Freud und Leid im Tierreich

Ein Gespräch zwischen Franziskus und Luzifer von Martha Roegner. Mit Farbbildern von Norbertine von Breßlern-Roth

Petrus wunderte sich. Was wollte Franziskus auf der Erde? Man konnte froh sein, dass man da unten nichts zu tun hatte! Überhaupt heutzutage – Aber der Heilige lächelte und schwebte fort durch die Sternenräume. Wie sah es unten aus? Es war kaum hundert Jahre her, seit er zuletzt dort war. Aber es zog ihn wieder – er hatte wohl dort etwas versäumt –? Liebe Erde! Da war sie. Schau – da waren Tundren, und Renntiere zogen in Herden, alle Mütter stolz und glücklich mit ihren Kindern. Liebe Geschwister!

In den Urwäldern Sibiriens sah er Bären und Wolfsmütter zärtlich ihre Jungen lecken, und er streichelte ihr warmes Gezottel. Aber da kicherte es boshaft hinter ihm – sieh, das war Luzifer! Und der zeigte ihm zwei hechelnde Wölfe auf der Spur einer Ricke, der eine riss ihr Kitz nieder, aber die schwache Mutter wandte sich rasend gegen ihn und ihre Hufe prasselten ihm aufs Haupt, dass er aufheulend beiseite fuhr – doch da sah ihr der andere schon an der Kehle. „Hübsch – was?“ hohnlächelte Luzifer. Und der Heilige neigte sein Haupt: „Schön sogar – nie brannte die Liebe mit heißerer, reinerer Flamme in diesem Herzen als in der letzten Minute!“

Über weite, leere Einöden zogen sie, und der Heilige wunderte sich, wie arm an Tieren diese endlosen Steppen waren. Und wieder höhnte der Böse: „Hast du nicht deinen Brüdern immer von der gütigen Mutter Natur erzählt? Das war wohl ein kleiner Irrtum – sie ist sehr hart mit ihren Kindern!“ Er deutete gen Norden, wo der Himmel dunkel wurde und immer dunkler, dann sahen sie Hirsche drunten laufen und anderes Getier, und in den Lüften sausten Flüchtlinge, alle wie vom Sturmwind in eine Richtung gerissen, erst einzelne, dann Scharen, immer größere Rudel, an der Furt eines Flusses staute sich ein Heer von Damhirschen, viele Tausende – dann brach der Schneesturm los, mitten im Sommer, und begrub millionenfaches Leben unter sich. Was davonkam, das irrte traurig über die weiße Steppe und verelendete. Füchse und Wölfe hielten große Ernte und waren guter Dinge. „Aber im nächsten Winter“, lächelte Luzifer, „werden sie nicht mehr lustig sein, wenn sie sich in eisigen Nächten zu ganzen Rudeln zusammenheulen, um große Beute zu machen – es wird nicht viel Beute geben!“

Franziskus führte ihn weiter gen Süden, sie kamen an das Ufer eines großen Sees, wo voller Sommer reich und herrlich blühte, wo es in Schilf und Busch tausendfältig lockte und rief und in übermütigem Lebensjubel sich nicht genugtun konnte: Sieh, das Leben war immer Sieger über den Tod, und vergangene Not ist keine Not mehr!

„Ein ander Bild!“ lächelte Luzifer. Hoch droben am Beringsmeer lagen große Herden Bärenrobben auf ihren Klippen und freuten sich ihres Lebens und ihrer geliebten Jugend, die lustig am Ufer spielte. Aber eines Morgens lag ein Schiff in den Klippen, Matrosen stiegen an Land, mit Knüppeln bewaffnet, und schlugen tot, was sie erreichen konnten. Wütend wandten sich die Tiere gegen sie, darum schlugen sie ihnen immer zuerst die Augen aus, dann die Zähne, aber die Tiere starben so schwer! Einen solchen Geblendeten sahen sie, dem die Augen aus den Höhlen hingen und die Zähne aus dem Maul, dem war auch die Hirnschale eingeschlagen, aber er stand noch vierzehn Tage lang unbeweglich wie eine Säule und lebte – lebte – „Hübsch, was?“ kicherte Luzifer, und Franziskus verhüllte sein Haupt.

Ein ander Bild! Über die weiten Prärien zogen sie dahin, aber Franziskus staunte: es waren keine Prärien mehr, es waren Kulturwüsten, und wo waren die Rothäute und Büffel? „Ausgerottet“, berichtete Luzifer, „die Büffel waren in wenigen Jahren von Millionen zurückgebracht auf wenige Hundert. Tüchtige Schießer – jeder leistete etwa sechzig Schuss in der Stunde, und einer brachte es auf hundertzwölf Tiere in drei Viertelstunden.“ Ein ander Bild!

Afrika, unendliche Steppen, aber leer – damals gab es auch hier Millionenschwärme von jeglichem Getier. „Und es gibt auch jetzt noch reiche Strecken“, berichtete Luzifer, „aber deine lieben Menschen, dieses Gezücht, das quillt und schwillt wie Meereswogen über die ganze Erde, sie werden deine lieben Tiere schließlich völlig vertilgen müssen.“

In einem tief versteckten Sumpfdickicht fanden sie die uralten Könige der Vorzeit, die gewaltigen, klugen Grauen, die waren Franziskus' Lieblinge, die Todgeweihten. Aber er fand sie voll Leben und Heiterkeit, denn es war eben ein neues Elefantenbaby geboren worden, und nun bestaunten alle das kleine Wunder, Mütter und Bullen, Junge und Alte, und sie feierten ein großes Fest und waren voll ausgelassener Freude, spielten mit ihren Kindern und wurden selber ganz kindisch vor Übermut. Nun, siehst du wohl! Leben geht unter – das tut nichts! Es ist unzerstörbar und ewig und unerschöpflich.

„Nun, dann bleiben wir bei der gütigen Mutter Natur!“ lachte Luzifer. Wieder weite Steppe und Busch unter südlicher Sonne, ausgedorrt von langer Trockenheit, die Kreatur litt schweren Mangel. Da sprangen Funken längs einer Bahnlinie ins Gestrüpp, Wald und Steppe gingen in Flammen auf, die in rasender Eile weiter fraßen – in Todesangst flüchtete alles Getier, und nur die längsten Beine entkamen, die Kleinen kamen alle um – grausig, all das hoffnungslos fliehende Getier dort im Feuerbett der Prärie!

Steppenbrand. Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Steppenbrand</b></p><p>Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

„Schnell ein ander Bild!“ kicherte Luzifer. Böses Wetter kam, Wolkenbrüche, Überschwemmung, Dammbrüche – und abermals sahen sie die Kreatur mit den wilden Gewalten ringen und untergehen. Sie sahen den wilden Bären mitten unter Hirschen und zahmem Getier in der wüsten Flut kämpfen, die sie dahinschwemmte, und niemand brauchte ihn zu fürchten. Er erreichte eine Baumkrone, aber vom Ast herab fauchte ihm ein zähnestarrender Rachen entgegen – der schwarze Panther verteidigte den schmalen Raum. Und nicht weit davon wurde eine Fuchsmutter vorbeigeschwemmt, die ein Junges im hocherhobenen Rachen trug, und der Heilige wies hinüber: „Mutter Natur erlaubt ihren Kindern, ums Leben zu kämpfen – Untergang im Kampf kann herrlich sein!“

Überschwemmung. Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Überschwemmung</b></p><p>Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Da hatte er dem Bösen ein Stichwort gegeben! „Komm mit nach Chikago, wo die Menschen ihre wehrlosen Sklaven am laufenden Band schlachten! Zehntausende an jeglichem Tage, die Blutbäche strömen ohne Unterbrechung!“ Nein, das wollte Franziskus nicht sehen. War's im alten Europa soviel besser? Er gedachte eines Mannes, der vor kurzem an der Himmelstür erschien; der war zu Tode gekommen, weil ihm die Pferde durchgegangen waren – warum? Sie waren am Schlachthaus vorbeigekommen, nur von dem Blutgeruch scheuten sie. Und alle Schlachttiere sind Nasentiere – sie wissen alle ihr Schicksal, ehe sie das grauenvolle Tor betreten. Wieviel Jammer, wieviel Todesangst hat all das Fleisch vergiftet, das die Menschen „genießen“?

Unter blühendem Baum standen sie vor einem Bauernhaus. Die Bäuerin schaute zu, wie der Fleischer ein Kälbchen auflud, und sie weinte und haderte mit dem harten Schicksal – sie weinte immer, sooft sie ein Kälbchen ans Messer liefern musste. Aber Franziskus nahm sie sachte an der Hand und führte sie hinters Haus, wo auf leuchtender gelber Wiese drei Zicklein sprangen, voll vor Übermut und Lebenslust, sie bockten und spielten und machten so possierliche Sprünge, dass die Bäuerin hellauf lachen musste. „Siehst du“, lächelte der Heilige, „das Leben lacht immer wieder!“ Und er führte den Gefährten durch die holde Maienwelt und zeigte ihm alle Kinderwiegen in Busch und Baum, und alle warme Mutterliebe und allen aufopfernden Heldenmut der kleinen Geschwister in Feld und Wald.

Jugend. Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Jugend</b></p><p>Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Ein kleines dunkles Gespenst glitt lautlos durchs Gebüsch, riss hier eine Amsel vom Nest und dort ein Rotkehlchen und da ein Eichhörnchen. Es fraß längst nicht alles, es liebte den Mord. Und es tötete nicht gleich, es spielte lange mit seinen Opfern und freute sich an ihrer Angst und Qual. Luzifer grinste: „Das ist doch wohl der niederträchtigste aller Räuber, der Marder.“ Franziskus nickte bekümmert. Aber in der Nacht führte er seinen Gefährten in den Hochwald, wo ein wildes Geklüft zwischen den Bäumen aufragte. Er spähte nach einem Felsspalt über einer Steinplatte, dort wohnte der Mord.

Totenstille. Aus dem Spalt rückte eine schwarze Schlange, hielt lange regungslos und wurde ein Klumpen. Ein zweites Schlänglein, kaum halb so groß, war plötzlich da und drückte sich lautlos neben die Mutter. Ein drittes, viertes, fünftes – und dann begann ein wildes Kobolzen durch Geklüft und Geäst, hinauf, hinab, immer hinter der Alten drein, sie übte ihre Kinder gut! Unfasslich die blitzhafte Gewandtheit der vier Kleinen – die Mutter konnte sich wohl freuen über diese wunderschönen Märchenkinder. Letzt drängten sie sich alle um die Alte und liehen sich liebkosen – mit weicher Neigung beugte sie sich nieder und leckte eins ums andere, und ihre unbarmherzigen Raubtieraugen waren voll Wärme und Zärtlichkeit. Nun durfte sie einmal lieben, heiß und selbstvergessen!

Luzifer schaute nachdenklich zu. „Dies wollte ich sehen“, sagte der Heilige, „ich wollte den Mord noch lieben sehen!“

Und es schien, die fernen Sterne lächelten alle leise und voll Liebe.

Nachgesang. Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Nachgesang</b></p><p>Farbbild von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Quellen:
Der getreue Eckart, Jahrgang 13 1935/36, Band 1 Seite 201ff

Übertragen von hojos
im November 2025