Bilder aus Tripolis

Zu den letzten Arbeiten von Frau Norbertine Breßlern-Roth. Ein Beitrag von Dr. Heinz Steinsberg
30.08.2025

Es kam durchaus nicht überraschend, als im Herbst 1928 im Wiener Künstlerhaus eine Kollektion „Tripolitanischer Bilder“ von Norbertine Breßlern-Roth angekündigt wurde. Wer das Schaffen dieser außerordentlichen Künstlerin in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hatte, wer sich vor allem in die wunderbaren Holzschnitte und Skizzen über die verschiedenartigsten Tiere mit liebevoller Andacht vertieft hatte, dem musste unwillkürlich der Gedanke auftauchen, dass dieses ungewöhnliche Talent unter allen Umständen einmal aus dem engen und trotz allem so reichen Kreise der heimatlichen Tierwelt den Weg hinaus suchen musste, um sein künstlerisches Auge an dem vielfältigen Farbenreichtum der südlichen und exotischen Tierwelt zu erfreuen und zu neuen schöpferischen Taten zu erwecken. Nicht etwa, dass Frau Breßlern-Roth bisher es nicht gewagt hätte, die exotische Tierwelt für ihre Bilder zu verwerten. Was immer die Tiergärten Europas an Schätzen tropischer Fauna boten, das hatte sie sich nicht entgehen lassen. Mit einem Einfühlungsvermögen und einer Phantasie, die wir an ihr, je länger wir sie kennen, umso eifriger und staunender bewundern, hat sie sich in diese ferne Welt einzuleben verstanden. Man gehe nur einmal in eine Ausstellung, die ihre Bilder birgt, oder greife zu ihren prachtvollen Holzschnitten, die sie im Heft 2 des 3. Jahrganges dieser Zeitschrift veröffentlichte und staune über die geradezu mysteriöse Erscheinung, dass Bild für Bild, in dem Tiere aus tropischen Gebieten vorkommen, auf uns den Eindruck macht, dass Stimmung und Landschaft unmöglich anders wirken können, als sie es darstellt. Wer dieses Heft, auf das wir hier zum Verständnis ihres Schaffens nachdrücklich Hinweisen, durchblättert und die Bilder „Überfall, „Tiger“, „Flucht“ und „Paviane“ betrachtet, wird unseren Worten ohne weiteres beistimmen.

Die vier Bilder, die wir in diesem Heft bringen, sind der tripolitanischen Kollektion entnommen. Aber nicht bloß den Ton der Wüste, das braune Sandmeer mit seinen ebenfalls braunen Menschen und Tiergestalten, den Kamelen und Maultieren hat Rorbertine Breßlern-Noth wunderbar erfasst, sondern sie hat darüber hinausgehend den ganzen Farbenreichtum in seiner Grellheit und Klarheit festgehalten, den tripolitanische Stadt und Landschaft zu geben vermögen.

Die ganze Gewalt der brennenden Sonne, die jede Verschwommenheit, jeden leisesten Nebel zerstört, lässt uns die Häuserwände, auf denen der Sonnenschein ruht und die grellfarbigen Gewänder der in den Straßen sich bewegenden Menschen so erscheinen, als befinde sich zwischen ihnen und unserem Auge keine Luft. Dadurch aber wird jene Stimmung erreicht, die für die afrikanische Nordküste, wie alle Reisenden einstimmig versichern, charakteristisch ist, jene fast gespenstische gläserne Klarheit, die uns nebelgewohnte Nordländer so fremdartig anmutet.

Am liebsten aber ist uns Norbertine Breßlern-Roth immer dort, wo sie ureigenstes Arbeitsgebiet betritt, wo sie den Körper des Tieres in den Mittelpunkt des Gesichtsfeldes rückt.

Es ist aber mehr als eine bloße Darstellung von Tierkörpern. Es liegt immer etwas von den die Welt bewegenden Leidenschaften und Begierden in ihren Bildern. Wer denkt nicht, wenn er die mit eiligem Flügelschlag über die Stadt hinstürmenden Vögel betrachtet, an die Sehnsucht, die auch in der eigenen Brust immer wieder wach wird, jene Sehnsucht, hinaus in die Ferne, ins Weite hinzustürmen in unbekannte Gebiete, jene Sehnsucht. die dem Menschen gerade die Möglichkeit des Fluges als eines der erstrebenswertesten Ziele vor Augen schweben ließ. Oder betrachten wir das Bild mit den ruhenden Kamelen. Sind nicht die sonnenselig im Mittagsbrand blinzelnden Tiere das Urbild der Ruhe und Beschaulichkeit? Ist es nicht gleichsam ihr Einfluß, dass die drei hockenden Gestalten im Hintergrund ebenfalls wie erstarrt erscheinen? Fast kommt es uns wie eine Vision vor, dass sich diese Geschöpfe, die hier breit behaglich vor uns ruhen, auch bewegen können, wenn wir im Hintergrund die die Stadt verlassende Karawane erblicken. Hier haben wir das Braun in Braun und Gelb in Gelb, das die Künstlerin so ausgezeichnet zu beherrschen weiß, mit allen seinen Schattierungen vor uns.

Die tripolitanische Landschaft, das tripolitanische Städtebild mit seinen großen Flächen, die sich gleichmäßig im Sonnenglast ausdehnen, scheint der Künstlerin viel zu sagen. Wir haben fast die Vermutung, dass ihr die verwirrende Fülle der tropischen Vegetation, wie sie etwa der Urwald des Amazonenstroms oder das feuchte Kamerun als Motiv bieten würde, ob ihrer unerhörten Vielfalt und des Gewirrs der Einzelfarben nicht die Modelle abgeben könnten, wie gerade dieses großflächige, scheinbar zu einfarbige Gebiet der nordafrikanischen Küste.

Wir möchten nur wünschen, dass der Erfolg dieser Ausstellung die Künstlerin ermuntert, weitere solche Reisen zu unternehmen, damit sie uns in weiterer Folge auch Bilder aus Indien, der javanischen Inselwelt und ähnlichen charakteristischen Klimazonen bescheren kann.

Stoerche. Aus den „Tripolitanischen Bildern“
<p><b>Stoerche</b></p><p>Aus den „Tripolitanischen Bildern“</p>
Judengassse. Aus den „Tripolitanischen Bildern“
<p><b>Judengassse</b></p><p>Aus den „Tripolitanischen Bildern“</p>
Negerin mit Kind. Aus den „Tripolitanischen Bildern“
<p><b>Negerin mit Kind</b></p><p>Aus den „Tripolitanischen Bildern“</p>
Rast vor der Straße. Aus den „Tripolitanischen Bildern“
<p><b>Rast vor der Straße</b></p><p>Aus den „Tripolitanischen Bildern“</p>

Quellen:
Der getreue Eckart, 6. Jahrgang 1928/29, Band 1 Seite 345ff

Übertragen von hojos
im August 2025