Die Legende vom Grafen Montfort

Von Eugen Kalkschmidt mit Zeichnungen von Emmy Sagai

Vor vielen hundert Jahren lebte einst im Lande Montafon Graf Arbogast von Montfort, ein gar ritterlicher, frommer und streitbarer Degen. Als getreuer Lehensmann des Herzogs von Schwaben war er mehr als einmal über die rauhen Alpen gezogen ins schöne Land Italia, dem Kaiser und Herrn der Christenheit beizustehen in seinen Kämpfen gegen die tückischen Welschen. Also geschah es, dass Graf Arbogast einstmals auf dem Heimwege von Rom in der Seestadt Genua rasten musste, weil ein gewaltiger Schneefall in den Bergen tobte und der rauhe Weg über den hohen St. Gotthard versperrt war. Da er nun Muße hatte, lustwandelte der Graf Tag für Tag am Hafen umher, schaute auf das weite Meer hinaus, das im Sonnenglanze lieblich vor ihm funkelte und schimmerte, und ward nicht müde, den regen Wandel der ein- und ausziehenden Schiffe anzustaunen.

Unter den buntbewimpelten Kauffahrern stach ihm besonders eine stattliche Galeasse in die Augen, die aus ihrem geräumigen Bauche die köstlichsten Waffen, Gewebe und feinsten Gewürze des Morgenlandes in Menge an den Tag brachte. Der Kapitän, ein redegewandter Grieche, erklärte dem Grafen bereitwillig Herkunft und Wesen dieser Wunderdinge, schilderte ihm die lange Seefahrt bis zu den fernen östlichen Gestaden des Pontus Euxinus in verlockenden Farben und erzählte von fremden schlitzäugigen Völkerschaften der Persianer, Tataren, Mongolen und Chinesen dermaßen abenteuerliche Dinge, dass Arbogast ein unwiderstehliches Gelüst verspürte, die ferne Wunderwelt mit eigenen Augen zu schauen und sein Glück daselbst als frommer und tapferer Rittersmann zu versuchen. Rasch ward er mit dem Schiffsmann handelseinig und ging an Bord.

Nach mancherlei Kreuz- und Querfahrten gelangten sie endlich ans erste Ziel, und der Graf machte sich ungesäumt auf die Suche nach dem Hof des Herrschers über alle diese fremden Völker, um ihm seine Dienste anzubieten. Nach vielem Umherirren in dem weiten Wüstenlande der wilden Sarazenen sah er eines Abends in der scheidenden Sonne gegen Morgen die hohen Kuppeln einer großen Stadt in weiter Ferne feurig erglänzen. Am Tore bedeutete man ihn, dass dieses die Residenz des Kaisers von China sei, der, von der Ankunft des irrenden Ritters bereits unterrichtet, befohlen habe, ihn sogleich zu ihm zu führen.

Die chinesische Majestät saß inmitten eines Saales, der ganz mit absonderlichen Götzendrachen und Schlangen bemalt war, auf einem goldenen Throne, und seine edle Gemahlin, ein wundersam schönes Frauenwesen von feuriger Beschaffenheit, saß neben ihm und spielte mit zwei mächtigen Tigerkatzen zu ihren Füßen.

„Willkommen, mein tapferer Graf“, sprach der Kaiser, „ich freue mich, dass endlich einmal ein Gesandter des fernen Abendlandes den Weg zu uns gefunden hat. Schon lange nähre ich den Wunsch, etwas über eure Meinungen, Sitten und Gebräuche zu erfahren. Denn, weißt du, was man hier so von euch hört, das klingt oft wunderlich, übertrieben und wenig glaubhaft. Es wird also mir und meinen Rittern am Hofe dienlich und von Nutzen sein, deinen Wandel zu betrachten und von ihm zu lernen.“

Der Graf von Montfort, über die gnädige Ansprache fast erstaunt, erwiderte:
„Edler Herr und Kaiser, ich war gekommen, um Euch meine Dienste anzubieten. Ihr aber kommt mir zuvor und nehmet mich in Pflicht, bevor ich noch meinen Vorspruch getan. Nichts Lieberes konnte mir widerfahren. Seid versichert, dass ich mit meiner Ritterschaft und meinem guten Schwerte allezeit treu zu Euren Diensten stehen werde, bis dass Ihr mir erlauben möget, wieder heimzukehren in das Land meiner Väter.“

Illustration von Emmy Sagai. © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Emmy Sagai</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Der Kaiser nickte Gewährung und Graf Arbogast, sich entlassen wähnend, wandte sich mit einer höfischen Verneigung zum Gehen. Da sprangen plötzlich die beiden Tigerkatzen, von der Kaiserin mit leisem Befehl gelenkt, in mächtigen Sätzen dem Grafen in den Weg, duckten sich zum Sprunge und fletschten fauchend ihr gleißendes Gebiss. Der Graf blieb unerschrocken auf seinem Platze, fasste die Bestien fest ins Auge und rief:

„Frau Kaiserin, Eure Wächter wollen mir scheints ein Ehrengeleite geben. Es bedarf dessen nicht. Ruft sie zurück, damit ich ihnen nicht aus Versehen auf die Tatzen trete.“

Da lachte die Kaiserin mit heller Silberstimme und klatschte in die Hände, worauf die Bestien knurrend auf ihren Platz zurückwichen. Der Kaiser aber sprach:

„Lass dich der kleinen Begegnung nicht verdrießen. Die Kaiserin wollte wohl deine Unerschrockenheit ein wenig auf die Probe stellen. Du hast sie besser bestanden als mancher andere, der sich am gleichen Orte seines Mutes rühmte.“

Nunmehr ward der deutsche Ritter unter die Hofleute des Kaisers aufgenommen und an die Spitze einer wilden Reiterschar gesetzt, mit der er gegen die Widersacher des Kaisers zu Felde zog und allezeit mit Ehren siegreich heimkehrte. Der Kaiser begnadete ihn mit vielen Geschenken und gab ihm die Herrschaft über Land und Leute. Graf Arbogast stellte die Ehre Gott anheim und verwaltete sein Lehen zu des Kaisers Nutz und Frommen, hielt sich untadelig im Wandel und war als ein rechtes Vorbild christlichen Rittertums bei Alt und Jung hoch angesehen.

Indem begab es sich, dass der Chan der Tatarei, welcher als Vasall des Kaisers am Hofe wohlgelitten war, die schöne Kaiserin der Untreue zieh gegen ihren hohen Herrn und Gemahl. Sie habe sich einen Buhlen erwählet und mit ihm heimlicherweise ihre Kurzweil getrieben. Den Namen des Mannes nannte er nicht, es ward aber aus seinen doppelsinnigen Reden unzweideutig offenbar, dass er niemand anderen im Sinn hatte, als den deutschen Grafen Arbogast.

Ob dieser schweren Anklage verfiel der Kaiser in tiefen Kummer und verbannte seine Gemahlin von seinem Angesicht, so lange, bis ihre Unschuld erwiesen sein würde. Dieses aber sollte durch das Gottesgericht eines rittermäßigen Zweikampfes zwischen dem Ankläger und demjenigen geschehen, der für die Ehre der Dame Leib und Leben wagen wollte. Der Chan der Tatarei stand im Rufe eines nicht nur mächtigen und verschlagenen, sondern auch kaum überwindlichen Streiters. Es fand sich niemand, der mit einem so drohenden Gegner ohne Not hätte anbinden mögen. Auch waren die allermeisten Hofleute bei sich davon überzeugt, dass ein so schönes und feuriges Weib wie die Kaiserin sehr wohl einmal der Anfechtung erlegen sein könnte und gaben ihre Sache für verloren.

Der Tag der Entscheidung rückte näher und näher heran und die Kaiserin wusste in ihrer Verzweiflung nicht mehr aus noch ein. Da schickte sie eines Abends zum Grafen Arbogast und ließ ihn um eine Zwiesprache bitten.

Der Graf von Montfort, der just von einer Kriegsfahrt zurückgekehrt war, begab sich alsogleich in den Palast. Hier brachte ihm die Kaiserin unter vielen Tränen und Seufzern ihre inständige Bitte vor, er möge als ein ritterlicher deutscher Mann um aller Frauen Zucht und Ehre willen für sie in die Schranken reiten und ihren Leumund gegen den mordlichen Ehrabschneider wiederherstellen.

„Edle Frau“, entgegnete der Graf, „es bedarf der vielen glimpflichen Worte nicht, denn ich bin erbötig, Euch mit allen meinen Kräften beizustehen. Vorher aber wollet mir sagen und aufrichtig anvertrauen: Spricht der Verleumder die Unwahrheit und habt Ihr niemals einem anderen Manne angehört, auch niemals ein begehrliches Auge auf einen anderen Mann geworfen, denn auf Euren Gemahl?“

Die Kaiserin schwieg und ließ ihr Auge sinnend auf dem Grafen ruhen. Dann begann sie: „Eure Frage ist scharf, aber Ihr habt ein Recht dazu und ich will sie Euch ehrlich beantworten. Den ehelichen Verrat, dessen der Verleumder mich beschuldigt, habe ich nicht begangen. Doch leugne ich Euch nicht, dass mein Auge und meine Gedanken mit Sehnsucht und Begehren einem fremden Manne nachgegangen sind, ohne ihn zu erreichen. Er weiß es bis heute nicht und wird es auch nie erfahren.“ Bei diesem Geständnis errötete sie lieblich und verbarg ihr Antlitz in den Händen.

„Wohlan, Frau Kaiserin“, sprach Graf Arbogast nach kurzem Überlegen, „so wollen wir Eure Sache getrost Gott anheimstellen, der alle unsere heimlichen Gedanken kennt und richtet nach seiner Weisheit. Ich habe Euch mein Wort gegeben und werde es halten.“

Da lächelte sie unter Tränen, dankte ihm mit zierlichen Worten und versprach ihm hohen Lohn für seinen ritterlichen Entschluss. Dabei aber fiel ihr ein, dass die Christenleute ebenso wie die Heiden gern im Schutze geweihter Amulette in den Kampf zu ziehen pflegten. Nun besah sie in ihrem Brautschatze ein Stück vom Grabtuche des christlichen Erlösers, eine seltene und kostbare Reliquie, und sie fragte den Grafen, ob es ihm eine Stärkung wäre, wenn er im Schutze dieses Tuches in den Kampf zöge. Arbogast erwiderte: Er wolle mit Nichten ein so köstliches Pfand der Gnade den Zufällen des Streites aussetzen, doch würde er es dankbar und freudig aus ihren Händen empfangen, wenn der Streit zu ihrer beider Ehre glücklich ausgetragen sei. Da gab sie sich zufrieden und entließ ihn mit heißen Segenswünschen.

Nun war der Tag des Kampfes herangekommen und immer noch wusste niemand, wer als Streiter für die Ehre der Kaiserin in die Schranken reiten würde. Eine große Volksmenge säumte den Platz, der Kaiser und alle Großen des Reiches waren erschienen und der Chan der Tataren wartete in prächtiger Rüstung ungeduldig auf den Drommetenstoß, der das Nahen seines Gegners verkünden sollte. In einem besonderen Zelte, abgetrennt von der kaiserlichen Empore, saß die verklagte Kaiserin mit verschleiertem Antlitz und harrte in Angst und Bangen des Ausganges.

Da ertönte das Signal des Herolds: In gemächlichem Trabe ritt der Graf von Montfort in die Mitte und grüßte in Ehrfurcht erst die kaiserliche Majestät, sodann nicht minder ehrerbietig die angeklagte hohe Frau. Das Volk erstaunte bass und etliche bedachten den Grafen mit ermunternden Zurufen. Die Hofleute aber steckten zischelnd die Köpfe zusammen und der Chan lachte höhnisch und siegesgewiss, denn nun musste jedermann sehen, dass er den rechten Mann vor sich hatte.

Alsbald splitterten die Lanzen und die Schwerter klirrten, dass die Funken stoben. Der Tatar focht mit wildem Ungestüm, während Graf Arbogast sich der Wut seines Feindes mit Maßen zu erwehren trachtete und öfters in scharfe Bedrängnis geriet. Ja, fast hatte es den Anschein, als sei er nicht mit ganzer Kraft und Fertigkeit bei der Sache. Und das verhielt sich auch so, denn mitten unter dem Streiten war ihm das gute Recht und seiner Frauen Ehre plötzlich arg zwiespältig erschienen durch ihr Geständnis, dass sie freilich mit ihren Wünschen einem anderen Manne nachgegangen sei. Wenn der Heiland in seiner unerschöpflichen Güte diese Sünde auch auf sich nehmen würde, so dachte die Mutter Gottes gewiss strenger über den Fall, der seiner Art nach mehr unter ihre weibliche Entscheidung fiel. Diese Gedanken waren es und nicht die wilden Streiche seines Gegners, was den Grafen lähmte und in Gefahr brachte, also dass er fast überwunden schien und vor dem Ansturm des Tataren mehr als einmal die Flucht ergriff.

Da sah er, wie bei seinem neuerlichen Rückzüge die Kaiserin auf ihrem Zeltsitze wankte und mühsam von ihren Frauen gestützt wurde. Dieser erbarmungswürdige Anblick brachte ihn alsbald wieder zu sich und erfüllte seine Brust mit neuer Kraft und Zuversicht. Ja, er vermeinte fast eine unmittelbare Stärkung von oben zu empfinden, eine Zusage gleichsam, dass die Sünderin nunmehr hienieden genug bestraft sei und ihre Sache gut stünde. Zugleich aber vernahm er, wie sein Gegner in wildem Zorn schrie: „Ei, du vermaledeiter feiger Christenhund, du fliehst!“ Das straffte ihm vollends den Arm: Er wandte sich in aufflammendem Zorn und traf den Tataren mit mächtigem Schwunge so schwer aufs Haupt, dass er zusammenbrach und ungesäumt den letzten Seufzer ausstieß.

Illustration von Emmy Sagai. © Archiv 1133.at
<p><b>Illustration von Emmy Sagai</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Nun brach der Jubel des Volkes betäubend aus, denn alle waren im Herzen dem deutschen Grafen zugetan ob seiner christlichen Mildherzigkeit und untadeligen Ritterschaft, dieweil der Tatarenfürst wegen seiner unbändigen Wildheit und Hoffahrt gefürchtet war. Die Höflinge, die eben noch den sicheren Untergang des Grafen mit einiger Zufriedenheit berechnet hatten, suchten nun einander in stürmischem Freudengeschrei und Tücherschwenken zu überbieten. Der Kaiser aber erhob sich erleichterten und bewegten Gemütes von seinem Throne, gebot Stille, winkte den Grafen Arbogast heran und sprach:

„Zum andern Male, edler Graf, hast du mir neben manchen trefflichen und redlichen Diensten eine Guttat erwiesen, die ich als die höchste preisen muss, weil durch sie der Wille des Himmels und die Unschuld meiner hohen Gemahlin offenbar worden ist. Der schnöde Verleumder hat seinen gerechten Lohn empfangen. Der Sieger aber möge sich erwählen, was immer ihm in meinen Landen begehrenswert erscheint. Kein Preis sei mir zu hoch für den, der mit Einsetzung seines Lebens die Ehre meines Hauses und meines Namens wiedergewonnen hat.“

Graf Arbogast hatte die Rede entblößten Hauptes vernommen; er erwiderte schlicht:

„Herr Kaiser, was ich getan, tat ich nicht um Geld und Gut und irdischen Gewinn, sondern im Namen und unter dem Beistande der heiligen Jungfrau Maria um aller Frauen Ehre, nach ritterlicher deutscher Art und Sitte. Im übrigen erachte ich nunmehr die Zeit für gekommen, heimzukehren in das Land meiner Väter und Abschied von Euch zu nehmen. Wollet mich also in Gnaden meines Weges ziehen lassen und mir ein Geleite geben bis ans Meer. Den einzigen Lohn dieses Tages und dieser Stunde erwarte ich von der Hand meiner edlen Gebieterin, Eurer Gemahlin.“

Damit wandte er sich zu dieser und beugte in ritterlichem Anstand vor ihr sein Knie.
Sie hatte ihr Schleiertuch zurückgeschlagen, das härene Gewand abgeworfen und stand, das Haupt mit dem kaiserlichen Diadem geschmückt, in prangender Schönheit neben ihrem Gemahl. Sie winkte. Da überbrachten die Dienerinnen dem Grafen in einem köstlichen Juwelenschrein das Bahrtuch des Heilandes. Sie sprach mit leiser Stimme:

„Wir bleiben in deiner Schuld, Graf Arbogast, und werden deiner gedenken, wo du auch weilen mögest. Noch aber wollest du mir verstatten, dir als ein kleines Zeichen meiner großen Erkenntlichkeit das Liebste zu verehren, das ich besitze.“

Sie blies melodisch auf einer kleinen silbernen Schalmei. Da sprangen mit mächtigen Sätzen die beiden Tigerkatzen heran; sie lagerten sich auf ein Zeichen ihrer Herrin friedlich schnurrend zu den Füßen des erstaunten Grafen und leckten sich die Pfoten. „Nimm dieses Silberhorn“, fuhr die Kaiserin fort, „es wird dir Macht geben über die Tiere und sie werden dich bewachen und beschützen in Not und Gefahr.“

Darauf ward die Kaiserin feierlich in den Palast geleitet und in alle ihre Ehren und Würden wieder eingesetzt. Am Abend hielt der Kaiser offene Tafel, durch alle Räume des Palastes strömte das Volk, um des Grafen ansichtig zu werden und seinen Sieg zu feiern.

Auf seiner Heimfahrt bestand er zu Lande und zu Wasser alles Ungemach mit gutem Mute und brachte seinen köstlichen Schrein unversehrt in das ferne Abendland. Hier ließ er auf seiner Burg zu Montafon eine stattliche Kapelle errichten für das Heiligtum, dessen Ruf sich weit im Land verbreitete und viele fromme Pilger anlockte.

Die beiden Tigerkatzen aber folgten dem Grafen auf Schritt und Tritt wie die Hündlein, begleiteten ihn, wenn er zu Felde zog oder beim fröhlichen Jagen den Wald durchstreifte, hörten nur auf seinen Befehl und starben am gleichen Tage wie er.

<p><b>Illustration von Emmy Sagai</b></p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Quellen:
Der getreue Eckart, 10 Jahrgang 1932/33, Band 2, Seite 717ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025