Was ihr fehlte

Von Martha Roegner mit Zeichnungen von Norbertine Breßlern-Roth

Die Bäume und Sträucher des großen zoologischen Gartens flimmerten im Rauhreif, es war trübe Zeit für die Kinder des Südens.

In ihrem warmen Käfig lag Siddah, die schöne, junge Löwin, das mächtige Haupt auf die Vorderpranken gedrückt, und schlief. Sie mochte nichts mehr tun als schlafen. Denn dann versank sie ins Traumland – und das war herrliche, starke, bunte Wirklichkeit. Das war prachtvolle, endlose Öde, grenzenlose Himmelsweite, strömende, brennende Lichtflut. Das war sammetschwarze, glutatmende, sternenfunkelnde Tropennacht voll zitternden, sprühenden, brausenden Lebens. Das war eine dämmernde Felsengrotte hinter dichtem Dornengestrüpp – das war eine warme, zärtlich leckende, mütterliche Zunge und gewaltige, furchtbare Pranken, die ihre Kinder mit unbeschreiblicher Innigkeit umfingen – drei wunderschöne Kinder mit gelbschwarzgefleckten Fellchen und blitzblauen Augen. Im zweiten Monat waren sie erst, waren nicht größer als Dackel, aber schwer und gedrungen mit dicken Köpfen und ansehnlichen Tatzen. Noch ein wenig unbehilflich waren sie, aber sie krochen schon munter umher und spielten wie Katzen miteinander, und die Mama wurde nicht müde, ihnen zuzuschauen, und schließlich wurde sie selber vor Mutterseligkeit ganz kindisch mit ihnen und spielte, als sei sie selber noch ein ganz kleines Kätzchen, ließ ihren Schweif vor den Nasen der Kleinen hin und her fegen, rollte sich auf den Rücken und fuchtelte mit den Tatzen in der Luft, warf die Kleinen hierhin und dorthin, wenn sie auf ihr herumkrabbelten, angelte sie wieder zu sich heran, stauchte sie mit ihren Pranken zusammen und biss, als wollte sie ihnen das Rückgrat brechen – und dann umschloss sie plötzlich die Kleinen fest mit warmen Mutterarmen und leckte und schrubbte sie über und über mit andächtiger Hingebung in den ernsten Augen.

Dann begannen sie hinauszutappen und sich draußen im weiten, wilden Felsental umzuschauen. Auf seiner Sohle rauschte ein Strudelbach, die zerklüfteten Felsenwände waren mit silbernen, duftenden Sträuchern bedeckt, oder mit undurchdringlichem Dornengestrüpp, hie und da ragten die leuchterartigen Euphorbien auf, am Bach standen uralte, wilde Feigenbäume und hingen ihre großblättrigen Zweige übers Wasser, und zwischen dem Gestrüpp da drunten im Grunde wuchs das Gras drei Meter hoch. Gegenüber aber ragte eine kühne Felsennase in den tiefblauen Himmel hinein, und dort lag Essed, ihr Vater, der gewaltige Mähnenhäuptige, und hielt Ausschau über sein Gebiet.

Unermesslich weit war der Blick von da oben. Hinter ihm ragten düstere Höhen, von Urwald umgürtet; aber dort hinauf stieg er nicht. Dort hausten Elefant und Nashorn, die gingen ihn nichts an. Gegen Sonnenuntergang schimmerte jenseits der durchsichtig klaren Weiten der unendlichen Steppe geisterhaft ein blasses Schneegebirge, aber sonst dehnte sich nach allen Seiten das uferlose Meer verbrannter Grasflur. In der grauen Ferne da draußen im Osten wurde morgens, wenn die Sonne emportauchte, in der goldenen Glut ein dunkles Pünktchen sichtbar, das kannte Essed Wohl. Eine Felsenburg war's, mitten in weiter, flacher Öde; dort wohnten seine drei Kinder vom vorigen Jahr, die noch jede Nacht hierherkamen mit ihm zu jagen.

Aber soweit hinaus schaute Essed nicht. Er beobachtete scharf das Gelände unter sich, das weite Felsental und das buschige Bachbett, das sich noch weit in die Ebene hinaus verlief und in der Ferne in weiten Sümpfen und Schilfwäldern endigte. Und dort unten gab's etwas Neues seit gestern: ein graugrünes Gesprenkel auf grauem Grund, Zelte, und letzte Nacht blühten dazwischen die Feuerblumen. Essed war gestern Nacht dicht an den Zelten vorbeigewandelt – niemand hatte ihn gespürt, erst am nächsten Morgen sahen die Männer seine Fußtritte.

Jetzt kümmerte er sich nicht mehr um das Lager, es ging ihn nichts an. Aber das Zebrarudel ging ihn an, das dort am Ausgange des Tales äste – schon den ganzen Tag zogen sie dort hin und wieder. Und dicht unter ihm am grünen Buschrande spielten Zwerggazellen, zartes Wild, dem Gaumen angenehm, aber nur kleine Beute. Er brauchte jetzt viel. Die Elenantilopen dort im offenen Akazienbusch, der sich weit in die Steppe hinauszog, die lohnten besser. Oder die Reihe dunkler Pünktchen weit draußen in der Steppe, die langsam näherzogen – Gnus.

Was ihr fehlte. Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Was ihr fehlte</b></p><p>Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Die Sonne stand tief, in den Lüften rauschte und schwirrte es, alles eilte dem Wasser zu, Frankoline und Tauben, Unmengen kleines Gevögel, schwere Kraniche und Marabus, Schreiadler und Geier – sie tranken und bäumten auf oder verschwanden in Busch und Binsenwald.

Essed äugte. Weit draußen am Horizont war ein zweites Zebrarudel aufgetaucht, langsam ziehend, und sein Herz freute sich. Und plötzlich kamen die da draußen in heftige Bewegung und jagten eilig über die Steppe heran – da wusste er, dass seine Kinder auf dem Wege waren. Und drüben an der jenseitigen Felsenwand stand seine Gefährtin vor ihrer Höhle mit ihrer Kinderschar und schaute herauf – sie hatte Hunger. Leise glitt sie auf verborgenem Pfad durchs Dornendickicht nieder zum Wasser, Essed erhob sich, dehnte die mächtigen Glieder und gähnte.

Himmel und Steppe flammten feuerfarben, die Glut wurde dunkelrot, violett – und plötzlich war's Nacht. Schwarze, heißatmende Finsternis – die kleinen Löwen sahen die Sterne funkeln und horchten gespannt auf die Töne von fern und nah. Rings milliardenstimmiges Geschrill der Zikaden, dann kam das klagende Gebell der Schakale, das widrige Heulen der Hyänen, das bellende Wiehern eines Zebrahengstes – ein Vogelruf, ein blöken, ein Trampeln draußen in der Ebene – und dann ein leises, zärtliches Gurren, ganz nahe, das sie in freudige Erregung versetzte: ihre Mutter war wieder da, sie ging nie außer Rufweite. Sie quiekten und purzelten durcheinander, und dann gab's ein Lecken, Umarmen, Drängeln, Schmeicheln, sie konnten nicht genug davon bekommen.

Im Osten glomm ein Heller Schein am Horizont, der Mond kam herauf, und die Steppe stand in märchenhaftem, silbernem Licht. Die Felsennase war leer.

Vater Essed lauerte unten im Akazienbusch. Aber die Elenantilopen waren flüchtig geworden. Ein Rudel Riedböcke zog vorsichtig witternd näher und wechselte an ihm vorbei – er glitt lautlos durchs Gebüsch. Und dann ein helles Quäken – er saß dem letzten Tier im Genick und zermalmte ihm mit einem Biss die Wirbelsäule –, es stürzte und zuckte nur noch ein paarmal. Da senkte er sein Haupt über die Beute nieder, und aus seiner Brust quoll triumphierend, herrschgewaltig der erschütternde Donner, vor dem die Steppe zitterte und alles Lebendige in kopfloser Furcht hinwegstob – davon hatte er seinen Namen: Essed, der Aufruhrerregende.

Oben aus dem Felsental antwortete die Löwin, und fern aus der silbernen Steppe kam Antwort – seine Kinder freuten sich. Er griff seine Beute und schleppte sie talaufwärts, der Felsenburg zu, blieb einmal stehen und brüllte wieder. Seine Frau kam ihm entgegen und nahm die Beute in Empfang – er rührte nichts davon an und wandte sich eilig wieder in die schimmernde Ebene hinaus.

Siddah und ihre Brüder sahen vor ihrer Höhle mit funkelnden großen Nachtaugen. Ihre Mutter riss und knackte und schlang, und sie zerrten die blutigen Lappen umher und genossen ihre Erregung. Und zwischendurch horchten sie wieder hinaus in die geheimnisvolle Steppe, hörten den wilden Katzenschrei eines Leoparden, hörten eine Antilope schmälen, und dann rollte wieder ihres Vaters mächtige, dunkle Stimme über die Ebene – der war nun weit draußen an den Sümpfen.

Im Schilfdickicht lauerten Esseds Kinder. Eine Gnuherde planschte und spritzte im Wasser, der Leitbulle sicherte gewissenhaft. Esseds Stimme donnerte wieder – sie standen plötzlich alle erstarrt in tiefem Schweigen. Von drüben schien es zu kommen, von jenseits des Sumpfes, aber sie wussten wohl: das täuschte leicht! Der König brüllte gegen die Erde hin, und der Schall rollte über den Boden und verfing sich und rieb sich an seinen Unebenheiten – er schien immer aus anderer Richtung zu kommen.

Und jetzt brach's aus dem Schilf – das Rudel stob plötzlich in wahnsinniger Flucht davon. Die jungen Löwen erreichten nichts, aber sie hatten ja die Herde auch nur scheuchen wollen, da hinüber zu, wo der Alte stand. Angstvoll donnerten die flüchtigen Hufe über den harten, verbrannten Boden. Essed lauerte: sie kamen zu weit ab. Und er schoss plötzlich in langen Sätzen über den Boden, um ihnen in die Flanke zu kommen, erreichte sie fast und warf sich mit einem sieben Meter langen Satz auf einen Bullen. Und doch noch zu kurz! Seine Pranke schlug in die Keule des Flüchtlings, sein Gebiss packte zu, erwischte aber nur die Schwanzquaste. Und der Bulle war nicht zu halten: Essed hatte plötzlich die abgebissene Schwanzquaste im Maul, und seine Tatze war abgeglitten, tiefe Furchen durch die Keule ziehend. Der war gezeichnet für immer! Essed fauchte böse.

Was ihr fehlte. Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Was ihr fehlte</b></p><p>Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Nahe am Wasser, am breit ausgetretenen Wechsel fand er eine Dornenfestung, und ein Mensch steckte drin, ein Weißer. Aber die Festung war schwer zu nehmen. Und wozu auch? Es lockte bequemere Beute! Ein feister junger Stier lag im Schilf, und seine drei Sprösslinge hatten ihn schon beim Felle, unbekümmert um das Geschöpf im Dornenverhau. Essed konnte sich nicht mehr beherrschen, er sprang mit mächtigem Satze zu – da knackte leise die Kamera, und sein Kopf fuhr herum. Er starrte unbeweglich, da knallte ihm ein Schlag zwischen die Augen – er stürzte im Feuer zusammen.

Siddahs Mutter wunderte sich, dass sie nicht mehr die Stimme ihres Gefährten hörte in dieser Nacht. Und am nächsten Morgen erschien er nicht: aber sie wusste: er schläft im Schilf. Doch als er bis zum Abend nicht auf seiner Felsennase erschien, wurde ihr bange. Die Nacht kam, keine machtvolle Stimme donnerte mehr. Da wusste sie: sie hatte ihn verloren.

In dieser Nacht begnügte sie sich mit den Resten des Riedbockes, denn in der näheren Umgebung war keine Beute zu erreichen. Aber in der folgenden Nacht musste sie selber weit hinaus – musste ihre Kleinen allein lassen – und ging in dieselbe Falle wie ihr Gemahl.

Siddah und ihre Brüder sahen die ganze Nacht still in ihrer Grotte – so hatte die Mutter es befohlen. Aber als der Morgen kam, wurde ihnen sehr bange. Und am Mit-
tag hatten sie so grausamen Hunger, dass sie vor der Höhle draußen jaulten und schrien. Es knackte in den Dornen – die Mutter schleppte sich heran, aber sie blieb im Gestrüpp stecken. Sie krochen zu ihr hin, und sie bot ihnen zu trinken – zum letztenmal. Sie stillten gierig ihren Hunger – dann erst wunderten sie sich. Die Alte erwiderte kaum ihre Liebkosungen, nur dann und wann schleckte ihre Zunge matt über die gefleckten Fellchen. Und Blut war da – sie schnüffelten aufgeregt ... Noch vor Abend lag die Alte tot und steif, und die Kleinen jammerten an ihrer Leiche.

Da knackte es wieder im Gestrüpp, Stimmen kamen, die sie nie gehört. Ihre eigenen Stimmen hatten die Menschen hierher geführt, die auf der Spur der Löwin waren: sonst hätten sie wohl den Kadaver nicht gefunden. Sie nahmen die drei Kleinen samt dem Fell der Alten mit hinab ins Lager. Als es still wurde im Lager, hörten sie wieder die wohlvertraute Steppenmelodie: über ihnen spannen die Nachtschwalben, die Zikaden schrillten, Moskitos sangen. Schakale klagten, Hyänen heulten fern und nah, manchmal schmälte ein Bock oder ein Zebrahengst bellte – und nur der Grundbass fehlte.

Siddah, die große, junge Löwin, die im Käfig des zoologischen Gartens schlummerte, hob ein wenig den Kopf und blinzelte. Vor ihrem Gitter murmelten Stimmen, die hatten die Steppe verscheucht. Der Wärter stand draußen mit dem Direktor, und sie sah missmutig mit halbgeschlossenen Augen, wie die beiden herschauten.

„Sie ist ungut geworden“, meinte der Wärter, „man muss sich fürchten, reinzugehen“
„Krank ist sie“, seufzte der Direktor und zeigte auf einen großen Fleischbrocken, der in einer Ecke lag. „Hat sie denn sehr viel bekommen?“
„Nein, schon weniger als die andern, aber sie lässt alle Tage liegen.“
„Vielleicht geben wir ihr mal lebendiges Fleisch“, meinte der Direktor, „das wird ihr fehlen.“ Sie gingen, und Siddah schloss alsbald die Augen und versank wieder ins Traumland – ihre herrliche Wirklichkeit.

Aber die Steppe konnte sie nicht wieder finden. Doch glühende, blendende, südliche Sonne war noch immer, strömende Licht- und Wärmeflut. Ein lichtes Haus mit offenen Türen und Fenstern, ringsum weiter Garten- und Hofraum, von hoher Mauer umschlossen – auch dies war eine weite Welt, die Welt des Herzens. Sie durfte frei gehen, denn sie hatte sich ihrem Herrn in Liebe ergeben und war menschlich geworden, hatte ihr Löwentum vergessen – nicht ganz, aber beinahe. Sie war sehr heiter geworden, spielte den ganzen Tag in Hof und Garten und folgte ihrem Herrn auf Schritt und Tritt, lag in seinem Zimmer ihm zu Füßen, solange er da war, und leckte und schmeichelte, soviel er sich gefallen ließ, und wenn er fortging, so wandelte sie mit ihm bis an das Tor und schaute ihm nach, solange noch etwas von ihm zu erblicken war. Und dann sah sie sich nach Hassan um, dem jungen Jagdhund, der war ihr bester Freund nächst dem Herrn, und sie spielten und tobten, neckten und jagten sich, balgten und bissen und leckten wieder, und Hassan lärmte dazu, dass die Mauern widerhallten. Und wenn Hassan nicht da war, so jagte sie Hühner und Katzen, Lämmer und Ziegen im Hofe umher, was für sie sehr unterhaltend war, aber für die andern sehr aufregend – sie fürchteten sich. Nur einer nicht: der alte Marabu, vor dessen gefährlichem Schnabel sie immer Reißaus nahm. Er wollte Herr sein im Hofe, er verstand keinen Spaß! Und sie ließ ihn und schaute sich nach anderer Unterhaltung um. Da kam Letif, der junge Diener aus dem Hause! Sie lauerte mit funkelnden Augen hinter einem Busch, spannte die Muskeln, wackelte mit dem Hinterteil, warf den Schweif steil in die Höhe und sauste in mächtigem Satze über Letif her, ihn niederreißend und überkugelnd. Aber sie brauchte keine Krallen! Und Letif keuchte und lachte, und Siddah knurrte gefährlich, aber ihre Augen lachten – ihre düsteren, melancholischen Steppenaugen, sie lachten jetzt immer.

Was ihr fehlte. Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
<p><b>Was ihr fehlte</b></p><p>Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Einmal geschah etwas sehr Schlimmes. Ein neues Geschöpf war im Gehöft aufgetaucht, ein Pavian, und Siddah beäugte ihn voll brennender Neugier und gedachte heiter mit ihm anzubinden, aber er war wild und tückisch und fletschte die Zähne. Sie nahm es für Spaß, lauerte mit funkelnden Augen und überfiel ihn mit mächtigem Satze; er schrie und biss in rasender Wut, und plötzlich – sie wusste nicht, wie es geschah – hatte sie ihn beim Genick und biss zu; er wurde schlaff und still, und sie schmeckte rotes, warmes Blut. Knurrend sah sie über ihm, und dann begann sie zu beißen und zu schlingen. Der Marabu zeterte – nun sah man's doch, wie sehr er im Recht war, wenn er der erste zu sein verlangte! Diese Bestie ...

Sie hörte nicht darauf, sie war wie berauscht – sie sah es auch nicht, dass der Herr heimkam, dem sie sonst immer freudig entgegensprang, sie hörte nicht seinen erschreckten Ruf, sein zorniges Schelten – erst als die Nilpferdpeitsche auf sie niedersauste, kreischte sie entsetzt auf. Zum ersten Male bekam sie Prügel von ihm, den sie am meisten liebte in der Welt, der ihres Lebens Inhalt und Abgott war! Sie kroch und winselte und ließ sich ihren Raub entreißen, sie dachte nicht an Gegenwehr.

Er hatte gehörig zugeschlagen, dann ließ er sie im Hofe liegen und ging ins Haus. Aber er saß erst wenige Minuten an seinem Schreibtisch, da sah er Siddah an der Tür sitzen, lautlos war sie hereingeglitten und starrte ihn nun unsicher an mit großen, traurigen Steppenaugen. Sie war so voll Jammer! Und die geliebten Augen schauten her, und die leise, weiche Stimme rief sie an, noch vorwurfsvoll, aber sanft und gut – o, sie verstand! Zaghaft schritt sie näher, lieh sich liebkosen, drückte das mächtige Haupt an das Knie des Herrn, glitt daran nieder und presste sich fest an, immer fester – sie mochte ihn heute nicht mehr verlassen.

In der Nacht darauf lag sie draußen im Hof und schaute in die Sterne – es war derselbe funkelnde Himmel, der über ihrem Felsental schimmerte, über der weiten, dunklen Steppe. Sie wusste noch alles, die weichen Pranken der Mutter und ihre zärtliche Zunge, das machtvolle Donnergebrüll des Vaters und alle die tausend Stimmen aus der geheimnisvollen Weite da draußen und die Spiele mit den Brüdern von früh bis abends – und die Mutter, immer die Mutter. 

Nachdenklich schaute Siddah in das goldene Sternengeflimmer und fühlte die weiche, linde Nachtluft streichen und schmeicheln. Da stand sie leise auf und schlich ins Haus, schob sich durch einen Türvorhang und stand am Lager ihres Freundes. Eine Weile verharrte sie regungslos und lauschte auf seine leichten Atemzüge, und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten, sie kletterte aufs Lager und überfiel ihn mit Zärtlichkeiten, leckte und strich und schmeichelte und begehrte Liebkosungen. Er musste sehr lange schön mit ihr tun, ehe sie befriedigt war, und sie war nur schwer zu überreden, das Lager zu verlassen. Als sie hinabglitt, fand sie Hassan vor dem Lager stehen mit langem Halse und verlangenden Augen. „Ja, ja, schönes Hündchen“, schmeichelte der Herr, klopfte ihm den Kopf, kraute Siddah noch einmal, und drehte sich nach der Wand.

Die beiden anderen Freunde wandelten leise hinaus, suchten Siddahs Lager im Hof und ruhten dort eng aneinandergeschmiegt; Hassan fiel bald in Schlaf, aber Siddah schaute wieder in die Sterne und war sehr glücklich.

Ah – so – glücklich – –

Siddah – die große Siddah, die im Raubtierkäfig des zoologischen Gartens lag und schlief, schreckte leicht auf. Die Schiebetür rasselte, es war Dämmerungszeit, zum Türspalt herein warf der Wärter ein schwarzes Ding – da machte Siddah die Augen groß auf. Ein kleiner Hund stand da, drängte sich gegen die Tür und fing an zu wimmern.

Und Siddahs Augen begannen zu glühen, sie spürte plötzlich, dass sie Hunger hatte, alle ihre schlaffen Muskeln zogen sich begehrlich zusammen, alle ihre Linien wurden straff und kurz, sie kam mit einem Ruck in die Höhe, streckte die Glieder, streckte die Krallen, hob hoch das Haupt mit finster funkelnden Augen und hob die Pranke –

Der Kleine hatte alle diese Anstalten zu seinem schrecklichen Ende mit angststieren Augen verfolgt, jetzt brach er in ein trostloses Heulen aus. Er suchte nicht mehr zu entfliehen, er saß dicht vor ihr, an allen Gliedern zitternd, seine jammervollen Augen suchten ihren Blick; er winselte zu ihr empor und flehte, flehte –

Sie schlug nicht zu. Sie war aus ihrer steilen, straffen Haltung ein wenig zusammengesunken, ließ langsam die Vorderpranken lang ausgleiten und lag ihm nun dicht Aug in Aug gegenüber. Sein Winseln wurde leiser, manchmal schwieg er, dann stöhnte er noch einmal auf. Ihr düsterer, schwermutvoller Blick blieb versenkt in die warmen, dunklen Hundeaugen, sie rührte sich nicht.

Dann begann seine Rute leise zu zucken, er rückte näher und fuhr hastig mit der Zunge über die furchtbare Pranke. Sie rührte sich nicht. Da leckte er wieder. Immer zärtlicher, immer inbrünstiger, die ganze Tatze, den ganzen Arm – und jetzt strich ihm die große, rauhe Löwenzunge sachte übers Köpfchen.

Als der Wärter am nächsten Morgen kam, schlief der kleine Schwarze fest und gut an Siddahs Brust, von ihren Tatzen umfasst. Er blieb bei ihr, sie waren die herzlichsten Freunde, spielten herrlich zusammen und fraßen zusammen — das Leben war wieder heiter geworden.

„Schau“, sagte der Direktor, „es war gar nicht das lebendige Fleisch, das ihr gefehlt hat! Sondern die lebendige Seele.“

Was ihr fehlte. Eine Zeichnung von Norbertine Breßlern-Roth © Archiv 1133.at
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Quellen:
Der getreue Eckart, 9. Jahrgang 1931/32, Band 1 Seite 277ff

Übertragen von hojos
im Oktober 2025