Irgendwo

Von Max Bardroff

In meiner Stube sitze ich und lese Jean Paul. Die Lampe wirft ihr helles Licht über das Buch und über meine Hände. Vor einer Stunde schon ist der Ofen ausgegangen; jetzt habe ich mir meinen Mantel umgehängt. Die späte, kalte Nacht steht vorm Fenster.

Aber irgendwo ist jetzt Mittag, irgendwo weht ein frischer Abendwind, irgendwo brechen sich die Strahlen einer warmen Morgensonne in den Tautropfen an den Gräsern.

Ein Pflug reißt sein Eisenscheit in die dampfende Erde. Ein Schmetterling schläft in einer Blütenschale. Ein Fuchs scharrt im Schnee. Ein Käuzchen klagt.

Und irgendwo wird jetzt ein Kind geboren, ein Greis stirbt. Eine Frau tanzt, ein Mensch lächelt. Einer weint, einer beißt die Zähne zusammen. Eine Hand streichelt über das ruppige Fell eines Hundes. Eine Faust schlägt in das erschrockene Gesicht eines Jungen.

Irgendwo schaukelt jetzt ein Glockenschlag über alte verwitterte Dächer hin. Kamine qualmen. Ein Propeller surrt. Eine Radiowelle verliert sich am Himmelsrand.

Ach, wieviel geschieht jetzt in dieser Sekunde, wieviel Lärm ist jetzt da und dort, wie viele Worte werden irgendwo gesprochen, geschrien, gebrüllt, in wie vielen Sprachen wird jetzt gefragt und geantwortet, gelogen und geflucht.

Und wieviel Stille ist jetzt da und dort. Ein Hase kommt um. Eine Biene sinkt flügelwund ins Gras. Ein Stern zerbricht, eine Sehnsucht. Eine Liebe geht noch einmal ihren leisesten Weg. Eine Erinnerung greift in das versunkene Gestern zurück, eine Idee in das ungewisse Morgen voraus. Einer denkt an einen kleinen innigen Vers, ein anderer an eine warme Zärtlichkeit. Wieder ein anderer träumt von seiner Mutter.

Saat ist da und Ernte dort. Blumen blühen da. Frost knirscht dort. Irgendwo ...

Irgendwo hört die Zeit auf, irgendwo muss die Ewigkeit anfangen, irgendwo treffen sich alle Wege.

Und irgendwo sitzt da jetzt ein Mensch und liest Jean Paul, und vorm Fenster steht die Nacht mit ihren ungezählten Rätseln.

Irgendwo – derweilen einer die rauschende, zitternde, rollende Welt zwischen seinen Fingerspitzen hält wie einen kleinen Knopf, wie eine blaue Glasperle, wie ein Sandkorn ... irgendwo atmet Gott ...

Quellen:
Der getreue Eckart, 13. Jahrgang 1935/36, Band 1 Seite 188

Übertragen von hojos
im November 2025