Wuili

Von Martha Roegner mit Bildern von Norbertine Breßlern-Roth
27.10.2025

Elbgleißend flimmerte die unendliche Steppe unter strömender, strahlender
Lichtflut, es war hoher Mittag. Eine uralte Akazie stand einsam in weiter Öde und breitete ihren mächtigen Schirm in beträchtlicher Höhe. In seinem Schatten lagen im mannshohen, dürren Grase verborgen zwei graue Kolosse, die ungeschlachten Köpfe einander zugewandt auf den Boden gedrückt; über einen Meter lang starrten ihre mächtigen Nasenhörner gen Himmel.

Der alte Bulle schnarchte dröhnend, die Kuh lag stille, aber auch in tiefem Schlafe, nur ihre Ohren waren in steter Bewegung, um die Fliegen abzuwehren.

Ein starker, heißer Wind wühlte in der Krone des Baumes und im weiten, blendenden Grasmeer der Steppe – die Nashornkuh blinzelte einmal in die Krone des Baumes hinauf und fand, dass ihr Schatten etwas unzulänglich wäre, die Blätter wurden schon dürr. Hinter ihr rührte sich's, da saß sie plötzlich mit einem blitzhaften, lautlosen Ruck aufrecht wie ein Hund im Grase: Es war nur ein uralter Giraffenbulle, der noch knapp bis zu der Schirmkrone hinaufreichte und sich ein paar Zweige herunterholte. Der Nashornbulle grunzte ein wenig: Was gingen sie denn fremde Geschöpfe an? Denn wer konnte ihnen etwas tun! – Und sein Ehegemahl tat sich wieder nieder und schlief weiter.

Die Sonne war tiefer gesunken, da blinzelte die Alte abermals, hob den Kopf und windete: nein, es war nur ein Löwe, der da hinten irgendwo im hohen Grase steckte – der störte sie auch nicht. Den Bullen störte überhaupt nichts, denn dem Menschen war er noch nie begegnet. Sie aber trug seit ihrer Jugend ein Stück Blei im Leibe, das war in ihrer Magenwand eingeheilt und machte ihr keine Beschwerden mehr, doch seit jener Zeit wusste sie, dass es einen Feind gab.

Sie dämmerte noch eine Weile faul vor sich hin, dann kam sie hoch. Der Alte schnarchte und prustete, wälzte sich behaglich, dehnte und streckte sich und setzte sich endlich aufrecht; die Kuh miefte ungeduldig und wandte den Kopf in die glühende Steppe hinaus; da kam auch er hoch, und sie trotteten eins hinter dem andern auf ihrem Wechsel fort, den ihre täglichen Wege durchs hohe Steppengras gebahnt hatten. Immer in schnurgrader Richtung ging's durch die endlose gleißende Öde, einem rätselhaften Ziele zu, das nicht zu erblicken war.

Als die Sonne schon tief stand, dämmerte vor ihnen am Horizont ein dunkler Strich, und die Steppe wurde lebendig. Antilopenherden und Zebrarudel zogen fernab ihres Weges; sie sahen sie nicht mit ihren mangelhaften kleinen Augen, aber ihre Nase wusste immer genau Bescheid. Ein Volk Tauben sauste über ihren Köpfen dahin, ihnen voraus dem dunklen Streifen zu, nach einer Weile folgte ein Flug herrlicher Kronenkraniche – das kümmerte sie alles nichts. Die Sonne versank, die weite Steppe war ein Feuermeer, aber plötzlich wurde sie grau, die Sonne war fort, nur der Himmel flammte noch kurze Minuten; in der violetten Glut zeichneten sich ungeheure Schwärme von kleinen Vögeln ab, die rasch verschwanden; dann war's tiefe schwarze Nacht.

Die beiden Gatten trotteten sicheren gemächlichen Schrittes auf ihrem Wechsel weiter. Rings um sie wurde es immer lebhafter, es raschelte im dürren Grase, es trippelte über den hartgebrannten Steppenboden, es rief hoch aus Lüften, in der Ferne bellten Schakale, ganz nah heulte eine Hyäne, und weit vor ihnen schien plötzlich die Erde zu beben in erschütterndem Donner – das war der alte Nilpferdbulle, der Herr der Sümpfe.

Und jetzt hatten sie die ungeheuren Binsenwälder des Users erreicht. Im undurchdringlichen Papyrusdickicht raunte und wisperte es geheimnisvoll, ihr Weg war erhellt von märchenhaft gaukelnden Riesenleuchtkäfern, und bei jedem ihrer Schritte surrten Myriaden von Mücken und Moskitos auf – die Kolosse fielen plötzlich in schnellsten Trab und Galopp. Der Boden wurde weich, und endlich war das Wasser erreicht, das herrliche, kühle Nass. Prustend, miefend, grunzend wälzten sie sich im Schlamm, um nur erst einmal ihre Millionen Peiniger loszuwerden, gegen die ihre zolldicke Haut gar kein Schutz war, und dann tranken sie, als wollten sie den ganzen See austrinken. Und wälzten sich wieder im zähen Schlamm des Ufers, bis sie um und um in eine dicke Schlammhülle gewickelt waren, dann erst begaben sie sich ans Schmausen. Die harten Schilfgräser waren ihnen gut genug; sie konnten auch eine nahegelegene Insel erreichen und nahmen hier Mimosen und anderes Dorngestrüpp. Und wälzten sich immer wieder im Schlamm und grunzten vor Behagen. Dann trotteten sie im flachen Uferwasser weiter und kamen zu anderen Tränkstellen; da drängten sich Zebras und Gnus und Antilopen und Gazellen, es war ein ewiges Kommen und Gehen, Trappeln und Schnaufen. Manchmal riss ein Schrei durch die Finsternis, und dumpfer Löwendonner rollte immer wieder nah und fern. Überm Wasser, über den Binsenwäldern surrten Nachtschwalben, und der milliardenstimmige feine, feindesselige Gesang der Mücken trieb die Dickhäuter immer wieder in den Schlamm.

Als die Sonne emporkam, trotteten sie schon fern von den Sümpfen auf ihrem Wechsel über die endlose Steppe, noch mit einer dicken Schlammkruste bedeckt. Sie liehen sich Zeit. Ihr Weg führte durch eine weite Senke, die noch ein wenig Grün hatte – Bäume und Sträucher mit duftigen Blättern, saftige Kräuter und Grasbüschel; die letzteren wurden mit einem Ruck der gefingerten Oberlippe herausgerissen, einmal gegen den Boden gehauen und verschluckt. Und dann fanden sie etwas sehr Gutes! Einen Strauch, dessen Wurzeln sie sehr liebten – sie fegten mit ihren Hörnern rings ums Gesträuch durch den Boden, pflügten tiefer und tiefer, und dann mit einem Stoß war der Wurzelstock heraus und wurde verknackt.

Ihre Schlammkruste war längst abgesprungen, und die Mücken und Bremsen waren hier auch noch sehr schlimm, sie scheuerten sich immer wieder verzweifelt an den Baumstämmen und trotteten weiter, als die Hitze stieg. Gegen Mittag lagen sie wieder unter ihrer Akazie, begraben in goldener Lichtflut.

Weitab von ihrem Lagerplatz zog über die flimmernde Steppe eine Reihe winziger schwarzer Pünktchen. Neger, an ihrer Spitze ein Weißer Mann. Er äugte mit seinem Glase immer wieder scharf nach der Akazie hinüber – vorhin hatte doch drunter ein Felsblock gelegen? Und jetzt war er verschwunden.

Nashornvater hatte sich vorhin einmal erhoben, hatte sich an der Rinde des Stammes die Beine gescheuert und sich wieder niedergetan. Und nun tat Nashornmutter dasselbe. Der Wind war ihnen ungünstig, er warnte sie nicht, sie schliefen.

Eine Stunde verrann, da hatte der Feind sich mühselig kriechend durchs hohe dürre Gras herangearbeitet, der weiße Mann mit zwei Schwarzen; er nahm den schlafenden Bullen aufs Korn und drückte ab – die beiden Grauen fuhren wie unsinnig mit den Köpfen aufeinander los, warfen sich schnaubend im Kreise herum und sausten dann wie prustende Lokomotiven in die brennende Ebene hinaus, die Alte immer in schnurgrader Linie, der Bulle aber einen Bogen schlagend – und als er in einem weiten Halbkreis den Männern in den Rücken kam, gewann er ihre Witterung und tobte nun wie ein rasendes Automobil genau auf ihren Standort los. Sie rannten, um die Akazie zu gewinnen, und hier empfing den Bullen eine zweite Kugel. Er stürzte im Feuer zusammen und brauchte nur noch einen Fangschuss, dann war es aus.

Die Alte war in der ungeheuren Weite verschwunden. Warum hatte sie ihn im Stich gelassen? Zehn glückliche Jahre hatten sie miteinander gelebt und alles gemeinsam getan. Aber sie wusste: der kleine, tückische Feind konnte auf weite Entfernungen hin erreichen und töten – sie waren machtlos. Und dennoch hätte sie neben dem Gatten ausgehalten und in rasender Wut ihn zu rächen gesucht ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Aber sie hatte ein Geheimnis. Sie trug ein Junges und liebte es schon zärtlich, ehe es da war – es war im Augenblick der Gefahr die Hauptsache und musste gerettet werden um jeden Preis.

Unter der Akazie waren die Leute an ihrer blutigen Arbeit. Sie zogen dem Bullen die Kopfhaut ab, lösten die klotzigen Hörner ab, nahmen die besten Fleischstücke und zogen wieder ihrem weitentfernten Lager zu.

Zwei scharfe Augen hatten ihnen zugeschaut. Fern in blauer Himmelstiefe verborgen, dass man ihn auch nicht als kleinstes Pünktchen erkennen konnte, zog ein Geier seine Kreise; er sauste schräg hernieder wie ein stürzender Stein, als die Menschen außer Sicht waren. Und war nicht einmal der erste! Drei Schakale saßen schon da, die hatten keine scharfen Augen nötig gehabt – ihre Nasen hatten sie aus der Weite hergeführt. Und weitab ziehende Geier und Milane hatten ihren Genossen stürzen sehen und waren bald zur Stelle, und dann schlichen gefleckte Hyänen gebeugten Hauptes heran – es gab ein Fest.

Bei Sonnenuntergang langte der weiße Mann mit seiner Beute im Lager an, das unweit einer Quelle in einem lichten Akazienhain aufgeschlagen war, und hier wurde er freudig begrüßt. Ein zahmer Marabu eilte ihm flügelschlagend entgegen und begehrte Liebkosungen, ein paar angekettete Affen schauten freudig nach ihm aus, standen aufgerichtet und streckten verlangend die Arme nach ihm, eine Hyäne schmiegte sich an ihn gleich einem Hündchen. Aber ein großer Kummer erwartete ihn: Sein kostbarster Schatz, das kleine Nashörnchen, war eingegangen. Es war noch nicht so groß wie ein Schwein und schien erst ganz gesund, aber dann wurde es traurig und fraß nicht mehr, und nun war's hinüber.

„Das ist nun das sechste“, seufzte der Mann, „was fehlt ihnen nur?“ – „Nur die Mutter, nichts weiter“, meinte sein Freund, der Doktor. „Bei kleinen Kindern nannten wir's die Hospitalkrankheit. Sie waren gesund und munter und wurden aufs beste verpflegt, und starben doch – ohne weiteren Grund.“

Ja, im Falle der Nashörner musste die Mutter nun leider erst abgetan werden, ehe man ein Kleines erreichen konnte.

Die Nashornwitwe hatte eine böse Nacht verbracht. Als sie am nächsten Morgen wieder bei ihrer Akazie erschien, war von ihrem Eheliebsten nichts mehr übrig als die Haut und die Knochen. Sie schnaubte und tobte in blinder Wut umher, die Nase am Boden, die Erde mit ihrem Horne tief aufreißend, stand wieder still und schwenkte den Kopf hin und her, Witterung nehmend, aber da war nichts mehr von dem verhassten Geruch zu spüren. Und plötzlich hängte sie den Kopf auf die kläglichen Reste ihres Lebenskameraden herab und sog den Duft seiner Haut und seines Blutes – nun war sie so traurig, dass sie auch nicht mehr schnauben konnte. Lange stand sie unbeweglich in Jammer versunken. Dann wandte sie sich schweigend und schlich in die Steppe hinaus. Nicht mehr den gewohnten Wechsel den Sümpfen zu, nein, nach der andern Seite, in die weglose Wildnis hinaus. In die rätselhafte, immer offene Ferne.

Einmal kreuzte sie eine Karawanenstraße, und als sie diese Witterung bekam, packte sie noch einmal eine furchtbare Wut: Sie tobte plötzlich wie eine Irrsinnige los, das Horn an der Erde, und pflügte den Boden mit rasenden Stößen, kehrte um und riss immer neue tiefe Furchen – ah, hätte sie nur diese Brut vertilgen können! Dann setzte sie ihren Weg fort, immer gradeaus in die schimmernde Ferne, die immer weit aufgetan und doch geheimnisvoll zu locken schien. Erst spät in der Nacht erreichte sie einen kleinen Wassertümpel, und am nächsten Tage setzte sie ihren Marsch fort.

Hier glühte die Steppe nicht mehr golden, sie war kurzgrasig und braun verbrannt. Und dann kam dürrer, offener Buschwald, da stand jetzt immer ein kahler Besen neben dem andern. Lange Stunden trabte sie rasch dahin, nur wenig Ruhe gönnte sie sich über Mittag, dann trottete sie eilig weiter, immer tiefer hinein in die Einöde, wo es keine Menschen gab. Zur Nacht erreichte sie ein undurchdringliches, weitausgedehntes Dorngestrüpp. Für sie war's nicht undurchdringlich – sie riss mit ihren Hörnern durch, sie drückte es mit ihrem Leibe auseinander, sie stampfte es mit ihren Füßen zusammen und freute sich ein klein wenig: hier drinnen wollte sie ihr Junges bergen. Kräftig arbeitete sie die halbe Nacht, dann war ihr Durst unerträglich. Sie kam aus den Dornen heraus und fand sich in schwerer, heißer, stickiger Luft – in rabenschwarzer Finsternis, in der kein Stern blinkte: Sie war im hohen Urwald. Und bald im Sumpf. Sie brach starke Äste, riss Sträucher aus und machte sich ein tiefes Loch für ihr Schlammbad. Aber mitten im Prusten und Wälzen hielt sie inne und lauschte angespannt: Nein, kein behagliches, vertrautes Grunzen antwortete ihr. Nur Affen schrien hoch oben in den Baumkronen, an den Stämmen raschelte es eilig auf und ab, ganz nahe knurrte zornig ein Leopard – dann wieder tiefe Stille, nur die Moskitos sangen. Da raffte sie sich plötzlich eilig auf und drang weiter durch dichtes Lianengestrüpp, schnaubend und erbost. Sie kam auf einen breit ausgetretenen Wechsel; Wasserböcke hasteten an ihr vorüber, die vom Flusse kamen. Die Tränkstelle war ebenfalls breit ausgetreten, das Wasser weit hinaus sehr flach; sie stand eine Weile, argwöhnisch witternd: draußen das tiefe Wasser wimmelte von Krokodilen. Aber hier konnten sie nicht so leicht heran. Sie dachte immer an ihr Kälbchen und fand alles hier gut. Sie entfloh bald wieder den tollen Insektenschwärmen und brachte den Rest der Nacht in dem Schlammloch zu, das sie sich vorhin gewühlt. Und musste immer wieder auf die vertraute Stimme horchen, die doch für immer verstummt war.

Ihre Tage brachte sie nun im Dornendickicht zu, und hier wurde in einer sturmdurchtosten Gewitternacht, unter flammendem, zuckendem Blitzfeuer und Donnerkrachen Wuili geboren, ihr Kälbchen. Was für ein Trost! Sie leckte es zärtlich und nahm es schon am nächsten Morgen mit in die Steppe hinaus, die gestern noch grau und verbrannt, heute mit zartgrünem Schimmer überflogen war. Dunkelrotbraun war Wuili und hatte schon einen Knüppel auf der Nase, zeigte von der ersten Stunde an eine erstaunliche Behändigkeit und war der Mutter immer dicht auf den Fersen. Nun kümmerte sie sich um Löwen und Leoparden! Es durfte keiner nahe kommen, sie ging wie eine tollgewordene Lokomotive sofort auf jeden los.

Es kam herrliche Zeit. Alle Tage Gewittergüsse, und dann strömte und strömte es unaufhörlich vom Himmel, so dass weite Strecken der Steppe in Seen verwandelt waren – nun war man nicht mehr an die Tränkstellen gebunden. Man konnte weit schweifen, allüberall gab's Wasser und herrliches, junges Grün, auch der dürre, offene Buschwald belaubte sich. Wochenlang waren die endlosen Weiten der Steppe grau verhangen, dann begann wieder die Sonne zu blinken, und brausendes, üppiges Leben lachte, wohin man schaute. Und Urfriede in diesem Paradies – keine Menschen.

Nashornmutter ahnte nicht, dass eine halbe Tagereise entfernt im Buschwalde am Rande der offenen Steppe der weiße Mann sein Lager aufgeschlagen hatte. Alle seine Tiere hatte er zur Küste hinunter geschickt, nur Kühe und Ziegen hatte er mit und ein einziges Pferd – sein letztes, die andern waren alle der Tsetsefliege zum Opfer gefallen.

Da ritt eines Morgens ein junger Mann vom Lager hinaus in die lachende, herrliche Steppe. Er hatte ein Zebrarudel beobachtet und wollte nur wissen: Wer ist schneller, Pferd oder Zebra? Er fand, die schönen Tigerpferde ermüdeten rasch, und nach einer Stunde Jagd wurde er inne, dass sie im großen Kreise wieder zu ihrem ursprünglichen Standort zurückgekehrt waren.

Da bemerkte er, wie unter einem einsamen, alten Affenbrotbaume ein dunkler Koloss hoch kam und flüchtig wurde – eine Nashornkuh mit ihrem Jungen! Es lief rasch, mit dem Kopf zwischen den Hinterbeinen der Mutter, aber nicht so rasch wie ein gutes Pferd – er sauste hinterdrein. Er sah, sie strebte einem entfernten Dorngestrüpp zu; wie er näher kam, nahm sie das Kälbchen vor sich und schob es mit der Nase rascher vorwärts. Als er in Schussnähe kam, drückte er ab. Aber die Waffe versagte! Trotzdem ritt er weiter – es war ihm erstaunlich, dass sie sich noch nicht gegen ihn gewandt hatte, und er fühlte sich auf seinem Renner ganz sicher. Immer näher – sie trottete und gab keinen Laut. Ganz nahe – sie deckte ihr Kälbchen und wandte sich nicht. Nun verschwand Wuili in den Dornen. Und in diesem Augenblick wandte sich die Alte schnaubend in rasender Wut gegen den Reiter. Aber das Pferd hatte schneller als sein Herr die Gefahr erkannt und stürmte schon im donnernden Galopp wieder in die Steppe hinaus. Die Alte hinterdrein, wie ein Höllenungetüm fuhr sie dahin voll kochenden Hasses – diesmal wollte sie den Feind zerreißen, zerstampfen.

Wuili. Illustration von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Wuili</b></p><p>Illustration von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Sie blieb ihm immer nah auf den Fersen, wie ein Teufelsspuk donnerte die Todesjagd über die weite Steppe. Sie näherten sich dem Lager; drüben wurde es lebendig, ein paar Leute rannten ihnen entgegen, das Pferd erreichte eine Gruppe engzusammenstehender Bäume und verschwand dahinter. Nashornmutter wollte durch die Stämme hindurch, klemmte einen Augenblick fest, stemmte und strampelte, dass die Kronen schüttelten wie im Sturmwind, dann war sie hindurch, aber im selben Augenblick traf sie eine Kugel mitten aufs Blatt, eine zweite ins Ohr – sie hatte keine Sekunde mehr übrig für die Sorge, was aus ihrem Kälbchen werden sollte.

Wuili saß still in den Dornen und wartete gehorsam Stunde um Stunde. Er hungerte und hatte schlimmen Durst, aber er rührte sich nicht. In der Nacht kroch er einmal hervor, aber als der erschütternde Löwendonner über die Steppen rollte, schlüpfte er wieder zurück. Hyänen heulten, er wusste sich keinen Rat und zitterte vor Kummer. Als die Sonne aufging, kroch er abermals hervor und schnüffelte auf der Spur seiner Alten, immer in schnurgerader Richtung dem Lager zu –

Man kam ihm schon entgegen, man beobachtete ihn von weitem, schloss einen weiten Kreis und schlich näher und näher mit Stricken in der Hand – aber die erwiesen sich als ganz unnötig. Als er in die Enge getrieben planlos hierhin und dorthin rannte, kam er plötzlich dem Pferde ganz nahe, das heute vom Herrn des Lagers geritten wurde. Und er lief dem Tier zwischen den Hinterbeinen nach und fühlte sich ein wenig geborgen, die schreckliche Angst ließ nach. Frei lief er bis ins Lager; aber hier wurde er plötzlich wütend, denn er gewann die Witterung seiner Mutter, und der Lärm und der Menschengeruch schienen ihm ganz unerträglich und unheildrohend. Aber als er fest angepflöckt war, spürte er sanfte Hände und gute Stimmen, und dann brachte man ihm eine schöne, behäbige Kuh, deren Duft ihm sehr angenehm war, und nun fühlte er plötzlich wieder seinen grässlichen Hunger und begann gierig zu trinken. Nachher wurde die Kuh wieder weggebracht, aber eine Ziege blieb dicht neben ihm angepflöckt, und er er drückte sich ihr ins Fell und schlief tief und fest nach der letzten schlaflosen Angstnacht.

Wuili. Illustration von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Wuili</b></p><p>Illustration von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Am nächsten Morgen kam der weiße Mann und tat schön mit ihm; die Ziege leckte ihn zärtlich, und er fühlte sich liebevoll behütet.

Wuili wurde mit der Zeit sehr heiter und gedieh herrlich, er und seine Ziege liebten einander innig, und als die Ziege ein Zicklein bekam, wurde das Leben immer lustiger. Sie durften frei laufen und tollten und tollten übermütig durchs Lager; Wuili spielte wie ein junger Hund und war immer zu jedem Spaß aufgelegt. Wenn er aber schlief, so legte sich ihm das Zicklein auf den Rücken, und das Nashörnchen fühlte noch im Schlafe voll Behagen seine liebe Nähe und Wärme.

Und dann bekamen die drei zwei lustige schwarze Burschen als Hüter und durften mit ihnen hinaus in die Steppe auf Weide – da suchte sich Wuili seine liebsten Kräuter. Wenn sich aber die schwarze, sternenflimmernde Tropennacht herniedersenkte, lag er angekettet und wohlbehütet im Lager und horchte manchmal träumend, manchmal voll brennender Teilnahme auf die Stimmen draußen in der weiten Wildnis. Die Schwarzen schnarchten, die Wache schürte die Feuer, der weiße Mann wanderte langsam durchs Lager, und Wuili war glückselig, wenn er bei ihm stehenblieb und ihm den Kopf tätschelte. Und der Mann freute sich unsäglich, dass der kleine Wildling so gut fortkam: er sollte nach Europa in einen großen zoologischen Garten gebracht werden, und die Ziegen sollten beide mit ihm. Der Mann horchte auf die Wildrudel, die draußen vorüberjagten, auf den donnernden Ruf des Königs, der noch Herr der Steppe war – wie lange noch? Und er strich mit sanfter Hand über Wuilis rauhe Haut und sann: Warum habe ich ihm die Eltern gemordet? Warum nehme ich ihm die Freiheit – die herrliche, wilde Steppenfreiheit?

Wissenschaft – ?

Ach, wir sind alle krank vor Sehnsucht nach der wilden Freiheit am Herzen der großen Urmutter.

Quellen:
Der getreue Eckart, 10. Jahrgang 1932/33 Band 1, Seite 411ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025