Kinderbücher

Von anno dazumal
07.10.2025

Es hat einmal ein einsames Kind ein altes Bilderbuch gehabt mit Tieren und mit Blumen, die Gesichtlein hatten, und mit Engeln und Feen und Riesen und Däumlingen. Es war sein einziges Buch und seine einzige Habe und sein kostbarstes Gut. Denn da das einsame Kind die vielen, vielen Stunden allein in dem dunklen Hofzimmer saß, während seine Mutter ihrer Arbeit nachging, auf dem Fensterplatz hockte, der seinen Ausschau hatte auf enggedrängte Feuermauern und düstere Fenster und auf gar kein Stückchen Himmel, da hat es sich aus den bunten Bildern seiner Bücher all das geholt, was ihm das Leben schuldig geblieben ist.

„Fips und Jokko“. Kinderbuch von Hans Probst, Bilder von Karl Storch. Verlag Braun & Schneider, München.
<p><b>„Fips und Jokko“</b></p><p>Kinderbuch von Hans Probst, Bilder von Karl Storch. Verlag Braun & Schneider, München. </p>

Es sind aus den gemalten Blumen und Bäumen und Bächen die schönsten Gärten geworden, in denen es nach Herzenslust spielen konnte, es hat die gemalte liebe Sonne mit dem lustigen Gesicht geschienen und die schönsten Vögel haben sich ihm auf die Hände gesetzt auf diesen herrlichen Spaziergängen, die gemalten Tiere des Waldes sind zahm mit ihm gegangen und haben sich streicheln lassen. Und Feen und Engeln und niedliche Zwerge hat es zu Spielkameraden gehabt und mit dem großen, vergnügten Riesen ist es gut Freund gewesen und hat mit ihm herumgeschafft wie mit einem Knirps. Als dieses Kind bereits eine alte Frau geworden war, hat sie uns Kindern, die wir sie liebten ob der wunderschönen Geschichten, die sie uns unerschöpflich zu berichten wusste, noch oft und oft erzählt von diesem wunderbaren Buch, wie es kein zweites mehr gebe, das ihre arme Kindheit so reich beglückt hatte und das ihr eine so große Liebe eingepflanzt hat für Blumen und Tiere und schöne Dinge für ihr ganzes langes Leben.

„Brüderlein und Schwesterlein“. Bildprobe von M. Grengg aus „Die schönsten Märchen“ der Brüder Grimm, Verlag Josef Scholz, Mainz.
<p><b>„Brüderlein und Schwesterlein“</b></p><p>Bildprobe von M. Grengg aus „Die schönsten Märchen“ der Brüder Grimm, Verlag Josef Scholz, Mainz. </p>
Aus „Purzelpeter“. Märchen von Auguste Branchart, Bilder von M. Grengg, erschienen bei Georg W. Dietrich, Hofverleger zu München.
<p><b>Aus „Purzelpeter“</b></p><p>Märchen von Auguste Branchart, Bilder von M. Grengg, erschienen bei Georg W. Dietrich, Hofverleger zu München.</p>

Ihre alten Augen haben dabei geleuchtet in einer sehnsüchtigen Erinnerung an Dinge, wie sie sie niemals mehr seitdem gesehen hat in solch beseeligender Schönheit.

Denn Kinder ersehen die Welt in Bildern und schaffen sich aus Bildern ihre wunderbare Welt. Sie schauen vor dem Denken.

„Weihnachtslied“. Illustration von Ernst Kutzer aus dem Kinderbuch „Ringel Ringel Reihe“. Alfred Hahn Verlag (Dietrich & Sell) Leipzig.
<p><b>„Weihnachtslied“</b></p><p>Illustration von Ernst Kutzer aus dem Kinderbuch „Ringel Ringel Reihe“. Alfred Hahn Verlag (Dietrich & Sell) Leipzig. </p>
Tiergeschichten für Kinder. Von Clara Hepner, Illustration von Norbertine von Breßlern-Roth. Verlag Josef Scholz, Mainz.
<p><b>Tiergeschichten für Kinder</b></p><p>Von Clara Hepner, Illustration von Norbertine von Breßlern-Roth. Verlag Josef Scholz, Mainz.</p>

Rührend sind die kleinen Gesichter, wenn sie mit verklärten und beglückten Augen vor ihren Büchern sitzen und ihre geheimnisvollen Gespräche halten mit den Gestalten der Bilder, In einer uns Großen nicht mehr fassbaren Stärke werden sie vor ihnen lebendig: – die Zwerge trippeln um Schneewittchens liebliche Erscheinung, das Aschenputtel geht in unglaublich glänzenden Gewändern leibhaftig zum Fest, die Tiere reden, die alten deutschen Helden kämpfen mit Drachen und Riesen. Niemand kann des Kindes Sehnsucht, diese Welt wahrhaftig schauen zu können, erfüllen, als der Künstler. Ein Künstler, der den Kindern die rechten Bücher zeichnet, muss einer sein, der jung ist mit den Jungen, der ein junges Gemüt hat und ein schelmisches Lachen, einer, der selber an das noch glaubt, was er zeichnet, und selber ein Dichter ist mit der ewigen Kindersehnsucht in der Seele.

„Märchenwald“. Märchenbuch von Brüder Grimm und Bechstein, Bilder von Erwin von Barta. Anton & Co. Verlag, Leipzig.
<p><b>„Märchenwald“</b></p><p>Märchenbuch von Brüder Grimm und Bechstein, Bilder von Erwin von Barta. Anton & Co. Verlag, Leipzig. </p>

Es strömt den österreichischen Künstlern die gefühlsinnige Fabulierkunst und das Anmutige und Kindliche aus ihrem Blute. Es macht die österreichische Landschaft mit ihren wilden, großen, durch Felsen sich zwängenden Wassern, mit den hohen Bergen und mit den Burgruinen aus blauenden Waldkuppen, diese Landschaft, deren Boden um und um getränkt ist mit großen und geheimnisreichen Begebenheiten früherer Zeiten, den österreichischen Künstler leicht zum Maler der Romantik. Und wem lägen die Geschichten vom Wunderbaren in Wirklichkeit und Sage, so wie sie der Kinder großes Gut ausmachen, besser in der zeichnenden Hand als dem Romantiker. Denn ob es jetzt ein über die Berge gleitendes Flugzeug ist oder ein Ozeandampfer oder ein kunstvoller Insektenbau oder eine Begebenheit aus Sage und Vergangenheit – das Kind sieht ein geheimnisreiches Erleben in allem und sieht alles als ein Lebendiges.

„Tischlein deck' dich!“. Aus dem im Österreichischen Bundesverlag, Wien, erschienenen Künstlerbilderbuch „Tischlein deck' dich!“ der Brüder Grimm. Steinzeichnungen hiezu verfertigte K. A. Wilke.
<p><b>„Tischlein deck' dich!“</b></p><p>Aus dem im Österreichischen Bundesverlag, Wien, erschienenen Künstlerbilderbuch „Tischlein deck' dich!“ der Brüder Grimm. Steinzeichnungen hiezu verfertigte K. A. Wilke. </p>
Die Honriche. Bildprobe aus dem Märchenbuch von Christian Bärmann. Hugo Schmidt Verlag, München
<p><b>Die Honriche</b></p><p>Bildprobe aus dem Märchenbuch von Christian Bärmann. Hugo Schmidt Verlag, München</p>

Es ist nicht Zufall gewesen, dass der größte Märchenmaler und Romantiker Moritz von Schwind, ein Österreicher gewesen ist. Nur ein so ewig Junger, Sangesfroher, Fabulierlustiger, Schelmischer und ehrlich Arbeitender konnte alle Gestalten deutscher Sage so wahrhaft lebendig und vertraut machen.

„Das Wunderauto“. Märchenbuch von O. Gabrielli und Hans Striem. Illustration von Walter Trier. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg i. O.
<p><b>„Das Wunderauto“</b></p><p>Märchenbuch von O. Gabrielli und Hans Striem. Illustration von Walter Trier. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg i. O. </p>
„Reineke der Fuchs". Von W. Fronemann, Bilder von Heinrich Kley. Erschienen in Loewes Verlag (Ferdinand Carl) Stuttgart.
<p><b>„Reineke der Fuchs"</b></p><p>Von W. Fronemann, Bilder von Heinrich Kley. Erschienen in Loewes Verlag (Ferdinand Carl) Stuttgart.</p>

Es ist auch kein Zufall, dass heute noch nie die großen, sachlich denkenden Verlagsherren draußen im schon fast amerikanisch hastenden Deutschen Reich sich so gerne für die Kinderbücher, die sie alljährlich herausgeben, die Fabulierlust, den liebenswürdigen, kindlichen Humor und das schöne Können österreichischer Künstler entleihen. Das Kind soll Gemüt und Froheit und Farbenfreude aus seinen Büchern sich einverleiben. Was sich einschreibt in die jungen Herzen an Schönem, verlöscht ein ganzes Leben lang nicht.

„Knirps der Tierfreund“. Reime von Stora Max, Bilder von Hedwig Thoma, erschienen bei Georg W. Dietrich, Hofverleger zu München.
<p><b>„Knirps der Tierfreund“</b></p><p>Reime von Stora Max, Bilder von Hedwig Thoma, erschienen bei Georg W. Dietrich, Hofverleger zu München.</p>

Wer könnte ihm da ein besserer Vermittler sein, als der gemüt- und humorvolle, farbenfrohe österreichische Künstler. Es seien hier unter den vielen die unseren Eckartlesern gut bekannten Namen Norbertine Breßlern Roth, M. Grengg, Ernst Kutzer, Karl Alex Wilke und Franz Wacik genannt. Bücher mit ihren Bildern gehören zum Besten, das wir den Kindern als Geschenk geben können.

„Hänsel und Gretel“.
<p><b>„Hänsel und Gretel“</b></p>

Quellen:
Der getreue Eckart, 8. Jahrgang 1930/31, 1. Band, Seite 217ff

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im Oktober 2025