Lainz und Speising
Von Siegfried Freiberg mit Pinselzeichnungen von Georg Pevetz
Der äußerste Umkreis der Großstadt muss uns, besonders uns Wienern, bunt und mannigfaltig erscheinen, sowie Gesicht und Lebenshaltung der einzelnen Bezirke ihr verschiedenes Gepräge tragen. Das Wort „Peripherie“ ist ein Schlagwort geworden, das diese Unterschiede aufhebt und darum täuscht; es ist dem wirklichen Wiener auch ziemlich fremd geblieben. „Dort, wo der Teufel gute Nacht sagt“, ist ihm vieldeutiger und lieber. Nicht immer lebt da draußen der Abhub einer großstädtischen Bevölkerung, die Elenden und Gesetzscheuen, stehen dort die großen Zinskasernen, „die mit engen Brüsten / sich drängen aus den grauen Baugerüsten / und schauen wollen, wo das Feld beginnt. / Dort bleibt der Frühling immer halb und blaß / der Sommer fiebert hinter diesen Planken / die Kirschenbäume und die Kinder kranken / und nur der Herbst hat dort noch irgendwas / Versöhnliches und Fernes;“ (Rilke). Nein, so ist es nicht an allen Stellen und auch nicht Dehmels Vers „Ein Dornenkranz umrahmt die Stirn der Stadt“ will uns passen. Es gibt Städte, die gewachsen sind und leben, und solche, die aufgestellt sind und tot sind von Anfang an. Wir Wiener brauchen nur an Nussdorf denken, an Ober-Sankt-Veit oder Hütteldorf, wie verschieden sind sie von Favoriten, Simmering oder Kagran! Ja noch die einzelnen Straßen der einzelnen Bezirke, wie verschiedenes Leben atmen sie! Da ist es möglich, dass man einen Schritt abseits tut in ein Nebengässchen und vor dem reizendsten Mittelalter steht, wie in den Straßen der Innern Stadt. Und ein andermal: Gerade noch sind wir vom Großstadtleben umbrandet, mitten im nüchternen und gefühllosen Lärm des Verkehrs – und bloß einige Schritte entfernt öffnet sich uns eine Straße voll kindlicher Festfreude, altes, überliefertes Brauchtum lebt hier neu und mit ihm eine Herzlichkeit, die sonst weit und breit ausgestorben ist. Das ist der „Kavari“berg, ein Stück Alt-Wien der Fastenzeit, zwischen Hernalser Hauptstraße und Ottakringer Straße.
Und wie anders ist es wieder im äußersten Hietzing, jenem Nobelbezirk, wo sich Villa an an Villa reiht und lange kein Schornstein aufragen durfte (außer dem des Palmenhauses), weil der Kaiser sein Schloss hier hatte. Wie lang ist es schon her, dass man eine Landpartie nach Speising „arrangierte“, ja nur mit dem Stellwagen nach Hietzing fuhr, und – wie es in Nestroys Posse „Eine Wohnung ist zu vermieten“ freilich übertrieben heißt – sieben Viertelstunden dazu brauchte, mit einem dieser Stellwagen, von dem uns noch ein Modell unter Glas im alten Gemeindegasthaus von Speising gezeigt wird. Schön gelb und rot war er, gelb die untere Hälfte, rot die obere, blau die Räder und um die Mitte trug er deutlich gemalt die Stationen seiner Fahrt: Mauer-Speising-Lainz-Lobkowitzplatz. Die ältesten Lainzer erinnern sich voll Wehmut an dieses schmucke Gefährt ihrer Jugend, und die meisten, die schon vor dem Krieg da waren, auch an die Dampftramway, die den Verkehr nach Mödling besorgte.
Nun aber ist alles elektrisch geworden. Hietzing ist längst nicht mehr „eines der schönsten Dörfer Deutschlands und ist mit der Hauptstadt auf mancherley Weise verbunden, wie es 1835 in der Österreichischen Nationalenzyklopädie heißt. Mehrere Linien der Straßenbahn klingeln über die Hauptstraßen, Autos und tönende Radioapparate zeugen vom umstürzenden Zeitalter der Technik auch hier. Gleichmäßige Reihen von Siedlungshäusern und riesige humanitäre Anstalten sind hier errichtet worden – und dennoch scheint uns alle diese fremde Gewalt hier gemildert, viele der kleinen einstöckigen Häuser mit den schönen Zieraten des Stils der vergangenen Epochen sind noch geblieben, freundliche Villen aus einer sorglosen Zeit sehen dem täglichen Treiben seit langem zu und haben alles überstanden. Und wenn wir auch hier ein wenig in den Nebengässchen schlendern, sind wir bald angeweht vom Zauber, der seit jeher hier heimisch ist, Stille umfängt uns beruhigend und die Schönheit des durch die Zeiten Unberührten fühlen wir traulich an unserem Herzen.
Eines ist den Orten am Umkreis freilich gemeinsam: der Übergang in die Landschaft, mag er sich nun plötzlich oder milde vollziehen. Hier in den Gassen von Lainz und Speising erfüllt uns beglückend das veränderte Bild. Vielleicht ist es gerade auch diese innerlich so spürbare Veränderung, die die Maler aus der Stadt hinausgehen, vor den letzten Häusern den Zeichenblock aufschlagen lässt, und es stört sie gar nicht, wenn sie vielleicht noch ein Stück dieser Stadt in ihr Bild einbeziehen. Wir denken da gleich an das Bild Van Goghs, das im Musée Rodin in Paris hängt, die Ernte vor den Toren der Stadt darstellt und zugleich jenes Näherkommen von Stadt und Land, die Wogen des reifenden Korns vor dem Gemäuer der letzten Häuser, vielleicht auch einer Fabrik, und den Kirchturm im Hintergrund.
Sehen wir, von der Bergheidengasse in Speising zum Rosenhügel ansteigend, linker Hand das sich zum Hügel aufhebende Gelände, Gärten und Äcker der nun winterlichen, leicht vom Schnee zugedeckten Landschaft, darüber die kahlen Sträucher in den Himmel weisend, mitten im Feld einen Zypressenbaum und einen Brunnen, welch eine biblisch schöne Landschaft! Und knapp hinter den kleinen Hausgärten der Hauptstraßen! Von welch einfachen, willkürlichen und doch schönen Linien geführt stehen die Häuser in den kleinen Gassen, am schönsten vielleicht in der Fasangartengasse. Gleich vom Kirchenplatz ab führt sie; niedere, in sich geduckte Häuser mit schönen Giebeln stehen hier, mit kleinen, weiß gerahmten Fenstern, alte Weinhauerhäuser – denn auch hier gab es einst Weingärten – mit spitzen Giebeldächern wie in der Kahlenbergstraße oder Greinergasse in Nußdorf, eine Leiter hängt quer über das Schindeldach, mächtige Schornsteine ragen von den Dächern, abenteuerliche Regenrinnen. Das große Haustor für den Heuwagen, mit der kleineren Tür darinnen für die Menschen, hängt schief in dem Rahmen mit dem einfachen Klingelzug. Eine Pappel wächst von der Straße auf, höher als der Telegraphenmast daneben; Staketenzäune, ein wenig wettermüde und windschief, begrenzen kleine Gärten, ein Hutschpferd wartet im Schnee, Laternen, gottlob noch schöne alte Gaslaternen stehen da, und in den Nischen einiger Häuser thront die Muttergottes. Immer wieder sieht der Turm der einfach schönen ländlichen Pfarrkirche in die Gasse und viele schauen tagsüber nach dem hellblauen Zifferblatt der Uhr. – Bis dahin, wo die Landschaft in die Gasse einbricht und wo wir noch letzte Reste des alten Lainzer Friedhofs erahnen, gehen wir, dann wenden wir unseren Blick noch einmal zurück in diese ländliche Welt, an der die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen ist, und nehmen Abschied. Über den Küniglberg, die Erhebung mit Äckern und Wiesen im Herzen Hietzings, wandern wir wieder der dräuenden Stadt zu und beschließen unsere richtige „Landpartie im Jahre 1936“.