Der Graphiker Georg Pevetz
Von Peter Tobias
Wer die hier wiedergegebenen Tusche- und Kreidezeichnungen betrachtet, wird sie vielleicht nicht immer gleich voll verstehen. Diese Bilder mögen manchem nur allzu flüchtig skizziert erscheinen, unfertig, vielleicht sogar roh, nur Anweisungen auf Zeichnungen mit reicheren Einzelheiten, nicht mehr. Und dennoch ist dem nicht so. Beweis dessen, dass Pevetz als einer der führenden österreichischen Graphiker gilt und die Albertina, diese bedeutendste graphische Sammlung der Welt, eine ganze Reihe ähnlicher Blätter dieses Künstlers besitzt.
Ob ein Maler oder Zeichner mehr oder weniger von den Einzelheiten des Verwurfs wiedergibt, darf nicht zum Maßstab der Beurteilung werden. Auch jener Zeichner, der noch die kleinsten Einzelheiten auf seinem Blatt festlegt, muss noch immer sehr vieles weglassen, denn die Vollständigkeit der Wirklichkeit kann im kleinen Rahmen eines Bildes nie erreicht werden. Wieviel der Zeichner wiedergibt, wieviel er weglässt, das ist seinem Ermessen überlassen. Ein Dürer zeichnet noch die kleinsten und zartesten Einzelheiten durch, ein Rembrandt begnügt sich oft nur mit Andeutungen, und beide erreichen stärkste Wirkungen, jeder auf seine Art. Maßgebend ist einzig die Wirkung auf den Schaugeübten. Soll sich gewiss keine Geheimsprache der Kunst entwickeln, die nur wenigen Eingeweihten zugänglich ist, soll künstlerisches Schaffen jedem verständlich sein, so ist doch ein gewisses Bemühen, eine Übung im Schauen, im geistigen Verarbeiten von Natur und Kunst erforderlich. Eine Beethovensche Symphonie wird auch nicht beim erstmaligen Hören voll erfasst.
Es kann nicht oft genug gesagt werden: Maßgebend für Wirkung und Beurteilung eines künstlerischen Werkes ist das Material, in dem es ausgeführt wird. Kreide und Tusche neigen im Strich zur Breite. Man kann mit ihnen zarte Einzelheiten überhaupt nicht ausführen. Es wäre daher widersinnig, materialunmögliche Dinge zu verlangen, ein Eingehen auf Kleinstes, wie es etwa eine Bleistiftzeichnung oder eine Radierung bieten kann. Wir müssen uns bei Betrachtung eines solchen Bildes von vornherein darüber klar sein, dass eine solche Kreide- oder Tuschzeichnung eben etwas grundsätzlich anderes ist. Dennoch ist mit diesen Materialien eine illusionistische Wirkung zu erreichen, wenn der Betrachter nur nicht allzusehr am Eindruck der einzelnen Striche hängen bleibt, sondern das Bild als ganzes nimmt. Es kann da sein, dass einem die starke Wirklichkeitswirkung eines solchen Blattes plötzlich aufgeht und wir dann staunen, mit welch verblüffend geringen Mitteln das erreicht wurde. Ja, wir kommen dazu, gerade diese Sparsamkeit im Gebrauch der Kreide oder des Pinsels zu loben und uns der sicheren Illusionskraft, mit der jeder Strich verwendet wird, zu freuen. In sich ist solch ein Strich nichts, für sich allein betrachtet gibt er nicht etwa einen bestimmten Teil des Vorwurfs deutlich erkennbar wieder; sieht man ihn aber im Zusammenhang mit dem Bildganzen an, dann erst beginnt er zu leben.
Eine besondere Ausdruckskraft erreicht der Pinsel. Breit entströmt ihm die Tusche, wodurch solch eine Pinselzeichnung eine außerordentliche Lebhaftigkeit erreicht. Schwärzestes Schwarz steht da neben völlig unberührten Stellen, die in ihrem Weiß ebenfalls zur Bildwirkung herangezogen werden. Die Kraft des Vordergrundes ist meist viel stärker als die Wirklichkeit, was nicht zuletzt den Reiz solcher Zeichnungen ausmacht. Außer den Pinselstellen mit unverdünnter Tusche gibt es auch solche mit verdünnter, also neben den schwarzen Stellen auch graue. Entsprechend der Tatsache, dass sich die dunkelsten Schatten immer nur im Vordergrund befinden, während die fernen Berge mehr in Grau verschwimmen, kommen diese helleren Töne vorwiegend für den Mittel- und Hintergrund in Betracht. Breiter Strich und Tonflächen wechseln also im Bild ab. Die Gegensätze in solch einem Bild sind besonders groß, sie wirken dramatisch, besitzen stärkste innere Spannung. Nicht der Umriss wird in diesen Pinselzeichnungen betont, sondern ganze Flächen werden gemalt und man kann mit Recht von ausgesprochen malerischen Wirkungen sprechen. Tatsächlich sollte man sie lieber Schwarzmalereien und nicht Pinselzeichnungen nennen, es würde dem Ergebnis dieser künstlerischen Bemühungen besser entsprechen. Wollen wir aber diese Art malerisch leidenschaftlicher Bildgestaltung in eine blickweitere Kunstordnung einfügen, so erkennen wir, dass es die Geisteshaltung des Barock ist, die hier zum Ausdruck kommt. Tatsächlich wird die österreichische Malerei auch heute noch in ihren besten Werken immer wieder vom Barock bestimmt, worauf schon vielfach verwiesen wurde.
Wer den blonden Hühnen Pevetz mit seinen lebhaften Bewegungen, mit seiner raschen, kraftvollen Rede einmal auf sich wirken ließ, der erkennt ihn in seinen Pinselblättern auf den ersten Blick wieder. Es wäre doch wahrhaft unmöglich, dass dieser temperamentvolle Mensch anders zeichnen und malen könnte. Das kann nur in großen Zügen und Flächen gesehen sein, das kann nur in breiten lebhaften Strichen strömen, das kann nur in mächtigen Bogen durch das Blatt schwingen. Barock ist diese ganze Art und deshalb bringt Pevetz in seinen Blättern auch immer wieder barocke Bauten, von denen er aber nicht bis ins Kleinste alle Einzelheiten wiedergibt, sondern eigentlich nur das Temperament, das ihn aus diesen Bauten anspricht. Die dramatisch wirkenden Gegensätze von schwärzestem Schwarz zu hellstem Weiß, wie sie Eigenart der Schwarzmalerei ist, findet Pevetz außer in den plastisch durchmodellierten Barockbauten vor allem auch im Süden. Und so zieht es ihn immer wieder nach Italien und an die Adria, von wo er jeweils eine reiche künstlerische Ausbeute heimbringt. Stärkste Wirkung erreichen auch seine Nachtbilder, nächtliche Kaffeehausterrassen im Süden etwa, in denen es Lampen gibt, wie Raketen in nächtlichem Dunkel.
Nicht die äußere Wiedergabe eines Menschen oder einer Landschaft ist Aufgabe künstlerischer Arbeit. Was der Maler oder Zeichner uns geben will, ist der Eindruck, den er persönlich von seinem Vorwurf empfangen hat, sind die Gefühle, die er in ihm auslöste. Die Freude an den Dingen dieser Welt, ihre Spiegelung im eigenen Ich will der daseinsbejahende Künstler wiedergeben, nichts anderes. Gerade die Blätter von Georg Pevetz tun dies mit besonderer Eindringlichkeit dar.
Ein Nachtrag von Karl Maria Grimme: Zu den Bildern von Georg Pevetz
In aller Kunst handelt es sich niemals um eine Wiederholung des Naturgegebenen. Dort wo die Naturnachahmung aufhört, dort erst beginnt die Kunst. Nie ist die Frage nach der Naturtreue für den Kunstwert eines Bildes entscheidend, immer nur die Frage nach dem Gehalt an Seele.
Ohne Zweifel kann man die hier abgebildeten Äpfel und Birnen, die Flasche und den Blumenstock naturnäher wiedergeben, schärfer im Umriss, deutlicher in den Einzelheiten. Aber schwerlich würden diese Blätter dann die gleiche Gefühlskraft dartun, die ihnen nun in ihrem scheinbar unbedachteren Tuschauftrag – um Tuschmalereien handelt es sich – zukommt. Das Dargestellte ist nur Sinnbild, ist nur Mittel zur Wiedergabe eines Tieferen. Einen ganzen Menschen spüren wir dahinter, in seiner freudigen Hingegebenheit an die Dinge der Außenwelt, in seiner Kraftfülle, in seiner Leidenschaft. Dramatisch kann man diese Blätter nennen in ihren gewaltigen Spannungen des Hells und des Dunkels. Es gelingt ihnen, in uns mit den verschiedenen Stufungen des Schwarz nahezu den Eindruck der Farbigkeit zu entzünden.
Wir haben Georg Pevetz im elften Heft des elften Jahrgangs eingehend gewürdigt (siehe Beitrag oben). Dort wiesen wir nach, wie sehr dieser Künstler diese seine Blätter aus den Besonderheiten des Materials, des Tuschs, heraus schafft.