Wisst ihr, wer die Fibeln zeichnet?

Ein Besuch bei Ernst Kutzer von Franz Schmidt

Nicht die großen, berühmten Gemälde, die in den Galerien der Großstädte hängen, oder die leuchtenden Fresken in Domen und Palästen sind es, die zum Herzen des Volkes sprechen, nein, den kleinen Bildchen, die als Illustrationen zu Geschichten und Märchen die Bücher schmücken, gelingt dieses Wunder. Ein Ludwig Richter ist nicht durch seine reizvollen farbigen Bilder, sondern durch seine das Volksleben so einfach und liebevoll darstellenden Zeichnungen in Stadt und Land bekannt geworden. Das gleiche gilt von Moritz von Schwind, Oskar Pletsch, Hermann Vogel und einigen anderen. An den kleinen, anspruchslosen Werken dieser Meister hat sich eine ganze Generation erfreut und heute sind sie uns eine liebe Erinnerung einer längst entschwundenen Zeit. Mit leiser Wehmut betrachten wir die Bilderbücher unserer Kindheit wie innig vertraute alte Bekannte. So sind die Künstler des Stiftes und der Zeichenfeder die eigentlichen Träger einer vom ganzen Volk verstandenen Kunst.

Illustration von Ernst Kutzer. Aus einem Lehrbuch der Verlagsbuchhandlung W. Crüwell, Dortmund © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p>Aus einem Lehrbuch der Verlagsbuchhandlung W. Crüwell, Dortmund</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Ein Name, der der letzten Generation und besonders der heutigen Jugend geläufig ist als Zeichner unzähliger bunter Märchen- und Bilderbücher, ist Ernst Kutzer. Millionen von Kindern kennen diesen Namen. Denn er steht auf ihren Lesebüchern als der Zeichner der Bilder, die ihnen das Lesenlernen so recht zur Freude machen.

Wer wäre denn auch geeigneter, in Bildern zu den Kindern zu sprechen, als er? Er kennt wie kein zweiter die kindhafte Einstellung zu den Dingen, zu Mensch und Tier, zu Baum und Strauch, zum Haus und zur Landschaft und zu allen Gegenständen des täglichen Lebens. Er sieht in einem gebratenen Apfel ein verrunzeltes Menschengesicht, in einer alten Ofenröhre ein Schreckgespenst. In jedes tote Ding legt er warmes Leben. Und selten fehlt sein gesunder Humor.

Illustration von Ernst Kutzer. © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

In seiner Darstellung des Lebenden verrät Kutzer eine hervorragende Beobachtungsgabe. Seine schlichten Bildchen zeichnen sich bei äußerster Knappheit der Mittel in Haltung und Bewegung durch meisterhafte Treffsicherheit im Ausdruck aus und haben darüber hinaus viel Persönliches von ihm. Einen solchen Griesgram gibt es gar nicht, der sich an seinen Zeichnungen nicht erquicken würde. Ob es nun tollpatschige Kleinkinder sind, mit Grübchen in den Wangen und am Ellbogen, oder rechte Lausbuben, wild und gefährlich scheinend, oder Elfen, Engel, Ritter, Zwerge und Hexen, es liegt immer etwas Heimeliges, Vertrautes in diesen sicher geführten Strichen. Sie werden von der Jugend aller deutschen Stämme, an der Donau wie am Rhein oder an der Ostsee, verstanden, geschätzt und geliebt. Ja, geliebt werden diese in der kindlichen Phantasie zum Leben erwachten zeichnerischen Darstellungen, weil so viel Liebenswertes in ihnen steckt, weil das warmfühlende Herz des kindvertrauten Meisters aus jedem seiner Striche herauszuspüren ist.

Illustration von Ernst Kutzer. © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Es ist daher notwendig, Ernst Kutzer, diesen Oftgenannten und doch als Menschen Unbekannten aus seiner großen Bescheidenheit ins rechte Licht zu rücken und diesen stattlichen Mann mit dem weichen Herzen freundschaftlichst zu grüßen und von ihm zu erzählen. Er hat es zwar nicht gern, wenn man von ihm und noch dazu Gutes spricht, denn als echter Österreicher ist er trotz seiner großen Erfolge die Bescheidenheit selber. Er fühlt sich noch zu jung dazu, als dass man über seine Leistung schon Abschließendes sprechen könnte, denn Kutzer steht nach dreißigjähriger erfolgreicher Arbeit mitten in seiner besten Schaffenskraft. Wer diesen jugendlichen Fünfziger, in dessen dunklem Vollbart sich die ersten weißen Fäden zeigen, in seinem Haus in Pötzleinsdorf, draußen am Rand von Wien, besucht, ist überrascht und beschämt zugleich über die Arbeitsleistung dieses Mannes. Hier finden wir eine Bücherei von vielen hundert, vielleicht sogar mehr als tausend Bänden, die den Namen Kutzers tragen. Bilderbücher mit Versen von Adolf Holst zum Anschauen für die ganz Kleinen und zum Vorlesen, die schönsten Märchen mit den zartesten Bildern von Elfen, Prinzen, Wichteln und Hexen; Jugendbücher mit kraftvollen Recken, mit Minnesängern und Edeldamen sind hier versammelt. Und immer wieder Bücher und Bücher mit Zeichnungen von seiner Hand. In diesen Schränken zu wühlen und zu schauen, müsste für Kinder der höchste Genuss sein. Doch die beiden Söhne Kutzers, die ihm als Kinder so oft als Modell für seine reizenden Zeichnungen dienten, sind heute erwachsen und studieren in anderen, wahrscheinlich nicht so interessanten Büchern.

Illustration von Ernst Kutzer. Aus einem Lehrbuch der Verlagsbuchhandlung W. Crüwell, Dortmund © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p>Aus einem Lehrbuch der Verlagsbuchhandlung W. Crüwell, Dortmund</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
Tanzliedchen
Schnick, Schnack, Dudelsack,
unser Kind will tanzen.
Spielt mir einen schönen Tanz,
Ännchen, Gretchen, Fritz und Franz
wollen lustig tanzen.
Schnick, Schnack, Dudelsack,
unser Kind will tanzen.
Spielt der Brummbaß
brumm brumm brumm,
drehn wir uns im Kreis herum,
dass die Röckchen fliegen.
Spielt die Fiedel dideldumdei,
geht es lustig eins, zwei, drei,
bis im Gras wir liegen.
Schnick, Schnack, Dudelsack,
unser Kind will tanzen.

Illustration von Ernst Kutzer. Aus einem Lehrbuch der Verlagsbuchhandlung W. Crüwell, Dortmund © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p>Aus einem Lehrbuch der Verlagsbuchhandlung W. Crüwell, Dortmund</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>


Hier, an seinem Arbeitstisch, von keiner öffentlichen Auszeichnung behelligt, verbringt Kutzer seinen zwölf- bis sechzehnstündigen Arbeitstag, sein dem Jugendfrohsinn gewidmetes Leben. Aus Herz und Hirn, aus Erinnerung und Vorstellung fliehen die Linien auf das Papier und formen sich, von sicherer Hand geleitet, zu Darstellungen erlebten oder erfühlten Lebens. Immer nur aus sich heraus, ohne Modell, wie ein unversiegbarer Quell schafft dieser rastlose Mensch, unermüdlich und unerschöpflich. Wie jeder echte Künstler braucht auch Kutzer das Vorbild der Natur, als Mittel zum Zweck. Die Darstellung der Natur darf bei ihm nicht Selbstzweck werden, auch wenn sich Kutzer noch so sehr darnach sehnt, das in der Natur Erschaute porträtgetreu wiederzugeben, ohne irgendeinen Nebenzweck, ohne Zwang, aus dem Geschauten den knappsten Ausdruck formen zu müssen. Der Krieg, den Kutzer als Zeichner und Maler erlebte, gab ihm reichlich Gelegenheit, sich ganz den Natureindrücken hinzugeben. Zahlreiche Skizzenbücher mit Arbeiten aus jener Zeit zeigen Kutzer von einer anderen Seite seines umfangreichen Könnens. Der größere Teil seiner während des Krieges geschaffenen Arbeiten ist in den Umsturztagen leider verloren gegangen.

Illustration von Ernst Kutzer. © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Kutzer ist Österreicher, und wie so viele Österreicher ist er von Geburt und Abstammung Sudetendeutscher, ein treuer Sohn seiner verlorenen Heimat. Von Böhmisch-Leipa, wo seine Wiege stand und wo er die Jugend verlebte, kommt Kutzer an die Wiener Kunstakademie zu Professor Pochwalski. Hier fällt er durch seine besondere Begabung auf. Sein Lebensweg als Illustrator ist ihm vorgezeichnet. Er kann seinem Schicksal nicht mehr entrinnen und will es wohl auch nicht. Noch in seine Studienzeit fällt das Erscheinen seines ersten Bilderbuches. Obwohl noch etwas unsicher in der Darstellung – man merkt das Lampenfieber – verrät jedoch schon dieses Buch die ganze Eigenart kutzerischen Schaffens.

Illustration von Ernst Kutzer. Aus der farbigen Fibel „Wir lernen lesen“ von Kolar-Pöschl, Österreichischer Bundesverlag © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p>Aus der farbigen Fibel „Wir lernen lesen“ von Kolar-Pöschl, Österreichischer Bundesverlag</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Seine Postkarten mit Motiven aus der deutschen Geschichte, die er erstmalig für den Bund der Deutschen in Böhmen schuf, erregten damals berechtigtes Aufsehen. Die anderen deutschen Schutzvereine folgten mit Postkartenaufträgen. Die reiche Blüte deutscher Schutzarbeit in Österreich vor einem Vierteljahrhundert fällt mit dem Triumph der Bildpostkarte als Bote von Gruß; und Glückwunsch zeitlich zusammen, Und von hundert Postkarten entfallen neunzig auf Kutzer.

Illustration von Ernst Kutzer. Aus der farbigen Fibel „Wir lernen lesen“ von Kolar-Pöschl, Österreichischer Bundesverlag © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p>Aus der farbigen Fibel „Wir lernen lesen“ von Kolar-Pöschl, Österreichischer Bundesverlag</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Die angesehensten Jugendschriften-Verleger des Deutschen Reiches wandten sich an ihn um Mitarbeit. Sein größter Erfolg liegt wohl in seiner jüngsten Aufgabe als Illustrator beinahe sämtlicher Fibeln des gesamten deutschen Sprachgebietes. Seine echt deutsche Art hat alle Stammesgegensätze überbrückt. Die Bilder dieses Aufsatzes sind vornehmlich seinen Fibeln entnommen. Sein übriges Schaffen musste leider wegen Raummangels unberücksichtigt bleiben.

An dieser Stelle sei auch darauf verwiesen, dass Ernst Kutzer vom ersten Tag des Erscheinens dieser Hefte an als ständiger Zeichner in der Jugendbeilage „Jung-Eckart“ mitwirkt und durch seine jung und alt beglückende Art dem „Getreuen Eckart“ viele Freunde gewonnen hat.

Ernst Kutzer ist uns besonders vertraut, er ist ganz unser. Darum freuen wir uns mit ihm seines Könnens, seiner Leistung und der Anerkennung, die sein Schaffen im gesamten deutschen Volke findet.

Illustration von Ernst Kutzer. © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Ernst Kutzer</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Quellen:
Der getreue Eckart, 11. Jahrgang 1933/34, Band 1, Seite 179ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025