Affen unter sich

Skizze von Sofie von Uhde – Zeichnung von Norbertine von Breßlern-Roth

Es ist noch recht klein, das Affenkind; mit seinem nackten Greisengesichtchen, mit unbeschreiblich großen Ohren und den mageren, faltigen Händen eines sehr alten Mannes hängt es an der Brust der Mutter. Aber es mag auch noch so klein, noch so kindisch-töricht sein, es bildet doch den wichtigen Mittelpunkt des Interesses in der Affenkolonie, das steht außer Zweifel.

Nicht eine Sekunde des Tages gibt es die Mutter aus den Armen; ernst sitzt sie da, ganz Pflicht, ganz Liebe. In ihren klugen, ein wenig traurigen Augen ist die schöne Ruhe der großen Erfüllung. Sie hält den ganzen Sinn ihres Daseins in ihren Armen, was will sie noch mehr? Zuweilen vielleicht, wenn ihre Blicke über das rührend hässliche Köpfchen an ihrer Brust hinweg in die besonnten Wipfel vor ihren Gittern streifen, huscht über ihre Tierseele eine Erinnerung oder ein Wunsch. Aber auch für Sehnsucht hat sie jetzt keine Zeit, und ihre Augen kehren zurück zu dem unbeholfenen, hilflosen Wesen, das mit ängstlichen, kalten Händchen in ihrem Fell klammert; grenzenlos vertrauensvoll klammert es.

Sie hat zu tun, die Mutter: Nach allen Seiten muss sie das begehrte Kind verteidigen. Denn jeder dieser zahlreichen Affen, groß und klein, versucht auf seine Weise sich mit dem Familienzuwachs zu befassen. Die erwachsenen Männchen kommen von Zeit zu Zeit, setzen sich vor Mutter und Kind nieder, schauen eine Weile mit etwas überlegenem Wohlwollen zu, greifen dann plötzlich mit derber, schon gelangweilter Angriffslust mitten in das schreiende Affenkind, bekommen von der Mutter tüchtig eins auf die Finger, und trollen sich wieder. Der rechtmäßige Herr Gemahl – man sieht an ihrem und seinem Mienenspiel sofort, dass er es ist – kehrt regelmäßig wieder, sitzt lange und voll Ruhe vor ihr, kurz, ist hier zu Hause. Er wird auch sanfter beiseite geschoben, wenn er nach dem Kleinen fasst, ohne Geschrei und Gezänk, aber beiseite geschoben wird er. Solche große Männerpfoten sind zu nichts gut in dieser Säuglingsstube.

Äffinnen werden besonders scharf in Distanz gehalten; mal ein bisschen mit ihm schwätzen, warum nicht, aber nur nicht anfassen. Und gerade das will jede!
Besonders schlimm ist die Jugend. Da sind zwei halbwüchsige, rechte kleine Lauseaffen; die haben keinen anderen Gedanken, als sich an das Baby heranzupirschen und ihm einen Schabernack zu spielen. Die unglückliche Mutter bekommt vor Gift und Galle ganz grüne Augen, wenn sie die beiden nur sieht, und zeigt Zähne, die recht achtunggebietend sind. Aber da werden die zwei zahm wie die Lämmlein; scheinheilig rollen sie sich neben der Äffin auf dem Rücken herum und spielen mit ihren eigenen Füßen, so rechte harmlose und ein wenig schläfrige Lebensgenießer. Aber die listigen Äuglein ruhen nicht und bei der ersten passenden Gelegenheit – ruck – haben sie das Kind recht unsanft am Ohr gezogen und sind davon.

Das Baby schreit wie am Spieße, die Mutter schimpft gellend, die Männchen stürzen herbei, die Äffinnen kommen zeternd – es ist kein schlechter Aufruhr! Aber unten im Sand, an Nussschalen kauend, friedlich, harmlos und ein wenig unbegabt dreinschauend, sitzen die beiden und wissen von nichts.

Doch die größte Unruhe in der Kinderstube erregt einer der männlichen Affen. Ein großer, brutaler Kerl. Er scheint der Herr des ganzen zu sein, Besitzer aller Frauen, Gegenstand peinlicher Achtung der Männer und böser „Wauwau“ der Kinder. Wenn er seine Stimme ertönen lässt, verbreitet sich sofort eine leichte Panik. Aber er kommt zuweilen das Baby besichtigen, nicht ohne dabei sich gegen die Mutter frech zu benehmen. Dann macht sie, das brüllende Kind im Arm, einen wütenden Satz auf die Seite und fängt so furchtbar zu zetern an, dass der Angreifer vor diesem Doppelgeschrei gern wieder geht.

Aber nun, da sie wirksam ihr Kind und Mutterwürde wieder verteidigt hat, folgt sie ihm, dem Herrn, mit einer seltsam ergreifenden Geste der Demut, hockt sich, immer das Kleine fest im Arm, neben ihn und sucht ihm emsig, ergeben sein Fell ab. Mehr kann ich dir jetzt nicht tun, mein Herr, aber diesen meinen geringen Liebesdienst sollst du haben! Und während das Kindchen schmatzend und gierig angeklammert trinkt, und er Paschahaft, die Beine von sich gestreckt, geschlossenen Auges sich lausen lässt, arbeitet sie demütig ängstlich und dienstbeflissen, und jede Bewegung ihrer schwarzen, mageren Hand spricht stumm von der uralten Tragödie des Weiblichen. Zorn und Trauer in den schönen, klugen Augen, schaut der Gatte zu; aber keiner begehrt auf gegen den Herrn.

Die Äffin kehrt, vorsichtig voltigierend, mit dem Kleinen auf ihren Platz zurück, und sofort ist neben ihr, zärtlich, sanft und sehr ergeben, ihr Schatten: eine zweite Äffin. Man sieht, daß sie vor noch nicht langer Zeit gesäugt hat: aber wo ist das Kind? Vielleicht ist es tot, vielleicht hat man es ihr genommen, genug, sie ist allein. Und nun hat sie alle unerfüllten Wünsche, alle vereinsamte Liebe ihres Mutterherzens an das fremde Kind gehängt. Sie dient der glücklicheren Schwester wie eine Magd, sie umgibt sie ununterbrochen, sie befreit sie von den lästigen kleinen Bewohnern ihres Pelzes, sie hält ihr Störungen ab. Kommt der Gatte, so räumt sie ihm den Platz vor der Äffin und setzt sich demütig hinter sie, stets zu ihren Diensten bereit; aber ihre Augen hängen an dem Kleinen und der Preis für ihre ergebene Freundschaft ist, unbehelligt und sooft sie will, über das kahle Köpfchen, über die unbeholfenen Glieder des Babys zu streicheln.

Sie allein darf es. Und die beiden Äffinnen tauschen merkwürdig ernste und sanfte Blicke, wenn das Kleine ein Händchen aus dem Fell der Mutter löst und, spielerisch zurückgeworfen, in das vor Verlangen zitternde Fell ihrer Freundin greift: Eine glückliche und eine traurige Mutter sehen sich an. Zuweilen macht die Fremde einen kurzen aber heftigen Vorstoß: Sie reißt das Kleine an sich, sie drückt das nun ängstlich Schreiende an ihre Brust; dann holt die Mutter es wieder. Aber sie, die schon mit blanken Zähnen gegen alle Annäherungen ringsum sich wendet, holt es nun sanft und ohne Vorwurf in ihre Arme zurück, und sie duldet, dass eine Hand der Schwester auf dem kahlen Köpfchen ruhen bleibt.

Es ist schwer, seinen Blick zu lösen von dieser schwarzen, erschütternd menschenähnlichen Hand: Eine Welt von Verlangen, Einsamkeit und zielloser Mutterliebe offenbart sich darinnen. Und eine Wahrheit der alten indischen Veden ertönt, dieselbe für Menschen und Tiere und alles Erschaffene: „Überall wo Liebe entsteht, entsteht auch Leid.“

Quellen:
Der getreue Eckart, 13. Jahrgang 1935/36, Band 2 Seite 860f

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im November 2025