Zur Siedlungsgeschichte des Wiener Raumes
Ein Beitrag von Heinrich Weigl
Hietzing (12. Jahrhundert) war um 1750 ein winziges Dörflein, mit einem Hof und elf Häusern, im Mittelalter jedoch nach Aussage der Klosterneuburger Urbare etwas größer. Durch die Anlage von Schönbrunn scheint es den Hauptteil seines Gebietes verloren zu haben. Alte Dorf- und Fluranlagen sind nicht mehr erkennbar. Der Name, ein echter -ing-Name, wird schon im 12. Jahrhundert genannt. Der Personenname Hiezo sieht recht altertümlich aus, sodass die Ortsgründung schon in der Karolingerzeit stattgefunden haben kann.
Lainz und Speising (1370 bzw. 1355) sind der Fluranlage nach die
ersten richtigen Weinhauerdörfer, die wir kennen lernen. Als gemeinsame Merkmale solcher Dörfer erscheinen zunächst die Haussätze, das heißt, dass sich hinter jedem Haus ein kurzes Grundstück, meist ein Weingarten, erstreckt. Das Rebland ist in zahlreiche kleine Parzellen aufgesplittert, während das Ackerland meist aus großen unregelmäßigen Grundstücken besteht. Die Haussätze mögen ein altes Merkmal sein, der Zustand des Reb- und Ackerlandes ist aber jedenfalls das Ergebnis einer jüngeren Entwicklung, der an Hand der Grundbücher nachgegangen werden könnte.
In Speising hatten sich übrigens noch Lüsse und bestiftete Bauernhäuser bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Der Siedlungsform nach sind beide Orte Straßen- oder Grabendörfer. Nach E. Klebel soll Speising früher an einer anderen Stelle bestanden haben. Die Namen der beiden Orte machen Schwierigkeiten. Lainz, alt Luenz, ist kein Siedlungsname, sondern ein Flurname, der auch in Meidling vorkommt. Er ist bisher slavisch gedeutet worden („auf der Wiese“). Da aber der gleiche Name auch im Innkreis vorkommt (Lainzen), wo Slaven nie siedelten, muss er wohl zum deutschen Wort lunzen, „schlafen“, gehören, etwa in der Bedeutung „Nachtweide“.
Speising ist ein echter -ing-Name, doch kennt man keinen Personen- oder Sachnamen, der für diesen Ortsnamen sinnvoll herangezogen werden könnte. Zudem ist Speising erst sehr spät erwähnt. Trotzdem werden wir die Entstehung beider Orte spätestens ins 11. Jahrhundert setzen müssen.
Die bedeutendste Siedlung des 13. Bezirkes war St. Veit (1200). Es gab nur ein St. Veit, denn Unter St. Veit ist erst um 1800 entstanden. Vorher standen dort nur zwei Mühlen, deren eine, die Gottesfeldmühle, die Erinnerung an den Ort Godtinesfelde bewahrt, der 1015 an das Bistum Bamberg vergeben wurde. St. Veit umfasste also den Burgfrieden zweier Orte, die Fluranlage lässt aber diese Trennung in keiner Weise erkennen. Das Veitinger Feld reichte von Ober St. Veit bis Hietzing, war ganz gleichmäßig in lüssartige Streifen gegliedert, und im ganzen Bereich hatten die Ober St. Veiter Bauern ihre Hausäcker. Hier muss eine Neuaufteilung der Flur vorgenommen werden sein. Wahrscheinlich waren beide Orte seit jeher in einer Hand. St. Veit ist ja der Patron des Bamberger Bistums. Es ist daher zu vermuten, dass Bamberg Ort und Kirche St. Veit gegründet hat. Das wäre also nach 1015. Die Dorfanlage, ein unregelmäßiges Grabendorf, passt in diese Zeit. Die meisten Häuser haben Haussätze. In St. Veit gibt es einen bemerkenswerten Flurnamen, der heute „Trazerberg“ geschrieben wird. Der Name ist durch einen sinnlosen Lesefehler verunstaltet und amtlich geworden, rechtens lautet er Grazerbühel und gehört zu slavisch gradec („kleine Burg“). Das weist mit Sicherheit auf eine Slavensiedlung im 8. bis 9. Jahrhundert.
Hacking (1156) bestand um 1800 nur aus einem Schloss und einigen Kleinhäusern, es hatte auch keine Dorfflur. Sicherlich hat es einen Teil seines Gebietes an den Tiergarten verloren, doch kann es nie ein bedeutender Ort gewesen sein. Als Ministerialensitz ist es schon im 12. Jahrhundert bezeugt. Sein Name ist eine -ing-Ableitung zum Personennamen Haggo, einer Kurzform von Haganrich oder ähnlichen Namen.
Südlich der Wien folgte noch das Dorf Au (1195), von dem sich der Auhof und der „Wolf in der Au“ bis heute erhalten hat. Sein Gebiet wurde fast zur Gänze dem Tiergarten einverleibt.
Für Penzing (1120), das dem 14. Bezirk den Namen gibt, lässt sich weder aus Orts- noch aus Fluranlage irgend etwas erschließen. Wie in allen westlichen Vororten Wiens zeigen sich als Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung kleine Weingarten- und große Ackergrundstücke, ein Prozess, der hier noch durch die einheitliche Grundherrschaft des Wiener Bürgerspitals begünstigt war. Auch der Name des Ortes lässt für die Altersbestimmung keine Schlüsse zu, denn der zugehörige Personenname Penzo (Kurzform etwa für Bernhart) war viele Jahrhunderte lang gebräuchlich. Der Ort kann um 800 oder um 1000 entstanden sein.
Die Flur von Breitensee ist gleichwie die Penzinger völlig zersetzt. Aber die wohlerhaltene Ortsanlage ist ein typisches Angerdorf, die Häuserzeilen beiderseits einer Lacke, eben des breiten Sees. Damit rückt die Anlagezeit des Ortes in die Nähe des Jahres 1100.
Baumgarten (12. Jahrhundert) war ein Doppelort. Das Obere Gut hieß im 12. Jahrhundert Wienfurt und gehörte dem Stift Formbach in Bayern, vorher den Grafen von Formbach-Pitten. Im unteren Gut war das kaiserliche Waldamt Grundherrschaft. Der Gesamtort scheint in einer einzigen Häuserzeile angelegt gewesen zu sein. Haussätze waren bei den Häusern noch erhalten. Daraus kann man die Anlagezeit etwa um das Jahr 1000 ansetzen.
Hütteldorf, das Dorf des Uotilo, war eine bedeutendere Siedlung unter der Grundherrschaft des Waldamts. Die alte Ortsanlage ist kaum noch mit Sicherheit erkennbar, die Fluranlage zeigt außer Haussätzen nichts Ursprüngliches. Aber die Gemeinde war im Besitze eines großen Gemeindewaldes, für Niederösterreich eine recht seltene Erscheinung. (Nur die Pechergemeinden um die Hohe Wand haben sonst noch durchgehend großen Waldbesitz, sonst gehört der Wald fast durchwegs der Grundherrschaft.) Sollte sich der Besitz des Gemeindewaldes als alt erweisen, so wäre an eine Ansiedlung freier Siedler zu denken, die in die unmittelbare Gerichtsbarkeit des Landesfürsten traten. Damit wäre das Alter der Ortschaft in die Karolingerzeit hinaufgesetzt. Der Bestand von Haussätzen spricht aber mehr für Anlage um 1000. Zu Hütteldorf gehörte früher noch ein zweites großes Waldgebiet, das bis zum Exlberg reichte und heute zu Hadersdorf rechnet. Es war stets landesfürstlich.
Weidlingau (1226) und Hadersdorf (1373) sind schon echte Wienerwaldsiedlungen ohne Ackerland. Die Bauern besaßen nur Grünland. In diesen Orten hat sich kaum etwas Ursprüngliches erhalten, das auf ihre Entstehungszeit schließen lässt. Die Namen, zu den Personennamen Widung und Hadurich‚ können der Zeit um 1000 angehören, die für die Ortsgründung am wahrscheinlichsten ist.