Die schönste Frau Europas
Von Margarethe Tehel
Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel! Ein kleines Prinzesschen aus einem deutschen Fürstenhaus ist sie, protestantisch, jung, blond. Ein Prinzesschen, wie viele andere. Doch ihre Kusine ist die deutsche Kaiserin, die Gattin Kaiser Josefs l. Und als für den Bruder ihres Gemahls, für den König Karl von Spanien, eine deutsche Frau gesucht wird, da bringt sie den Blick des jungen Kaisers auf die schöne, junge Base. So wird das kleine Prinzesschen zur Braut, bald zur Frau König Karls. Man sagt, sie hätte ungern ihren protestantischen Glauben mit dem katholischen vertauscht. In Wien wird die Hochzeit gefeiert. Der Kaiser tritt an ihrer Seite für den fernen Bruder vor den Altar. Dann setzt sie die Reise fort – ins weite, ungewisse, fremde Land. König Karl empfängt die blonde Frau ritterlich. Sie ist wunderschön. Ihre weiße Haut, ihr silberblondes Haar, die hellblauen Augen wirken neben den dunklen Töchtern Spaniens wie ein Wunder. Die Spanier beten diese weiße Königin an.
Da stirbt unerwartet der Kaiser. König Karl muss sofort nach Wien reisen, er ist der letzte Habsburger, er muss das liebgewordene Spanien verlassen. Die schöne, kluge Königin setzt sich zur Regentin ein. Lang hält sie sich noch unter dem Schutz österreichischer Waffen.
Endlich muss sie nach Wien zurückkehren. Der spanische Königstraum ist ausgeträumt. Das kleine Prinzesschen aus deutschem Fürstenhaus, das vor kurzem kaum jemand gekannt hat, ist deutsche Kaiserin.
Die Wiener sind entzückt, als die zwanzigjährige, hohe, schlanke, mädchenhafte Kaiserin in der Residenz des deutschen Reiches einzieht. Noch mehr bezaubert die Kaiserin die Fremden, die nach Wien kommen. Die „schönste Frau Europas“, wie sie allgemein genannt wird, ist schlagfertig, witzig, belesen, eine vortreffliche Schützin, kühne Reiterin und graziöse Tänzerin. Ihrem Gatten ist sie eine verständnisvolle, kluge Ratgeberin. „Meine weiße Liesl“, nennt er sie kosend.
Aber diese strahlende Herrscherin, diese glückliche Frau, diese gepriesene Schönheit ist nicht ganz glücklich. Sie ist trotz vierjähriger Ehe kinderlos. Die Liebe und Bewunderung der Wiener geht allmählich in Groll über. Elisabeths Vorgängerin ist gewiss nicht so schön und hat nur Töchter gehabt, aber sie hat doch Kinder geboren. Elisabeth weiß, was man von ihr fordert. Willig unterzieht sie sich allen Kuren, die man ihr vorschlägt. Aber sie glaubt nicht an ihre Wirkung, dazu ist ihr Verstand zu scharf. Dennoch lebt ein felsenfester Glaube in ihr. Als sie nach Spanien gekommen ist, glaubte sie sich zur Ahnfrau einer Dynastie bestimmt – in Spanien, wie sie meinte. Ein Traumgesicht bestärkte sie darin. Sie sah einen Kruzifixus, der ihr vorhersagte, dass sie nach acht Jahren Mutter werden solle, dass ihrem Blut die Retter des Landes entstammen würden.
Acht Jahre sind seit Elisabeths Heirat vergangen. In Wien herrscht großer Jubel. Die Kaiserin hat einen Sohn geboren. Ein Kronprinz ist da. Endlich! Seit mehr als dreißig Jahren hat's keinen Buben gegeben in der Wiener Burg. Nun ist er da!
Der kleine Leopold weih gewiss nicht, wie sehnsüchtig seine Eltern, die weiten Länder auf ihn gewartet haben. Er ist ein schwaches Kind. Im Oktober erlischt das zarte Flämmchen wieder. Elisabeth ist trostlos. Der Kaiser trägt den Schlag in seiner zurückhaltenden Art. In die Trauer um den Knaben mischt sich die Hoffnung, dass er nicht das einzige Kind bleiben wird.
Elisabeth blüht wieder auf. Ihre Helle, blonde, echt deutsche Schönheit ist nie so leuchtend, so sieghaft gewesen wie in diesem Winter. Nein, der arme, kranke Leopold war nicht das Heldenkind, das sie erwartete. Jetzt, jetzt wird der Ersehnte kommen. Er ist blond und blauäugig. Ein Strahlen geht von ihm aus, das alle Menschen mit fortreißt. Sein Lächeln ist sanft und betörend. Die Frauen lieben dieses Lächeln. Aber wenn er zürnt, erzittern die Männer, denn er ist ein Held und ein Herrscher. Nie wird er so wankelmütig und unentschlossen sein wie sein Vater. Alle Kraft und Frische, die sie selbst besitzt, gibt sie ihm als Angebinde.
Nicht nur die Kaiserin und ihr Gatte, der Hof, die Stadt, das ganze Land erwarten bestimmt einen Prinzen. So kommt der Mai heran. Nun ist die Stunde da, die ihnen „ihren“ Erzherzog bringen soll. Man schreibt den 17. Mai. Die Wiener warten ungeduldig. Wann? Es ist höchste Zeit. Sie müssen einen Kronprinzen haben. Da – ein Kanonenschuss! Man jubelt, ruft: „Vivat!“ Fremde Leute umarmen einander. Der Kanonendonner nimmt seinen Fortgang. Die Wiener zählen gewissenhaft: „Zwei, drei, vier, fünfzehn, sechzehn, zwanzig, einundzwanzig ...“
Nun? Wo bleibt der 22. Schuss? Nun! Kanonier, vergisst der Kerl auf seine Pflicht? Oder ... hat er zu wenig Pulver? Zum Henker, Lump, dröhne deine Schüsse weiter, sonst ... Sollte der Kanonier betrunken sein? ... Oder krank? Tot? Alles glauben sie, nur nicht, dass der Kanonier seine Pflicht bis zuletzt getan habe. Sie lassen sich „ihren“ Buben nicht unterschlagen.
Aber alles bleibt still. 21 Böllerschüsse. Nicht mehr. Sie schleichen gedrückt heim. Jetzt wissen sie, dass dort oben im neuen Barocktrakt der Burg eine kleine Erzherzogin angekommen ist. O, wie sie das dumme Mädl hassen, das ihnen diese große Enttäuschung bereitet hat.
Und die Kaiserin? Die „schönste Frau Europas“? Das Unglücksmädl kostet Elisabeth den Rest ihrer Beliebtheit. Sie ist am tiefsten enttäuscht. Schluchzend drückt sie das Mädl an sich. Das kleine Ding kann ja nichts dafür, dass es seinen Eltern, dem ganzen Land eine so schwere Enttäuschung bereitet hat. Der Kaiser tröstet die Betrübte. Sie seien ja noch jung. Manchmal habe ein Mädl eine Reihe strammer Buben eingeleitet. Von zwei Frauen hätte sein verewigter Vater ein halbes Dutzend kleiner Frauenzimmer gehabt, eh' er selbst und sein Bruder sich eingestellt.
Die kleine Erzherzogin ist ahnungslos. Was kümmert sie das alles? Hunger! Ihre erzherzogliche Durchlaucht erhebt eine kräftige Stimme und erfüllt die Burg mit gebieterischem Geschrei.
***
Nein, das Mädl leitet keine Buben ein. Noch zwei Frauenzimmerchen stellen sich ein. Elisabeths Heldentraum wird schwächer ... und verschwindet. Die einst Frohe, Lebhafte wird ernst und still. Nach der letzten Geburt ist alle Hoffnung auf Nachkommenschaft dahin.
Kaiserin Elisabeth altert früh. Ihre Schönheit schwindet. Sie kränkelt. Heimlich erhofft sich der Kaiser von einer zweiten Frau den ersehnten Erben. Er liebt und schätzt diese blonde Kaiserin, er bewundert ihren Charakter, ihre Festigkeit ... und dennoch ... Da es ihr nun nicht einmal gegönnt war, der Dynastie den Erben zu geben ...? Wohin verirren sich seine Gedanken? Er schämt sich ihrer und trotzdem umflattern sie ihn wie Fledermäuse. Ein Sohn! Er muss einen Sohn haben, eine Stütze ... niemand weiß so gut wie er, dass dieses mächtige Reich in seinen Fugen erschüttert ist.
Die Erzherzogin wächst heran. Sie ist blond, um eine Nuance dünkler, goldiger als die Mutter. Strahlende Freude und stählerne Kraft liegt im Glanz ihrer Augen. Ein Leuchten geht von ihr aus, das alle Menschen mit fortreißt. Ihr Lächeln ist sanft und betörend. Männer und Frauen lieben dieses Lächeln.
Plötzlich, unvermutet wie sein Bruder, stirbt der Kaiser. Da sieht Elisabeth ihren Heldentraum in Erfüllung gehen. Wie kaum ein Mann ergreift die Erzherzogin das Zepter. Alle Kraft, alles Heldische, das die Mutter ihr mitgab in kühnen Wünschen, entfaltet sich zu großartigem Wirken. Die Enttäuschung der Eltern und des Landes reißt nun auch die Mutter empor zum Gipfel der Unsterblichkeit, rettet das Land vor dem Untergang, schreitet als lichte, makellose Gestalt nicht nur durch die Geschichte Österreichs, sondern durch die Geschichte aller Zeiten.
Es ist – Maria Theresia.