Der König der Lüfte

Von Ehrich Gaedechens – Zeichnungen von Norbertine von Breßlern-Roth

Adler! Mächtiger packt uns kein Wort aus dem Vogelreich als dieses. Vor unseren Augen steht das Hochgebirge oder das horizontweite Meer. Unsere Blicke suchen den Adler in Piccardhöhen. In unseren Gedanken lebt er als Urbild von Kraft und Einsamkeit. Es gibt keine königlicheren Silben als diese beiden – Adler.
*
Berend de Fock saß vor seinem Schreibtisch. Es war Herbst geworden. Wochen voll Wandersehnsucht lagen hinter ihm. Die große Landstraße war wieder in die Stadt gemündet, in Arbeit, Pflicht und Alltag. Scheinbar hatte sich nichts geändert. Es hingen noch immer die gleichen Bilder an der Wand. In der Mitte, im selbstgezimmerten Birkenrahmen, eine Kohlezeichnung des Heidegängers Hermann Löns, links und rechts Landschaften und Erinnerungen an heiße, glühende Freundschaften. Nur in der Mitte, eben über dem Lönsbild hing etwas Neues, eine große dunkle Feder, eine Adlerschwinge. Sie umschloss das nachhaltigste Erlebnis, das das Jahr dem jungen Schriftsteller gebracht hatte: Die Stunden unter dem Adlerhorst.

Es war nicht leicht gewesen, den Horst zu finden. Berend de Focks Freunde am Zoologischen Museum hatten ihm ein paar Tips gegeben, aber es war ungefähr so, als wenn sie ihm gesagt hätten: Im Kaukasus und in den Wäldern an der Ostsee brüten sie. Die Leser der Blätter, für die Berend de Fock arbeitete, schickten zwar von Zeit zu Zeit Berichte, dass sie einen Adler gesehen hätten, groß und hoch, und er hätte auf ihre Hühner gejagt. Das war dann der Habicht oder der Sperber. Lächeln aber muhte Berend de Fock jedesmal, wenn er mit seinem gezähmten Falken durch den öffentlichen Park am Rande der Stadt schritt, um auf den Feldern hinter dem Park zu beizen. Dann blieben die Leute verwundert stehen, staunten über den großen Vogel, der sich so frei auf der Faust tragen ließ, und es war ihm nicht nur einmal passiert, dass ein ganz Schlauer dann den Umherstehenden bedeutete: Ein Adler! So fremd war der königliche Vogel den Menschen der Stadt geworden, dass sich in ihrer Vorstellung jeder größere Vogel mit dem Begriff des Adlers deckte. Woher sollten sie ihn auch kennen, hatte er selbst doch erst zweimal oben an der Meeresküste den mächtigen Vogel gesehen, als dieser, von den norwegischen Felsklippen kommend, vor der bittersten Kälte auswich und hoch in der Luft dahinstrich, nur im zwölffachen Prismenglas als Adler kenntlich.

So war denn dieser Sommer gekommen, der ihn zu den Adlern führen sollte. Er hatte keinen anderen Anhalt, als den Namen einer Försterei, die weit ab von der Bahn ein Einsiedlerdasein führte und postalisch unter dem Namen „Faule Ort“ zu erreichen war. In der Tat, es war eine faule, morastige, unwegsame Gegend.

In den Augen des Försters Eggert flackerte es eine Sekunde wild auf, als Berend de Fock, das Prismenglas umgehängt, in die Försterei trat und geradeheraus nach den Adlern fragte. Eine Weile blieb es still. Dann trat der Grünbejoppte auf Berend zu, fest, mit durchdringendem Blick: „Sie tun ihnen doch nichts?“

Dem jungen Schriftsteller rieselte es kalt über den Rücken. Also, es war richtig, hier horsteten die Adler. Wie sollte er nun den Förster davon überzeugen, dass er ein Freund der Adler sei. Es war nur ein Stammeln, das Berend vorbringen konnte, aber nach einer halben Stunde waren die beiden einig. Berend de Fock bekam die Giebelstube, morgen früh könne er mit auf Sauen, dann würden sie beim Adlerhorst vorbeikommen, allein fände er ihn doch kaum. Selten hat Berend de Fock in einer Nacht so wenig geschlafen wie in dieser. Immer wieder hämmerten seine Schläfen: Morgen früh – Adler.

Der König der Lüfte. Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Der König der Lüfte</b></p><p>Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Förster Eggert brauchte nicht lange auf seinen Beigänger zu warten. Kurz nach dem Klopfen hörte er ihn in den schweren Kniestiefeln die Stiege herunterstapfen. Eine Viertelstunde später – nur hastig hatte Berend de Fock die Tasse heißen Kaffees heruntergeschlürft – schritten die beiden in den Nebelmorgen hinein zum Teufelsbruch.

Der Teufelsbruch lag hinter der Dorfkoppel, auf der tagsüber Schorch, der Gemeindehirt, die Kühe weidete. Eine Misteldrossel flötete, in den Schilfrändern, rund um den Redderang, riefen dumpf und hohl zwei, drei Rohrdommeln. Aus dem Bruch aber zitterte ihnen das Kullern der Birkhähne entgegen. Was für eine Gegend war das! Von Zeit zu Zeit nahm Förster Eggert den jungen Berend de Fock sacht beim Joppenzipfel: Langsamer, lieber Freund.

Der hatte gut reden. Der kannte die Adler jahraus, jahrein. Er aber sollte sie zum erstenmal sehen. Über eine halbe Stunde stapften sie durch das nasse Gras am Bruch entlang. Die Sonne war blutrot durch den Nebel gebrochen, eine schwarze Wand stand vor ihnen, der Kiefernwald, die Adlerheimat.

Langsam schritten sie durch das Holz, kletterten kreuz und quer über Baumstämme, die hier vom letzten, vorletzten Sturm vermoderten, suchten sich einen Weg durch den Erlensumpf, der die Talsohle bildete, bis sie am Rande einer Waldlichtung vor einer alten, knorrigen Kiefer standen, die in zehn Meter Höhe von einem Eisenring umklammert war, der nach allen Seiten hin lange spitze Zinken streckte, zum Schutze gegen etwaige Nestplünderer, denn in der Krone der Kiefer lag der Adlerhorst. Astenden, dick wie ein Kinderarm, hatten die Vögel herangeschleppt, fast zwei Meter maß der Horst im Durchmesser. Kahl und schwarz ragten die abgestorbenen Hornzacken in die Luft.

Der König der Lüfte. Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Der König der Lüfte</b></p><p>Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Zwei Wochen lang blieb Berend de Fock in der Försterei „Faule Ort“. Zwei Wochen lang wunderte sich Förster Eggert über den seltsamen Gast, der jeden Morgen vor Tagwerden aufstand und erst gegen Mittag von seiner Streife durch Bruch und Wald heimkehrte. Zwei Wochen lang ärgerte sich im stillen Annemarie, des Försters Zwanzigjährige, dass dieser Jungkerl aus der Stadt für sie nie mehr über hatte, als einen freundlichen Gruß.

Berend de Fock sah die Adler zum erstenmal, als sie hoch in der Luft, fast schien es, über den Wolken, ruhigen Flugs ihre Kreise zogen. Sie senkten sich so tief zu ihm hinab, dass er ihre hellen Rufe hören konnte. Als sie ihn sahen, zogen sie ab. Nach einer Stunde waren sie noch nicht zurück, auch nach zwei noch nicht. Da baute Berend de Fock sich überall, wo er die Adler beobachten wollte, an der Waldlichtung gegenüber vom Horst, am Rand des Redderang, wo sie auf Fische jagten, im Teufelsbruch, über dem sie ihre weiten Kreise zogen, überall da baute er sich einen Stand, rammte vier Pfähle in den Boden, verkleidete sie durch Zweige. Stundenlang hockte er in diesen Beobachtungsständen, sah, wie die Adler kamen, sich senkten, über dem See kreisten, plötzlich ins Wasser schossen, dass es laut und hoch aufspritzte, und dass es für Sekunden schien, als seien die Vögel im Wasser versunken. Manchmal zogen sie dann mit Beute heim, oft auch war es ein Fehlstoß. Oder Berend de Fock sah, wie der Bussard, dieser kleine, schwächliche Geselle im Vergleich zum Adler, sich mit diesem anlegte, wie sie sich in der Luft hackten und zwackten, bis der Adler nachgab und darauf verzichtete, über dem Brutrevier des Bussards seine Kreise zu ziehen.

Der König der Lüfte. Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Der König der Lüfte</b></p><p>Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Im Horst hockten zwei Junge. Die verkörperten die Ruhe selbst. Unbeweglich standen sie, stundenlang, mit dem Blick in die Ferne, aus der die Alten meistens kamen, fraßbringend. Selten schön das Bild, wenn eines der alten Tiere in scharfer Fahrt heranbrauste, mit einem Junghasen in den Fängen, den es auf dem Boden zerlegte und dessen zarteste Teile es dann zum Horst hinauftrug. Während die Jungen gierig an den Fleischfetzen rissen, saß das Alte auf einem der toten Äste, bis die Jungen, unersättlich, von neuem nach Futter lahnend, es wieder aufbrechen ließen. Weit klafterten die Flügel.

Der König der Lüfte. Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Der König der Lüfte</b></p><p>Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Das alles zog an Berend de Fock vorüber, als er vor seinem Schreibtisch saß und sein Blick die lange dunkle Feder liebkoste, die er eines Morgens unter dem Adlerhorst gefunden hatte, die er nun wie ein Heiligtum bewahrte. Sie war ihm Erinnerung an jene seltenen Vögel, die auf dem Aussterbeetat Europas stehen. Wohl gibt es keinen zoologischen Garten, in dem nicht einige gekäfigte Adler kläglich auf imitierten Felsklippen hocken, aber in der freien Natur gibt es nur noch wenige Stellen, wo, gehegt und verheimlicht von sorgenden Försterherzen, der König der Lüfte sein freies Dasein führt.

Quellen:
Der getreue Eckart, 10. Jahrgang 1932/33, Band 1, Seite 47ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025