Wo in Wien der erste Christbaum stand
Von Dr. Maria Mundprecht mit Zeichnungen von Erni Kniepert
Die junge protestantische Gemahlin des Siegers von Aspern, Erzherzogin Henriette, stellte seit zwei Jahren schon nach alter Sitte ihrer protestantischen nassauischen Heimat den Tannenbaum in der Hofburg auf. Die „Lutherische“ feiert Weihnachten, ging es von Mund zu Mund. Keinem aber wäre es eingefallen, sich auch so ein Bäumchen in sein Zimmer zu stellen, keiner wäre auf die Idee gekommen, solches mit Lieb' und Freud' zu schmücken. Das sei doch kein christliches, sondern ein heidnisches Fest, hieß es da und dort. Das, was die junge Erzherzogin feiere, ziele nicht auf die heilige Nacht, sondern auf die Wintersonnenwende, raunte man sich geringschätzig in die Ohren, blieb aber doch so lange stehen, bis ein paar Kerzeln hinter den Fenstern sichtbar wurden. Aber all die verschnörkelten und verschneiten Gassen der Stadt kannten den Zauber des Weihnachtsfestes noch nicht. In den malerisch Poesie- und stimmungsvollen Vororten war der Christbaum noch ein Fremdling.
„...1817 war's zu Weihnacht“,
erzählt der Maler Rudolf von Alt. „Mein Vater brachte in diesem Jahre zum erstenmal einen Weihnachtsbaum nach Hause. Anno 1817 kannte man in Wien diese wonnesam traute, erhebende, erhabene Einrichtung noch nicht. Hier war er ganz fremd, der herrliche Baum, hier hatte man seinen goldigen Schimmer noch nicht kennen und lieben gelernt. Auch wenn ich noch so alt werde, nie werde ich, nie diesen ersten, fremden Weihnachtsbaum vergessen. Plastisch und gravitätisch, milde und bezaubernd steht er noch heute vor mir, wenn ich mich in jene ferne Zeit zurückträume. Ich sehe ihn, sehe auch mich, den dummen, fünfjährigen Jungen, der wahre Freudentänze um dieses neue und doch so sympathische Bäumchen aufführte, der sich nicht zugute geben konnte über den Glanz, über den Flitter, über all die niedlichen Spielereien. Und wie bezaubernd winkten und blinkten die lieblichen Lichtlein! Wie warfen sie ihren Schein hinein in mein junges, aufnahmsfähiges Herz, wie begeisterten sie mich! Noch tagelang schwärmte ich von dem neuen Baum und schwor mir, würde ich Maler wie der Vater, in den herrlichsten Farbentönen diesen ersten Weihnachtsbaum in Wien der Nachwelt zu erhalten, in sein Abbild all meine Gefühle, mein Gemüt hineinzulegen. Tat ich es auch? Ich glaube nicht. Und dann entsinne ich mich auch der verdutzten Gesichter meiner kleinen winzigen Freundchen und noch kleineren Freundinnen, als ich ihnen erzählte, was Papa aus Frankfurt neues heimgebracht. ‚Aber wieso?‘ – ‚Woher?‘ – ‚Warum?‘, so scholl es vor Neugierde in der jugendlichen Korona. Und nicht früher beruhigte sich der ungestüme Jugendsinn, meine kleinen Spielgenossen ruhten nicht früher, als bis ich sie hinaufführte zu dem Baum, der zwar schon ganz entkleidet war, aber selbst in seiner trockenen Nüchternheit die Büblein und Mägdlein vollständig gefangen nahm. Er war der erste, der in Wien seinen zauberhaften Lichterglanz ausstrahlte. Der allererste, denn der Weihnachtsbaum wurde erst viel später in Wien eingeführt, wo er sehr bald zu ungeahnter Volkstümlichkeit gelangte.“
Wie mochte da der alte und breite Hollunderbaum im „Mohrenkipfelhaus“, Ecke Alserstraße und Spitalgasse, neiderfüllt dem Jubel von groß und klein gelauscht haben. Was musste dieser Konkurrent doch Schönes und Seltenes zu bringen wissen, um das ganze Haus so rebellisch machen zu können?... Und erst der Hofbrunnen im eisumkrusteten Strohkleide! Er soll an diesen denkwürdigen Weihnachtstagen voll Tannenduft und Lichterglanz, von Kinderjubel und Elternfreude ganz aufs Einfrieren vergessen haben ...
Und dennoch. Der Tannenbaum als Gast und Freudenspender im christlichen Hause zur Weihnachtszeit war immer noch eine Seltenheit geblieben, zu der man nicht recht in Fühlung zu kommen vermochte. Vater Alt war selbst zu bescheiden, um durch sein Tun dem Weihnachtsbaum plötzlich Regularität zu verschaffen. Ein anderer musste kommen, der dem Christbaum in Wien und Österreich das Heimatrecht sicherte. Einer, auf dessen Tun und Handeln man achtete in der bürgerlichen Gesellschaft, einer, dessen Name in Wien viel galt.
Heinrich Anschütz, der Unsterbliche in den Ruhmesblättern des Burgtheaters, wurde zum Protektor des Christbaumes. „Ich hatte Ende 1821 das erste Christfest in Wien zugebracht“, schreibt er in seinen Erinnerungen. „Als ich nun zu Weihnacht 1821 die vorbereitenden Einkäufe besorgen wollte, war ich nicht wenig erstaunt, auf beinahe gänzliches Unverständnis dieser lieblichen Feier zu stoßen. Es kostete mir Mühe, ein Tannenbäumchen aufzutreiben. Als ich mein Verlangen auseinandersetzte, hörte ich in allen Verkaufsorten die verwunderte Frage ‚Christbescherung? Was ist das? Ach, Sie meinen den Nikolo?‘
Ich befand mich allerdings in einem katholischen Lande, wo man eigentlich von diesem Feste keine Notiz nimmt. Es war ja in Frankreich nicht anders. Dennoch wunderte ich mich, dass das lebensfrohe, fast kindliche Wien nicht längst eine freundliche Sitte nachgeahmt hatte, welche durch die Gemahlin des Erzherzogs Karl, eine protestantische Fürstin, doch schon bekannt sein musste. Und dennoch hatte dieses unvergleichliche Kinderfest faktisch noch keine rechte Vorbereitung gefunden.
Ich war eine bekannte Persönlichkeit. Meine Einkäufe und Anstalten fielen auf. Ein Freundeskreis, der die Vorbereitungen meiner Mysterien mit Interesse beobachtete, hatte nichts Eiligeres zu tun, als meinem Beispiele noch in demselben Jahre zu folgen und ich kann wirklich sagen, dass mein Eintritt in Wien nicht wenig dazu beigetragen hat, das Christfest so schnell zur allgemeinen Aufnahme zu bringen, denn, schon im nächsten Winter wurden förmliche Waldungen nach Wien verschleppt und alle Spielwarenhändler und Kaufleute richteten sich für die neuen Marktbedürfnisse ein.
Dieses Weihnachtsfest war mir dadurch besonders von Interesse, weil es Schubert zum erstenmal in mein Haus brachte.“
Anschütz und Schubert werben für die Christbaumfeier,
ihr Beispiel schafft dem Christbaum eine Heimstätte in Wien und Österreich! Wer wäre berufener gewesen, die Wiener auf diese Weihnachtsstimmung zu bringen, als diese beiden Männer? Sie hatten Glück und vollen Erfolg. Und der Siegeslauf des Christbaumes hat an den Grenzen des deutschen Sprachgebietes nicht halt gemacht, er ist schon weit darüber hinaus nach England, Frankreich, Italien, Amerika vorgedrungen und auf dem besten Wege, die ganze Welt, soweit sie von der weißen Rasse bewohnt wird, zu erobern. Diesen deutschen Sieg – einen Sieg des Gemütes – hat man vielleicht etwas verzögern, aber nicht dauernd aufhalten können.
Neben dem Christbaum gab es damals auch noch andere schöne Weihnachtsbräuche, die teils gleichfalls auf deutschem Boden, teils in anderen germanischen Ländern geübt werden. Wir denken vor allem an den „Julblock“, einen gewaltigen Holzklotz, der in der Weihnachtsnacht glosend und glimmend auf der offenen Feuerstätte liegen muss, in Pommern gerade so wie in Schweden oder Norwegen. Bis hinab nach Italien, das gleichfalls seinen ceppo di Natale hat, reicht dieser altgermanische Brauch. Der Julblock stellt die ältere Versinnbildlichung desselben Gedankens dar, der auch unserem Christbaum zugrunde liegt: Licht in der Winternacht! Zur Zeit der Wintersonnenwende, wo das Tagesgestirn, hinter Wolken und Nebeln verborgen, geraut, gestorben scheint, hat der Mensch das Bedürfnis, sich den Glauben an die Wiederaufstehung der Sonne in einem Symbol, eben in dem nie verlöschenden Julblock, zu versinnbildlichen. Es gibt ja kaum ein anderes Fest, das so aus der innersten Tiefe der Menschenseele, aus ihrem heißesten Trostverlangen geboren wäre, wie das Weihnachtsfest. Die lange Zeit des Sommers und des Herbstes geht ohne Fest an uns vorüber und wir vermissen es nicht; das erwachende Frühjahr hat wohl seine Feste; aber sogar das liebliche Pfingstfest, so gern wir es feiern, wir „brauchen“ es nicht unbedingt, weil um diese Jahreszeit jeder Tag von selbst zum Fest wird. Ja, selbst auf Ostern – von der religiösen Bedeutung wird hier natürlich ganz abgesehen – könnten wir eher verzichten, als auf Weihnachten.
So erscheint uns das Weihnachtsfest als der leuchtende Mittelpunkt einer ganzen Kette von Festen, die sich mit freundlichem Glanze durch die dunkelste Zeit des Jahres schlingen.
Ohne Aufdringlichkeit, Gewalt und Getue, ja fast ohne Absicht, ganz still, sanft und allmählich hatte sich der Christbaum in die Herzen der Wiener und Österreicher eingewachsen und Jahre danach empfanden sie den Baum mit seiner Symbolik und Seligkeit als einen untrennbaren Bestandteil der ganzen wienerischen Gemütlichkeit und taten so, als seien sie seit Ewigkeit mit ihm und seiner Freude verbunden, als hätte es nie eine Zeit gegeben, in der sie nörgelnd und deutend vor dem Lichterschein in der Hofburg gestanden waren. Freudvoll genießend, oft über ihre Kräfte spendend, huldigten sie der Christbaumseligkeit und die Wogen dieser Feier müssen vor Jahren schon ziemlich hoch gegangen sein, wenn der österreichische Volksdichter Anzengruber von der Wiener Weihnachtsseligkeit schreibt:
„Wenn alle Wochen Weihnacht wär'
Mit all dem Jubelbraus,
Da hätt' mer stets die Taschen leer,
Es haltet's niemand aus;
Es bringt von Freud' sowie vom Leid'
Das Übermaß Gefahr,
Und Weihnachtszeit, und Weihnachtszeit
Taugt einmal nur im Jahr!“