Mit der Stadt aufs Land
Die Anfänge der Sommerfrische in den Wiener Vororten
Der „Müßiggang“ blieb zwar noch lange ein Privileg des Adels, aber Überlegungen wie jene Friedrich Schlegels, dass das Recht des Müßigganges Vornehme und Gemeine unterscheide, spornten das aufstrebende Bürgertum zur Nachahmung an. Damit zusammenhängend ist der aufkommende Begriff der Freizeit.
Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts kam nun das Bestreben auf, „den Sommer auf das Land zu ziehen“. Gefördert wurde diese Tendenz durch den Staub, den Lärm, den Gestank und die Enge in der Stadt und begünstigt wurde diese Tendenz durch die wachsende Mobilität. Verfügte man über kein eigenes Fahrzeug, standen Fiaker und Stadtlohnwagen zur Miete bereit. Für weitere Distanzen und Ausflüge in die Vororte konnte man an der Stadtgrenze den Zeiselwagen (ein einfacher Leiterwagen für mehrere Personen) besteigen.
Der Wienerische Bürgeralmanach von 1789 empfahl für Spaziergänge neben dem Prater und diversen Gärten auch jene von Schönbrunn. Ein wichtiger Aspekt für diese Spaziergänge war es jedoch, sich zu zeigen, gesehen zu werden und andere zu beobachten. Der Trend für die immer beliebteren Landpartien ging dann von den stadtnäheren flachen Gebieten zu den hügeligen Gegenden im Westen, wobei der Wienerwald zu den besten Möglichkeiten zur Unterhaltung und Erholung gezählt wurde.
Die Attraktionen, mit denen 1797 die „Lustorte“ um Wien beworben wurden, waren vielfältig; sie umfassten gesellschaftliche Aspekte (Sommeraufenthalt des Kaisers, Haus des Hofjuweliers), gesundheitliche (gesunde Luft, schattige Wege, Gesundenbrunnen, Bäder), soziale und wirtschaftliche (Papiermühle, Fabriken, Kasernen, Siechenhäuser), landschaftsästhetische (prächtige Aussichten, angenehme Lage, Schlösser mit englischen Gartenanlagen), kulinarische (Wein, Bier, Wirtshäuser) und religiöse (Wallfahrten, Kirchen, Klöster) ...
Die zwischen 1797 und 1812 einsetzenden Beschreibungen der „Wiener Umgebungen“ mögen dem einen Ort genützt, dem anderen geschadet, zumindest aber zur Verbreitung der Modeströmungen beigetragen haben. Das Interesse an ihnen war jedenfalls groß. 1803 gab Gaheis (Gaheis, Franz Anton de Paula: Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien, 9 Bände von 1797–1812) die Zahl seiner verkauften Heftchen über die „Wanderungen und Spazierfahrten um Wien“ bereits mit 20.000 Stück an. In Zusammenhang mit seinen Büchern entstanden auch Karten der Wiener Umgebung. Weitere nicht nur bei Fremden, sondern auch Wienern beliebte Beschreibungen waren jene von Pezzl (Pezzl, Johann: Skizze von Wien. Wien/Leipzig 1787–1790) und Weidmann (Weidmann, Franz Carl: Wien's Umgebungen. Historisch-malerisch geschildert. Wien, ca. 1823–27).
Die Beliebtheit Hietzings als Ziel der frühen Sommerfrischen lag natürlich auch der Anwesenheit des Hofes in Schönbrunn. Der Radius vergrößerte sich bis in die 1830er-Jahre auf Unter St. Veit, Sommerfrischen in Lainz und Mauer waren aber auch dann noch völlig unbedeutend geblieben. Schmidl (Schmidl, Adolf: Wien's Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise, Wien 1835-39) bezeichnete 1835 die Lage von Lainz als gesund, aber ohne malerische Reize, dafür vollkommen ländlich, „was in solcher Nähe der Residenz auch etwas gilt, und daher dem Ort manche Bewohner über Sommer verschafft“. Schmidl war auch erstaunt darüber, dass sich in Hacking mit seiner schönen Hanglage nicht mehr reiche Wiener angesiedelt haben. Doch 20 Jahre später zählte auch Lainz zu den beliebten Sommerfrischen.
Die Nutznießer der Landaufenthalte waren in den bürgerlichen Kreisen vor allem die Frauen und Kinder: Die Väter schickten sie als Zeichen ihrer konsolidierten Vermögensverhältnisse aufs Land. Die Saison für Sommeraufenthalte reichte von Mai bis September.
Bei längeren Aufenthalten in der Sommerfrische wurde die Stadtwohnung geschlossen und möglichst viel an Personal und Hausrat übersiedelt. Der Umfang des mitgenommenen Inventars war auch ein Maß für die Vornehmheit. „Die Natur spielt dem Menschen Mineralien, Pflanzen u.s.w. in die Hand, und macht sie aufmerksam auf die Schönheit und unbegreifliche Weisheit ihrer Werke – sie flößt ihnen unvermerkt Geschmack an ländlichen Unterhaltungen ein, wer nur immer kann, bringt den Sommer auf dem Lande zu; noch nimmt man freilich die Stadt mit hinaus, aber ich hoffe die Zeit zu erleben, wo man diese mehr und mehr zurücklassen, und den einfachen Freuden mehr Geschmack abgewinnen wird.“ (Neuestes Sittengemälde von Wien 1801)
Das „Glück“ mancher Sommerfrische-Orte, die zu jenen der „ersten Stunde“ zählten, wie zum Beispiel, Hernals, Dornbach, Währing oder Penzing, war jedoch von beschränkter Dauer. Auch das Gewerbe und die Fabriken wanderten dorthin und die Sommergäste wanderten ab. Andere Orte wie Hietzing profitierten davon.
Aus den Beschreibungen geht auch eine Rivalität zwischen einzelnen Sommerfrischen hervor. Während sich in Döbling laut Schmidl die Mittelklasse niederließ, blieb Hietzing der Mittelpunkt der eleganten Welt. Dafür fiel in Döbling der Zwang der Etikette weg. Statt der kostbaren orientalischen Sommerstoffe sah man in Döbling noch „leichte Leinwandkleider und runde Strohhüte“ (Schmidl). Weidmann bezeichnet Hietzing als das „Tusculum der galanten Wiener“ und schätzte die Zahl der Sommergäste auf über Tausend bei 160 Häusern, bei Schmidl galt Hietzing, als der am meisten besuchte, „fashionable Landaufenthalt der Wiener“.
Allerdings war mit dieser Beliebtheit auch der Verlust des ländlichen Aussehens verbunden und die Dörfer wurden oft mit kleinen Städten verglichen. Zu Hietzing schilderte Pezzl 1807 unter anderem: „Das Dorf gleicht mehr einer kleinen schön gebauten Stadt und vergrößert sich immer mehr. Die meisten Häuser sind nach dem neuesten Geschmack gebaut und eingerichtet, gehören meistens Leuten aus der Stadt, welche im Sommer hier wohnen und sich in schönen Sommertagen in den dabeiliegenden schönen Gärtchen unterhalten; zur warmen Jahreszeit kommen Freunde und Bekannte, die Besitzer von Sommerwohnungen besuchen. Zimmer sind bei den Einheimischen des Dorfes zu mieten. Man findet alles, was zur Bequemlichkeit und Notdurft des Lebens gehört.“ Weidmann: „Wie aber alles auf der Welt seine zwei Ansichten hat, so ist eben diese Verbindung des Städtischen mit dem Ländlichen, welche in Döbling ebenso, aber noch mehr in Baden und Hietzing statt findet, einer großen Anzahl von Menschen eben darum wieder doppelt anziehend.“
Mit dieser Transformation kommt aber auch das Motiv der Geldanlage zur Geltung. Eipeldauer schrieb schon 1802 über Hietzing: „Aus dem Dorf wolln sie jetzt eine Stadt machen. Es sind 90 neue Häuser dort ausgsteckt, und die werden alle auf Spekulation baut.“ Auch Schmidl bezeichnete Hietzing als Spekulations- und Goldmacherdorf.
Was Lage und Preis betrifft, so gab es große Unterschiede bei Unterkünften und Verpflegung. Von kleinen und sehr einfachen ländlichen Quartieren in Handwerks- und Bauernhäusern bis zum Kauf oder der Errichtung eigener Sommerhäuser spannte sich der Bogen. Ab der Mitte der 1780er-Jahre häuften sich annoncierte Mietwohnungen in der Wiener Zeitung: Angepriesen wurden dabei um 1800 neben der angenehmsten und gesündesten Gegend, wo sich „Erquickung, Vergnügung und Gemächlichkeit“ vereinten, Häuser mit Stallungen und Keller, einzelne Zimmer, große für Herrschaften oder kleine für Familien oder einzelne Personen. Die Vermietung konnte tageweise, monatsweise oder über den Sommer erfolgen. Man bot Gärten zum Spaziergehen, Obstgärten im englischen Geschmack, Aussicht ohne Staub, Fischwasser, Kuh- und Ziegenmilch für kurbedürftige Personen, allenfalls auch Kost, Pumpbrunnen mit gutem Wasser, beständige Gelegenheit, nach Wien zu fahren, darüber hinaus Möblierung mit Billard, Klavier, Spiegeln und Lustern sowie „sportliche“ Betätigungsmöglichkeiten wie Voltigierpferd, Floretts, Rapiere, Kegelstätten und andere Spiele; Interessenten konnten sich meist an Kontaktadressen in der Stadt wenden.
Der Preis der Mietwohnungen richtete sich nach der Bequemlichkeit, der Größe und der Einrichtung der Wohnung, vor allem aber nach der Lage. Am gefragtesten und teuersten waren die Wohnungen im ersten Stock mit Sicht auf die Straße! Wichtig war, dass „hier alles vorüber musste, was in das Tal hinaus ging“ (Caroline Pichler).
Im Laufe der Jahre ließ sich ein Wandel bei den Ansprüchen feststellen. Einfache Ausstattungen, die früher niemanden störten, fanden später keinen Mieter mehr, zumindest nicht aus der gehobenen Gesellschaft. Die Zimmer- und Wohnungspreise um 1800 spiegelten die Beliebtheitsskala der Vororte wider: Penzing und Hietzing führten die Liste an, gefolgt von Dornbach und Währing. Die Preisspanne reichte dabei von 50-700fl. Die Wohnungen im ersten Stock kosteten doppelt soviel wie jene im Parterre. Spitzenreiter um 1835 war Hietzing. Bedeutend billigere Unterkünfte fanden sich in St. Veit.
Bevorzugt wurden auch jene Orte, die verkehrsgünstig lagen, das heißt entweder schnell auf gut angelegten Straßen erreichbar waren, wie Hietzing, wohin eine breite Poststraße führte, oder die nahe der Stadtgrenze lagen. Die Bedeutung einer guten Erreichbarkeit zeigt auch die Erschließung von Mauer und Rodaun durch die neue Straße von Hietzing in die Brühl in den 1830er-Jahren. Unmittelbar darauf stieg die Zahl der Sommerhäuser in diesen Gegenden deutlich an.
Von Bedeutung war auch die Einführung von Stellwagenfahrten mit fixer Fahrtroute und festgelegten Abfahrts und Ankunftszeiten. Der Gesellschaftswagen vom Petersplatz nach Hietzing musste aufgrund des großen Andranges seine anfänglich drei täglichen Fahrten bald ausdehnen. 1835 gab es bereits 60 verschiedene Destinationen, 18 davon wurden stündlich angefahren. Erst die Einführung dieser Gesellschaftswagen ermöglichte einem breiteren Teil der Wiener den Genuss seiner Umgebung. Eine angenehme Sitzordnung und die Möglichkeit einer Überdachung kamen den Wünschen des Bürgertums nach Bequemlichkeit entgegen. Der Fahrpreis war jedoch mindestens dreimal so hoch wie jener des Zeiselwagens.
Zu einer städterfreundlichen Infrastruktur gehörte natürlich eine ansprechende Gastronomie mit Kaffee- und Gasthäusern, Kasinos und Bierlokalen. Tanzsäle sowie eine Theater- und Musikszene verliehen den Sommerorten weitere Anziehungskraft. Im Rahmen der Ortsgeschichten und im Kulturbereich diese Buches werden diese Einrichtungen beschrieben.
Ebenso von Bedeutung war das Angebot an Spaziergängen und Ausflügen zu Fuß und im Wagen. Wirklich gefragt waren Treffpunkte und Promenaden, auf denen sich die elegante Welt zu bestimmter Zeit traf, wie auf der Hietzinger Allee oder im Schönbrunner Schlosspark, die 1835 als „reizende Vereinigungspunkte“ und als „Paradeplatz der Toilettenkünste“ bezeichnet wurden.
Verstärkt durch steigendes Gesundheits- und Sauberkeitsbewusstsein der Bürger versprachen auch Bäder einen raschen touristischen Aufschwung, in unserer Region wurde nur die 1819 und 1822 in Meidling entstandenen Bäder erwähnt, obwohl auch schwächeren Quellen zu einer vorübergehenden Konjunktur verhelfen konnten.
Das Ende vieler Sommeraufenthaltsorte kam mit ihrer Einbeziehung in den Kreis des städtischen Lebens und der damit verbundenen geringeren Attraktivität als Ausflugsziel. Bedingt durch den Ausbau der Eisenbahn zog es den Wiener nach 1842 weiter von der Residenz weg. Adalbert Stifter: „Da wir von den südlichen Basteien der Stadt auch die blauen Häupter und die gezackten Mauern der Steirischen Alpen sehen,... und da wir jetzt mittels der Gloggnitzer Eisenbahn in ein paar Stunden an ihrem Fuße sind, so fangen wir allgemach an, sie zu unseren Umgebungen zu rechnen.“ Im Westen Wiens führte die ab 1858 bis Linz fahrende Kaiserin Elisabeth-Bahn zu ähnlichen Erkenntnissen.