Die Anfänge deutschen Kulturlebens in Österreich
Von Professor Emerich Schaffran
Als am 10. August 955 König Otto der Große in der Schlacht auf dem Lechfeld die Magyaren vernichtend schlug, ahnte niemand unter den Siegern in dieser ungewöhnlich blutigen Schlacht, welche weitreichende Bedeutung das Schicksal ihr zugemessen hatte. Deutschland atmete erleichtert auf, denn ein hartnäckiger und unermüdlicher Feind war endlich derart getroffen, dass er bis in den karpathischen Bogen zurückwich, nach einigen vergeblichen Versuchen einer neuerlichen Offensive endlich jeden Expansionsdrang gegen Westen aufgab, sesshaft wurde und schließlich das Christentum annahm.
So war das unmittelbare Ergebnis jener bedeutungsvollen Schlacht beschaffen. Sie endete eine traurige Zeit, die Unterbrechung der ersten deutschen, karolingischen Besiedlung der Gebiete an der heute österreichischen Donau.
791 zog Karl der Franke oder, wie ihn die Geschichte auch nennt, der Große, mit zwei Heeren an beiden Ufern der Donau gegen Osten, um die Macht der Avaren zu brechen. Das gelang ihm überraschend leicht und rasch und bald war alles Land bis zur Raab im Besitz des Königs. Er christianisierte es, siedelte mächtige bayrische Stifter und zahlreiche Adelige an und so entstand auf den Trümmern der römischen Provinzen Pannonia superiore und Noricum ein deutsches Land. Es blühte zusehends empor, denn die Organisation war straff und lag in bewährten Händen und feindliche Einfälle waren wenigstens in nächster Zeit nicht zu erwarten. Aus der dünn besiedelten Wüste, hinterlassen von den Römern und der Völkerwanderung, war ein junges, vielversprechendes Kulturland geworden.
Doch sein Leben währte nicht lange. Denn die Völkerwanderung, dieser jahrhundertelange Druck nomadisierender Völker von Osten gegen Westen, war noch nicht zu Ende. Eine neue Welle brandete heran. Bereits 862 tauchten die Reiterschwärme der finno-ugrischen Magyaren auf und schon 899 konnte dieses Volk den ersten furchtbaren Stoß bis weit in die Lombardei hinein führen. Die Schicksalsstunde der karolingischen Ostmark hatte geschlagen. Sie hatte keinen Herrn, denn das Deutsche Reich war zur Zeit verwaist. König Arnulf hinterließ nur einen siebenjährigen Sohn, dem die Thronfolge keineswegs gesichert war. Bei den deutschen Stämmen herrschte Unfriede und Auflehnung und es regte sich das alte Erbübel, der Partikularismus, zur unglücklichsten Stunde. Und da war keine starke Hand, die dem Reichsgedanken den Vorrang vor törichten, ja verbrecherischen Sonderwünschen der Stämme und Einzelner gesichert hätte. Kein weitblickender Mann war da, der sich mit dem gemeinsam gefährdeten Königreich Mähren gegen die gleiche „östliche Gefahr“ verbündet hätte, nein, man überwarf sich mit dem von der Natur gegebenen mährischen Verbündeten, und so wurden endlich beide ein Opfer des magyarischen Sturmes. Als den Deutschen endlich die Erkenntnis der furchtbaren Gefahr aufging, da war es bereits zu spät. Ein ansehnliches Heer wurde aufgestellt und der Führung des tapferen Kärntner Markgrafen Luitpold anvertraut, aber es wurde nach einigen unglücklichen Einleitungsgefechten vermutlich in der Nähe von St. Pölten vernichtend geschlagen. Die Blüte der Ritterschaft fiel; darunter waren Luitpold selbst, dann der kühne Erzbischof Theotmar von Salzburg und der Bischof Uto von Freising.
Das Land aber lag jetzt dem Feind offen da, er brauste darüber hinweg und das Schicksal der jungen deutschen Kultur war überaus traurig. Zwar ging sie nicht gänzlich zugrunde, denn die Ungarn besaßen keine Belagerungsgeräte und so mancher befestigte Ort wird unter bittersten Mühen wenigstens einige Zeit durchgehalten haben. Besonders in dem glücklicheren Landesteil westlich der Enns verblieben größere Reste deutscher Kultur und sogar im heutigen Niederösterreich sind die Besitztümer mehrerer altbayrischer Stifter auch in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts nachzuweisen. Aber im ungeschützten Land mag es wohl sehr traurig ausgesehen haben.
Da kam aus den deutschen partikularistischen Bestrebungen eine Hilfe. In diesen führte der bayrische Herzog, der alte Widersacher der königlichen Macht. Dem Bayernherzog war nun die Sicherung feiner damaligen Ostgrenze (ungefähr die Enns) das Wichtigste, und so führte er erfolgreiche Abwehrkämpfe mit den Ungarn und erzwang sich auch wirtschaftliche Begünstigungen. Trotzdem war Arnulf auf die Dauer allein zu schwach, um die Ungarngefahr bannen zu können, da ja auch große Teile seiner Kraft durch den Kampf gegen die Krone gebunden waren. Es kam schließlich die Zeit, dass ein weitblickender Mann, Otto I., der Große, den Reichsgedanken höher stellte als die Sondergelüste der Stämme; er zwang den Bayern nieder, und nun konnte mit der militärischen Kraft des Reiches der Kampf gegen die Magyaren energisch ausgenommen werden. Die Schlacht auf dem Lechfeld vom 10. August 955 setzte ihren Raubzügen ein Ende und zum erstenmal hatte sich in der Stunde höchster Gefahr der Gedanke der deutschen Reichseinheit als brauchbar erwiesen. Die Ostmark, vom Feind befreit und neu errichtet, wurde nunmehr auf dauernd und ewig deutscher Kultur und auf fast zehn Jahrhunderte dem Reich selbst eingegliedert und erhielt ihre Aufgabe, ein deutsches Bollwerk gegen Osten zu sein und zugleich ein Licht deutscher Art und Sitte, das weit gegen den Orient hin zu leuchten hatte.
Wie erwähnt, war die Mark als Bollwerk gegen Osten von größter Bedeutung. Sie und die alte treue Mark Karantanien waren die weit vorgeschobenen Bollwerke, nördlich saßen die Mährer, ostwärts die politisch unbefriedigten Ungarn und im Süden befand sich das ewig unruhige Gebiet von Friaul. Seit 996 trug die Mark auch einen eigenen Namen: Ostarrichi, und die älteren, recht allgemein gehaltenen Bezeichnungen wie orientalis plaga, orientalis provinica, vergehen vor der Macht der Tatsachen. Ein kluger Mann herrscht hier im Namen des Kaisers, Burkhard, Graf von Regensburg, führte geschickt, ja genialisch die Organisation des endgültig gewonnenen Reichslandes durch und Luitpold, Graf im Donaugau, der Erste aus dem glorreichen Haus der Babenberger, setzte dann ab 976 das schöne Werk zielbewusst und energisch fort.
Das Land erblühte politisch, wirtschaftlich und damit auch kulturell. Noch hundertfünfzig Jahre und Wien, das ab 1130 Residenz der Babenberger wurde, ist neben Köln die größte und schönste Stadt in Deutschland.
Auf kulturellem und kirchlichem Gebiet fand die junge Ostmark ihren genialen Förderer in Pilgrim, Bischof von Passau. Die Mittel, die er verwendete, um seinem Bistum den Vorrang gegen das übermächtige Salzburg zu sichern, waren nicht immer einwandfrei, wenigstens mit heutigen Maßen gemessen. Damals aber entschied die klare Stärke, die der Faust oder jene des umfangreich gebildeten Geistes. Pilgrim wagte viel und gewann fast alles. Und wenn Wien bis zum Ende des 15. Jahrhunderts kirchlich von Passau abhängig blieb, so war dies nur der weithinzielenden Tätigkeit Pilgrims zuzuschreiben, der damit die ganze mittlere Donau in die Hand bekam. Pilgrim, selbst dichterisch veranlagt, hat auch für das damalige Schrifttum sehr viel getan. Hier, im Donauraum, hatten sich historische Vorgänge seltsam wiederholt; so spiegelten sich die Kämpfe Etzels, Dietrichs von Bern in jenen gegen Hunnen und Ungarn. Es bildeten sich besonders längs der Donau von Linz bis Tulln um uralte historische Ereignisse ganze Sagenkreise aus. Pilgrim fasste sie in lateinischer Umformung zusammen und legte derart den Grund für eine weitere und spätere dichterische Verarbeitung, die wir das Nibelungenlied nennen. Schon bei Pilgrim wird aus dem Grafen Burkhard ein Rüdiger von Bechelaren und der Bayernherzog Heinrich, zubenannt der Zänker, wird als Gelpfart, das heißt Zänker, in die Dichtung eingeführt.
Auch die bildende Kunst blühte. Passau, Salzburg, die großen bayrischen Stifte Tegernsee, Freising, Niederaltaich, Kremsmünster und Mondsee sind ihre weithin wirksamen Träger. Wohl kann die Ostmark noch keine eigene, bodenständige Kunst hervorbringen, da sie Siedlungsland ist und zuvor ihr politisches Leben sichern muss, doch ist es interessant, wie altbayrisches, sächsisches, rheinisches und oberitalienisches Kunstgut in dem Sinn eigenartig verwendet wird, dass sich vor allem die Schmuckfreude äußern kann. Von den Bauten hat sich fast nichts erhalten, denn spätere Zeiten, schon das kunstfreudige 13. Jahrhundert, haben verändert und entfernt. Bedeutsam ist vor allem die Buchmalerschule in Salzburg und ihr Einfluss erstreckte sich auch weithin auf Bildnerei und Malerei. Hat sich von der Buchmalerei immerhin einiges erhalten, so der Codex millenarius in Kremsmünster und das Cutpercht Evangeliar in Wien, so sind die Werke der Plastik und Malerei, wenigstens jene aus der Zeit vor 1150, fast ganz verschwunden. Wo sie sich aber zeigen, im oberen Etschtal, in Osttirol, in Kärnten, verraten sie engsten Anschluss an ältestes germanisches Formgut, wie denn überhaupt von der Ostmark rühmend zu sagen wäre, dass die Erinnerungen an das Deutschtum der vorottonischen Zeit auch in den Sprachresten und in der Folklore auffallend reich und rein sind.
Sehr zu bedauern ist die höchst geringe Zahl baulicher Denkmäler aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Die Stadt Salzburg hat durch ihre spätere Baulust alles verloren. Wiederum finden wir in Kärnten, diesem Herzland der wackeren bajuvarischen Mark Karantanien, noch die meisten spätkarolingischen Denkmäler, so Reste von Pfalzen und Kirchen in Karnburg und nördlich des Wörther Sees und auch diese deutscher in der Form und in der Behandlung des Werkstoffes als anderswo. Sehr alt, vielleicht noch vor dem schicksalsschweren Jahr 1000 errichtet, ist die hochaltertümliche Krypta in der ehemaligen Stiftskirche zu Göß in Steiermark. Die österreichischen Stammlande westlich und östlich der Enns, reich an Bauten des spätromanischen Stiles, haben jedoch alle ihre Denkmäler aus früherer Zeit eingebüßt. In diesem Kerngebiet ostmärkisch-bajuvarischer Kultur ist die kleine aber hochkünstlerische Westkrypta in St. Pantaleon an der Ennsmündung das älteste Baudenkmal, entstanden um 1090.
Ebenso reich erblühte die Dichtkunst und jegliches Schrifttum, wenngleich auch hierin, wie in der bildenden Kunst, der Höhepunkt erst in das späte 12. Jahrhundert fällt. Dann schufen die Babenberger eine höfische Kultur von hohem Wert und eigenartigem Zauber, sie schufen eine der „feinsten Blüten des deutschen Geistes im Mittelalter“. Am Hof Leopolds V. lebte der kühne Erfinder neuer lyrischer Formen, Reinmar von Hagenau, und sein größerer Schüler Walther von der Vogelweide, unser, der Deutschen, erster bewusst nationaler Dichter, bekennt vom Babenberger Hof, dass er hier erst „singen und sagen“ gelernt habe. Es regen sich in dieser glanzvollen Zeit auch die Ansätze einer satyrischen Dichtung, die wohl erst am Ende des 13. Jahrhunderts in Wernher, dem Gärtner, und Seifried Helbing ihre wirklichen Meister finden, aber wir schätzen heute auch die Keime, und an solchen war das 12. Jahrhundert wahrlich überreich.
Wenn Walther von der Vogelweide den Hof Herzog Leopolds mit jenem des sagenhaften Königs Artus vergleicht, so ist dies bei aller dichterischer Phantasie nur richtig. Denn hier in Wien war der einzige sesshafte deutsche Hof, da der Kaiser selbst ja keine bleibende Heimstätte hatte. Darum konnte hier der Same der Kunst in so glänzender Weise aufgehen, und keinen schöneren Dank hätte das Kind Ostmark der deutschen Mutter bringen können, als jene Fülle glänzender Beiträge zur gesamtdeutschen Kultur, geschaffen nicht in üppigem Wohlleben, sondern in Kampf und Mühe, in steter kriegerischer Bereitschaft. Denn auch in dieser Zeit und noch lange nachher war die Ostmark des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Bollwerk gegen Osten.