Österreichs Dichter

Ein statistischer Überblick von Peter Tobias
31.10.2025

Nicht nur das Werk, auch der Wirkende erregt unsere Teilnahme, besonders dann, wenn er Überragendes leistet. Wer außer in das Denken vor allem auch in Herz und Seele der Menschen dringt, der nistet sich in ihr Inneres und füllt es aus. Vor allem der Dichter schafft in diesem Sinn.

Das österreichische Schrifttum nimmt im gesamtdeutschen eine bevorzugte Stellung ein, ist es doch gerade der österreichische Stamm, der unter allen anderen deutschen in besonderem Maß künstlerisch begabt ist. Eben dieser Tage erscheint im Verlag des „Getreuen Eckart“ ein Werk von Max Morold „Dichterbuch. Deutscher Glaube, deutsches Sehnen und Fühlen in Österreich“, das geeignet ist, schon deshalb einen guten Überblick über Österreichs Schrifttum zu geben, da hier nicht weniger als fünfundsechzig der deutschstämmigen Dichter ausführlich behandelt sind. Beschränkt sich auch dieser Band nur auf die Dichter, lässt er also bewusst jene Schriftsteller aus, die gleichfalls an Sprache und Gedankengut gestalterisch tätig sind, im übrigen aber in ihren Vorwürfen weniger gefühlsmäßige als vor allem verstandesmäßige Vorstellungen behandeln, so geben die Angaben dieses Buches doch treffliche Grundlagen für einige statistische Betrachtungen.

Woher stammen unsere Dichter? Wie alt sind sie? Üben sie auch andere Berufe aus? Was schreiben sie? Solche und andere ähnliche Fragen entstehen nicht aus müßiger Neugier. Ihre Beantwortung sagt Wesentliches über Österreichs Schrifttum, wenn wir hinter dem Werk auch den Menschen sehen wollen, der es geschaffen. Gleich die Abstammung! Mancher wird vermuten, Wien, die Großstadt bringe die meisten Dichter hervor. Das gerade Gegenteil ist der Fall, nur ein Fünftel sind Wiener. Zwei Fünftel stammen aus den übrigen Bundesländern, wo wieder Tirol besonders zahlreich vertreten ist. Ebenso viele der österreichischen Dichter sind Sudetendeutsche, ihre Zahl ist ja auch in allen anderen geistigen Berufen auffallend groß. Aber trotz diesem überragenden Anteil der Provinz, sind unsere Dichter nur verhältnismäßig sehr selten Bauernkinder, die meisten entstammen jenen kleinbürgerlichen Familien, in denen viel Sinn für alle geistigen Werte vorhanden ist. Sie bleiben meist nur selten in ihrem Heimatort, schon die Studien führen sie in die Hauptstädte. Bevorzugen sie nun den Aufenthalt in Wien, der Stadt mit dem Literaturgetriebe, den Kaffeehäusern und Stammtischen, den Empfängen und Erstaufführungen, oder lieben sie die stille Beschaulichkeit des Landes, das geruhsame Geborgensein in der Natur? Nun, beides besitzt genau die gleiche Anziehungskraft, die Hälfte unserer Dichter lebt in Wien.

Vermag der Dichter von seinen Werken zu leben? Nein, das kann er nur in den wenigsten Fällen, er muss in anderen Berufen Unterstand suchen, will er nicht zähneklappernd in Dachwohnungen hausen und sich kümmerlich von Wasser und Brot nähren, wie es unsere Phantasie so häufig von ihm behauptet. Zwei Drittel unserer geliebten Romanschreiber, Dramenverfasser und Lyriker sind in andersartigen, meist geistigen Berufen tätig. Sehr viele gehören dem Lehrstand an und senken solcherart Keime ihrer Begeisterung an all dem Schönen dieser Welt in junge Seelen. Von dem verbleibenden Drittel beschäftigt sich wieder die Hälfte vorwiegend damit, der anderen herzwarme Geistesgeschöpfe bösartig mit kritischen Spießen zu meucheln und, ach, nur das wenigste den Händen der Setzer anzuvertrauen, kurz gesagt, sie sind Schriftleiter an Zeitungen und Zeitschriften. Die wenigen, die nun verbleiben, leben als freie Schriftsteller. Meist reicht es für ein bescheidenes bürgerliches Dasein, manchmal reicht es für mehr, nur in sehr wenigen Fällen stellte sich der wirklich große Erfolg ein. Die größte Auflage, alle deutschen Ausgaben seiner Werke zusammengenommen, dürfte wohl Rudolf Hans Bartsch mit etwa 1,5 Millionen Stück erreicht haben. Ihm folgt, so weit sich dies halbwegs verlässlich schätzen lässt, Rudolf Greinz mit nahezu einer Million Stück und Enrica von Handel-Mazzetti mit etwa 700.000 Büchern.

Der Dichter hat schwer zu ringen, bis er jene Anerkennung erreicht, die sich dann auch in einem entsprechenden Absatz seiner Werke ausdrückt. Aber nicht nur äußere Schwierigkeiten gibt es, auch innere, das Reifen geschieht meist nur unter Widerständen und Hemmungen und unter Einsatz stärkster Kräfte, das währt Jahre und Jahre, und so kommt es, dass das Durchschnittsalter unserer Dichter fünfzig Jahre beträgt. Zwei Drittel der Bücher, die erscheinen, sind erzählende Werke, Romane und wieder Romane erfreuen sich ja heute stärkster Beliebtheit. Ein besonderer Sinn für die Landschaft und ihre Menschen, also für die Heimat, zeichnet die österreichischen Dichter aus. Daneben sind es hauptsächlich biographische Romane, wie sie die heutige Zeit sehr stark verlangt. Das restliche Drittel der geschriebenen Werke teilt sich gleichermaßen auf dramatische und lyrische Dichtungen auf. In der Lyrik sind wenig wirklich neue Klänge zu finden. Von den Dramen werden nur die wenigsten aufgeführt, meist sind es, mit ganz geringen Ausnahmen, nicht eigentlich dramatische Stücke, sondern Buchdramen.

Fragen wir uns noch, wer diese österreichischen Dichter – unter denen sich übrigens nur ein Zehntel Frauen befinden – liest, so sind es nicht nur die Österreicher selbst, sondern alle deutschen Stämme. Demgemäß wird das Buch eines Österreichers weitaus mehr außerhalb der rotweißroten Pfähle gelesen, als innerhalb. Und so kommt es auch, dass die Bücher unserer Dichter zu vier Fünfteln im Deutschen Reich und nur zu einem Fünftel in Österreich verlegt werden. Hier der großen Bedeutung, die dem Verlag Staackmann zukommt, dankend zu gedenken, ist Ehrenpflicht. Der österreichische Dichter lebt nicht von Österreich, er lebt vom Reich, von den Buchverlägen, von den Zeitschriften und Zeitungen zwischen Alpen und Nordsee.

Das österreichische Schrifttum ist längst ein Teil des gesamtdeutschen. Auf diesem kulturell bedeutsamsten Gebiet hat es eine Staatsgrenze nie gegeben.

Quellen:
Der getreue Eckart, 11. Jahrgang 1933/34, Band 1, Seite238ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025