Die Malerin Norbertine Breßlern-Roth

Von Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven

Das Startfoto zeigt ein Doppelbildnis der Künstlerin und ihres Gatten, umschrieben mit „Norbertine und Georg Ritter von Bresslern und Sternau“.

Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven hat für den getreuen Eckart zwei Fachartikel zur Malerin Breßlern-Roth verfasst: Eine umfangreiche Biografie mit dem Titel „Die Malerin Norbertine Breßlern Roth“ (10. Jahrgang 1932/33 Band 1) und einen speziellen Beitrag zu ihren Bildnisminiaturen (14. Jahrgang 1936/37 Band 2). Sie sind in der Folge wiedergegeben. Ein weiterer aus dem getreuen Eckart (3. Jahrgang 1927 2. Heft) stammender Beitrag zu Breßlern-Roth von Dr. Alphons Poller beschäftigt sich vor allem mit ihren Linolschnitten.

Die Malerin Norbertine Breßlern-Roth

In der Vielzahl der Länder, die zum bunten Mosaik der neueren österreichischen Kunst einen charakteristischen und dauerwertigen Beitrag geliefert haben, steht die grüne Steiermark nicht an letzter Stelle. Sie hat uns in diesem Jahrhundert eine Reihe bedeutsamer Meister geschenkt. Ihnen gesellt sich in unseren Tagen nun auch noch eine Frau hinzu: die Tiermalerin und Graphikerin Norbertine Breßlern-Roth, deren rascher und erfolgreicher Aufstieg zu den bemerkenswertesten und erfreulichsten Tatsachen unseres Kunstlebens gehört. Sie zählt zu jenen ungewöhnlichen Frauen, denen die Natur durch einen starken maskulinen Einschlag Kräfte verliehen hat, die sonst nur dem Manne eigen sind, wie zum Beispiel die Fähigkeit zu selbständigem künstlerischen Gestalten. Und in der Tat beweist auch die Geschichte ihres Lebens, dass sie von früher Jugend an nichts anderes gekannt hat, als harte, ernste, entsagungsvolle Arbeit. Norbertine Breßlern-Roth hat nie eine andere Pflicht vor sich gesehen, als die, ihr künstlerisches Talent zur vollen Entfaltung zu bringen, und dieser Pflicht nach ihrer Vermählung sogar noch mit erhöhtem Eifer nachgelebt. Diesem rastlosen Streben, dieser unerbittlichen Selbstzucht ist es denn auch zuzuschreiben, wenn unsere Künstlerin gegenwärtig auf einer Höhe angelangt ist, die nicht viele ihrer männlichen Kollegen in gleichem Alter erreicht haben, weshalb Werke ihrer Hand auch außerhalb Österreichs, bis England und Australien die verdiente Schätzung fanden.

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Fernes Land © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Fernes Land</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Norbertine Breßlern-Roth (am 13. November 1891 in Graz geboren) fand schon als Kind die größte Freude am Zeichnen und Malen und wurde darum von Schuldirektor Reichelt an den Leiter der Steiermärkischen Kunstschule Graz-Kroisbach Professor Alfred von Schrötter empfohlen, der sie, trotz ihrer zehn Jahre in den Abendaktkurs aufnahm und durch neun Jahre kostenlos unterrichtete. 1911 kam sie durch Vermittlung Schrötters nach Wien, um sich beim Radierer Professor Ferdinand Schmutzer zur Graphikerin auszubilden. Norbertine Roth besuchte zunächst durch ein Jahr die Schmutzersche Damenschule und erhielt sodann die Erlaubnis, im Akademieatelier Schmutzers zu arbeiten, wo sie einen in Guasch gemalten Märchenfries ausführte, mit dem sie in der Frühjahrsausstellung der Secession im März 1914 erfolgreich vor die Wiener Öffentlichkeit trat.

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Das Ende © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Das Ende</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

1916 kehrte Norbertine Roth nach Graz zurück und verehelichte sich drei Jahre darauf, wobei sie als Künstlernamen die Zusammensetzung „Norbertine von Breßlern-Roth" annahm. Für ihre Karriere von größter Bedeutung war der Umstand, dass sie sich frühzeitig ein Spezialgebiet erwählte, das von allen lokalen und nationalen Bindungen unabhängig ist und überall auf stärkstes Interesse und Verständnis rechnen kann: die Tierzeichnung. Schon während ihrer Grazer Studienzeit hatte sie – anno 1910 – einen Sommer dem Tiermalen bei Professor Hans von Hayek in Dachau gewidmet; nach ihrer Rückkehr aus Wien verlegte sie sich nahezu ausschließlich auf dieses Fach und brachte es durch unermüdliches Studium des bewegten Tierkörpers nach wenigen Jahren zu einer solchen Meisterschaft, dass kein Geringerer als Brangwyn kürzlich erklärte, er halte sie für die größte Tiermalerin der Gegenwart.

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Fischzug © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Fischzug</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Es gibt kaum eine Tiergattung, die Norbertine Breßlern-Roth auf ihren Reisen durch die zoologischen Gärten Europas und auf ihrer nordafrikanischen Fahrt im Jahre 1928 nicht in ihren Skizzenbüchern festgehalten hätte. Was sie wiederzugeben sucht, ist nicht so sehr das Äußere des Tierleibes, das Stoffliche eines Felles, einer Schuppenhaut oder eines Gefieders, sondern das Tierleben in allen seinen Erscheinungsformen, vor allem der so verschiedenartige Rhythmus in der Bewegung des Einzeltieres und ganzer Tiergruppen. Unzähligen Beobachtungen verdankt Norbertine Breßlern-Roth ihre profunde Kenntnis der Soziologie und Psychologie einheimischer und exotischer Tiere, die in Hunderten von Zeichnungen, Pastellen, Aquarellen, Ölgemälden und Linolschnitten ihren farbigen Niederschlag gefunden hat. Nahezu alle Tiergattungen sind da vertreten.

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Löwen im Kraal © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Löwen im Kraal</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Seit 1920 wandte Frau Breßlern der Graphik erhöhte Aufmerksamkeit zu und bevorzugte dabei, da sie auf koloristische Wirkungen nicht verzichten wollte, den Farbenholz-und Linolschnitt. Technische Gründe nötigten hier zu starker Vereinfachung, Hinweglassung überflüssiger Details und einer vorwiegend dekorativen Behandlung von Linie und Form, lauter Dinge, die der großzügigen, auf das Ganze gehenden Auffassung unserer Künstlerin von vorneherein sehr zusagten. So fand sie sich aus diesem ihr bisher fremden Felde rasch zurecht, und es entstand eine ganze Anzahl vorzüglicher Farbschnitte, denen sich die Kupferstichkabinette auf dem Kontinent und jenseits des Kanals gerne öffneten. Faktisch lind seit L. H. Jungnickels genialen Tierholzschnitten kaum wieder so brillante Blätter erschienen wie Norbertine Breßlern-Roths „Paviane”, „Tiger an der Tränke”, „Kampf” (Tintenfisch und Languste) und „Überfall” (Leopard und Gazellen). Zahlreiche derartige Arbeiten sind im 3. Jahrgang dieser Zeitschrift, Heft 2, abgebildet. Sie waren für die weitere Entwicklung der Künstlerin um so wichtiger, als auch ihr malerischer Stil dadurch eine wesentliche Läuterung und Vervollkommnung erfuhr. Auch in ihren Gemälden reifte nun der Sinn für die schmuckhafte Auswertung der Fläche, für die einfache und große Form und eine nicht zu üppige Palette, daneben aber wuchs auch das Streben nach stärkster Dramatik der Darstellung. Dazu bietet aber gerade das Tierbild hinlänglich Gelegenheit, denn wo tobt sich der Kampf ums Dasein rücksichtsloser aus, wird das Recht des Stärkeren gewaltsamer geübt, als eben im Tierreich? So führt uns denn Norbertine Breßlern-Roth in ihren großen Kompositionen mit meisterlichem Pinsel, sei es die entfesselte animalische Kraft, sei es das anmutige Spiel lebhaft bewegter Tiergestalten vor, ja hie und da wagt sie auch einen Ausflug ins Reich der Tierphantastik. Nicht zu vergessen sei das ergreifende Wüstenbild „Dürre" (verdurstende Tiere im Kampf mit der grausamen Natur).

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Dürre © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Dürre</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Tanz der Frauen © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Tanz der Frauen</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Ist mit dem Interesse am Tier, wird man an dieser Stelle vielleicht fragen, die künstlerische Anteilnahme unserer Malerin an den Dingen der sichtbaren Welt erschöpft? Hat sie für die Menschendarstellung gar nichts übrig? Die Antwort auf diese Frage findet man in den im vorliegenden Heft reproduzierten Bildern. Es sind zumeist Arbeiten aus den letzten Jahren und runden die bisherige Leistung Frau Breßlerns in harmonischester Weise ab. Es hat den Anschein, als ob die 1928 unternommene Reise nach Tripolis für ihre Kunst von entscheidender Bedeutung geworden wäre, denn erst in der elf große Ölgemälde umfassenden „Tripoliskollektion" (vier Bilder erschienen im 4. Heft des 6. Jahrganges des „Getreuen Eckart") offenbart sich der ganz besondere Reichtum ihrer Begabung. In seltenem Maße vereinigt sich in diesen ungemein wirksamen, vor der Sonne Afrikas durchglühten Kompositionen ein effektvoller Bildaufbau mit einem gesunden Farbenempfinden und dekorativem Geschmack. Es sind typisch österreichische Eigenschaften, die hier als Vorzüge und nicht als Schwächen zur Geltung kommen. 1931 wird der „Vogeljäger" und das „Ferne Land", 1932 „Tanz der Männer" und „Tanz der Frauen" vollendet. Es ist ein Schwelgen in schönen Farben, Formen und Rhythmen, bald auf idyllische Ruhe, bald auf leidenschaftliche Bewegung abgestimmt. Es wären die gegebenen Vorwürfe für moderne Gobelins, und es ist eine schwere Unterlassungssünde, dass man noch kein Gemälde Frau Breßlerns als Karton für eine Tapisserie benützt hat. Nicht minder geeignet wären derartige Entwürfe zum Schmucke von Festräumen. Hoffen wir also, dass man Frau Breßlern auch einmal die Möglichkeit gibt, sich als Freskomalerin zu betätigen. Auch als Illustratorin ist sie bereits einige Male mit großem Erfolg hervorgetreten. In der Deutschen Frauenkunst-Ausstellung 1925 sowie in der Weihnachtsschau des Wiener Künstlerhauses 1926 lernten wir die Künstlerin überdies als Miniaturmalerin kennen, die auf Elfenbein hauchzarte Bildnisse pinselt.

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Der Vogeljäger © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Der Vogeljäger</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Das alte Wort „Nemo propheta in patria" hat glücklicherweise auf Frau Breßlern keine Anwendung. Schon 1906, als sie zum erstenmal in ihrer Vaterstadt Graz ausstellte, erhielt sie die silberne Medaille der Stadt Graz, 1922 die goldene, 1925 verlieh ihr das Bundesministerium für Unterricht den Staatspreis. Die Grazer Landesgalerie besitzt ihr Gemälde „Das Käthchen von Heilbronn" und drei Tierstudien, das Kupferstichkabinett am Joanneum ihr gesamtes graphisches Werk, von dem sich einzelnes auch in der Wiener Albertina, im Victoria and Albertmuseum zu London und in den Museen zu Hobart und Dunedin (Australien) befindet. Wir zweifeln nicht daran, dass die originelle und lebensvolle Kunst unserer Landsmännin sich auch fernerhin in aller Welt zahlreiche Freunde und Bewunderer erwerben wird.

Malerei von Norbertine Breßlern-Roth. Tanz der Männer © Archiv 1133.at
<p><b>Malerei von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Tanz der Männer</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Bildnisminiaturen von Norbertine Breßlern-Roth

Die Porträtisten haben es heutzutage nicht leicht, denn die Zahl der Menschen, die noch in der Lage sind, sich oder einen ihrer Angehörigen in einem Ölgemälde verewigen zu lassen, ist keine allzu große und selbst diese verringert sich noch durch die Schwierigkeiten, die allein schon die Wahl des Malers bereitet. Muss sich doch der Auftraggeber in der Regel erst fragen: „Soll ich mich an einen Maler wenden, der ein absolut ‚ähnliches‘ Bild, aber vielleicht kein ‚Kunstwerk‘ schaffen wird, oder an einen Künstler, dessen Können mir ein erstrangiges Gemälde verbürgt, bei dem aber die ‚Ähnlichkeit‘ nicht das Wesentliche ist?“ Das Ideal wäre natürlich die Vereinigung dieser beiden für ein Porträt so wichtigen Momente, allein da dies nicht so leicht zu finden ist, so entzieht man sich diesem Dilemma häufig durch den in jeder Hinsicht billigen Ausweg: „Lieber eine gute Photographie als ein schlechtes Bild“ und geht zum Photographen, der um einen geringen Betrag sogar einen kleinen Film dreht, aus dem man sich dann unter zwei Dutzend Aufnahmen die gelungenste heraussuchen kann. Es ist aber klar, dass eine Photographie auch bei größter technischer Vollkommenheit ein von Künstlerhand geschaffenes Bildnis nicht ersetzen kann. Denn abgesehen von der Farbe, deren Wiedergabe beim gegenwärtigen Stande der Farbenphotographie noch eine ganz unzulängliche ist, kann das Lichtbild doch nur die äußere Erscheinung eines Menschen festhalten, während das von Künstlerhand gemalte Bildnis eine Synthese des äußeren und inneren Wesens des Porträtierten darstellt, welcher der Maler durch Auffassung, Zeichnung oder Farbengebung noch ein Stück seiner eigenen geistigen Persönlichkeit hinzufügt.

Es gibt jedoch eine Form des Porträts, die an den Besteller wie an den Ausführenden verhältnismäßig weniger Ansprüche stellt als das lebensgroße Gemälde, und das ist die Bildnisminiatur. Der Kreis der Maler, der sie gegenwärtig pflegt, ist ein relativ enger, so dass die Wahl des Künstlers nicht allzu schwer fällt, zudem ist die Bildnisminiatur auch weniger kostspielig und nimmt, was bei unseren jetzigen Wohnverhältnissen gleichfalls ins Gewicht fällt, einen nur sehr bescheidenen Raum ein. Man kann sie an eine schmale Wand oder unter einen Spiegel hängen oder in eine Vitrine legen, wo sie sich leicht zwischen allerlei alten Familienandenken, Gläsern oder Porzellangegenständen einreihen lässt. Durch ihr kleines Format ausschließlich zur Betrachtung aus größter Nähe bestimmt, haftet ihr der Reiz des Intimen an und es werden daher meist Anlässe familiären Charakters sein, die zur Entstehung solch eines Miniaturgemäldes führen. Verlobung oder Hochzeit, das Heranwachsen des Kindes oder ein Familienjubiläum rufen den Wunsch hervor, die Züge der Braut oder der jungen Gattin, ein Kindergesichtchen ober das Elternpaar en miniature zu besitzen oder sein eigenes Konterfei einem nahen Verwandten zu widmen. An jedem dieser Bildchen haftet irgendeine liebe Erinnerung und darum müssen sie auch mit liebevoller Sorgfalt gemalt werden.

Die Bildnisminiatur ist eine jüngere Tochter der Buchminiatur, die neben der Freskomalerei das ganze Mittelalter hindurch das Hauptbetätigungsfeld der abendländischen Malerei bildete. Ja für die islamische, persische und indische Kunst blieb die Miniatur sogar die einzige Ausdrucksform der Malerei. In Europa freilich wurde die Buchminiatur seit dem 14. Jahrhundert durch das Aufkommen des Tafelbildes mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und die Erfindung der Buchdruckerkunst, die an die Stelle des handgeschriebenen Kodex den gedruckten Band und an Stelle der gemalten Buchillustration den Holzschnitt setzte, ließ sie um 1500 fast völlig verschwinden. Sie fand aber noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in der auf den gleichen technischen Grundlagen beruhenden Bildnisminiatur eine ihrer würdige Fortsetzung und kein Geringerer als Hans Holbein d.J. kann als der eigentliche Begründer dieses reizvollen Kunstzweiges betrachtet werden. Seine zumeist für England gemalten Miniaturen ließen dann im 17. Jahrhundert auf englischem Boden eine Reihe talentvoller Nachahmer erstehen, deren Nachfolger im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts gleich ihren französischen Kollegen Weltruf erlangten. Als der Engländer Th(omas). Lawrence und der Franzose J(ean). B(aptiste). Isabey anlässlich des Wiener Kongresses nach Österreich kamen, um einige der hier versammelten Fürstlichkeiten und Diplomaten zu porträtieren, wurden sie die Lehrmeister der Wiener Maler, von denen damals bloß H(einrich). Fr(iedrich). Füger bereits ein anerkannter Miniaturist war. Dank der glänzenden Leistungen eines M(oritz). M(ichael). Daffinger, Fr(iedrich). Lieder, R(obert). Theer, K(arl). v. Saar(Josef) Zumsande und J(osef). Kriehuber erreichte bald auch die österreichische Bildnisminiatur eine außerordentliche Blüte, doch überdauerte sie kaum die Jahrhundertmitte, da ihr schon in den fünfziger Jahren in der Photographie eine verhängnisvolle Konkurrenz erwuchs. Es mussten erst wieder zwei Menschenalter verstreichen, ehe die fast vergessene Technik der Miniaturmalerei zu neuem Leben erwachen konnte. In Wien hat sich um ihre Wiederbelebung namentlich Rudolf Sternad verdient gemacht, dessen geschmackvolle Arbeiten Günther Harum in einem in der Reihe der Eckart-Kunstbücher erschienenen Aufsatze würdigte. Dass nun auch Graz in der bekannten Malerin Norbertine von Breßlern-Roth über eine hervorragende Miniaturistin verfügt, beweisen die diesen Zeilen beigegebenen Abbildungen von Kleinporträts der Künstlerin, von welchen das kreisrunde Doppelbildnis mit ihrem eigenen Porträt und dem ihres Gatten (siehe Startbild dieser Beiträge) wohl am meisten Interesse beanspruchen darf. Nicht minder gelungen erscheinen die Bilder ihrer Mutter sowie der Malerin Martha Elisabeth Fossel (ein Aufsatz über diese Künstlerin von Else Brezina ist im 5. Heft des 8. Jahrganges enthalten), doch lassen auch die übrigen Arbeiten die ungewöhnliche Treffsicherheit und Feinheit in der Behandlung der Einzelheiten erkennen. Wenn man dem gegenüber die großzügige Art ins Auge fasst, mit der Frau von Breßlern ihre Figuren- und Tierbilder komponiert, so staunt man fast über die entsagungsvolle Mühe, die sie an diese Kleinbilder wendet. Allein wer ihre mit unendlicher Gewissenhaftigkeit angefertigten Naturstudien kennt, wer sie tagelang vor den Käfigen der Schönbrunner Menagerie sitzen gesehen hat, um irgendeine seltene Tiergattung in Farbe und Bewegung möglichst naturgetreu zu skizzieren, den wird es keineswegs wundernehmen, dass sie auch das Menschenantlitz mit derselben Ehrfurcht vor der naturgegebenen Form und derselben nimmermüden Geduld zu erfassen bemüht ist und es ihr infolgedessen auch auf dem Nebengebiete der Bildnisminiatur als einer wahrhaft begnadeten Künstlerin stets gelingt, auch im Kleinen groß zu sein!

Bildnisminiaturen von Norbertine Breßlern-Roth. Links ein Frauenbildnis und rechts die Graphikerin Martha Elisabeth Fossel © Archiv 1133.at
<p><b>Bildnisminiaturen von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Links ein Frauenbildnis und rechts die Graphikerin Martha Elisabeth Fossel</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
Bildnisminiaturen von Norbertine Breßlern-Roth. Links ein Frauenbildnis und rechts das Bildnis einer alten Frau © Archiv 1133.at
<p><b>Bildnisminiaturen von Norbertine Breßlern-Roth</b></p><p>Links ein Frauenbildnis und rechts das Bildnis einer alten Frau</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

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Am Ende dieses Beitrages noch Gunther Martins Gedanken zur Künstlerin Breßlern-Roth aus Hietzinger Sicht, er hat sie in einer kurzen Glosse verewigt:

Norbertine Bresslern-Roth (1891–1978) in der Lainzer Straße 14. Als begabte Tiermalerin die erste Frau an der Wiener Kunstakademie. Die anregenden Tierparkbesuche führten sie auch nach Schönbrunn mit zeitweisem Aufenthalt im kleinen Herrschaftshaus in der Lainzer Straße.

Blick aus dem Atelier in der Lainzer Straße 14. Gemälde von Norbertine Breßlern-Roth aus dem Jahr 1916. Ihr Interessen an Tierstudien führte sie auch nach Schönbrunn mit zeitweisem Aufenthalt im kleinen Herrschaftshaus in der Lainzer Straße 14.
<p><b>Blick aus dem Atelier in der Lainzer Straße 14</b></p><p>Gemälde von Norbertine Breßlern-Roth aus dem Jahr 1916. Ihr Interessen an Tierstudien führte sie auch nach Schönbrunn mit zeitweisem Aufenthalt im kleinen Herrschaftshaus in der Lainzer Straße 14. </p>

Beispiele von Geschichten mit Illustrationen von Norbertine Breßlern-Roth:

Quellen:
Der getreue Eckart, 10. Jahrgang 1932/33, Band 1 Seite 249ff und 14. Jahrgang 1936/37, Band 2 Seite 767ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025