Faniteum in Ober St. Veit
Ein Beitrag von Theodor Perhab im Hietzinger Bürgerblatt
Im Bezirk Hietzing, bei Ober St. Veit, unmittelbar hinter der Einsiedelei, erhebt sich ein auffallender Hügel, eine sogenannte Juraklippe, die gegenwärtig Gemeindeberg heißt. Hier war es das erste Mal, dass auf dem Boden Wiens eine prähistorische Ansiedlung von Ludwig Hans Fischer entdeckt wurde. Es war der Wohnsitz der aus dem westlichen Ostseegebiet stammenden kriegerischen Veneter.
Im Mittelalter krönte die Kuppel des Gemeindeberges eine kleine Burg. Die Reste dieser Burg wurden Mitte des 19. Jahrhunderts vom Verschönerungsverein abgetragen und mit dem Material die Höhe zu einem Plateau ausgeglichen.
Als im Jahre 1893 Fanita, Gräfin Lanckoronska in einer Villa in Ober St. Veit bei der Geburt eines Kindes starb, wurde sie vorerst provisorisch in einer Gruft in Hietzing beigesetzt. Der Geheime Rat Karl Graf Lanckoronski ließ nun in den Jahren 1894 bis 1896 auf der Kuppel des Gemeindeberges ein Mausoleum, das er nach seiner Gattin Fanita, Faniteum nannte, errichten, wo in der Krypta, in einem Untergeschoß des Faniteums, der Sarkophag der Verstorbenen aufgenommen werden sollte. Inzwischen wurde mit dem Zweiten Stadterweiterungsgesetz vom 20. Dezember 1890 Ober St. Veit mit der Stadt Wien vereinigt und die geltenden Begräbnisvorschriften verboten ein derartiges Privatmausoleum (seit 1971 ist die Errichtung einer Privatbegräbnisstätte wieder erlaubt).
Graf Lanckoronski hielt aber weiterhin an der Idee der romantischen und symbolischen Vorstellung nunmehr mit dem Gedanken des Florentiner Findelhauses fest und hat im Jahre 1898 das Faniteum der Gemeinde Wien zu einem jährlichen Pachtzins von einer Krone zum Zwecke der Errichtung eines Kindererholungsheimes zur Verfügung gestellt.
Nunmehr wurden im Faniteum zuerst 12 und später 16 Mädchen, die aus Wiener Spitälern entlassenen und der ärmsten Bevölkerung angehörenden rekonvaleszenten Mädchen, von den barmherzigen Schwestern betreut. Diese Anstalt, welche jährlich nur von April bis Dezember in Benützung stand, pflegte im Jahre 1903 bereits 102 Mädchen.
Über Ansuchen des Geheimen Rates Karl Graf Lanckoronski und über Antrag des Stadtrates Zatzka wurde im Jahre 1915 die Zufahrtsstraße zum Faniteum, dem sogenannten Rekonvaleszentenheim, von der Gemeinde Wien übernommen und für die entsprechende Instandsetzung dieser Straße ein Betrag von 2870 Kronen bewilligt.
Das städtische Jugendamt hatte im Jahre 1918 35 Kinder mit Haltungsfehlern und Wirbelsäulenverkrümmungen, unterernährte und muskelschwache Kinder im Rekonvaleszentenheim Faniteum untergebracht, die in Heilbehandlung Prof. Dr. Spitzys, dem Leiter des Krankenhauses Rosental in Hacking (heutiges St.-Josef-Krankenhaus) waren. Die Gemeinde Wien hat für das Verwaltungsjahr 1918/1919, über Antrag des Stadtrates Dr. Haas, vom Stadtrat gegen Anerkennung von einer Krone als Miete des Faniteums einen Betrag von 20.000 Kronen als Betriebskosten genehmigt.
Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 13. März 1938 in Österreich wurde das Faniteum von der deutschen Luftwaffe beschlagnahmt. Durch starke Bewachung wurde die Umgebung des Gebäudes gegenüber der Bevölkerung abgeriegelt und der Hauch des Geheimnisvollen schwebte darüber.
Als im April des Jahres 1945 die russischen Panzer durch den Lainzer Tiergarten über den Hackenberg und das Adolfstor in Ober St. Veit eindrangen, wurde auch das Faniteum von ihnen besetzt. Auf Grund des Beschlusses auf der Dreimächtekonferenz von Potsdam (Juli–August 1945), dass Wien in vier Besatzungszonen den entsprechenden Besatzungsmächten für Reparationszwecke zufallen sollte, übernahmen die britischen Truppen das Faniteum und behielten es bis zum Abzug des letzten Besatzungssoldaten aus Österreich am 26. Oktober 1955.
In der Folge versank das Faniteum in einen Dornröschenschlaf. Nur des Nachts wurde es von Dieben, die auf Beutezug waren, heimgesucht und durchforscht. Vor einigen Jahren wurde ich von einem Ober-St. Veiter aufmerksam gemacht, dass angeblich Goldplättchen, die aus der Krypta des Faniteums stammen sollten, zum Verkauf angeboten werden. Ob es der Wahrheit entsprach, konnte ich nicht überprüfen, da die Gebäudeverwaltung den Zutritt nicht gestattet. Als Begebenheit blieb, dass das Faniteum durch die nächtlichen Besucher weiter Schaden erlitt und die Anzeigen bei der Polizei sich häuften.
Die Gebäudeverwaltung entschloss sich, einen nunmehr 73jährigen Ober St. Veiter, den legendären Dackelmann, Herrn Rappel, mit der Bewachung und Pflege der Gartenanlage zu beauftragen.
Im Jahre 1968 erwachte plötzlich das Faniteum aus seinem Schlaf, mit der Stille um den florentinischen Frührenaissancebau war es mit einem Schlag vorbei, als das Wahrzeichen Hietzings samt seinem Park zugunsten einer privaten Wohnhausanlage abgetragen werden sollte (diese Wohnhausanlage wurde inzwischen in der Adolfstorgasse errichtet). Es waren dramatische Stunden, und es war der Verdienst des ehemaligen Bezirksvorstehers Dipl.-Ing. Gerstbach, dem es gelang, zwei Stunden vor der Abbruchsverhandlung beim Bundesdenkmalamt eine provisorische Verfügung zu erreichen, die bescheinigte, dass die Erhaltung des Faniteums im öffentlichen Interesse liegt.
Frau Univ.-Prof. Dr. Renate Wagner-Rieger vom Kunsthistorischen Institut der Universität Wien verfaßte eine hervorragende Beschreibung dieses einmaligen, im Geiste florentinischer Frührenaissance gestalteten Gebäudes. – Aber schon kam ein Gegengutachten des Kunsthistorischen Instituts der Universität Innsbruck, das dieses einzigartige Bauwerk als bedeutungslos bezeichnete. Es kam im Jahre 1970 zu einer neuerlichen Abbruchsverhandlung. Unter dem nunmehrigen Bezirksvorsteher Popp wurde das Faniteum durch das Bundesdenkmalamt unter Denkmalschutz gestellt – aber über die eingebrachte Berufung ist noch nicht entschieden.
Architektonisch betrachtet ist das Faniteum der einzige florentinische Frührenaissance-Kuppelbau (vor dem 15. Jahrhundert) Wiens. Graf Karl Lanckoronski, der ein ausgezeichneter Kenner Italiens war (eine von den noch lebenden Nachkommen, Dr. Karoline und Adelheid Gräfin Lanckoronski, Wohnsitz Rom) beauftragte den aus Basel stammenden Architekten Emanuel La Roche (1863 bis 1922), der als Mitarbeiter Heinrichs von Geymüller eingehende Kenntnisse der italienischen Renaissancearchitektur besaß, mit der Ausführung des Bauwerkes. Es blieb seine einzige Bauausführung in Wien. Marmor und Holz wurden von Italien herangeführt.
Von den einstens enthaltenen Kunstwerken sind nur noch bescheidene Reste vorhanden. Im Gang bei der Kapelle sind noch große Fresken und Wandbilder des Malers Wilhelm Steinhäuser erhalten. Er verwendete bei seinen religiösen Darstellungen die Ober St. Veiter Landschaft als Hintergrund.
Bezüglich der Literatur „Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts“ oder in der 1918 erschienenen Festschrift „Ausgewählte Kunstwerke der Sammlung Lanckoronski“ sowie im Verzeichnis der schützenswerten Häuser des Bundesdenkmalamtes aus dem Jahre 1924 (ZI. 82/D/1924), aber auch zu den späteren Schriften möchte ich ergänzend berichten:
Der Ort und die Lage dieses florentinischen Frührenaissance-Kuppelbaues auf dem Gemeindeberg entspricht ganz der aus dem Mittelalter überlieferten Bautradition für Schlösser. Diese historische Bauordnung besagt, das Schloss hat am Rande einer Hochebene zu liegen, so dass sich der Bau hart am Abhang erhebt und auf diese Weise das gesamte Tal beherrscht. Bei günstiger Orientierung hat die Cour d’honneur mit der Vorfahrt nach Norden oder Nordwesten, während die Gartenfront nach Süden oder Südosten zu liegen hat. Die Nordseite hat sich im Sinne der Reserviertheit zu halten, dagegen die Süd- oder Südostseite mit dem Ausdruck heiteren Genießens.
Genau das trifft für das Faniteum in Ober St. Veit zu. Wenn wir aus Norden über die Ghelengasse Richtung Gemeindeberg (Autobus fährt ab Kirche Ober St. Veit) zum Hanschweg fahren, so erreichen wir das Faniteum von Norden. Wir stehen vor einer Mauer, die 17.702 qm Gartenanlage umfriedet. Neben dem Bildbaum, der vor drei Jahren neu gestaltet wurde, befindet sich die Vorfahrt, und wir sehen die bescheidene Nordfront (insgesamte Verbauung 1398 qm, mit der dazugehörenden Parkanlage und Wiesen 45.226 qm). Besonders die zweigeschossige auf der Südseite gelegene Loggia zieht den Betrachter in seinen Bann. An der Ostseite befindet sich der Eingang zum Altar der Kapelle.
Steht man vor dem Altar, so wandert der Blick durch eine wunderbare Zypressenallee mit ihrer unendlichen Perspektive, die in gerader Linie auf die schimmernde Ferne zur Stephanskirche hinführt. Umgeht man die Loggia, liegt zu Füßen der Park, halblinks der OberSt. Veiter Friedhof, der von vielen als schönster Friedhof Wiens bezeichnet wird. Über den Lainzer Tiergarten schweift der Blick bis Mödling und gegen den Schneeberg. Dieser enorme Raum, dessen Decken vom blauen Himmel und dessen Wände von grünem Laub gebildet wird, ist von hier aus etwas berauschend Großartiges.
Über das Faniteum, der Perle Hietzings, schwebt immer noch die Gefahr des Verfalls. Es fehlt an Interessenten, die in der Lage sind, das Faniteum, aber auch den Park und den bewaldeten Höhenrücken sowie das Gebiet um den Ober St. Veiter Friedhof in ihrer natürlichen Einheit, als Dreiklang, wie die Romantiker sagen, zu erhalten.