nur einer mit dem und so, er wird seine Meinung hören. Rasch fort mit dem Schaden! Der Hund ist zu seinem Nutzen da. Die vor Schreck weit offenen Augen der Tiermutter: Um Himmels willen, Herr, was tust du mir denn an? – er sieht einfach nicht hin. Ihr klagendes Geheul – ach was, er kann sich, wenn er will, seine karierte Kappe über die Ohren ziehen. Kusch! Er bedenkt nicht den furchtbaren Zwiespalt in ihrer Seele: hier die Jungen, die sie lieb hat, dort der Herr, den sie doch auch lieb hat, dem sie dient, gehorsam und treu, den sie nur jetzt so gar nicht versteht, dass sie in Zweifel kommt, ob er es denn sein kann, oder ob sie einen fremden Räuber vor sich hat, der es verdiente, dass sie ihm ihre Zähne ins Fleisch gräbt, Aber ach, es ist ein allzu ungleicher Kampf! Sie mag springen und reißen und zerren, wie sie will, sie erlangt ihn nicht, wie sie sich auch reckt und streckt, eher würgt das Halsband sie ab. Wenn er ihr doch ein Junges ließe! Ihre Zitzen sind prallvoll, dass es eine Qual werden wird. Aber das hat er nicht vor. Er ist ein Unbedingter. Draußen wartet das Tümpelwasser, und er wird ein Tierlein um das andere darin ersäufen (die Mutter wird sie aufklatschen hören Mal um Mal), über dem letzten wird das Wasser ein paar Kringel ziehen, und es wird ein Schauspiel gewesen sein für den neugierigen Gaffer.

Ein Stierkampf ist zu Ende. Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Ein Stierkampf ist zu Ende</b></p><p>Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Übrigens – Schauspiel! Die trieberhitzte Arena rast. Sie ist beifallstoll. Wacker, vergötterter Torero! Wacker! Wacker! Das hast du gut gemacht! Verendet liegen Ross und Stier, blutige, formlose Klumpen, im gelben Sand. Welch eine Wollust, was für ein Kitzel! Unten spreizt sich der Menschenpfau. Er hat es geschafft, hat es großartig geschafft. Seht mich an! Bin ich ein Grande? Knallig prahlt das Rot seiner Gewandung, eitel wölbt sich die Heldenbrust, jeder Zoll ein Imperator, tritt er triumphierend dem Tierkadaver auf den Rücken. Grinsend hebt der – Tod den Schädel in die Sonne des Ruhms. Wie sie wohltut! Und er lüftet mit Grandezza den Hut, dass es die Weiber berückt. Ja, er hat seine Ehre, seine Würde. Das Tier – bitte, wieso? Man wird doch noch am Ende sein harmloses Vergnügen haben dürfen! Man hat an der Kassa bar bezahlt, man will doch schließlich etwas gesehen haben für sein gutes Geld! Wie fad, wie langweilig wäre diese Welt ohne euch Picadores! Bravo, Espada! Tu's ihm! Bravo, Matador!

In die Falle gegangen. Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>In die Falle gegangen</b></p><p>Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Im Wald, im schönen, grünen Wald sitzt der Schlingenleger. Schlau und listig hockt er hinter dem Gestämm. Und unter Blumen. Er hat Gemüt. Er grinst befriedigt. Wie am Schnürchen verlief die geschickt eingefädelte Sache, das hat er gut gedreht, famos ging ihm die Hindin in die Falle. Ihr verglasendes Auge, sterbend wandte die Mutter es noch den armen, zart gefleckten Kälblein zu. Er sieht es nicht. Er hat nicht Zeit. Er überschlägt eben – warte mal! –, was das Wildbret ihm einbringen wird. Gott, man bringt um und schlägt sich durch, auf die eine oder andere Weise!

Achtung! Hier wird bloß ein bisschen gefilmt. Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Achtung! Hier wird bloß ein bisschen gefilmt</b></p><p>Aus der Holzschnittreihe „Totentanz“ von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Ich bitte schön, meine Damen und Herren, der Kurbelmann muss es auch! Sie wollen, blasiert und übersättigt, von der Flimmerleinwand mal was anderes sehen, was sie packt, was sie erregt. Warum sollte man diese ausgehungerte Raubkatze nicht einmal für Sie ein wenig auf Tod und Leben kämpfen lassen mit diesem Bullen, den man stachelnd vorher ein bisschen quälte, bis zur Raserei. Scheinwerfer her! Aufnahme! Teufel auch, es klappt! Wie es klappt! Wenn man Glück hat, Mensch, zerfetzen sich die beiden Bestien im Lichtkegel dort ein halbes Filmbandkilometer lang. Bestien, wie gesagt. Aber edel ist der Mensch, hilfreich und gut. Achtung, Kurbelmann! Das kleine Welttheater hebt an. Achtung! Los! Oder steht gar der mordende Tod selber hinterm Kasten? Was Sense, was Hippe! Man schafft es heute eben mal so und mit der Stoppuhr. Hoppla, wir leben!

Quellen:
Der getreue Eckart, 14. Jahrgang 1936/37, Band 1 Seite 203ff

Übertragen von hojos
im November 2025