Vom Fasching im alten Wien
Von Prof. Eduard Pult – Zeichnungen von Emmy Sagai
Schon in altersgrauen Tagen war die Donaustadt Wien ob ihrer Kurzweil hochberühmt in deutschen Landen. Sicherlich brauchten Karneval und Mummenschanz mit ihrem tollen Treiben nicht erst nach Österreich verpflanzt zu werden. Der Wiener Fasching ist ganz gewiss eine einheimische Erfindung. Leider fehlen uns schriftliche Aufzeichnungen über die eigentliche Beschaffenheit dieser frühesten Wiener Faschingsfeste vollkommen. Erst Urkunden aus der Mitte des 15. Jahrhunderts gewahren spärlichen Aufschluss, besagen, dass damals in dem zwischen den beiden Bäckerstraßen, am Lugeck in der Inneren Stadt, gelegenen „Teschlerschen Hause“, wo Bürgermeister und Rat zu Zeiten auch fremde Fürstlichkeiten festlich bewirteten, glänzende Ballfeste abgehalten wurden. Eine patriarchalische Zeit; das Mittagmahl ward im Wien jener Tage – auch bei Hofe – um zehn Uhr morgens genommen, die Zeiteinteilung verschoben, so dass die öffentlichen Bälle bereits um vier Uhr nachmittags begannen.
Die Tänzer erschienen in bunten Wollwämsern, eng anliegenden Beinkleidern und schwarzem Barett mit wallender Feder, die Damen in knapp sitzenden Joppen mit steifen Halskrausen von blendender Weiße und faltigen Röcken. Während die Ehefrauen das Haupt züchtig mit der golddurchwirkten Wiener Haube bedeckten, erschienen die Jungfrauen barhaupt mit bänderdurchflochtenem Haar. Luxus gab es wenig in den Ballsälen; die Wände mit grünem Reisig geschmückt, einfache Bänke, übelriechende Unschlittkerzen zur Beleuchtung. Hingegen eine Fülle von Musikinstrumenten: Pfeifen, Trompeten, Posaunen, Zinken, Krummhörner, Schalmeien, auch Lauten. Die Geige, die Johann Strauß drei Jahrhunderte später so göttlich strich, hielt in Wien erst um 1560 ihren Einzug – als Bassgeige mit neun Saiten. Die Schlichtheit des äußeren Rahmens jener Ballfeste wird verstehen, wer die Armseligkeit der Haushalte, selbst jenes des kaiserlichen Hofes, um die Mitte des 15. Jahrhunderts bedenkt. Als im Jahre 1444, am Mittwoch nach Pangracii, König Friedrich die Bürgerinnen Wiens zu einem Tanze an seinen Hof lud, musste die Wiener Stadttaverne auf Kosten der Stadt eiligst Malvasier, Osterwein und Marzipan in die Hofburg schicken, auf dass Frauen und Töchter der ehrsamen Ratsherren, nachdem Ritter und Hofleute sich mit ihnen sattgetanzt, vor Durst und Hunger nicht verschmachten müßten. Alte Urkunden bezeugen, dass die bürgerlichen Frauen Wiens des öfteren zu Hofe geladen wurden, manchmal auf ausdrücklichen Befehl des Landesherrn auch ganz allein und ohne Begleitung ihrer Ehegesponsen erscheinen mussten; niemals aber ward ihnen seitens der Hofküche der geringste Imbiss verabreicht. Wir wissen auch, dass man damals in Wien nur drei Tänze kannte, den „springenden“ oder polnischen Tanz, den „umgehenden“ oder Reigentanz und schließlich eine Art mittelalterlichen Menuetts, der bei Hoffesten üblich war, wobei die Herren wie auf Kommando plötzlich ein Bein in die Luft strecken mussten.
Unter der Regierung Kaiser Leopolds I. hatte sich allmählich die vornehme Wiener Gesellschaft herausgebildet; an Stelle der Tanzunterhaltungen, bei denen die Wiener Bürgersfrauen in der Burg die erste Rolle spielten, traten die Bälle des reichbegüterten, ahnenstolzen, in der Residenz zusammengeströmten Adels, der alsbald einen unerhörten Luxus entfaltete.
Von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Zeit nach der zweiten Türkenbelagerung wurde die Wiener Faschingslust wohl oft durch traurige Ereignisse getrübt. Pest, Cholera, Hunger, Glaubenskämpfe, zweimalige Türkennot und innere Zwistigkeiten aller Art durchtobten die alte Donaustadt – trotzdem lieh sich der muntere Sinn ihrer Bewohner niemals verleugnen. Sobald man nur halbwegs zur Ruhe kam, machte der sprichwörtliche Frohsinn der Wiener sein uraltes Recht geltend. Leidenschaftlich gab sich jung und alt abenteuerlichen Vermummungen und Maskenaufzügen hin, die oft schon in den ersten Vormittagsstunden begannen und zu Pferd und Wagen bis in die sinkende Nacht andauerten. Viel Unfug und Ärgernis brachten sie. Vergeblich wurden gegen dies „unliebsame Rumoren“ besonders von Kaiser Friedrich II. die schärfsten Maßnahmen ergriffen. Ob es die hohe Obrigkeit auch auf die Tageszeit zu beschränken versuchte, ob wiederholt strenge Befehle ergingen, dass nach der „ordinari Bierglocken“ bei schwerer Leibesstrafe niemand in Maskera, besonders die Frauen niemals in Gugeln sich blicken lassen sollten, blieb es dennoch größtenteils bei der lieben, schier unausrottbaren Gewohnheit.
Erst unter Kaiser Karl VI. und Maria Theresia wurden diese maskierten Umzüge in den Straßen der Stadt seltener, verloren sich langsam völlig; wenn auch ihre letzten Spuren noch in den „Faschingszügen“ unserer Tage zu sehen sein mögen. Die Umrisse des modernen Wiener Faschings gestalteten sich allmählich. In jener Zeit hielt man die vornehmsten Ballfeste in dem vom Stadtmagistrate erbauten prächtigen Hause „Zur Mehlgrube“ ab.
Der Lieblingstanz der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war das Menuett. Neben ihm erfreute sich bald der zu Ende des Jahrhunderts eingebürgerte Walzer als deutscher Tanz größter Beliebtheit. Er soll übrigens schon zu Ende des 14. Jahrhunderts in Schwaben erfunden und unter dem Namen „Hopelreihe“ ziemlich verbreitet gewesen sein; sicherlich einer der liebenswürdigsten Schwabenstreiche! Das 19. Jahrhundert führte ihn als „Wiener Walzer“ seiner Vollendung entgegen.
Bald bot die Enge der tausendjährigen Stadt mit ihren hohen Basteien und Wällen, ihren wundervollen Bauten und herrschaftlichen Gärten nicht mehr Raum genug für die Vergnügungsstätten der lebensfreudigen Bewohner. Die wohlbesuchten Tanzsäle in der „Mehlgrube“, denen sich im Laufe der Jahre ähnliche Heimstätten des Frohsinns in den Gasthöfen „Zum römischen Kaiser“ in der Renngasse und „Zur österreichischen Kaiserin“ in der Weihburggasse gesellten, genügten nicht mehr. In den mächtig emporstrebenden Vorstädten erstanden neue Tanzunternehmungen, die Tanzsäle „Zum Bock“ und „Zum König von Ungarn“ auf der Wieden, die „Goldene Birne“ auf der Landstraße, die Sperlsäle in der Leopoldstadt. In den ersten Faschingstagen des Jahres 1808 aber erlebte Wien eine wahre, ganz große Sensation: die feierliche Eröffnung der „Apollosäle“ in der nach damaligen Begriffen weit abgelegenen Vorstadt auf dem Schottenfelde. In seiner Ankündigung erklärte der Unternehmer Wolfsohn, Bandagist und chirurgischer Instrumentenmacher, der während der Franzosenkriege als Armeelieferant schwer reich geworden, er könne „mit Zuversicht sagen, dass in ganz Europa kein solcher Saal zur Faschingsunterhaltung anzutreffen sei und dass nur die Stadt Wien das einzige dieser Art Vergnügen besitze“. Schönheit, Kunst und Natur hatte man zu wundervoller Harmonie zu vereinigen vermocht. Am 10. Jänner 1808 war der glanzvolle Eröffnungsabend. Feste von unerhörter Pracht wurden in jenem Fasching in diesen berückenden Räumen gefeiert. Den Gipfel ihres Ruhmes erklommen die Apollosäle im Fasching 1814, als der Wiener Kongress versammelt war, die gekrönten Häupter und führenden Geister Europas freudig in die stolze Stadt zogen.
Schon im Kongressfasching wurden viele der elegantesten Bürgerbälle und Repräsentationsfeste der Wiener Gesellschaft beim „Sperl“ in der Leopoldstadt abgehalten, wo angenehme, heitere Gesellschaft, Gemütlichkeit und Frohsinn allzeit heimisch waren. Lanner und Johann Strauß Vater, „Flachskopf“ und „Mohrenschädel“, ließen hier ihre hinreißenden Weisen tönen, elektrisierten ganz Wien durch ihre jauchzenden Walzer.
Die vornehmsten Kreise Wiens hielten ihre Faschingsfeste in Dommayers Kasino, das dem Eingang zum Schönbrunner Schlosspark gegenüber in Hietzing eine prunkvolle Heimstatt gefunden. Auch hier ließen Lanner und Strauß ihre berückenden Weisen erklingen. Johann Strauß Sohn sandte von hier aus viele seiner geistvollen, prickelnden und bezaubernden Weisen in die ganze Welt hinaus.
Mit dem Fasching im alten Wien sind noch andere Stätten der Freude und des Frohsinns eng verknüpft. Elysium, Dianasaal, Odeonsaal, Schwender, Stalehner öffneten ihre Pforten zu froher Kurzweil gerne und freudig den musik- und liederfrohen Kindern der ehrwürdigen Donaustadt. Wiener Bürgertum, Wiener Frauenanmut, Wiener Musik und Wiener Tanzfreudigkeit flossen zu sieghafter Einheit zusammen, ließen den Fasching Alt-Wiens zu einem Feste in des Wortes bester Deutung werden...
Bis die neue Zeit mit harter Hand an die mittelalterlichen Tore der Stadt pochte. In der Zeit der Eisenbahnen und großen Industrieunternehmungen mussten die tausend Zauber verwehen und zerstieben, die sich um die tausendjährige Stadt woben. Mit ihnen versank eines der strahlendsten Feste – der Fasching im alten Wien.