Aus den Anfängen der Zeitung

Von Alfred Donati

Gab es wirklich einmal eine Welt ohne Zeitung? Ganz genau genommen nicht.
Denn das Wort „Zeitung“ hieß ursprünglich ja nur Nachricht und heißt schließlich sogar heute noch nichts anderes.

Seit der „Zeitung“ vom Angriff des Nachbarstammes, die der Steinzeitmensch atemlos in seinen Pfahlbau brachte, oder Noahs patentierter Taubenpost bis zum neuesten Telegramm aus Chikago hat sich im Prinzip nichts weiter geändert, als dass wir bessere, sicher regelmäßigere und auf alle Fälle „Zeitungen" aus der ganzen Welt zu bekommen pflegen.

Freilich haben wir uns dran gewöhnt, unter Zeitung nicht nur irgendeine Nachricht, sondern ein auf sauberes Papier gedrucktes Sammelsurium aller möglichen und unmöglichen Nachrichten zu verstehen, und in diesem Sinn, nämlich mit gedruckten oder geschriebenen Zeitungen, wurden bereits schon unsere ehrwürdigen Altvorderen vor fünfhundert Jahren ihren Ansprüchen entsprechend gut bedient.

Selbstverständlich waren diese Zeitungen des 15. Jahrhunderts, besonders aber vor der Erfindung der Buchdruckerkunst, technisch mehr als primitiv. Inhaltlich entsprachen sie jedoch der Nachfrage der Zeit sicher gerade so gut wie unsere modernsten Blätter. Denn die Menschen des Mittelalters, ganz im Bann der Religion, waren den irdischen Dingen wenig zugetan und auf Aktualitäten aus diesem Jammertal gar nicht allzu neugierig. Ihre Zeitungen waren sogenannte „Einblattdrucke“, die von irgendeiner Heiligengeschichte oder den Text irgendeines besonders ergreifenden geistlichen Liedes erzählten. Die Verfasser, Holzschneider für den Bildteil, Briefmaler für den Textteil, vertrieben höchst eigenhändig ihre Werke auf den Jahrmärkten, und das Publikum, meist Analphabeten, hatte dabei an den sauber, holzgeschnitzten Bildern sicherlich mehr Freude als an den mageren, handgemalten Texten.

Als man aber einmal darauf kam, auch die Texte mit in den Holzstock zu schneiden – irgendeinem findigen Kopf war nämlich aufgegangen, dass man ja nur in Spiegelschrift schnitzen musste, um auch den Text „drucken“ zu können –, konnte das Zeitungsgeschäft schon auf eine breitere Basis gestellt und die Textteile beachtlich erweitert werden.

Neben kaiserlichen, königlichen oder päpstlichen Bekanntmachungen offizieller Art, bei denen es sich meistens darum handelte, Geld durch Steuern oder Ablässe in die leeren Kassen zu bekommen, verfolgten eine Art von Familienblättern, die man Almanache nannte, einen gleichen Zweck. Die Herausgeber-Redakteure dieser Art von Zeitungen spekulierten auf die Neugier ihrer Abnehmer, denen sie nur Wunder aller Art zu erzählen brauchten, um für ihre Blätter Absatz zu bekommen. Beispielsweise riet man dringend, sich nur bei Mondfinsternissen zur Ader zu lassen, und verkündete auch sonst noch zahlreiche astrologische Weisheiten, die gar nicht viel anders klangen als manche der „Eingesandt“-Nachrichten in den Briefkästen unserer Zeitungen.

Um diese Zeit tauchen auch die ersten „Journalisten“ auf, ein paar Leute, die wahrscheinlich instinktiv ahnten, es müssten sich doch auch für ungewöhnliche Tagesereignisse, die sich wirklich zugetragen hatten oder wenigstens haben sollten, Interessenten finden lassen. So erfuhr die staunende Mitwelt durch diese findigen Leute, dass bei Worms ein zusammengewachsenes Zwillingspaar geboren war oder dass zu Gugenheim im Elsaß als erste klassische Zeitungsente eine „zwifältige Gans“ zur Welt kam. Diese ersten Reportagen waren damals etwas gänzlich Neues und sicher waren sie es, die den Sinn für Naturwunder, Schlachten und schließlich für alle Art Ereignisse auf der weiten Welt weckten und die Menschen des Mittelalters allmählich aus der erhaben ewigen Welt des Himmels in die täglich wechselnden Geschehnisse ihrer vergänglichen Erde führten.

Aus den Anfängen der Zeitung. Links die weltliche Zeitung (1535). So unregelmäßig diese Zeitungen erschienen, beschäftigten sie sich doch schon mit politischen und anderen Tagesereignissen. Die Zeitung rechts beschäftigte sich während zweier Jahre fast ausschließlich mit Karl V. der damals bedeutendsten Persönlichkeit. © Archiv 1133.at
<p><b>Aus den Anfängen der Zeitung</b></p><p>Links die weltliche Zeitung (1535). So unregelmäßig diese Zeitungen erschienen, beschäftigten sie sich doch schon mit politischen und anderen Tagesereignissen. Die Zeitung rechts beschäftigte sich während zweier Jahre fast ausschließlich mit Karl V. der damals bedeutendsten Persönlichkeit.</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Wenn nun trotz all dieser Anfänge das Mittelalter an aktuellen Zeitungen aller Art noch arm war, wenn man über das Privatleben der Menschen oder gar über die geheimnisvollen Vorgänge hinter den Türen der hohen Politik vorerst durch die Zeitungen noch so gut wie nichts erfuhr, lag das nicht daran, dass die Leute damals etwa schweigsamer oder gar diskreter als wir waren, sondern daran, dass die Neugier des Einzelnen nicht über die Stadtmauer hinausging und dass man vor allem von der Macht des gedruckten Wortes noch keine richtige Vorstellung hatte.

Das änderte sich mit einem Schlag in der Folgezeit. Wie eine überreife Frucht, die aufbrechend ihre Samen schleudert, warf die politisch-religiöse Hochspannung des 16. Jahrhunderts und der Reformation eine Riesenflut von Zeitungen über die in ihren Grundfesten bebende Welt. Maschinelle Druckverfahren waren längst erfunden, aber bisher hatte man gar nichts damit anfangen können. Das wurde jetzt anders, die Flut kam, um die Mühlen anzutreiben.

Ob damals die Zeitungen durch die geschichtlichen Ereignisse oder umgekehrt die geschichtlichen Ereignisse durch die Zeitungen heraufbeschworen wurden, das zu fragen, ist genau so müßig, wie das scholastische Problem, ob das Huhn oder das Ei eher war. Der genialste Zeitungsmann dieser Zeit war Luther.

Wäre er nur ein rebellierender Mönch gewesen, hätte er niemals einen annähernd so gefährlichen Krieg gegen Rom führen können. Aber er war der erste große Zeitungsmann. Er schon kannte all die Mittel, deren sich heute jeder raffinierte Journalist bedienen muss, wenn er irgendeiner guten oder bösen Sache zum Siege verhelfen will. Luther predigte, Luther schmähte. Er scheute sich nicht, das Privatleben seiner Gegner aufzudecken. Er sprach so zum Leser, als hätte er ihn vor sich, von Angesicht zu Angesicht.

Statt um jeden Preis zu überzeugen, begnügte er sich oft damit, nur zu überreden, wenn er nur den Leser zwingen konnte, ihm zu folgen. Es kam ihm auf die Wirkung an, und er machte damit Schule.

Als man merkte, wie man sprechen musste, nebenbei die mörderische Kraft der Lächerlichkeit entdeckte und zu karikieren, zu glossieren anfing, erkannte man auch, welche Wirkung auf die Meinungsbildung so eine moderne Zeitung hatte. Luthers Freunde, seine Gegner, jedermann, der damals etwas publizieren wollte, alle wurden sie mit einem Schlage Zeitungsmänner. Die noch heute geltenden Grundgesetze aller Publizistik wurden damals schon gefunden. Mit Luther entdeckten seine schreibenden Zeitgenossen die Machtlosigkeit des Gelehrtentums und die erschlagende Wucht des einfachen, aller Welt verständlichen Wortes, kurz die Alltagssprache. Luthers Kampfschriften und die Antworten seiner Gegner waren in ihrer agitatorisch aufwühlenden Sprache gerade so modern wie politische Leitartikel unserer Zeitungen. Allgemein verständlich, da in einer einfachen und bildhaften Sprache abgefasst, und allgemein wirksam, weil sie sich wirklich an die Allgemeinheit wandten.

Lind schon sand das neue Instrument seine Organisation. Schon gab es die ersten „Korrespondenten“, und wenn es auch nur für Privatzeitungen war.

Das berühmte Bankhaus der Gebrüder Fugger in Frankfurt am Main honorierte einen gewissen Jeremias Crasser für Nachrichten aus Augsburg – das waren die ersten privaten Börsennachrichten – und der Herzog Albrecht von Preußen ließ sich durch Melanchthon ebenfalls alles Wissenswerte schriftlich mitteilen.

Die Privatzeitungen dieser Art hießen auch zum erstenmal wirklich „Zeitung“. Was aber den hohen Herren recht war, war dem Volke bald nur billig. Es entstanden Zeitungen wie die „klägliche, jämmerliche und wahrhaftige Zeitung von einem Heuschreckenschwarm, so die Lande verwüstete“.

Jeder, dem es gerade einfiel, konnte damals eine Zeitung herausgeben und bei dem lawinenhaft anschwellenden Bedürfnis mit Gewissheit auf Absatz rechnen. Der Inhalt war gleichgültig, der Verfasser anonym und nicht verantwortlich. Aber schon gegen die Jahrhundertwende, 1588, organisierte ein Österreicher, Michael Cyziner, für die Interessenten der Frankfurter Herbst- und Frühjahrsmessen ein regelmäßig jedes halbe Jahr erscheinendes Nachrichtenblatt, die sogenannte Messrelation. Es ist nicht unmöglich, dass sich aus Versuchen dieser Art die Zeitung sehr rasch hätte weiter entwickeln können. Aber der Dreißigjährige Krieg kam, und ehe das tote Schweigen des nach 1648 erschöpften Mitteleuropa anhub, fiel man noch einmal in das regellose, wilde Zeitungswesen der Reformation zurück.

Die Welt hatte nach dem Friedensschluss von 1648 nur noch ein Bedürfnis: Ruhe. Die sozialen Lebensformen des Mittelalters waren zerschlagen, die berufsständische, beinahe demokratische Lebensform in den meist reichsunmittelbaren Städten wich allmählich dem Feudalsystem – Fürsten regierten, und die einzigen Zeitungen, die es auf mehr als ein Jahrhundert hinaus geben sollte, waren Staatszeitungen, scharf zensierte offizielle Mitteilungsblätter.

Als jedoch unter den Feudalsystemen des 18. Jahrhunderts langsam die Aufklärung anhub und ein Intellektuellentum in unserem Sinn entstand, schufen die Gelehrten und Schöngeister der Epoche daneben noch andere Zeitungen.

Diese Zeitungen, mit denen die Gebildeten auch zum Volke sprachen, beschäftigten sich aber nur mit moralischen, ethischen, pädagogischen und ästhetischen Problemen und ließen die Tagesereignisse aus dem Spiel. Schon die Titel dieser meistens wöchentlich erscheinenden Zeitungen zeigen, worum es sich handelte. Es gab ein „Magazin für Frauenzimmer“ eine „Akademie der Grazien“, ungefähr fünfhundert moralische Wochenschriften dieser Art erschienen in deutscher Sprache.
So harmlos dieses Schrifttum zu sein schien, da es sich niemals offenkundig mit den Zeitzuständen beschäftigte, so gefährlich war es in seiner Wirkung. Die Leute lernten denken.

Völlig ungestört konnten die führenden Geister ihre Zeitgenossen aus dem Bann der Kirchen ziehen, sie zum kritischen Nachdenken über die Probleme dieser Welt überhaupt anregen, und als gegen das Ende der Aufklärungszeit alle Welt wirklich aufgeklärt war, fehlte es nur noch an den äußeren Anstößen, dieses aufgeklärte Denken auch zu praktizieren.

Aus den Anfängen der Zeitung. Links die Titelseite eines Wochenblattes aus dem Dreißigjährigen Krieg (1642). Noch um diese Zeit hielt es der Verleger der Zeitung für nötig, besonders auf die Vorzüge seiner gedruckten Zeitung vor den handgeschriebenen hinzuweisen. Rechts die schöngeistige Wochenschrift des 18. Jahrhunderts. Diese bereiteten der Aufklärung den Weg. © Archiv 1133.at
<p><b>Aus den Anfängen der Zeitung</b></p><p>Links die Titelseite eines Wochenblattes aus dem Dreißigjährigen Krieg (1642). Noch um diese Zeit hielt es der Verleger der Zeitung für nötig, besonders auf die Vorzüge seiner gedruckten Zeitung vor den handgeschriebenen hinzuweisen. Rechts die schöngeistige Wochenschrift des 18. Jahrhunderts. Diese bereiteten der Aufklärung den Weg.</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Die äußeren Anstöße kamen. Nach der Französischen Revolution mit ihrem absolut freiheitlichen Schrifttum kam die Zeit der Napoleonischen Kriege, die einen ungeheuer moralischen Druck auf die deutschsprachigen Gebiete ausübte. Noch musste man schweigen. Kaum zeigten sich aber die ersten Zeichen des Zusammenbruchs der Napoleonischen Macht, als auch schon, wie aus dem Boden gestampft, Armeen von Zeitungsleuten auftauchten, die aus der Erfahrung der Jahrhunderte und der Explosionskraft ihrer Zeit die moderne Zeitung, so wie wir sie heute noch nicht anders haben, hervorbrachten.

Niebuhr, Görres, Schleiermacher, Arnim, Brockhaus, Perthes, Männer, deren Namen heute noch als Verlagsnamen bekannt sind, wirkten mit an diesen Zeitungen, hinter denen zuerst die Regierungen aller deutschen Länder standen.

Obwohl so die deutschsprachliche Zeitung der Neuzeit aus nationalen Gründen und durchaus im Sinne der Regierenden entstanden war, entwickelte sich die neu entstandene Presse nun selbständig fort.

Es gab Rückschläge. Während des gesamten 19. Jahrhunderts ging der erbitterte Kampf um die Pressefreiheit im Sinne der liberalen Denker in immer kürzeren Wechselperioden. In der Zeit vor 1848 war die ganze Presse ebenso geknebelt wie die sozialistische unter Bismarck, bis um die Jahrhundertwende das gedruckte Wort so frei war, dass bereits wenige Dezennien danach wieder von einer Gefahr der Pressefreiheit gesprochen werden konnte.

Aber das Bedürfnis nach der Zeitung hatte sich trotz aller politischen, wirtschaftlichen und moralischen Hemmungen der Jahrhunderte so im Menschen entwickelt, dass es kein Zurück mehr gab. Alle Bereicherungen der Zeitung im modernsten Sinne, Feuilleton und Roman, wissenschaftliche und Unterhaltungsbeilagen, politische Meldungen und ihre Kommentierungen durch die Leitartikel, Handels- und Börsennachrichten, Reklame- und Annoncenwesen, bedeuteten nichts anderes als den Ausbau eines Hauses, dessen Grundfesten in jahrhundertelanger Arbeit gelegt worden waren.

Spruch

Was sich begibt in Ost und West,
Zu Land und Meer, hier wird's gepresst.
Doch klug dünkt mir der Zeitungsmann,
Der auch von manchem – schweigen kann.

Buchdruckerschild in Nidda

Quellen:
Der getreue Eckart, 11. Jahrgang 1933/34, Band 1 Seite 425ff

Übertragen von hojos
im November 2025