Lipizzaner
Von Camillo Abert mit Zeichnungen von Norbertine Breßlern-Roth
Vor einem Waffenschrank sind alle Männer gleich. In dem einen mehr, im andern weniger rührt sich das Stückerl Mannstum, das er noch in sich trägt, er wird sich von den Waffen angezogen fühlen, und wenn er auch noch so ein überzeugter Pazifist ist. Denn ein seltsam starkes Gefühl steigt durch die Hand, die auf dem blanken Stahl liegt, ins Herz – bei jedem Mann.
Und ein genau so helles, starkes Gefühl zieht Männer zu edlen Pferden und Hunden. Es wäre lächerlich, jetzt abfällige Bemerkungen über Flugzeug und Auto zu machen, aber unter den alten Sprichwörtern bleibt auch jenes wahr, das sagt, dass das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde liegt. Ein hochwertiges, schnittiges Auto im 100-Kilometer-Tempo über die Landstraße brummen zu lassen ist ja auch was Schönes, aber – Herrgott – was ist das gegen einen Viererzug! Der wundervolle Rhythmus der 16 Pferdehufe klopft im Ohr, lebendiges Temperament von vier prachtvollen Geschöpfen flieht durch das Riemenzeug in die Hände und das Herz will vor Glück und Herrentum fast stehen bleiben.
Wenn einer den Pferden in der Zeit der Maschine das Aussterben prophezeit, so begeht er einen gewaltigen Irrtum. Unentwegt gedeihen die edelsten Stämme in allen Ländern der Erde, sorgsam gepflegt und behütet. Selbst Weltkrieg und Nachkriegszeit vermochte die alten Stämme nicht zu vernichten, was am besten die weißen österreichischen Pferde, die Lipizzaner, beweisen.
Dis 1483 gehen die Ahnentafeln dieser Schimmel zurück; damals züchtete Erzherzog Karl die ersten Lipizzaner aus hochedlen spanischen, neapolitanischen und dänischen Pferden. (Den Namen bekamen sie vom Gestüt in Lipizza in Krain.) Ein Stück Geschichte des Hauses Österreich ist die Geschichte des Gestüts. Krieg und Aufruhr Überstand der Pferdestamm, im Weltkrieg musste das Gestüt in das Schloss Laxenburg bei Wien flüchten. Und als das Ende kam, musste Österreich das halbe Gestüt als Kriegsbeute an Italien ausliefern.
Zerstückelung, Inflation und Wirtschaftsnot überstand das Gestüt so, dass heute der alte Vorkriegsstand wieder erreicht ist. Das war schwere Züchterarbeit, das war Erhaltung eines schönen Stückes Volksvermögen, denn das Gestüt ist Staatseigentum.
Und jetzt ist die Zuchtstätte der weißen Pferde nach Piber in Steiermark verlegt worden, in eine kleine Ortschaft zwischen grünen steirischen Bergen und weiten Weiden. Weitab vom Wirbel der Welt leben die Pferde, nur das grüne Land, Sonne und Verständnis ist um sie.
Ein altes, steif-graues Herrenhaus ist das Hauptgebäude des Gestüts. Da ist das wertvolle Archiv untergebracht, die Kanzleien und Wohnungen der Gestütsbeamten und Tierärzte. Wie eine kleine Stadt breiten sich ringsum die Stallungen, Wärterhäuschen und Fouragekammern.
Gleich beim Hauptgebäude steht eine der weiten, hohen Stallhallen. Hier sind die werdenden Mütter untergebracht: frei und ohne Fessel, wie alle Pferde dieses Gestüts, stehen sie in knietiefer Streu, der Stunde wartend, wo neues, junges Leben aus ihnen kommen wird. Stallfromm, wie alle Lipizzaner, vertragen sich die 40 Stuten in diesem Stall ausgezeichnet. Kriegt eine zänkische Anwandlungen, dann wird sie von den anderen rasch wieder zur Vernunft gebracht.
Langsam kommt auf den Besucher eine Reihe wundervoll edler Pferdeköpfe zu, dunkle, kluge Augen mustern eingehend den Menschen. Bis schließlich samtweiche Lippen die Hände und Kleider betasten, ob der Mensch, der da kam, nicht vielleicht doch einen Leckerbissen mitgebracht hat. Zucker ist etwas sehr gutes, gelbe Rüben auch, aber das Beste vom Besten sind doch einige Blättchen Pfeifentabak. Wer die mitbringt, wird sanft aber unwiderstehlich in eine Ecke gedrängt und ausgeplündert bis auf den Boden des Tabakbeutels.
Wenn die schwere Stunde einer dieser Mutterstuten naht, wird sie in ein kleines Nebenabteil gebracht. Dort hat sie absolute Ruhe, wenn würgende Wehen ihren Leib durchzittern. Niemand stört sie, wenn sich in der Nacht dann das Wunder der Zweiteilung vollzieht.
Am nächsten Morgen liegt die Stute erschöpft im Streu, nur ihre Zunge geht unermüdlich, regelmäßig über ein schwarzbraunes, wolliges Ding: Das Neugeborene! Mit großen, bläulich schimmernden Augen sieht das Fohlen in die Welt. Mühsam erhebt es sich dann, schiebt sich steifbeinig mit dem Kopf unter den Mutterleib. Ist es nach langer Zeit satt, dann knickt es zusammen und kauert unbeweglich. Seine Augen sehen still ins Nichts, aus dem es eben erst kam. Langsam, unendlich zart und liebevoll neigt die Stute ihren schweren Kopf über das kleine Pferd.
Nicht lange währt die Einsamkeit von Mutter und Kind. Schon wenn das Fohlen wenige Tage alt ist, wandern beide in eine Stallhalle, wo säugende Stuten mit den Fohlen untergebracht sind.
In dem hellen, weiten Raum stehen die Muttertiere frei herum. Zwischen den Beinen
eines jeden der wuchtigen Tiere liegt ein kleines wolliges Fohlen. Die Mütter vertragen sich glänzend, sie stehen meist still, den Kopf zu dem Kleinen gesenkt. Wird der kleine Kerl aber älter, so wird die Sache etwas unruhiger. Zuerst zockelt er bloß um die Mutter herum: stoßt er dabei an die Nachbarin oder deren Kind, dann zuckt er rasch zurück. Und die beiden Mütter schieben die Köpfe dazwischen, damit ja einer den anderen nicht tritt.
Eines Tages aber gelüstet es den Kleinen, seine junge, unbeholfene Kraft durch eine ganz große Tat zu versuchen. Er steht mit gespreizten, steifen Beinen: urplötzlich saust er stelzbeinig los, wild und planlos mitten durch den Stall. Unverhofft wie der Start ist auch das Finish, mit einem Ruck bleibt er stehen, breitbeinig steht dann das kleine Pferd minutenlang starr, ganz benommen von seiner Tatkraft und Schnelligkeit. Jetzt schnaubt es schon wie ein Großer scharf durch die Nase, zockelt zu seiner Mutter zurück, die mit langem Blick dem Ausreißer nachsah.
Der junge Schimmel kam schwarz zur Welt, erst nach Jahren ist er so weiß, wie es sich gehört. Mit etwa einem Jahr kommt er erst von der Mutterstute weg in den Abspannstall. Gleichzeitig wird ihm auch der Adelsbrief des Gestüts aufgedrückt: er bekommt auf die linke Ganasche (Teil des unteren Pferdekinnbackens) das Brandzeichen „L“.
In diesem Abspannstall, der etwa eine halbe Gehstunde von den anderen Stallungen entfernt liegt, führen die jungen Lipizzaner ein Leben, wie man es sich nicht schöner ausmalen kann. Weite Weideflächen, mit Gras wie sattgrüner Samt bewachsen, wundervoll warme Sonne und ungebundene Freiheit. Und nur Menschen um sie, die genau wissen, wie man mit den vieledlen jungen Herren umzugehen hat.
Am Morgen eines jeden Tages, den der liebe Gott für die jungen Pferde aufgehen lässt, zieht die Koppel aus dem Stall auf die Weideplätze, die gleich vor dem Stallgebäude beginnen. Sie sind alle schon Feinschmecker geworden, die sich unter dem prachtvollen Gras das beste aussuchen. Plötzlich schießt einem das Glück und das Jungsein besonders ins Blut, wie von einer Sehne geschnellt saust er los, hie und da versucht er aus zwei statt auf vier Beinen zu gehen, andere schließen sich an, und das schönste Abfangspiel ist im Gang. Die wilde, wunderschöne Jagd wird aber bald beendet. Wieder stehen dann die Pferde beisammen, werfen den schmalen, edlen Kopf ins Genick und blitzen stolz mit den Augen, als wüssten sie, wieviel Geld jedes einzelne von ihnen wert ist. Und wenn der Stallmeister oder sonst ein lieber Freund von ihnen kommt, dann bohren sie ihm von rückwärts energisch den Kopf unter den Arm, damit er wisse, dass er ihre volle Sympathie genießt. Ob der Mann diese Zärtlichkeit aushält ohne umzufallen, ist ihnen egal.
Sind die Hengste vier Jahre alt geworden – die Lipizzaner sind spätreife Pferde, erst mit sieben Jahren etwa ist der Hengst ausgewachsen – wird genau gesiebt und geprüft. Nur ganz wenige, besonders und einwandfrei schöne Tiere kommen in die spanische Reitschule nach Wien. Die anderen werden abverkauft. Wobei aber Bedacht genommen wird, dass keines der Pferde in unrechte Hände kommt. Die Gefahr also, dass ein Lipizzaner vor einem Karren endet, ist beinahe ausgeschlossen.
Der junge Hengst, der nun nach Wien kommt, wird ungemein vorsichtig behandelt. Mit Güte erreicht man vom Lipizzaner alles, wer mit Sporn und Peitsche dem Hengst etwas aufzwingen will, wird erleben, dass der Hengst einfach nicht mehr will. Und wenn der vierbeinige Adelige einmal so weit ist, dann kam man das Kreuz über ihn machen: Aus dem guten, frommen Pferd wird ein obstinates Geschöpf, das eher stirbt als nachgibt. In Wien kennt man die Hengste. Zucker und freundliches Zureden sind die Lehrmittel. Monatelang geht der Lipizzaner zuerst an der Longe, bis er sehr schonend und vorsichtig angeritten wird. Nach zwei Jahren beginnt dann die ernste Arbeit. Da lernt das weiße Pferd die Schule über und auf der Erde, Gehorsamsübungen und anderes mehr. Beherrscht er die Levade, Mezair, Courbette, Croupade, Capriole und noch einige Dutzend Figuren der hohen Schule besonders gut, dann zeigen die Bereiter den Hengst bei den Vorführungen der Wiener spanischen Reitschule.
Einige Pferde bleiben in Wien, die meisten gehen nach jahrelangem Unterricht wieder nach Piber zurück. Nun wird eine neuerliche Auswahl getroffen: Die Auswahl der Zuchthengste. So genau wird gesiebt und gewählt, dass von 50 dieser wundervollen Hengste nur einer für tauglich befunden wird, für Nachkommen zu sorgen.
Derzeit stehen drei Zuchthengste im Gestüt: Conversano Savona, Favorh Graziosa und Pluto Materia. Jeder steht allein in einem Raum, den man ruhig als Zimmer bezeichnen kann. Diese vieledlen Herren kann man wegen ihres Temperamentes und Wertes nicht gemeinsam hausen lassen.
Langsam und nachlässig wendet der weiße Hengst in seiner Box den Kopf, um nachzusehen, wer da durch den Stallgang geht. Dann kommt er näher, neugierig hebt er die samtige Nase zum Holzgitter. In diesem kleinen Raum kommt der mächtige Lipizzaner nicht so recht zur Geltung. Etwa dreißig Schritte von diesem Stall ist ein großer, freier Platz. Dort stellt man sich auf, wenn man die Hengste im freien gezeigt bekommt.
Man hört eine Stalltüre auffliegen, Hufe klappern, Kies stiebt zur Seite – Conversano Savona trabt über den Platz! Mit weiten Sprüngen jappt der Stallbursche neben dem mächtigen Hengst. Stolz den edlen, wunderbar schönen Kopf erhoben, ausgeglichen im Spiel der ebenmäßigen Glieder wie wenige Geschöpfe dieser Erde, trabt der Weiße Hengst. Mähne und Schweif wehen in bildhafter Linie um das Pferd; wer den Schimmel gesehen hat, vergisst den Anblick nie mehr.
Nach einigen Runden steht das Pferd in der Mitte des Platzes. Wie aus weißem Marmor gemeißelt hält er still, nichts rührt sich an dem Hengst, der sich mit raffinierter Klarheit vom grünen Grashintergrund abhebt.
Man steht ohne zu sprechen, die Augen trinken das Bild von fast unwirklicher Schönheit, bis man einen gelinden Rausch des Sehens im Herzen fühlt.
Nach einiger Zeit dreht Conversano Savona langsam die klugen Augen zu dem Grüppchen Menschen hin. So, als ob er bloß nachsehen wolle, ob sie noch nicht umgefallen sind vor Bewunderung.
Ehe der Hengst abtrabt, steht der Stallbursche mit ihm einige Augenblicke am Ende des Platzes. Der Bursch kommt dem Pferd etwas zu nahe, da greift der Hengst mit dem rechten Vorderhuf nach dem Menschenkerl, der einen Respektssprung zur Seite macht. Der Hengst tut das nicht bös und aufgeregt, nein, sondern so, wie einer von hohem Stand eine lästige Sache zur Seite schiebt.
Von den Lipizzanern könnte man ein ganzes Buch schreiben, ohne dabei alles über diese Pferde gesagt zu haben. Man könnte seitenweise beweisen, dass sie nicht nur schön, sondern auch brav, klug und fromm sind. Man könnte noch tausend Dinge von den Schimmeln, deren Pedigree (Stammbaum, Gestütbuch) weiter zurück reicht als das des englischen Vollbluts, auftischen, aber es bliebe immer noch etwas zu sagen übrig.
Und das ist das, was sich nicht gut in Worte kleiden lässt: jahrhundertelange Züchtersorgen um edelstes Pferdeblut, reinster, unverfälschter Adel durch eine Unzahl von Generationen lassen von den weißen Pferden ein Gefühl auf den Menschen überschwingen, an dem des Wort fast zerbricht.
Es gibt wenig Dinge auf dieser Welt, an denen sich die Augen so vorbehaltlos satttrinken können, wie an den weißen Pferden von Lipizza. Weshalb es in unseren ruppigen Zeitläuften gut und erholend ist, von ihnen zu erzählen, auch wenn man glaubt, dass eigentlich nur ein Dichter über diese Pferde schreiben könnte.